Photo: trialsanderrors from Flickr (CC BY 2.0)

Weltmeisterschaftstitel sind etwas Fantastisches. Als Deutschland 2014 Fußballweltmeister wurde, hätte ich am liebsten mein gesamtes Kinderzimmer mit Mario Götze Postern austapeziert. Neben dem WM-Pokal von 2014 steht allerdings auch ein weitaus wenig beachteter Pokal in Deutschlands Trophäenschrank: Der Exportweltmeister-Titelpokal; verliehen von der gesamten Welt für die großartigen Produkte Made in Germany. Die Aussicht darauf, diesen inoffiziellen Titel bald einmal wiederzuerlangen, müssen wir aufgeben, denn seit Mai 2022 haben sich erstmals die Winde gedreht. Durch das fehlende russische Öl und Gas sinkt der Output in Deutschland, weshalb die Exporte einbrechen. Gleichzeitig müssen die fehlenden Rohstoffe durch Zwischenprodukte substituiert werden, was die Importe steigen lässt. Eine erstmals seit 2008 negative Aushandelsbilanz, also mehr Importe als Exporte, ist die Folge.

In dieser Situation häufen sich die Stimmen, dass die Abhängigkeit von ausländischen Handelspartnern nicht sonderlich erstrebenswert sei. Stattdessen sollte Deutschland wirtschaftliche Unabhängigkeit anstreben, um sich nicht mehr den erratischen Sympathien unserer Handelspartner auszusetzen. Abhängigkeiten, man denke einmal an Drogen oder andere Süchte, sind schließlich schlecht. Schon gar nicht sollte man von Importen abhängig sein; weder von russischem Gas noch von Kobalt aus dem Kongo. All diese Importe reduzieren schließlich das Bruttoinlandsprodukt und machen Deutschland verwundbar. Das Problem dieser Argumentation ist, dass sie wirtschaftliche Abhängigkeit mit wirtschaftlicher Erpressbarkeit gleichsetzt. Dabei ist gegenseitige Abhängigkeit keinesfalls ein Schwachpunkt der freien Welt, sondern essenzieller Bestandteil von internationalem Handel und somit Ursache für unseren Wohlstand.

Zunächst einmal gilt es die protektionistische Mär zu entkräften, dass Importe schlecht für die Wirtschaftsleistung eines Landes seien. Das Bruttoinlandsprodukt eines Landes ist die Summe aus staatlichem und privatem Konsum, Investitionen und Exporten minus der Importe. Der Abzug der Importe bedeutet allerdings nicht, dass Importe sich negativ auf die Wirtschaftsleistung auswirken und das BIP reduzieren. Vielmehr zieht man die Importe ab, um eine „Doppelzählung“ der im Inland erbrachten Wertschöpfung zu vermeiden. Die importierten Güter werden ja nicht weggeschmissen, sondern im Inland konsumiert oder investiert. Importe schaden also keineswegs der heimischen Wirtschaft, sondern sind vielmehr Ausdruck von internationaler Kooperation.

Der zweite wesentliche Trugschluss ist, dass komplette wirtschaftliche Unabhängigkeit in der modernen globalisierten Welt möglich oder gar wünschenswert sei. Wer in der heutigen globalisierten Welt von Autarkie träumt, dem sei eine Reise auf die North Sentinel Islands ans Herz gelegt, wo die Sentinelesen, eine der letzten unberührten Ethnien, ihr Dasein als Jäger und Sammler genießen. Miteinander handeln bedeutet zwangsläufig, voneinander abhängig zu sein. Man ist abhängig, dass der Gegenüber die vereinbarten Handelsmodalitäten auch einhält. Was hingegen passiert, wenn sich ein Land immer weiter in wirtschaftliche Autarkie begibt, sieht man am Beispiel Russlands. Nach dem Abbruch vieler internationaler Handelsbeziehungen fehlen die Importe, die Produktion kommt zum Erliegen und Menschen und Kapital fliehen massenhaft aus dem Land.

Abhängigkeit wird erst dann zum Problem, wenn man seinen Handelspartner auf dem Weltmarkt nicht schnell austauschen kann. Dann ist man verwundbar und auch wirtschaftlich erpressbar. Auf einem Weltmarkt gibt es von den Gütern potentiell sehr viele Anbieter, insbesondere dann, wenn die Relativpreise stark ansteigen. Bei natürlich begrenzten Ressourcen wie Öl, Gas oder Kobalt gilt es, sich einen guten Notfallplan zurechtzulegen, um im Zweifelsfall nicht von launigen Oligarchen oder terroristischen Autokraten abhängig zu sein. Will heißen: noch viel mehr Diversifizierung und stärkere Vernetzung sind das eigentlich Erstrebenswerte. Langfristigem Wohlstand entgegen stehen der Fokus sowohl auf den eigenen Binnenraum als auch, wie im Fall von Deutschland und dem russischen Gas, auf wenige große (und staatliche) Partner. Schlechte Abhängigkeit ist wie ein Seil, das mit einem Hieb durchgehauen werden kann. Gute Abhängigkeit ist wie ein engmaschiges Netz, das auch die ein oder andere Schwächung überstehen kann.

Als Folge einer desaströsen deutschen Energiepolitik von wirtschaftlicher Autarkie zu träumen und so die bahnbrechenden Wohlstandsgewinne des Freihandels in Frage zu stellen, ist unverantwortlich. Denn Abhängigkeit ist nicht eine Schwäche der freien Welt, sondern der einzigartige Vorteil der freien Welt gegenüber den von Autarkie träumenden Despoten.

In eigener Sache: Die Heimat der Freiheit setzt einen neuen Schwerpunkt. Wir bilden Ideenunternehmer aus.

Die Freiheit braucht mehr Unternehmertum

Unternehmer sind die Problemlöser der Gesellschaft. Sie entwickeln neue Technologien, machen unser aller Leben leichter und effizienter und entfachen ein Feuerwerk der Innovation. Aber vor allem zeigen sie Hingabe zu ihrem Produkt und machen sich zuständig zur Lösung eines Problems. Unternehmerisches Denken erfordert viel Mut und eine Vision davon, wie die Welt aussehen könnte. Aber auch Professionalität und die Fähigkeiten, etwas besser zu machen als andere. Wir glauben, dass die Freiheit mehr Unternehmertum braucht. Denn Unternehmertum muss nicht enden bei der Entwicklung von Impfstoffen und Elektroautos oder bei der Eröffnung des Bäckers oder Spätis um die Ecke. Der Wettbewerb der Ideen erfordert im gleichen Maße Innovation, Mut und Professionalität. Und die friedliche und effiziente Organisation menschlichen Zusammenlebens ist wahrlich kein einfach zu lösendes Problem. Deshalb machen wir es uns zur Aufgabe, Ideenunternehmer zu fördern.

Was bedeutet es, Ideenunternehmer zu sein?

Landläufig werden Organisationen, die sich außerhalb von Parteien und Universitäten mit Fragestellungen menschlichen Zusammenlebens beschäftigen als Think Tanks oder Denkfabriken bezeichnet. Beide Begriffe vermitteln ein einseitiges und irreführendes Bild des Ideenunternehmers. Eines von sterilen Gängen, durch die wichtige Männer in weißen Kitteln schreiten und – denken. Von Organisationen, die abgekapselt arbeiten von den Menschen, die sie begeistern wollen, und die sich in Elfenbeintürmen hochakademischer Fragestellungen ohne Alltagsrelevanz verschanzen. Doch Ideenunternehmertum kann so viel mehr bedeuten als Denken und Publizieren.

Im Wettbewerb der Ideen gilt es Bewegungen zu schaffen und zu organisieren. Ideen nicht nur wiederzukäuen, sondern sie den richtigen Menschen zugänglich zu machen. Und am wichtigsten: es gilt in Kontakt zu kommen mit denjenigen, die sich für unsere Ideen begeistern sollen. Ideenunternehmertum endet eben nicht bei Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Idee. Es gilt, daraus überzeugende Produkte zu kreieren und diese erfolgreich zu vermarkten. Geleitet von einer durchdachten und sinnvollen Strategie und mit den richtigen Instrumenten.

Ein Hackathon für freiheitliche Ideenunternehmer

Wir machen es uns zur Mission, freiheitliche Ideenunternehmer zu finden, sie auszubilden und auf ihren ersten Schritten zu begleiten. Wir vermitteln Wissen und Fertigkeiten und teilen unsere Erfahrungen. Von uns geförderte Ideenunternehmer erhalten finanzielle und organisatorische Unterstützung und Zugang zum weitläufigen Netzwerk von Prometheus. Unser Ziel ist ein vielfältiges Ökosystem innovativer und vielseitiger freiheitlicher Ideenunternehmen.

Den Auftakt dazu bildet ein dreitägiger Hackathon, den wir vor zwei Wochen in Kooperation mit der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit veranstaltet haben. Die 18 Teilnehmer waren dazu aufgefordert, von uns und einem Team externer Mentoren begleitet, ein freiheitliches Projekt von Grund auf zu gestalten. Am Ende des Wochenendes würden wir in einer Pitch Competition zwei Teams auswählen und sie finanziell und organisatorisch bei der Projektumsetzung unterstützen.

Begleitet wurde der Workshop von einem tiefgründigen und zugleich kurzweiligen Feuerwerk von Inputs unserer Freunde und Partner: Wir konnten Tom Palmer vom Atlas Network, Stephen Davies vom Institute of Economic Ideas und Rainald Manthe von Libmod für Videobotschaften gewinnen, in denen sie zu den Teilnehmern über die großen Herausforderungen und Chancen freiheitlicher Ideenarbeit sprachen. Am Samstag schalteten sich drei erfolgreiche Ideenunternehmer zu und berichteten von ihren Erfahrungen: Johan Harnoss, der Gründer von Imagine; Laura Zimmermann von Operation Libero; und Nils Natho von keepitliberal. Die Zeit des Wartens auf die Entscheidung der Jury am Sonntagmorgen verkürzte den Teilnehmern der politische Philosoph Dr. Julian F. Müller aus Hamburg.

Zum Unternehmertum gehören immer auch eine ordentliche Portion Risiko und Unsicherheit. Deshalb waren wir überwältigt vom Spirit, der sich über das Wochenende ausbildete. Die Teams fanden sich schnell zusammen und deckten ein großes Spektrum an Themenfeldern ab: von der Reform des Ladenschlusses über die Bekämpfung von Rassismus an Schulen bis zur Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene. Sie arbeiteten professionell und bis spät in die Nacht an innovativen Projekten. Jeder einzelne Pitch war mitreißend und wäre einer Förderung würdig gewesen. Trotzdem haben uns und die Jury um unser Kuratoriumsmitglied Catharina Bruns zwei Vorschläge ganz besonders überzeugen können.

Machen macht glücklich

Die zwei Gewinner-Teams sind bereits an der Arbeit und wir können es kaum erwarten, in den nächsten Monaten die ersten Ergebnisse zu präsentieren. Dabei war dieser Auftakt für uns nicht nur Erfolg und Selbstbestätigung, sondern vor allem auch Glück. Zu sehen, wie Menschen von der Aussicht mitgerissen werden, etwas tatsächlich verändern zu können, ist pure Freude. Und zu sehen, wie die Idee der Freiheit das Beste im Menschen zu Tage fördert: Mut, Empathie und die Überzeugung, nicht nur des eigenes Glückes Schmied zu sein, sondern aus dessen anderer Menschen.

Bei diesem Auftakt soll es nicht bleiben. Denn eine freie Welt ist tatsächlich machbar.

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Über die letzten Jahrzehnte hat sich in westlichen Gesellschaften eine Mentalität breit gemacht, die aus den Elementen Jammer und Selbstgefälligkeit einen Kult gebaut hat, wo sich jeder nur noch als Opfer sieht. So werden wir die offene Gesellschaft nicht verteidigen.

Gespaltene und gelähmte Gesellschaften

Veteraninnen der Frauenbewegung wie Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft und Louise Otto-Peters haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie keineswegs beabsichtigen, die Emanzipation aus der huldvollen Hand der Männer zu empfangen. Aufgrund ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung verfolgte Menschen vergangener Zeiten haben gegen die vorherrschende Meinung und gegen staatliche Zwangsapparate gestritten. Sie würden sich beim Blick auf die heutige Welt vermutlich verwundert am Kopf kratzen, wenn sie sehen würde, wie Meinungsführer und Staatsvertreter sich als Teile von Opfergruppen inszenieren. Der unternehmerische Geist der selbstbewussten Rebellion hat in unseren Gesellschaften deutlich abgenommen. Bisweilen kann man den Eindruck gewinnen, dass Menschen, die Opfer sind oder sich als Opfer empfinden, gar nicht mehr herauskommen wollen aus dieser Rolle. Vielmehr sehen sie diese Rolle als Instrument, um mehr Aufmerksamkeit, Ansprüche und im Zweifel auch Ressourcen einzufordern.

Die Dominanz der Gerechtigkeits-Narrative in der politischen Welt der Moderne hat hier ganze Arbeit geleistet: Ob Marx, der (nicht ganz ohne Grund) Gerechtigkeit gegenüber den ausgebeuteten Arbeitern forderte. Ob die Verhandlungsführer von Versailles, die Gerechtigkeit für die Schlächtereien des Ersten Weltkriegs einforderten. Oder diejenigen, die anschließend die ungerechte Behandlung bei diesen Verhandlungen wieder auszugleichen versprachen. Das Heilsversprechen der Gerechtigkeit, das zu einem Lieblingsinstrument politischer Bewegungen unterschiedlichster Couleur geworden ist, baut darauf, dass Menschen sich selbst als Opfer sehen. Die da oben, finstere Mächte, böswillige Unholde – sie alle wollen uns übervorteilen. Mit diesen Narrativen ist der Grund gelegt für Gesellschaften, in der sich immer wieder Opfer und Täter gegenüberstehen. Gespaltene und gelähmte Gesellschaften.

Das traurigere Narrativ schlägt das besserer Argument

Die bereitwillige Selbstveropferung ist übrigens kein Vorrecht einer politischen Richtung. Nicht nur Linke beherrschen den reflexhaften Aufschrei. Nicht nur Menschen, die gegen Rassismus, Transfeindlichkeit oder globale Ungerechtigkeiten kämpfen, sehen sich oder die Menschen, für die sie sich einsetzen, unter Dauerbeschuss. Die jammervolle Selbstgefälligkeit feiert auch in rechten Kreisen fröhliche Urständ. Die reflexhaften Aufregungswellen werden von links und von rechts ausgelöst, ja, in den meisten Fällen spielt man sich dabei sogar zu. Mit mathematischer Präzision kann man voraussagen, was passieren wird, wenn eine genderkritische Forscherin einen Vortrag halten will oder wenn eine provokationslustige Journalistin Antidiskriminierungsbeauftragte werden soll. Selbst die Protagonisten der folgenden Debatten lassen sich mit bemerkenswerter Präzision voraussagen. Wer würde sich schon Gelegenheiten entgehen lassen, sich und die Seinen als Opfer darstellen zu können?

Es ist zum Mäuse melken. Und zwar gleich auf mehreren Ebenen. Die Ritualisierung dieses ganzen Vorgangs ist in einer Weise selbstreferentiell, die nur noch abstoßend ist. Man verunmöglicht Debatten und Diskurse, indem sofort die hochmoralische Opfer-Täter-Dimension eingeführt wird – nicht mehr das bessere Argument hat eine Chance, sondern nur noch das traurigere Narrativ. Das ist alles so entsetzlich vorhersehbar, statisch und langweilig. Das Schlimmste an diesem Trend ist aber wahrscheinlich die Schwächung der offenen Gesellschaft, die dadurch bewirkt wird. Durch die narzisstische Selbstviktimisierung erstickt man Unternehmergeist, Selbstbewusstsein, Kritikfähigkeit (und Kritisierfähigkeit), Neugier, Toleranz … kurz: die Elemente, die eine offene und moderne Gesellschaft ausmachen. Es ist keine Überraschung, dass der Westen schwach erscheint in den Augen russischer und chinesischer Autokraten und islamistischer Dschihadisten.

Selbstbewusstsein statt Selbstbeschäftigung

Wir müssen dringend heraus aus der Selbstbeschäftigung. Wir müssen die Probleme, die oft wochenlang die Talkshows, Feuilletons und Debattenmagazine des Landes in Atem halten, in den richtigen Kontext setzen und in der richtigen Dimension einordnen. Die Probleme, die uns oft viel mehr emotionalisieren als Angriffskriege, Klimawandel und eine Rentenpolitik, die funktioniert wie das übelste Schneeballsystem. Ja, die Forderung nach mehr Rücksichten auf verschiedenste Geschlechtsidentitäten hat ihre Berechtigung. Ebenso ist es legitim, darüber zu sprechen, ob eine verstärkte Zuwanderung bedrohlich für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sein könnte. Aber so lange die Inflation galoppiert, die Panzer rollen und die Gletscher schmelzen, sollte man möglicherweise sehr viel mehr Energie für diese Herausforderungen aufwenden. Manchmal scheint es fast so, als ob sich politisch interessierte und engagierte Menschen in diesen identitätspolitischen Nebenschauplätzen verkämpfen, um die viel kolossaleren Probleme zu verdrängen.

Der Westen, die Zivilisation der Freiheit, ist über die letzten zweieinhalb Jahrtausende entwickelt und getragen worden durch Menschen mit Überzeugungen, die nicht lamentiert haben, sondern nach vorne geblickt haben. Und am stärksten war der Westen bedroht in den Zeiten, in denen er sich klein gemacht hat, in sich selbst eingerollt; in den Zeiten, wo er sich in autoaggressiven Selbstzweifeln zermartert hat. Wir müssen neu lernen zu priorisieren, welche Probleme wirklich relevant sind. Und wir müssen dringend neu lernen, mit frohem Selbstbewusstsein und bisweilen auch heiligem Zorn unsere wunderbare Welt zu verteidigen.

Dann können wir standhalten gegen die Feinde der Freiheit. Und dann sind wir wieder ein Leuchtturm für Menschen in der ganzen Welt: Für die Männer und Frauen an der Front in der Ukraine. Für den indonesischen Provinzpolitiker, der gegen Korruption vorgeht. Für die nigerianische Kleinunternehmerin, die sich nicht vom chinesischen Staatsunternehmen an die Wand spielen lassen will. Für die Vorkämpfer des Säkularismus im Iran, der Homosexuellenrechte in Uganda und der Marktwirtschaft in Venezuela. Nicht durch unser Jammern und unsere Selbstgefälligkeit verändern wir die Welt, sondern durch ein glühendes Herz für die Freiheit.

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Mittlerweile ist es 20 Jahre her, dass die Staatschefs der Europäischen Union im Frühling 2000 die Lissabon-Strategie verfasst haben, die Europa zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt machen wollte. Eine Wirtschaft, die fähig ist, dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen. 20 Jahre später ist von diesen Ambitionen kaum etwas wiederzufinden. Der Fortschritt der Gesellschaft erlahmt überall in Europa: Weniger Schlüsselinnovationen, geringeres Wachstum der totalen Faktorproduktivität und schleppender wissenschaftlicher Fortschritt. Diese Trends habe ich bereits in meinem letzten Artikel beschrieben. Trotz dieser trüben Aussichten gibt es auch eine gute Nachricht: Sinkende Wachstumsraten sind kein Naturgesetz. Fortschritt lässt sich aktiv durch politische Maßnahmen ermöglichen.

Zunächst muss man Bewusstsein dafür schaffen, dass Wachstum die Grundlage für heutigen und vor allem zukünftigen Wohlstand ist. Die Frage, welche Maßnahmen man heute ergreifen kann, um den Wohlstand der gesamten Menschheit in 20, 50 oder vielleicht sogar 100 Jahren zu maximieren, muss somit wieder an Priorität in der gesellschaftlichen Debatte gewinnen. Hätten unsere Großeltern 1950 sich mit vielleicht nur 3% anstatt jährlich rund 6% durchschnittlichen BIP Wachstum zufriedengegeben, wären wir heute um circa 90% ärmer und hätten ungefähr das nominale Bruttoinlandsprodukt von Malaysia. Aber anstatt wirtschaftliches Wachstum als Treiber des Wohlstandes in den Vordergrund zu rücken, liebäugeln deutsche Public Intellectuals lieber mit der Degrowth Bewegung und stellen in den bequemen Ledersesseln deutscher Talkshows tiefgründige Fragen, ob denn Wachstum in Zeiten des Überfluss noch nötig sei. So wird das nichts mit dem Fortschritt.

Aber lediglich Wachstum wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, reicht nicht aus. Zusätzlich müssen sowohl die privaten als auch die staatlichen Ausgaben für die Forschung steigen. Die Spill-Overs der staatlichen Grundlagenförderung sind enorm. Die im Militär eingesetzten staatlichen Mittel zur Forschung und Entwicklung sind eines der besten Beispiele für die wachstumssteigernden Effekte staatlicher Grundlagenförderung. Erfindungen wie das Internet, das GPS oder der unbesungene Held der Festival-Saison, das Gaffa-Tape, sind alles Produkte der Militärforschung. Die positiven Spill-Over Effekte staatlicher Investitionen in Grundlagenförderung lassen jedoch nicht darauf schließen, dass der Staat der besseren Unternehmer im Vergleich zur Privatwirtschaft ist. Die Privatwirtschaft ist immer noch der Treiber der Innovation, indem Sie abstrakte Forschungsfortschritte mir rentablen Geschäftsmodellen verknüpft und somit den Fortschritt für jeden erschwinglich macht. Es braucht aber, gerade bei riskanten und kostenintensiven Forschungsvorhaben einen Akteur, der den Stein ins Rollen bringt – und das ist in vielen Fällen derzeit ein Staat.

Der dritte wichtige Punkt ist die aktive Förderung von Produktivitätshubs. Es gibt einen Grund, warum das Silicon Valley einer der weltweit größten Produktivitätshubs ist und sich schwer in Castrop-Rauxel replizierten lässt: Smarte Köpfe hängen gerne mit smarten Köpfen ab, Start-Up Gründer zieht es an Orte, an denen Sie potentielle Investoren treffen können, und qualifizierte Mitarbeiter arbeiten gerne dort, wo es moderne Infrastruktur gibt. Durch vernachlässigte oder verfehlte Stadtplanung schöpft man die gewinnbringenden Agglomerationseffekte der Wissensökonomie in Städten nicht ausreichend ab. Fördern kann man die Entstehung der Produktivitätshubs vor allem durch mehr Neubau in Städten, die Bereitstellung von besserer Infrastruktur und besseren Rahmenbedingungen für Unternehmen. Die zu erschließenden Produktivitätsgewinne können gigantisch sein: Eine Studie aus den USA fand beispielsweise heraus, dass die Produktivität von IT-Spezialisten in Seattle allein durch die Anwesenheit von Microsoft um 8% gestiegen ist.

Ein vierter Punkt ist eine engere und zielgerichtetere Forschungsverzahnung von Institutionen und Personen zur gezielten Erforschung von zukünftig relevanten Problemen. Mehr Geld allein wird das Problem nicht lösen, es muss auch an die richtigen Stellen fließen. Ein gutes Beispiel für einen solches dezentrales Konglomerat ist der kürzlich gegründete FTX Future Fund des Krypto-Milliardärs und Philanthropen Sam Bankman-Fried. Ziel des Funds ist es, durch gezielte private Finanzierung von high-risk high-reward Projekten gut ausgebildete Idealisten aus hochbezahlten Consulting-Jobs oder prestigeträchtigen akademischen Positionen für die Erforschung von gravierenden Problemen der Menschheit zu gewinnen. Es geht um alternative Wahlsysteme, bessere Forecasting-Methoden, bessere Katastrophen-Resilienz oder die Ethik von AI. Alles Projekte mit langfristig potentiell riesigen Erträgen, aber geringer kurzfristiger Rentabilität.

Um Fortschritt langfristig zu sichern, braucht es also Mut. Und es gibt nichts Mutloseres und Demotivierenderes als bräsige Wohlstandssättigung, als langweiliges Verwalten des Status quo und eine gesellschaftliche Indifferenz zwischen 3% und 6% BIP Wachstum. Ich bin dankbar, dass die Generation meiner Großeltern sich für ökonomisches Wachstum stark gemacht hat. Nun liegt es an der jungen Generation, den Fortschritt aus den Fesseln der Mut- und Ideenlosigkeit zu befreien, um uns viel und der nächsten Generation noch viel mehr Wohlstand zu ermöglichen.

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Vor einer Woche hat an dieser Stelle Florian Hartjen provokant formuliert: „Nieder mit dem Kapitalismus“ und die These vertreten, der Kapitalismus sei das Narrativ derer, die es schon geschafft haben. Das teile ich nicht, daher meine Erwiderung: Ein Hoch auf den Kapitalismus!

Der Kapitalismus kennt keine klare Definition. Das behauptet der Historiker Werner Plumpe in seinem sehr lesenswerten Buch über den Kapitalismus („Das kalte Herz – Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution“). Neben der Kapitalintensität sei die Orientierung der Produktion am Massenkonsum ein zentrales Merkmal kapitalistischer Wirtschaft. Doch das reicht wahrscheinlich nicht aus. Der Kapitalismus beantwortet auch die Frage, wem Grund- und Boden, das Unternehmen oder generell eine Sache gehören. Sie gehören im Kapitalismus nicht dem Staat, sondern privaten Eigentümern. So ist auch die Abgrenzung zur Marktwirtschaft zu sehen. Denn Kapitalismus und Marktwirtschaft beantworten unterschiedliche Fragen. Die Marktwirtschaft ist die dezentrale Planung und Lenkung wirtschaftlicher Prozesse, die über die Märkte mit Hilfe des Preismechanismus koordiniert werden. Die Marktwirtschaft sagt also nichts über die Eigentumsstruktur aus. Diese Frage beantwortet der Kapitalismus. Theoretisch kann man sich eine Marktwirtschaft ohne privates Eigentum vorstellen. Vor der Liberalisierungswelle in den 1980er und 90er Jahren im Post-, Telekommunikations- und Energiesektor war das in der alten Bundesrepublik Deutschland auch so. Die Unternehmen gehörten dem Staat. Das hat bekanntlich nicht besonders gut funktioniert. Die Leistungen waren teuer, der Service schlecht und die Unternehmen ineffizient.

Insgesamt leben wir hierzulande in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Unternehmen, landwirtschaftliche Fläche und Immobilien gehören meist Individuen. Ein vorherrschendes Merkmal zeichnet den Kapitalismus aus: Er ist lernfähig. Im Kapitalismus verfolgt nicht einer den großen Plan. Es ist ein iterativer Prozess, der fortlaufend dezentral stattfindet. Versuch und Irrtum sind im Kapitalismus systemimmanent. Unternehmer versuchen durch ihre Dienstleistung oder ihr Produkt letztlich die Bedürfnisse ihrer (potentiellen) Kunden zu befriedigen. Deshalb ist im Kapitalismus der Kunde König. Wie Plumpe es formuliert: „Die Motive des Unternehmers entscheiden nicht über seinen Markterfolg.“ Kein Unternehmer kann an den Bedürfnissen der Kunden vorbei produzieren. Tut er das dennoch, verschwindet er vom Markt. Dabei ist es völlig egal, wie groß das Unternehmen ist und wie kapitalkräftig. Es dauert im Zweifel nur länger.

Das ist auch der Irrtum der Ordoliberalen. Sie misstrauen der Macht der Kunden. Sie glauben, wenn ein Unternehmen groß und „mächtig“ genug ist, kann es den Kunden den Preis diktieren und sie ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Das ist der Grund, wieso sie dem Staat Eingriffsbefugnisse zubilligen. Jüngst gipfelte die Forderung mancher sogar dahingehend, dass im Zuge steigender Spritpreise Mineralölkonzerne zerschlagen werden müssten. Mehr Eingriff geht dann wohl nicht. Früher galt der Verdacht der Marktbeherrschung bei Stahl- und Zementunternehmen. Nennenswerte Stahlunternehmen gibt es nicht mehr und die Zementindustrie muss mit den höchsten Energiepreisen im internationalen Wettbewerb konkurrieren. Heute arbeitet sich das Kartellamt an Brauereien und Kaffeeröstern ab, ob diese 10 Cent mehr für die Flasche oder das Pfund nehmen, so als hätte dies eine wirkliche Bedeutung.

Schon interessanter ist die Auseinandersetzung mit Google, Facebook (Meta) und Amazon. Die Netzwerkeffekte würde hier zu einer natürlichen Marktmacht führen, denen es regulatorisch zu begegnen gelte. Doch vielleicht ist gerade die Regulatorik verantwortlich für die vorübergehende Marktmacht? Wenn die Markteintrittsbarrieren hoch sind, dann sind diese ein natürlicher Schutzwall gegen neue Marktteilnehmer und damit neue Ideen. Daher haben die Platzhirsche ein Interesse an umfangreicher Regulatorik. Doch meist halten diese Schutzwälle nicht lange stand. Der Druck kommt dann von außerhalb des eigenen Landes. Doch auch bei den Internetriesen bleibt die Frage, ob all diese Milliardenunternehmen die Entwicklung zum blockchainbasierten Web3 überleben? Es wären nicht die ersten globalen Unternehmen, die von der Entwicklung überrollt werden. Wer erinnert sich noch an AOL („Bin ich drin?“) und Yahoo („Do you Yahoo?“)? Im Kapitalismus geht es, um an den Anfang des Textes zurückzukommen, nicht darum, „wer es geschafft hat“, sondern wer es morgen und übermorgen schafft.

Liberale sollten daher den Begriff des Kapitalismus nicht verstecken oder verbrämen. Damit gehen wir den Gegner des Kapitalismus auf den Leim. Vielen von ihnen ist das Privateigentum und insbesondere das Unternehmertum zuwider, weil sie selbst nicht Kundenbedürfnisse befriedigen wollen oder müssen. Viele davon wollen jedoch bei anderen mitreden und sich damit in individuelle Lebensentscheidungen einmischen. Das Ziel ist die „Demokratisierung“ aller Lebensbereiche – eben auch des gemeinsamen Wirtschaftens, sowohl auf der Produzenten- als auch auf der Konsumentenseite. Dadurch wird das Eigentum in seiner Substanz geschleift und löchrig wie ein Schweizer Käse. Und der Konsument wird zum unmündigen Wesen degradiert. Letztlich ist dies ein Frontalangriff auf das Individuum und unsere Freiheit. Lassen wir uns das nicht nehmen.