Photo: Ken Mathiasen from Unsplash (CC 0)

Von Dr. Benedikt Koehler, Historiker in London.

Mit den steigenden Covid-Infektionsraten in Indien ist in Großbritannien und womöglich bald auch anderswo der Fortschritt eines Politikmixes, der monatelang so gut funktioniert hat, nun in Gefahr. Im Lichte der veränderten Umstände muss sich die britische Politik möglicherweise weiterentwickeln.

Vorschläge aus den USA, die Patente auf Impfstoffe zu lockern, zeigen, dass die politischen Entscheidungsträger dort den Eindruck haben, dass nationale Alleingänge beim Impfen nicht mehr weiterführen. Auf der Suche nach einer besseren Strategie könnten sich die USA an der Erfolgsbilanz eines Akteurs orientieren, der in der Vergangenheit dafür kritisiert wurde, eher hinterherzuhinken als voranzugehen: der Europäischen Union.

Die Impfkampagnen in den USA und in der EU zeitigten gegensätzliche Schlagzeilen. Die Impfungen begannen in den USA am 14. Dezember, in der EU am 27. Dezember. Gemessen an der Bevölkerungszahl liegt die Impfrate in den USA bei 82 Prozent, in der EU bei 44 Prozent. Noch auffälliger ist der Unterschied in der Art und Weise, wie die USA und die EU Prioritäten bei der Impfverteilung setzen.

Gemessen an den Schlagzeilen scheint diese Strategie für die USA gut funktioniert zu haben.

Die „America First“-Politik der USA beruft sich auf ein Gesetz aus Kriegszeiten, den Defense Production Act, der den Export von Impfstoffen verbietet. Dies kommt einer Rationierung gleich. Während ein solches Verbot die Impfkampagne für Amerikaner beschleunigt, verlangsamt diese Politik den Impffortschritt überall sonst.

In einem Markt mit rationiertem Angebot steigt der Druck auf Impfkampagnen mit der Bevölkerungsgröße. Ein Land von der Größe Israels zu impfen ist einfacher als Indien zu impfen. Die EU hat eine fast anderthalb Mal so große Bevölkerung wie die USA – 450 Millionen gegenüber 330 Millionen. Die Rationierung in den USA hat die Impfkampagne in der EU also sehr viel schwieriger gemacht.

Doch der US-Ansatz hätte in der EU nie funktioniert, selbst wenn sie es gewollt hätte. In einer Zusammenschluss aus 27 Staaten wäre es unpraktisch, die Impfstoffabgabe innerhalb der nationalen Grenzen zu halten. Dennoch hat der euorpäische Ansatz Vorteile gebracht, die den USA entgangen sind. Die in der EU ansässigen Hersteller waren von Anfang an nicht gezwungen, einen bestimmten nationalen Markt zu bevorzugen. Dies gab ihnen die Freiheit, die Produktion für die Anforderungen vieler Länder zu optimieren.

Die Skalierung führte zunächst zu Verzögerungen. Doch das hat sich ausgezahlt, denn die amerikanische Strategie, die Impfstoffproduktion auf den nationalen Bedarf auszurichten, eröffnete den Produzenten in der EU globale Marktchancen.

Seit Januar haben die EU-Hersteller etwa 200 Millionen Dosen in 45 Länder exportiert. Japan war der größte Nutznießer (89 Millionen Dosen), und Kanada, der Nachbar der USA, der drittgrößte (18 Millionen Dosen). Auf der Liste der fünf größten Nutznießer stehen auch die EU-Nachbarn Schweiz (9 Millionen Dosen) und Großbritannien (20 Millionen Dosen).

Es ist müßig, nachzurechnen, ob die EU unter den Bedingungen einer analogen „Europe First“-Politik den Impferfolg der USA inzwischen übertroffen hätte. Die Impfkampagnen haben sich Metriken unterworfen, die geeignet sind, sportliche Ereignisse zu messen (Wie viele? Wie schnell? Wer gewinnt? Wer verliert?). Diese Metriken reichen aber nicht aus, um den langfristigen Erfolg darzustellen.

Wir wissen inzwischen, dass bei einer Pandemie das Erzgebirge sehr nah an das Himmalaya heranrückt und Wuhan und Wunsiedel fast Nachbarn sind. Die Konzentration auf nationale Prioritäten hat Beobachter blind gemacht für die Tatsache, dass das Virus keine Grenzen respektiert. Die Ausbreitung von Covid war global, aber die Eindämmungsmaßnahmen waren zum größten Teil national. Je länger die Pandemie anhält und je weiter sie sich ausbreitet, desto engstirniger erscheint dieser Ansatz.

Impfstoffexporte in Länder außerhalb der EU übertreffen die Lieferungen in Länder innerhalb der EU. In jedem Land, das bei der Impfstrategie nationale Prioritäten setzt, wäre ein solches Verhältnis undenkbar. Die globale Reichweite des Impfstoffhandels der EU hat dem „Yes, we can“ neues Leben eingehaucht. Indem sie den weltweiten Handel im Bereich der Impfstoffe einigermaßen intakt gehalten hat, hat die EU vielleicht mehr richtig gemacht als es derzeit noch scheint.

Erstmals erschienen bei The Article.

Photo: Niedersächsisches Landesmuseum from Wikimedia Commons (CC 0)

Das Ende der Corona-Krise naht. Und ja, es fühlt sich an wie Zauberei. Noch vor wenigen Monaten versicherten uns Ärzte, Gesundheitsexperten und Politiker, dass die Entwicklung von Impfstoffen Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte dauern wird – von mehreren Impfstoffen ganz zu schweigen. Stattdessen sollten sich Bürger auf eine harte Zukunft einstellen. Ohne Beschränkung der sozialen Kontakte für lange Zeit, Masken auf öffentlichen Plätzen für Jahre und Verzicht auf Reisen werde es in Zukunft nicht gehen. Doch als hätte jemand seinen Zauberstab geschwungen, lässt der Blick auf Länder wie Israel und Großbritannien immer mehr auf die Rückkehr der Normalität hoffen. Die düsteren Prophezeiungen der Untergangspropheten spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle. Für das magische Ende der Krise ist wieder einmal eine chronisch unterschätzte Gruppe verantwortlich: die Zauberer der unternehmerischen Innovation.

In seinem beeindruckenden Buch The Wizard and the Prophet: Two Remarkable Scientists and their Dueling Visions to Shape Tomorrow’s World unterscheidet der bekannte Wissenschaftsjournalist Charles C. Mann genau jene zwei Gruppen: die Zauberer und die Propheten. Anhand zweier Wissenschaftler zeigt er, wie die großen Fragen der letzten Jahrzehnte anhand dieser Trennlinie verliefen:

Auf der einen Seite stehen die Propheten, personifiziert durch den US-amerikanischen Umweltaktivisten William Vogt. Mit seinen Büchern begründete der Wissenschaftler, was man heute wohl als apokalyptisches Umweltbewusstsein bezeichnen würde: Wenn die Menschheit ihren Konsum nicht drastisch reduziere, ihren Verbrauch einschränke und die Bevölkerungszahl verringere, stehen die globalen Ökosysteme vor dem Kollaps und die Menschheit vor dem Abgrund. Das Ende der Menschheit steht bevor, wenn nicht sofort drastische Verhaltensänderungen eingeleitet werden. Sein Mantra: „Schränkt Euch ein! Oder wir werden alle verlieren!“

Die Zauberer hingegen sind die Erben von Norman Borlaug. Dessen Agrarforschung machte ihn zwischen den 1940er und 1960er Jahren zum „Vater der Grünen Revolution“. Die massive Ausweitung landwirtschaftlicher Produktionsmöglichkeiten, die durch die von ihm maßgeblich angetriebene Entwicklung widerstandsfähiger Getreidesorten eingeleitet wurde, rettete Schätzungen zu Folge mehr als eine Milliarde Menschen vor dem Verhungern. 1970 wurde er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Sein Mantra: „Erfindet! Nur so können wir alle gewinnen!“

Charles Mann stellt in seinem Buch beide Schulen – die der Propheten und die der Zauberer – sehr ausgewogen gegenüber und zeigt, wie sich Debatten der letzten Jahrzehnte irgendwo auf dem Kontinuum zwischen Prophetie und Zauberei abspielten: Lösungen für Umweltzerstörung, die Verknappung der Ressourcen oder den schon angesprochenen Kampf gegen den Hunger.

Anders als Charles Mann kann und will ich gar nicht neutral auf Zauberer und Propheten blicken, denn ich bin Fan der Zauberer. Insbesondere, weil den Propheten nichts mehr einfällt. Seit Jahrzehnten predigen sie das gleiche, egal, um welches Problem es sich handelt: weniger Konsum gegen den Ressourcenverbrauch, weniger Verschwendung zugunsten der Kinder in Afrika und weniger soziale Kontakte gegen Corona. Die Zauberer hingegen, die Erfinder und die Unternehmer, sind nicht so unkreativ. Sie wenden nie das gleiche Rezept an. Sie experimentieren uns vielmehr aus den Krisen heraus.

Ein aktuelles Beispiel für die gegenüber den Jüngern des Verzichts überlegene Lösungskompetenz der Zauberer in unserer Zeit ist die Ernährung der Zukunft – oder der Burger der Zukunft: Die Propheten in Organisationen wie PETA machen uns auf Missstände in der (Massen-)Tierhaltung bei Rindern und Geflügel aufmerksam und fordern Strafen und Verzicht. Ohne drastische Veränderungen im Verhalten heute, stehe uns die ökologische Katastrophe morgen bevor. Ihr Mantra ist das gleiche wie das aller Propheten in allen Zeiten: „Schränkt Euch ein! Oder wir werden alle verlieren!“

Dagegen stehen die Zauberer unserer Zeit: erfindungsreiche Forscher, clevere Startups wie Mosa Meat und risikobereite Investoren wie zum Beispiel einer der Google-Gründer. Sie predigen nicht den Verzicht, sondern holen die Menschen da ab, wo viele sich wohl und glücklich fühlen: beim Fleischgenuss. Deshalb haben sie sich zusammengetan, um Rindfleisch ohne verabscheuungswürdige Massentierhaltung zu produzieren. Statt aus dem Stall soll das Fleisch jetzt aus der Petrischale kommen – ganz ohne Tierleid. Ihr Mantra: „Erfindet! Nur so können wir alle gewinnen (auch die Tiere)!“

2013 lachten die Propheten noch, als es drei Labortechniker, drei Monate und 250.000 Euro kostete, um einen Burger aus der Petrischale herzustellen. Doch zuletzt lachten die Zauberer: 2022 werden die ersten Burger in Luxusrestaurants rund um die Welt serviert. Kurze Zeit später sollen die Burger nach Angaben des Unternehmens dann nur noch 11 Dollar kosten. Und von da ist der Weg ins Aldi-Regal auch nicht mehr weit. In einem Jahrzehnt von einer Viertelmillion Euro pro Pattie bis ins Aldi-Regal – ganz ohne Verzicht und Tierleid, aber durch erfindungsreiche Innovation? Sounds like magic to me!

Charles C. Man hat natürlich Recht, wenn er die Dinge neutraler betrachtet als ich: die Propheten sind wichtig. Aufmerksamkeit schaffen, zu Verhaltensänderungen aufrufen und Menschen zu bewegen war früher wichtig, ist in der Debatte um die Landwirtschaft wichtig und ja, auch die Mahner und Vorsichtigen in der Corona-Krise sind wichtig. Jedoch verkommen die wichtigen Propheten viel zu häufig zu nervtötenden Untergangspropheten, die hinter jeder Ecke lauern, sich die Haare raufen und das nahende Ende der Welt beklagen. Verändert hat sich dadurch allerdings – nichts.

Schlussendlich sind es doch die Zauberer und nicht die Propheten, die gesellschaftlichen Herausforderungen mit offenem Visier begegnen und Lösungen für unsere Probleme finden. Wenn ich einen Zauberstab schwingen dürfte, um mir entweder einen zusätzlichen Propheten oder einen zusätzlichen Zauberer zu wünschen … die Wahl wäre leicht.

Photo: Science Museum Group (CC BY 4.0)

Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether (Ethereum) sind zurzeit in aller Munde. Für viele Enthusiasten leiten sie eine währungspolitische Evolution ein, die das Monopol der Notenbank beim Geldwesen durchbricht. Die Kryptos bringen Schwung in den währungspolitischen Laden. Seit einiger Zeit prüfen auch Zentralbanken, selbst digitale Währungen herauszubringen. Dabei operieren die EZB, die Fed und die Bank of England am offenen Herzen unseres Geldsystems.

Heute ist rund 90 Prozent des im Umlauf befindlichen Geldes Giralgeld, das durch Kreditvergabe der Banken geschöpft wurde. Also Geld, das entweder auf den Konten der Banken oder auf den Konten der Banken bei der Zentralbank liegt. Der Rest des Geldes, also rund 10 Prozent, ist Bargeld, das direkt von der Zentralbank als „Papiergeld“ oder als Münzgeld vom Staat emittiert wurde. Kurz: heute sind bereits 90 Prozent des Geldes virtuell, also mit digitalem Geld prinzipiell vergleichbar. Wenn Notenbanken von digitalem Geld sprechen, meinen sie jedoch etwas anderes. Sie meinen digitales Geld für jedermann, das von der Notenbank zur Verfügung gestellt wird und auf dessen Menge die Notenbank unmittelbar Einfluss hat. Letztlich wollen die Notenbanken neben Bargeld und Giralgeld ein dritte Variante schaffen: digitales Notenbankgeld. Das wirft drängende Fragen auf. Unser Bankensystem ist nämlich jetzt schon sehr fragil, weil die Giral- bzw. Buch-Geldmenge immer stärker zunimmt.

Droht einer Bank die Insolvenz, dann versuchen alle Konteninhaber ihr Giralgeld bei dieser Bank abzuheben. Wollen sehr viele Konteninhaber ihr Geld gleichzeitig abheben, dann ist es in diesem Umfang nicht vorhanden. Die Bar-Auszahlung von Giralgeld ist daher die Achillesferse des Geldsystem. Durch die Begrenztheit des Bargeldes kommt es zum Bank Run bei dieser Bank. Häufig  erzeugt dies auch bei Einlegern anderer Banken Panik, die dann auch ihr Giralgeld aus den Geldautomaten ziehen wollen. So wird daraus sehr schnell ein systemisches Risiko für das gesamte Bankensystem. Es droht der Zusammenbruch.

Heute muss man sich von dem Gefühl der Sicherheit lösen, dass unser Geldsystem gegen diesen Dominoeffekt wirklich gewappnet sei. Die Einleger bei einer Bank wissen zwar meist nicht, dass ihre Spareinlagen eine nachrangige Verbindlichkeit der Bank gegenüber dem Kunden ist, aber sie ahnen die Probleme. Die Einlagen des Kunden bei seiner Bank haben lediglich Darlehenscharakter. Daraus folgt enorm viel. Geht eine Bank unter, dann ist auch das nachrangige Darlehen des Bankkunden, in Form der Spareinlage, Teil der Insolvenzmasse. Die Angst der Einleger ist daher nicht unbegründet, denn wenn sie erst ganz am Ende aus der Insolvenzmasse befriedigt werden, ist es individuell besser, möglichst schnell das eigene Konto auszuräumen und unter die Matratze zu verfrachten. Daraus haben der Gesetzgeber und die Institute Konsequenzen gezogen. Der Gesetzgeber hat ein Einlagensicherungssystem geschaffen, das 100.000 Euro je Einleger und Konto gesetzlich garantiert. Die privaten Banken haben dies zusätzlich aufgestockt und Sparkassen und Volksbanken sogar noch darüber hinaus die Existenz jedes einzelnen Instituts (Institutssicherung) zugesagt. Hilft es nicht, dauerhaft Vertrauen in diese Institutionen zu schaffen, dann kann nur noch die Zentralbank helfen. Sie ist die „Kreditgeberin der letzten Instanz“ und könnte so viel Geld drucken wie sie will. Es ist allenfalls eine Zeit- und Vertrauensfrage.

Wenn die Notenbanken in diesem System mit einem digitalen Zentralbankgeld für jedermann eine dritte Variante einführen, dann besteht die Gefahr, dass bei einer Bankenschieflage alle Einleger ihr Giralgeld auf das digitale Zentralbankkonto (oder eine digitale Zentralbankwallet) transferieren und damit den Bank Run beschleunigen. Denn wenn jeder oder jede ein Konto bei der Zentralbank hat, dann ist es dort vermeintlich sicherer als auf einem Bankkonto. Banken würden so sehr schnell Einlagen verlieren und in die Insolvenz getrieben.

Natürlich könnte man die Anreize für Transfers auf ein Zentralbank-Konto bzw. eine -wallet reduzieren. Denkbar wäre, die Einlagen schlechter zu verzinsen als bei den Sparkassen oder Geschäftsbanken. Auch wäre es möglich, die Höhe zu begrenzen oder die Aus- und Einzahlung im Bedarfsfall zu beschränken. Wäre damit eine anonyme Zahlungsweise wie beim Bargeld überhaupt möglich?

Wäre die Folge vielleicht, dass das Bargeld weiter zurückgedrängt wird? Wenn man mit der Zentralbank-Wallet auf dem Mobiltelefon wie mit Bargeld bezahlen kann, dann könnte der Gesetzgeber auf die Idee kommen, dass es gar kein Bargeld mehr braucht. Allen Beteuerungen der Regierungen und Notenbanken zum Trotz, das Bargeld nicht abschaffen zu wollen, darf man dennoch skeptisch sein. Die Durchsetzung von Negativzinsen und damit die Beteiligung der Sparer an der Überschuldung von Staaten und Banken ist ohne Bargeld sehr viel leichter durchzusetzen. Je höher die Negativzinsen und damit die Belastung der Sparer wird, desto höher sind die Anreize, Bargeld zu horten. Darin sind sich die Kryptoenthusiasten und die Bargeldfreunde einig: Die Zeit der Negativzinsen wird noch lange andauern. Gut, dass es Alternativen gibt. Und zwar private, politischer Manipulation entzogen.

Photo: Mika Baumeister from Unsplash (CC 0)

Von Robert Benkens, Lehrer für Deutsch und Politik-Wirtschaft an der Liebfrauenschule Oldenburg.

„Die Zivilisation wird innerhalb von 15 oder 30 Jahren enden, wenn nicht sofort Maßnahmen gegen die Probleme der Menschheit ergriffen werden“, schrieb 1970 der Biologe und Nobelpreisträger George Wald von der Harvard University. Ähnlich klangen Paul Ehrlich in seinem Buch „Die Bevölkerungsbombe“ von 1968 oder Dennis Meadows, der 1972 über „Die Grenzen des Wachstums“ schrieb. Die ARD bringt Öko-Science-Fiction zur besten Sendezeit. Extinction Rebellion glaubt, dass bald sechs Milliarden Menschen an Hunger zugrunde gehen werden.

Und nun die Fakten. Im Jahre 1820 lebten 94 Prozent der Menschheit in Armut, heute sind es acht Prozent. Allein in den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl halbiert. Mit mehr Wohlstand sanken die Geburtenraten, Menschen zogen in die Städte, die nur ein Prozent der Landfläche ausmachen. Sie konnten Geld in Bildung, Sanitäranlagen und Medizin investieren. 1820 konnten zwölf von 100 Menschen lesen, heute sind es 85.

Der Anteil derer, die Zugang zu sauberem Wasser haben, ist in den vergangenen 30 Jahren von 58 Prozent auf rund 75 Prozent gestiegen, gleichzeitig sterben immer weniger Menschen an Luftverschmutzung. Die Kindersterblichkeit ist von erschreckend hohen 43 Prozent auf vier Prozent gefallen, die Lebenserwartung hat sich innerhalb von 100 Jahren in Deutschland nahezu verdoppelt. Die Erde wird grüner, die Blattfläche hat um fünf Prozent zugenommen, was allen Amazonas-Wäldern entspricht. Auch Hunger, Kinderarbeit und die Zahl der Opfer von Kriegen und Naturkatastrophen sind deutlich gesunken. Und das alles bei einem rasanten Anstieg der Weltbevölkerung.

Alle kennen Greenpeace – aber keiner Human Progress

Warum stehen diese Trends nicht im Mittelpunkt der Lehrpläne und Medienberichte? Alle kennen Greenpeace – aber keiner Onlineplattformen wie Human Progress oder Wikiprogress. Wenn Jugendliche denken, die Welt werde immer schlechter, verfallen sie in Resignation oder glauben, dass „unser Wirtschaftsmodell“ überwunden werden müsse. Zitat Greta Thunberg: „Wie könnt Ihr es wagen zu glauben, dass man das lösen kann, indem man so weitermacht wie bislang – und mit ein paar technischen Lösungsansätzen?“

Dieses Postwachstumsdenken steht für ein gesellschaftliches Klima, in dem der Aufstieg des Westens als ein Verhängnis empfunden wird. Dabei hat die westliche Zivilisation ein Maß an Wohlstand und Freiheit in der Welt begründet, das seinesgleichen sucht – während in den meisten nicht-westlichen Gesellschaften Armut und Unterdrückung herrschen. Erst der Übergang von regionaler Selbstversorgung zu globaler Arbeitsteilung, von der Plan- zur Marktwirtschaft sowie der Ausbruch aus Energiearmut und Nullwachstum haben die produktiven Grundlagen für Freizeit und Kultur, steigende Löhne, Arbeits- und Umweltstandards gelegt und zivilisatorische Errungenschaften wie öffentliche Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesen finanzierbar gemacht. Davor lebten die Menschen keineswegs „im Einklang mit der Natur“, sie starben im Einklang mit ihr – wie der schwedische Forscher Hans Rosling einst bemerkte.

Heute wollen viele Intellektuelle jedoch das Wachstum herunterfahren. Dabei hat die Corona-Krise uns eine leise Ahnung davon vermittelt, was das heißt: Allein der erste Shutdown hat laut Weltbank 150 Millionen Menschen zurück in die Armut gestürzt. Auch im Kampf gegen Malaria oder Tuberkulose gab es Rückschläge.

Klimaschutz muss man sich leisten können

Zweifellos führt Wirtschaftswachstum oft zu Raubbau an der Natur. Aber es befreit auch aus ihren Zwängen und legt Grundlagen für ihre Erholung. Wenn Menschen ein gewisses Wohlstandsniveau erreichen, haben sie genügend Zeit und Geld, sich um ihre Umwelt zu kümmern. Klimaschutz muss man sich leisten können. Menschen in unterentwickelten Ländern leben in und von der Natur und damit in ständiger Konkurrenz zu ihr. Statt auf Kunstdünger, Pflanzenschutz, Traktoren oder Gas müssen sie auf Brandrodungen und Holz zurückgreifen, um ihre Äcker zu bestellen, Häuser und Feuerstellen zu heizen. Das führt zu massivem Druck auf Wälder und Wildtiere, während Wälder im Westen, aber auch in China und Indien dank flächeneffizienter Landwirtschaft und strengem Naturschutz wieder wachsen.

Der MIT-Ökonom Andrew McAfee schreibt in „More from Less“ eindrucksvoll, wie wirtschaftlicher Fortschritt Umweltschutz ermöglicht. Statt aber Unternehmer- und Forschergeist für bahnbrechende Technologien wie Clean Meat, Carbon Capture, Aqua oder Vertical Farming zu wecken, wird Schülerinnen und Schülern nicht nur am „Earth Overshoot Day“ erklärt, dass wir drei Erden bräuchten, würden alle so leben wie sie. Auf Grundlage einseitiger Modelle werden wie schon bei früheren Untergangsprognosen aktuelle Probleme in die Zukunft extrapoliert, ohne das Entdeckungspotenzial des Menschen zu berücksichtigen.

WELT-Autor Axel Bojanowski spricht von der „Noble Cause Corruption“ – Journalisten würden nur über Trends berichten, die in ihr Weltbild passen. Exemplarisch: Obwohl Medien von „beispiellosen Bränden“ schrieben, waren die Brände in Kalifornien vor der Ankunft der Europäer um ein Zigfaches größer. In Australien wüteten noch in den 1960er- und 1970er-Jahren Brände, die um das Sechsfache größer waren, und insgesamt ist die verbrannte Fläche weltweit laut Nasa seit 2000 sogar um 25 Prozent gesunken.

Es geht um Verhältnismäßigkeit

Das heißt ausdrücklich nicht, dass wir uns zurücklehnen können. Aber ähnlich wie bei Corona geht es um die Verhältnismäßigkeit. Ein „Business as usual“ könnte große Schäden anrichten, aber ein globaler Shutdown würde sofort einen Rückfall in die Armut bedeuten. Wenn man für technologische Lösungen eintritt, drückt man sich nicht um die Klimafrage, sondern schafft Grundlagen für eine realistische Lösung. Stattdessen zu lehren, der Klimawandel sei das Ende der Menschheit, und nur die erneuerbaren Energien, Wachstumsverzicht und regionaler Öko-Landbau könnten uns davor retten, ist grob verkürzt.

Wenn Schüler lernen, dass der Klimawandel ein Problem ist, dass Durchschnittstemperaturen und Meeresspiegel steigen, sollte ergänzt werden, dass laut Weltklimarat IPCC keine signifikanten Steigerungen bei Wirbelstürmen oder Dürren zu verzeichnen sind, dass die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen bis 2050 mit weiter steigenden Ernten rechnet und die Zahl der Opfer von Extremwetter um über 90 Prozent gesunken ist.

Wenn Schüler sehen, wie übermäßiger Fleischkonsum Regenwälder bedroht und sie deshalb auf Öko-Landbau setzen, sollten sie auch wissen, dass dieser wegen der Ertragsverluste nie die Weltbevölkerung ernähren könnte und dass er aufgrund des höheren Flächenverbrauchs eine schwächere Ökobilanz bei Artenvielfalt, Wasserverschmutzung und Emissionen hat. Schließlich gibt es dank Biotechnologie Lösungen für Probleme der intensiven Landwirtschaft, da sie den Bedarf an Fläche, Dünger und Pestiziden weiter reduzieren kann.

Schüler sollten erfahren können, dass Deutschland wie kein zweites Land Milliarden in Solar- und Windanlagen pumpt, aber dennoch zu den größten CO2-Emittenten gehört, während Großbritannien mit dem verpönten Fracking viel größere Reduktionserfolge verzeichnet, ebenso Frankreich mit einer Energiequelle, aus der Deutschland aussteigt, obwohl diese laut der Plattform „Our World in Data“ zu den sichersten Arten der Energieerzeugung gehört.

Wenn uns in Dokumentationen miserable Arbeitsbedingungen in vielen Sweatshops Bangladeschs eindrücklich vor Augen geführt werden, um Handlungsdruck auf Konzerne zu erzeugen, sollte auch aufgezeigt werden, dass die Armut in diesen Ländern deutlich zurückgegangen ist, während die Lebenserwartung stieg und sich die Bildungsmöglichkeiten verbesserten.

Seit Jahrzehnten ist es fünf vor zwölf

Wenn junge Aktivisten für den Schutz von Klima und Umwelt auf die Straße gehen und dabei „Burn Capitalism, Not Coal!“ skandieren, könnten sie im Unterricht aufgeklärt werden, dass die Menschen in der DDR nicht nur ärmer und unfreier waren, sondern dass auch die Emissionen deutlich höher waren und Flüsse und Luft verdreckten, während all dies in der kapitalistischen Bundesrepublik immer besser wurde.

„Die Welt wird in zwölf Jahren untergehen, wenn wir den Klimawandel nicht angehen“, sagte die Abgeordnete im US-Kongress Alexandria Ocasio-Cortez vor zwei Jahren. Seit Jahrzehnten ist es fünf vor zwölf – egal ob bei der „Überbevölkerung“, dem „Ressourcenende“, der „Massenverarmung“ oder dem „Waldsterben“. Viele Prognosen haben sich dabei als falsch oder übertrieben herausgestellt. Dabei ist nicht das Aufzeigen sozialer oder ökologischer Missstände das Problem, es ist die moralisierende Belehrung, dass wir zur Lösung „zurück zur Natur“ müssten und weg vom „Fortschrittsglauben“. Solche Verzichtsappelle werden angesichts von Milliarden Menschen, die auch ein gutes Leben wollen, wenig bewirken.

Im Gegenteil: Der wirtschaftliche Fortschritt ermöglicht ihnen nicht nur ein längeres und besseres Leben, sondern auch, dass der Wald zurückkommt, Gewässer und Luft sauberer werden und Emissionen wieder sinken – weil die Menschen Zeit haben, sich um die Natur zu sorgen und Kapital in die Entwicklung einer effizienten Land- und Energiewirtschaft zu investieren, in klimaschonende Innovationen, Anpassung an den Klimawandel oder auch in Pandemiebekämpfung. Bis für Pocken und Polio Impfungen gefunden wurden, dauerte es 3300 Jahre, bei Röteln waren es 350 Jahre, bei Ebola fünf, und bei Corona dauerte es weniger als ein Jahr. Es ist Zeit für rationalen Optimismus – nicht nur in den Schulen.

Erstmals erschienen in der Welt.

Am 6. Mai um 10 Uhr errichtete Prometheus – Das Freiheitsinstitut auf dem Vorplatz des Bundeskanzleramtes ein Denkmal mit den Unternehmern Özlem Türeci und Uğur Şahin.

Stellvertretend für Selbständige, Unternehmerinnen und Unternehmer werden die beiden Forscher als die eigentlichen Krisenbewältiger geehrt

Von Unternehmen wird erwartet, „ihren Beitrag zur Bewältigung der Krise“ zu leisten. Der Vizekanzler geißelt die Annahme, dass der Markt Probleme lösen könne, als Irrglauben. Die EU-Kommission schiebt ihr Versagen bei der Impfstoffbeschaffung auf die Konzerne ab. Allenthalben versuchen staatliche Akteure herauszustellen, welche entscheidende Rolle sie bei der Bewältigung der Pandemie spielen.

Dabei verdanken wir die wichtigsten Auswege aus der Krise gerade unternehmerischen Akteuren: von pharmazeutischen Unternehmen und Laboren über Lieferdienste und Maskenproduzenten bis zu Videokonferenz-Anbietern. Selbständige haben innerhalb kürzester Zeit reagiert und mit Fantasie und Tatkraft Schutzkonzepte umgesetzt, um ihre Kunden auch weiterhin versorgen zu können. Die Flexibilität und Energie, die sie über Jahre eingeübt haben, konnten sie sofort aktivieren, um die Folgen der Pandemie für uns alle zu lindern.

Prometheus will darauf hinweisen, wer uns eigentlich in dieser Krise gerettet hat. Nicht die schwerfällige, aber oft großspurig auftretende Politik. Sondern die vielen kleinen und großen Unternehmen und Selbständigen, die wieder einmal gezeigt haben, dass sie das Rückgrat unserer Gesellschaft sind. Ihnen wollen wir ein Denkmal errichten, damit wir uns alle dankbar an ihre Leistung erinnern. Stellvertretend für die vielen Unternehmerinnen und Unternehmer haben wir auf dem Denkmal die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin dargestellt.

Bericht in der BILD am 07.05.2021.

 

Bilder: Luisa Bomke