Photo: Hubert Berberich from Wikimedia Commons (CC BY 2.5)

Stell Dir vor: 150 Jahre Deutschland – und keiner geht hin. Die erste Hälfte der Geschichte des Staates, der jetzt Geburtstag feiert, zeitigte beispiellose Katastrophen, weshalb selbst ohne Pandemie keiner so recht in Feierlaune wäre. Erinnern sollte man sich jedoch an manche Traditionen, die in jener Zeit fast ausgemerzt wurden.

Ein Fundament aus Eisen und Blut

Man hätte es ahnen können. Eine Woche nachdem er zum preußischen Ministerpräsident ernannt worden war, rief Otto von Bismarck im September 1862 den Abgeordneten zu: „Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht; Bayern, Württemberg, Baden mögen dem Liberalismus indulgieren, darum wird ihnen doch keiner Preußens Rolle anweisen; Preußen muß seine Kraft zusammenfassen und zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der schon einige Male verpaßt ist; Preußens Grenzen nach den Wiener Verträgen sind zu einem gesunden Staatsleben nicht günstig; nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut.“ Mit gnadenloser Konsequenz verfolgte der faktische Herrscher des Landes diese Strategie in den 28 Jahren, in denen er die Geschicke Preußens und dann Deutschlands bestimmte.

Preußen, das sich gerne als aufgeklärtes und modernes Staatswesen präsentierte, war seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ein auf Expansion ausgerichteter Akteur, der auf die Macht der Stiefel, Bajonette und Kanonen vertraute. Durch Kriege in Schlesien und gewaltsame Annexionen in Polen vergrößerte Friedrich II. sein Herrschaftsgebiet um über 60 Prozent. Sein Nachfolger filetierte mit Russland und Österreich zusammen den Rest der Adelsrepublik Polen-Litauen, die lange ein Leuchtturm der Freiheit in Europa gewesen war. In der Säkularisation und beim Wiener Kongress dehnte sich Preußen nach Westen aus, indem es sich das Rheinland und Westfalen einverleibte. Mit Bismarcks Auftreten sollte sich dann der Weg bereiten für das Deutsche Reich Preußischer Nation. In landestypischer Tradition zettelte der Kanzler drei Kriege an – mit Dänemark; mit Österreich, den Süddeutschen Staaten, Hannover und Sachsen; und schließlich mit Frankreich. Letzterer war ein barbarisches Gemetzel mit über 183.000 Toten und 233.000 Verwundeten in sechs Monaten. 40.000 Pariser Zivilisten starben an Hunger, Kälte und Seuchen. Innenpolitisch festigte der „Eiserne Kanzler“ die preußische Vormacht durch die Verfolgung der katholischen Kirche und der Sozialdemokratie sowie die Verstaatlichung der verschiedensten Lebensbereiche. Das ist das Fundament, auf dem Deutschland errichtet wurde. Man muss froh sein, dass das keiner feiern will.

In einer globalisierten Welt ist der Kleinstaat im Vorteil

Das Deutsche Reich Preußischer Nation war ein geschichtsloses Gebilde, das mit vielerlei Traditionen brach, die bis dahin Staatlichkeit und Gesellschaft in den Gebieten des Heiligen Römischen Reiches geprägt hatten. Dazu gehört ganz besonders der Föderalismus und das damit verbundene stark ausgeprägte lokale Selbstbewusstsein. Diese „Kleinstaaterei“ war schon länger vielen national gesinnten Menschen ein Dorn im Auge. Das spielte Preußen in die Hände, das kein Interesse daran hatte, im neuen Reich regionale Sonderinteressen groß werden zu lassen. Mit Deutschtümelei verbrämte Folklore sollte das Bedürfnis nach Identität befriedigen: von Helgoland zum Alpenrand, Rhein- und Rhönromantik, Hermanns-Denkmal und Kyffhäuser. Auf dem Papier war das Reich ein föderaler Staat und die „Clausula antiborussica“ sollte in der Verfassung den Einfluss Preußens beschränken. In der Realität aber war die Dominanz des bismarckschen und später wilhelminischen Staates offensichtlich: da hatten weder Bayern noch besetzte Rheinländer was zu melden, von Hamburg, Braunschweig oder gar Elsass-Lothringen ganz zu schweigen.

Zwar haben die Eltern des Grundgesetzes föderalen und subsidiären Elementen wieder sehr viel mehr Raum zugestanden, aber hier sind in den letzten Jahrzehnten vielerlei Kompetenzen aus Bequemlichkeit an die zentralstaatliche Gewalt zurückgeflossen. Eine Rückbesinnung auf das Erbe der oft beschworenen „teutschen Libertät“ kann gerade in einer Zeit geboten sein, in der die Suche nach Identität durch den Wegfall traditioneller Zugehörigkeiten immer drängender wird. Warum sollten Berlin, Hamburg und Bremen die einzigen bundesstaatlichen Städte sein? Köln mit seiner 2000 Jahre alten Tradition hätte ein höheres BIP als Thüringen und vier weitere Bundesländer. Frankfurt, viele Jahrhunderte lang freie Reichsstadt und Ort des ersten deutschen Parlaments, wurde 1866 von Preußen annektiert, könnte aber problemlos auf eigenen Füßen stehen. Ebenso das stetig wachsende Leipzig, das eine lange Tradition als Handelsstadt hat. Und auch Städte wie Nürnberg und Dortmund können nicht nur auf die Geschichte verweisen, sondern zeigen auch in der Gegenwart ihre Dynamik. Die Wirtschaftskraft einzelner Länderteile würde ein eigenständiges Existieren problemlos ermöglichen: Westfalen kann mit Hessen mithalten und Baden mit Sachsen und Thüringen zusammen. Die dynamische Vielfältigkeit der Städte und Landschaften in Deutschland auch politisch zu stärken, würde unserem Land in einer globalisierten Welt sehr viel mehr Resilienz ermöglichen. Im 21. Jahrhundert ist Flexibilität und Pluralismus das beste Mittel, um zugleich rasch auf Innovation reagieren zu können und dabei dennoch Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln.

Das deutsche Herz schlägt für Vater Staat

Zu den Freiheitsräumen, die der Großmannssucht und Allgegenwart des Deutschen Reiches Preußischer Nation am nachhaltigsten zum Opfer fielen, gehört die Fülle an zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation, die hierzulande im 19. Jahrhundert entstanden war. Die von den Liberalen unterstützten Genossenschaften wurden durch Bismarcks Verstaatlichungsfuror ebenso marginalisiert wie sozialdemokratische Gewerkschaften und die für Katholiken bedeutsame Schulfreiheit. Das Ideal des Kanzlers war ein korporatistisch organisierter Zentralstaat mit einer hochmodernisierten Bürokratie. Er hatte verstanden, dass er dafür die Unterstützung einer breiten Masse bedurfte, die er sichern wollte, indem der Staat in allen möglichen Lebensbereichen als fürsorglicher Kümmerer in Erscheinung treten sollte: „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte.“ Wie gut ihm das in kürzester Zeit gelang, kann man daran erkennen, wie sich auch im privaten Bereich der Familie eine auf den Patriarchen ausgerichtete „Bürgerlichkeit“ als Standard durchsetzte. Die Entfernung zu dem Verständnis, das die freiheitlichen Revolutionäre von 1848 vom emanzipierten und freien Bürger hatten, hätte kaum größer sein können.

Die Liebe der Deutschen zu ihrem Vater Staat ist zweifellos älter als 150 Jahre. Und doch war der Einfluss des durch Eisen und Blut gewonnenen Reiches dazu angetan, bestehende Prägungen noch einmal massiv zu verstärken. Die Zuneigung, die man einst dem Landesvater Graf Günther in Sondershausen oder Abt Roman in Kempten entgegengebracht hatte, wurde nun auf den ehrwürdigen Greis Kaiser Wilhelm im fernen Berlin übertragen. Der deutsche Nationalstaat war ein heldenhafter Wächter nach außen und nach innen ein Kümmerer, der für jede Herausforderung eine Antwort parat hatte. Nicht zuletzt, weil er nach der deutschen Totalkatastrophe 1933 bis 1945 geläutert und zivilisiert auftrat, vermochte der deutsche Staat in Form der Bundesrepublik auf dem Gebiet der (reichlich umfassenden) Daseinsvorsorge an den bismarckschen Überstaat anzuknüpfen. Die Krise im Zusammenhang mit der derzeitigen Pandemie führt uns freilich vor Augen, wie brüchig dieses Versprechen ist: Während Medizinstudenten in Windeseile in Berliner Kunstgalerien hocheffiziente Schnelltestzentren hochziehen, können die Regierungen ihre nachgeordneten Behörden noch nicht einmal vom Faxgerät abbringen. Und dennoch wollen immer mehr junge Menschen ihr Dasein lieber in Amtsstuben fristen. Selbst eklatante Ineffizienzen vermögen der von Bismarck angestoßenen Korruption nicht den Garaus zu machen.

Deutschland ist mehr

150 Jahre nach Ausrufung des Deutschen Reiches fällt die Bilanz nicht gut aus. Und das obwohl die unsagbaren Schrecken, in denen die erste Hälfte dieser Zeit kumulierte – von Giftgasangriffen in Flandern bis zu den Vernichtungslagern in Osteuropa –, auf unglaubliche Weise durch eine friedliebende Bundesrepublik in das Reich der Vergangenheit verwiesen wurden. Trotzdem wirken die Verwerfungen erheblich nach, die sich durch das Eisen und Blut-Reich in unserem Land ergeben haben: im verlorengegangenen Selbstbewusstsein der Städte und Regionen wie in einer flügellahmen Zivilgesellschaft und natürlich in unreflektierter Staatsgläubigkeit.

Erzählungen prägen unser Verhalten. Wie wir das Geschehene interpretieren, hat enormen Einfluss darauf, wie wir aktuelle Fragen beurteilen und entscheiden. Wer sich ein offenes und freiheitliches Deutschland wünscht, muss deshalb auch ein Interesse daran haben, jene Seiten unserer Geschichte stark zu machen, die ein anderes Erbe transportieren als jenes, das den Weg zu zwei der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte bahnte. Erzählen wir wieder mehr über die Städte, deren Luft bekanntlich frei macht und denen es gelang, gewaltige Mengen an Menschen zu integrieren. Setzen wir uns auseinander mit den stolzen Landstrichen, deren jahrhundertelang geformte Eigenarten immer noch den Menschen Heimat bieten, die als Mittelstand das Rückgrat unserer Gesellschaft bilden. Seien wir aufmerksam, wenn Debatten wie die über die Rolle des Hauses Hohenzollern einmal wieder eindrücklich belegen, was der englische Historiker Lord Acton feststellte: „Geschichte ist kein von unschuldiger Hand geknüpftes Netz.“ Der Bundespräsident hat gutgetan, im Schloss Bellevue einen Raum nach dem Freiheitskämpfer Robert Blum zu benennen. Geben wir auch anderen großen Vorkämpfern der freien und offenen Gesellschaft in Deutschland mehr Raum: Menschen wie der Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters oder den beiden zentralen Bismarck-Antipoden Ludwig Windthorst und Eugen Richter, von dem Bismarck sagte: „Der Herr Abgeordnete Richter will immer das Gegenteil von dem, was die Regierung will.“ Reißen wir die geistigen Denkmäler von Bismarck und Kaiser Wilhelm nieder. Und erzählen wir die Geschichte eines Landes, in dem Vielfalt und Unternehmergeist immer schon zentrale bürgerliche Werte waren – lange vor 1871.

Photo: Lux First Cruise (CC BY-ND 2.0)

Von Prof. Roland Vaubel, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre und Politische Ökonomie an der Universität Mannheim.

Es ist vielfach gerätselt worden, weshalb David Cameron vor der Unterhauswahl von 2015 das Versprechen abgab, im Falle seiner Wiederwahl innerhalb von zwei Jahren ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU abzuhalten. Die gängige Erklärung ist, dass er damit die europapolitischen Meinungsverschiedenheiten in seiner Partei ein für alle mal beenden wollte. Aber wäre ihm das auf diese Weise gelungen? Hätten die Brexiteers endlich Ruhe gegeben?

Plausibler ist eine andere Erklärung. Die Konservative Partei hatte in der vorangegangenen Unterhauswahl von 2010 die Mehrheit der Sitze verfehlt und eine Koalition mit den Liberaldemokraten eingehen müssen. Nicht im Parlament vertreten war mit einem Stimmenanteil von 3,1 Prozent die UK Independence Party (UKIP), die mit der Forderung nach einer Volksabstimmung in den Wahlkampf gezogen war. Aber nachträgliche Berechnungen zeigten, dass die Konservativen eine komfortable Mehrheit der Sitze errungen hätten, wenn die UKIP-Wähler – oder ein großer Teil von ihnen – stattdessen in den einzelnen Wahlkreisen für die konservativen Kandidaten gestimmt hätten. Camerons Ziel musste es daher sein, UKIP bei der nächsten Unterhauswahl den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er tat dies, indem er die UKIP-Forderung nach einer Volksabstimmung übernahm. Zudem konnte er hoffen, der EU in Verhandlungen vor der Volksabstimmung Zugeständnisse zugunsten Großbritanniens abzutrotzen. Beide Ziele erreichte er. Cameron gewann die Wahl von 2015. Seine Entscheidung, ein Referendum über den Verbleib in der EU anzukündigen und abzuhalten, war daher nicht mutwillig, wie manche behauptet haben, sondern – zumindest aus der Sicht eines konservativen Parteiführers – Teil einer ex ante klugen Strategie, zumal damals alle Welt mit einem Sieg der “Remainers” rechnete.

Erklärung des Brexit-Votums

Weshalb siegten in dem Referendum die “Leavers”? Die gängige Erklärung ist, dass die anderen EU-Staaten, insbesondere Bundeskanzlerin Merkel und die Osteuropäer, nicht bereit waren, den Briten eine autonome Einwanderungspolitik zuzugestehen. Dabei wird meist übersehen, dass  sich der britische Unmut über die EU schon über längere Zeit aufgebaut hatte. Denn die Briten waren seit den neunziger Jahren immer wieder in wichtigen Fragen im Rat und Parlament überstimmt worden. Meistens ging es dabei um europäische Arbeits- und Finanzmarktregulierungen, d.h., Eingriffe in die Vertragsfreiheit. Die Regulierungen der EU zwangen Großbritannien, die restriktiveren Regulierungen anderer Mitgliedstaaten, insbesondere Frankreichs, zu übernehmen. Frankreich hat nach einigen Erhebungen die restriktivsten Arbeitsmarktregulierungen in der EU.[1] In den neunziger Jahren wurden die folgenden EU-Arbeitsmarktregulierungen gegen britischen Widerstand beschlossen: die Richtlinie über die Arbeit auf Schiffen (1993), die Arbeitszeitrichtlinie (1993), die Richtlinie über die Mitbestimmung der Arbeitnehmer (1994) und die Richtlinie über die Arbeitsausrüstung (1995). Als Rechtsgrundlage diente der EU der neue Artikel 118a, der 1987 durch die Einheitliche Europäische Akte in den EWG-Vertrag eingefügt worden war und qualifizierte Mehrheitsentscheidungen über Vorschriften für die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zuließ. Die britische Regierung klagte gegen die Arbeitszeitrichtlinie wegen der nicht tragfähigen Rechtsgrundlage. Der Europäische Gerichtshof hielt aber an der Richtlinie fest.

Es folgten europäische Finanzmarktregulierungen, die ebenfalls gegen britischen Widerstand durchgesetzt wurden: 2003 die Richtlinie über Finanzdienstleistungen und 2010 die Verordnungen über die Errichtung der European Banking Authority (EBA), der European Securities Market Authority (ESMA) und einer EU-Regulierungsbehörde für die Versicherungswirtschaft. Als Rechtsgrundlage wählte die EU den Binnenmarktartikel von 1987 (Art. 100a EWGV, heute Art. 114 AEUV), obwohl dieser qualifizierte Mehrheitsentscheidungen nur für Maßnahmen erlaubt, die dazu dienen, “einen Raum, ohne Binnengrenzen, in dem der freie Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital … gewährleistet ist” (Art. 8a EWGV, heute Art. 26 AEUV), herzustellen. Da Unterschiede zwischen den nationalen Finanzmarktregulierungen durchaus mit der Freiheit des Kapitalverkehrs vereinbar sind, sah die britische Regierung keine Rechtsgrundlage für qualifizierte Mehrheitsentscheidungen über EU-Regulierungen der Finanzmärkte (Fahey 2011). Sie strengte eine Musterklage gegen die ESMA-Verordnung an, wurde aber vom Gerichtshof abgewiesen, obwohl ihr der finnische Generalanwalt (Jääskinen) recht gab. David Cameron drohte 2011 damit, den europäischen Fiskalpakt durch sein Veto zu verhindern, wenn Großbritannien nicht wieder die Kontrolle über die City erhalte. Die Eurostaaten vereinbarten aber daraufhin den Fiskalpakt außerhalb des EU-Rechtsrahmens in einem völkerrechtlichen Vertrag ohne Großbritannien.

Die European Banking Authority setzt Standards und kann, wenn sie den Krisenfall ausruft, den nationalen Regulierungsbehörden konkrete Anweisungen erteilen oder sogar einzelne Banken schließen (Art. 18 EBAV). Schon 2009, als Michel Barnier zum EU-Binnenmarktkommissar, zuständig für die Finanzmärkte, ernannt wurde, nahmen Präsident Sarkozy und seine Finanzministerin Christine Lagarde die City of London ins Visier[2], und der französische Finanzmarkt-Rapporteur im Europa-Parlament, Jean-Paul Gauzès, bekannte im Juli 2010 freimütig, es gehe darum, das höhere französische Regulierungsniveau per Mehrheitsentscheidung auf die gesamte EU zu übertragen.[3] In der Politischen Ökonomie wird diese Methode als “Strategy of Raising Rivals’ Costs” bezeichnet.[4] Sie dient der Mehrheit der regulierungsfreudigsten Länder dazu, ihre relative Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Weil dabei der Deregulierungswettbewerb entfällt, steigt das Regulierungsniveau auch in den zur Mehrheit gehörenden Staaten. Auch wenn sich ein Mitglied der Minderheit durch Austritt der Majorisierung entzieht, steigt nach dieser Theorie  das von der Mehrheit durchgesetzte gemeinsame Regulierungsniveau der verbliebenen Mitglieder, weil nun ein regulierungsfreudigeres Mitglied der Mehrheit den Ausschlag gibt. Das austretende Land wird ceteris paribus jeweils der freiheitlichste Mitgliedstaat sein. Tatsächlich hat kein EU-Staat einen weniger regulierten Arbeitsmarkt als Großbritannien.[5]

Nach dem Austritt Großbritanniens werden die in der EU verbliebenen Staaten jedoch einem Deregulierungswettbewerb ausgesetzt sein, der das präferierte Regulierungsniveau in jedem EU-Mitgliedstaat und daher auch das gemeinsame EU-Regulierungsniveau senkt.

Ein Musterbeispiel für die Strategy of Raising Rivals’ Costs war im übrigen die EU-Folgerechtsrichtlinie (2001). Sie verpflichtet den Kunsthandel (Galerien und Auktionshäuser), einen bestimmten Prozentsatz des Verkaufserlöses an die Künstler oder ihre Erben zu zahlen. Das Folgerecht wurde zuerst als “Droit de Suite” in Frankreich, dann in den meisten damaligen EU-Staaten eingeführt – aber nicht in Großbritannien mit seinen berühmten Londoner Auktionshäusern Sotheby’s, Christie’s und Phillips. Die Briten wehrten sich, aber Frankreich setzte die Richtlinie mit qualifizierter Mehrheit durch.

In britischen Zeitungen wurde ausführlich über diese Niederlagen berichtet[6], in deutschen meines Wissens nicht. Es gibt eben keine europäische Öffentlichkeit.

Wenn Großbritannien mit seiner geringen Regulierungsdichte nicht in Brüssel in eine systematische Minderheitsposition geraten wäre, hätte wahrscheinlich nicht eine Mehrheit der Briten für den Austritt gestimmt, denn die Entscheidung war knapp.

Dass die EU-Regulierungen überhaupt mit qualifizierter Mehrheit beschlossen wurden, rechtfertigen Kommission, Rat und Gerichtshof – wie erwähnt – mit zwei Artikeln, die 1987 im Rahmen des Binnenmarktprojekts mit britischer Zustimmung in den Vertrag eingefügt worden waren. Was sich die Briten damals nicht träumen ließen, war, dass diese Artikel so extensiv – nämlich aus den genannten Gründen offenkundig ultra vires – ausgelegt würden. Einer Regulierung der City durch die EU hätte Margaret Thatcher 1987 sicher nicht zustimmen wollen.

Die deutsche Bundesregierung mit ihrem großen Stimmgewicht hätte die Briten vor den französischen Regulierungsattacken schützen können, aber sie tat es nicht. Trotzdem beklagte sie gelegentlich den britischen Austrittswunsch.

Die Verhandlungen

Die Verhandlungen über den Austritt begannen mit einem Paukenschlag: Die 27 in der EU verbleibenden Staaten ernannten Michel Barnier – den Mann, der den Widerstand der City gebrochen hatte, d.h., den in London meistgehassten französischen Politiker – zu ihrem Verhandlungsführer. Für die Briten war das die größtmögliche Provokation. Auch im Folgenden taten die 27 alles, um den Austritt der Briten zu erschweren.

Daran beteiligte sich auch der EU-Gerichtshof. Art. 50  EUV, der das Austrittsverfahren regelt, legt in Absatz 2 fest: “Die Verträge finden auf den betroffenen Staat [d.h. Großbritannien] ab dem Tag des Inkrafttretens des Austrittsabkommens oder andernfalls zwei Jahre nach [dem Austrittsgesuch] keine Anwendung mehr, es sei denn der Europäische Rat beschließt im Einvernehmen mit dem betroffenen Mitgliedstaat einstimmig, diese Frist zu verlängern.” Die Richter erfanden noch eine weitere Ausnahme: es sei denn, der betroffene Staat zieht sein Austrittsgesuch zurück. Von einer solchen Möglichkeit ist jedoch in den Verträgen nirgends die Rede. Man wollte erreichen, dass die Briten ihr Austrittsgesuch zurückziehen würden.

Theresa May ist kritisiert worden, weil sie es unterlassen habe, vor Einreichung des Austrittsgesuchs die Verhandlungschancen auszuloten. Sie, die nach eigenem Bekunden gegen den Austritt gestimmt hatte, verstand das Votum der Bürger als bedingungslose Aufforderung zum Austritt. War es nicht so gemeint?

Wie ist es zu erklären, dass die 27 zusammenhielten und Barniers französische Verhandlungslinie vorbehaltlos unterstützten? Alle 27 hatten ein fiskalisches Interesse, den Austritt des britischen Nettozahlers zu verhindern. Aber auch nachdem das Austrittsabkommen längst beschlossene Sache war, weigerten sich Barnier und die 27, Großbritannien ein Freihandelsabkommen zuzugestehen, wie sie es mit Kanada geschlossen hatten. Denn sonst hätten die Binnenmarktmitglieder Norwegen und Island, vielleicht sogar die Schweiz, vergleichbare Konditionen fordern können. Manfred Weber (CSU), der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei im Europa-Parlament, gab sogar die Losung aus: “Der Brexit darf kein Erfolg werden”. In letzter Konsequenz war dies die Forderung nach einer destruktiven Verhandlungsstrategie: den Briten sollte der größtmögliche Schaden zugefügt werden. Man wollte ein Exempel statuieren, damit nicht noch andere Staaten austreten. Anscheinend hält man die Gefahr für groß. Ein Zeichen der Stärke ist das nicht.

Dass man sich schließlich doch auf einen “Deal” geeinigt hat, ist wahrscheinlich einer gut organisierten Interessengruppe zu verdanken: den französischen Fischern. Die Briten haben durchgesetzt, dass sie zukünftige Arbeitsmarktregulierungen der EU nicht übernehmen müssen und dass die City nicht mehr von EU-Institutionen reguliert werden kann. Auch die Folgerechtsabgabe für den Kunsthandel können sie wieder abschaffen. Der Gerichtshof der EU wird in Großbritannien nichts mehr zu sagen haben, und auch an den Schiedsverfahren zwischen Großbritannien und der EU wird er nicht beteiligt sein.

Literatur:

Adema, Joop, Yvonne Giesing, Anne Schönauer, Tanja Sitteneder (2018), “Minimum Wages Across Countries”, ifo Dice Report 4/2018, S. 55 – 63.

Boockmann, Bernhard, and Roland Vaubel (2009), “The Theory of Raising Rivals’ Costs and Evidence from the International Labor Organization”, The World Economy 32, 862-87.

Fahey, Elaine (2011), “Does the Emperor have financial crisis clothes?”, Modern Law Review 74: 581-95.

OECD (2015), Employment Protection Legislation, Organization for Economic Cooperation and Development, Paris.

Salop, Susan C., and David T. Scheffman (1983), “Raising Rivals’ Costs”, American Economic Review 73: 267-71.

Stigler, George J. (1970), “Director’s Law of Public Income Redistribution”, Journal of Law and Economics 13: 1-10.

Vaubel, Roland (2008), “The Political Economy of Labor Market Regulation by the European Union”, Review of International Organizations 3: 435-465.

Vaubel, Roland (2020), “Frankreich als Problem für Europa”, in: Hardy Bouillon, Carlos A. Gebauer (Hg.), Freiheit in Geschichte und Gegenwart, Lau-Verlag: Reinbek, 185-218 (eine kürzere Fassung ist am 03.05.19 unter demselben Titel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen).

[1] Vgl. Adema et al. (2018), Table 1, OECD (2015) und die Auswertung in Vaubel (2020), Tab. 5 und 6.

[2] Nach einem Bericht der Times vom 02.12.09 hatte Sarkozy gesagt: „Do you know what it means for me to see for the first time in 50 years a French European Commissioner in charge of the internal market, including financial services, including the City? I want to see the victory of the European model, which has nothing to do with the excesses of financial capitalism“.  Zwei Tage später zitierte die Financial Times Ministerin Lagarde: „We need a City that plays by different rules“.

[3] Gauzès: „Dans un pays comme la France, il y a une vraie tradition de surveillance des institutions financières. L’avantage d’une supervision européenne serait d’étendre les mêmes règles partout“ (Le Figaro, 07.07.2010).

[4] Die Idee scheint von George Stigler (1970) zu stammen, der dabei auf die amerikanische Mindestlohngesetzgebung Bezug nimmt. Der Begriff findet sich wohl zuerst in Salop und Scheffman (1983). Boockmann und Vaubel (2009) präsentieren ein formales Modell der Strategie und eine Übersicht der wichtigsten empirischen Analysen (von P.V. Fishback, E. Landes, H.P. Marvel, S. Oster, P.E. Teske et al.). Bernholz und Vaubel (2007) haben einen Konferenzband herausgegeben, der Fallstudien für verschiedene Bundesstaaten (USA, Kanada, Schweiz, Deutschland) enthält.

[5] Vgl. Vaubel (2008), Table 5, eine Übersicht über vier Indices der Arbeitsmarktregulierung (OECD, Botero et al., Gwartney/Lawson und Nickell/Nunziata). Nach diesen Indizes hat jedoch nicht Frankreich, sondern Portugal die restriktivsten Arbeitsmarktregulierungen.

[6] Vgl. Fußnote 2.

Erstmals erschienen auf dem Blog Ökonomenstimme.

Photo: Janet Daniel from Flickr (CC BY 2.0)

Auch die größten Fans der freien Marktwirtschaft mussten zähneknirschend akzeptieren: 2020 war ein Jahr des Staates. Am Anfang der Pandemie war nicht klar, wie am besten zu reagieren ist, und in der Not erschien auch Liberalen der zentralistisch durchorganisierte Staat als geeignete Form der Antwort. Doch haben die wirtschaftspolitischen Corona-Hilfen auch gezeigt, was der Staat eben nicht gut kann. Denn staatliche Hilfen kommen hauptsächlich den Insidern des Politikbetriebs in Deutschland zugute, nicht aber den Außenseitern. Um diese auf ihrem Weg aus der Krise zu unterstützen, muss deshalb – nach dem Jahr des Staates 2020 – zur regulären Zeit des Marktes zurückgekehrt werden.

Konservative Cliquen statt Kreativer Zerstörung

Der amerikanische Sozialwissenschaftler Mancur Olson beschrieb das Problem, dass staatliches Handeln über die Jahre hinweg immer mehr bestimmten Insidern zugutekommt. In seinem wegweisenden Werk „Aufstieg und Niedergang von Nationen“ beschreibt er das pointiert: Je länger Nationen existieren, desto mehr verlieren sie ihre wirtschaftliche Dynamik. Der Grund dafür ist, dass es speziellen Interessensgruppen in der Politik gelingt, die Regeln so zu ändern, dass die disruptiven Kräfte, die der Garant für wirtschaftliche Veränderung und Wachstum sind, ausgeschlossen und der Status Quo bewahrt wird. Beispielhaft ist für Olson die britische Demokratie in den 1970er Jahren. Zwar gibt es kaum Demokratien, die älter sind als die auf der Insel, doch hat die Dauer ihrer Existenz auch dazu geführt, dass die Zeiten der ökonomischen Disruption vorübergingen und das Wirtschaftswachstum lahmte. Statt der von Joseph Schumpeter beschriebenen „kreativen Zerstörung“ durch innovative neue Unternehmen gab es mächtige Cliquen aus alteingesessenen Gewerkschaften und Industrieunternehmen, die gemeinsam den Strukturwandel verhinderten und auf Kosten der Bürger ihre ökonomischen Interessen vor dem Staat durch neue Regeln geltend machten. Als Gegenbeispiele führte Olson die florierenden Ökonomien von Japan und Deutschland an. Entgegen allen Erwartungen entstanden in den vor kurzem noch durch und durch korporatistischen und strukturkonservativen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg dynamische, liberale Wirtschaftsordnungen. Disruptive Veränderungen durch innovative Unternehmer wie Soichiro Honda und die Albrecht Brüder ermöglichten die dortigen Wirtschaftswunder.

Hilfen für Insider, nicht für Außenseiter

Der (gerechtfertigte) Fokus auf den Staat im letzten Jahr verschleierte, dass Deutschland seine Dynamik verloren hat, die Olson damals angepriesen hat. Die wirtschaftspolitischen Reaktionen des Staates auf die Pandemie haben das schmerzlich offenbart: Während sich hofierte Insider wie Festangestellte bei großen Konzernen, Beamte und Angestellte des Öffentlichen Dienstes über quasi-Jobgarantien, Corona-Boni, Fortzahlung der Gehälter etc. freuen konnten, wurden Außenseiter wie kleine Selbständige mit Einmalzahlungen abgespeist. Einkommensschwache Bevölkerungsteile, die sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangelten und diese verloren, bekamen gar nichts. Die Corona-Hilfen für die Günstlinge der deutschen Politik sind nur ein Symptom für einen deutschen Staat, der sich mehr für das Konservieren bestehender Strukturen durch und für Insider interessiert als für wirtschaftliche Dynamik, Wachstum und Innovation. Nachdem 2020 das Jahr des Staates wurde, bietet 2021 die Chance, das Insider-Außenseiter-Problem anzugehen.

Weg vom Jahr des Staates 2020 – Rückkehr zur Zeit des Marktes in 2021

Dazu braucht es auch keine steuerfinanzierten Finanzspritzen für diejenigen, die in diesem Jahr an den Rand gedrängt wurden und unter die Räder gekommen sind: Unternehmer und Einkommensschwache. Stattdessen braucht es einen Rückbau der Regulierungen und Subventionen, die sich die Insider in den letzten Jahrzehnten angesammelt haben, um ihre Pfründe zu schützen – Privilegien, durch die sie stärker steigenden Wohlstand für alle verhindert haben. Das Baurecht ist eines der fälligen Reformfelder: Bewohner in den attraktiven Städten und Regionen Deutschlands genießen die geringe Arbeitslosigkeit, die hohen Löhne und das Kulturangebot und schützen sich mit Maßnahmen wie Mietendeckel und Mietenstopps, Volksabstimmungen und Reformen, die die Baukosten in die Höhe treiben, gegen zuziehende Familien, Ausländer und Mittellose, die dort ihr Glück suchen. Marktwirtschaftliche Reformen, die es zulassen, dass Preise Knappheiten kommunizieren, die es vereinfachen, dass Bauland ausgewiesen und Baugenehmigungen erteilt werden, können 2021 helfen, dass Wohlstand in Städten und Regionen Deutschlands wächst und nicht nur den Privilegierten, sondern allen zuteilwird. Doch nutzen Insider nicht nur die Regeln des Baurechts dazu, ökonomische Dynamik und die Inklusion von Außenseitern zu verhindern. Die zunehmende Regeldichte – ob man sich selbständig machen darf oder wie man sein Geld zu verdienen hat – verhindern Umsetzung und oft auch schon Entstehung neuer Unternehmensideen. Die Regulierung des Taximarktes hindert Soloselbstständige daran, Geld zu verdienen, und Einkommensschwächere daran, eine günstige Mitfahrgelegenheit zu nutzen. Die hohen Markteintrittsbarrieren stehen denen oft im Weg, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen wollen. Sie schließen kreative Köpfe und Menschen mit Anpacker-Mentalität aus: Wer sich als Blumenliebhaber und Frisurkünstler selbständig machen möchte und auch Einkommensschwachen gute und günstige Produkte und Dienstleistungen anbieten will, beißt schnell auf Granit. Denn angetrieben von den Insidern verlangt der Staat langjährige Berufsausbildungen, die Wettbewerb verhindern und die Kartellgewinne der bestehenden Betriebe schützen.

Das Baurecht und die hohe Regulierungsdichte für Selbstständigkeit sind natürlich nur zwei Bereiche, in denen marktwirtschaftliche Reformen 2021 helfen würden, die Marktwirtschaft wieder das tun zu lassen, was sie am besten kann: Privilegien abzubauen, die Spaltung der Gesellschaft in Außenseiter und Insider zu beseitigen und somit Wohlstand für alle zu ermöglichen. Nachdem 2020 ein Jahr für den Staat war, muss 2021 nun der Markt wieder zu seinem Recht kommen. 2021 wird ein besseres Jahr, wenn es ein Aufbruch für die Außenseiter wird.

Photo: Department of Foreign Affairs and Trade from Flickr (CC BY 2.0)

Von Dr. Alexander Fink, Universität Leipzig, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues und Fabian Kurz, Doktorand der Volkswirtschaftslehre.

Der Vergleich des Welternährungsprogramms mit anderen nationalen und internationalen Hilfsorgansationen deutet stark darauf hin, dass die vom Welternährungsprogramm eingesetzten Ressourcen von anderen Organisationen wirkungsmächtiger eingesetzt worden wären. Die Bemühungen um den sehr erfolgreichen Kampf gegen Hunger auszuzeichnen, ist ein begrüßenswertes Ansinnen, wie auch die Bemühungen selbst, zum Beispiel die der 17.000 Mitarbeiter des Welternährungsprogramms. Doch gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht. Mit dem Welternährungsprogramm wurde die falsche Organisation ausgezeichnet und ein fragwürdiges Signal an all die Hilfsorganisationen und ihre Mitarbeiter gesandt, die es besser machen.

Der Preisträger des diesjährigen Friedensnobelpreises war eine echte Überraschung. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen wurde ausgezeichnet “for its efforts to combat hunger, for its contribution to bettering conditions for peace in conflict-affected areas and for acting as a driving force in efforts to prevent the use of hunger as a weapon of war and conflict.” In den Wettbüros wurden zuvor vor allem die Weltgesundheitsorganisation und Greta Thunberg als Favoriten gehandelt. Das Welternährungsprogramm hatten die wenigsten auf dem Wettzettel.

Der Kampf gegen Hunger, dem sich das Welternährungsprogramm verschrieben hat, ist zweifelslos eine wichtige Herausforderung. Doch gibt es erhebliche Zweifel, ob das Welternährungsprogramm die ihm anvertrauten umfangreichen Ressourcen bestmöglich einsetzt. Vor diesem Hintergrund kam die Auszeichnung nicht nur überraschend, sondern ist auch im Nachhinein nur schwer nachvollziehbar.

Was macht das WFP?

Das Welternährungsprogramm mit Sitz in Rom betreibt eine Kombination aus klassischer Entwicklungshilfe sowie Not- und Katastrophenhilfe, insbesondere in Konfliktregionen. Das Budget lag im Jahr 2018 bei 6,3 Milliarden Dollar. Insgesamt arbeiten circa 17.000 Personen für das Welternährungsprogramm. Die administrativen Kosten beziffert das Welternährungsprogramm selbst auf 335,4 Millionen Dollar. Deutschland ist mit 0,85 Milliarden Dollar der drittgrößte Geldgeber nach der EU (1,1 Milliarden) und den Vereinigten Staaten (2,5 Milliarden Dollar).

Welternährungsprogramm: Best Practice? Fehlanzeige

Unter den großen Entwicklungsorganisationen gilt das Welternährungsprogramm als besonders ineffizient. In einer Studie aus dem Jahr 2008 untersuchten die Ökonomen William Easterly and Tobias Pfutze 31 nationale Entwicklungshilfeorganisationen und 17 multinationale Organisationen. Die beiden Wissenschaftler betrachteten nicht die Wirksamkeit der Organisationen direkt, sondern inwieweit Organisationen sich an „Best Practices“ der Entwicklungshilfe orientieren. Insgesamt erfasst die Studie vier Bereiche: Spezialisierung, Selektivität, ineffektive Hilfskanäle und Overhead-Kosten. Der Bereich “Spezialisierung” erfasst, auf wie viele Länder und Sektoren sich die Organisation bei ihrer Arbeit konzentriert. Unter “Selektivität” untersuchen die beiden Autoren, inwiefern Hilfe an korrupte Autokraten vermieden wird und ob vor allem die ärmsten Länder adressiert werden. “Ineffektive Hilfskanäle” misst, inwieweit Hilfe an politische Ziele gebunden ist oder aus Nahrungsmittelhilfe oder technischer Hilfe besteht. Die “Overhead-Kosten” beschreiben die Verwaltungskosten im Verhältnis zur geleisteten Hilfe.

Im Gesamtranking belegt das Welternährungsprogramm den letzten Platz aller berücksichtigten Organisationen. Besonders hoch scheint beispielsweise der Personaleinsatz des Welternährungsprogramms zu sein. Easterly und Pfutze zu Folge lagen die Hilfsleistungen pro Mitarbeiter des Welternährungsprogramms bei 30.000 US-Dollar. Zum Vergleich: Norwegen und Italien zahlten mehr als 10 Millionen US-Dollar pro Mitarbeiter an Entwicklungshilfe aus – ein Unterschied um den Faktor 400, wie die Autoren betonen.

Keine Besserung in Sicht

Eine neuere Studie aus dem Jahr 2018 legt nicht nahe, dass sich der Einsatz von Ressourcen beim Welternährungsprogramm maßgeblich verbessert hat. Die Studie des Center for Global Development untersuchte 27 nationale und 13 multinationale Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit. Grundlage waren 24 Indikatoren in den Bereichen “Maximierung der Effizienz”, “Institutionen fördern”, “Belastung reduzieren” und “Transparenz und Lernen”.

Insgesamt schnitt das Welternährungsprogramm auch hier am schlechtesten ab, mit großem Abstand. Auch die bilaterale deutsche Entwicklungshilfe schneidet unrühmlich ab und belegt den viertletzten Platz.

Effizienter Ressourceneinsatz kann Menschenleben retten

Menschen unter schwierigen Umständen zu helfen, wie es das Welternährungsprogramm tut, ist eine wichtige Aufgabe. Mit den knappen zumeist von Steuerzahlern bereitgestellten Ressourcen sollten die Organisationen entsprechend umsichtig umgehen und sie möglichst effektiv einsetzen. Je effektiver die Mittel eingesetzt werden, desto mehr Menschenleben können gerettet werden.

Der Vergleich des Welternährungsprogramms mit anderen nationalen und internationalen Hilfsorgansationen deutet stark darauf hin, dass die vom Welternährungsprogramm eingesetzten Ressourcen von anderen Organisationen wirkungsmächtiger eingesetzt worden wären. Besonders wirksame NGOs lassen sich auf den Seiten von Givewell finden, die NGOs nach ihrem Kosten-Nutzen-Verhältnis evaluiert. Unter den Top-Organisationen finden sich vor allem jene, die sich gegen Malaria, für Nahrungsergänzung und Entwurmung einsetzen.

Die Bemühungen um den sehr erfolgreichen Kampf gegen Hunger auszuzeichnen, ist ein begrüßenswertes Ansinnen, wie auch die Bemühungen selbst, zum Beispiel die der 17.000 Mitarbeiter des Welternährungsprogramms. Doch gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht. Mit dem Welternährungsprogramm wurde die falsche Organisation ausgezeichnet und ein fragwürdiges Signal an all die Hilfsorganisationen und ihre Mitarbeiter gesandt, die es besser machen.

Erstmals veröffentlicht bei IREF.

Photo: Randy Tarampi from Unsplash (CC 0)

Von Marc Friedrich, Finanzexperte, Vermögensberater und Buchautor.

“Ich erwarte vor Weihnachten ein neues Allzeithoch und im Jahr 2021 neue Höchststände – bis Ende 2022 Kurse im sechstelligen Bereich!“ So hatte ich diesen Artikel Anfang Dezember beendet und dann aus verschiedenen Gründen liegen lassen. Jetzt ist meine Prognose sogar übertroffen worden. War es jetzt das? Ist das Potential ausgeschöpft?

Bitcoin wird zumeist negativ assoziiert. Wenn die Medien darüber berichten dann immer in Verbindung mit Schwarzgeld, Kriminalität, Hacks oder Erpressung. Das die meisten Verbrecher zu 99,9% Dollar, Euro und andere Währungen verwenden, wird selten in der Presse kommuniziert. Aber was ist Bitcoin noch?

Wie alles begann: Bitcoin ein Kind der Krise

Sathoshi Nakamoto, der Erfinder von Bitcoin war 2008 während der Finanzkrise, als Banken und gar ganze Staaten durch ein falsch gestricktes Geld- und Finanzsystem wankten, schwanger mit der Idee, ein besseres Geld zu schaffen. Am 18. August 2008 entschied sich der Schwangere noch vor der Geburt für einen Namen seines Kindes: Bitcoin. Er sicherte sich die Internetdomain: bitcoin.org. Am 31. Oktober 2008 veröffentlichte er die Geburtsurkunde in Form des White Papers (eine Art Anleitung) mit dem Namen „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ im Internet und suchte nach Paten für sein Kind in Form von den fähigsten Kryptographen. Mit deren Hilfe erblickckte das gemeinsame Baby Bitcoin schließlich am 3. Januar 2009 das Licht der Welt.

Bitcoin ist gerade mal knappe 12 Jahre jung, also noch nicht einmal im Teenageralter. Trotzdem ist Bitcoin jetzt schon gigantisch gewachsen und ein wahrer Riese. Die Kindheit war schon recht turbulent und wild. Die Pubertät aber wird alles in den Schatten stellen. Wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen, geht es erst mit der einsetzenden Pubertät richtig rund und manch einer stößt sich dann gerne die Hörner ab. Bei Bitcoin scheint dies ein wenig untertrieben zu sein. Wer meint, dass Bitcoin die wilde Phase hinter sich hat, der täuscht sich. Die nächsten Jahre werden atemberaubend sein. Wir stehen steht erst vor dem großen Hauptakt: was wir bisher gesehen haben, war lediglich das Aufwärmen.

Bitcoin war in der vergangen Dekade schon das erfolgreichste Investment. Der erste registrierte Bitcoinpreis kam erst im März 2010 zustande und betrug 0,003 Cent. Heute liegt er über 30.000 Dollar! Was für eine Entwicklung! Bitcoin erreichte 1 Dollar im Februar 2011. Zwei Jahre später wurden dann die 100 Dollar geknackt und im selben Jahr sogar noch die 1000 Dollar Marke. Die 10.000 Dollar wurde dann vier Jahre später, 2017, genommen und das bisherige Rekordhoch von 19.783.06 Dollar am 17. Dezember des selben Jahres erreicht. Legendär, dass am 22.Mai 2010 der US-Amerikaner Laszlo Hanyecz in Florida die weltweit erste Transaktion mit Bitcoin durchgeführt hat. Er kaufte zwei Pizzen für 10.000 Bitcoin. Heutiger Preis: 190 Millionen Dollar. Die teuerste Pizza der Welt!

Warum wir neue Höchststände sehen werden

Hierfür gibt es etliche Gründe. Fangen wir mit den Notenbanken und den Staaten an:

1.) Die Inflation kommt – Notenbanken müssen weiter drucken 

Seit 2008 befinden wir uns in einem finanziellen Ausnahmezustand. Seit der Nahtoderfahrung des Geld- und Finanzsystems haben die Notenbanken weltweit historisch einmalige Maßnahmen durchgezogen: Die Zinsen wurden auf Rekordstände gesenkt und befinden sich zum Teil im Minusbereich. 18 Billionen aller Staatsanleihen sind aktuell negativ verzinst! Parallel wurden die Geldschleusen geöffnet und die Märkte permanent mit billiger Liquidität versorgt. Ein regelrechter Tsunami an Geld, der zu immer größeren Vermögensblasen führt bei Immobilien, Aktien etc. Ein Geld- und Notenbanexperiment „ohne Zins und Verstand“.

Die US-Notenbank FED hat mittlerweile gigantische 7,2 Billionen Dollar in den Büchern stehen. Das entspricht 36% des BIP der weltgrößten Volkswirtschaft. Ein Ende ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil. Neben Negativzinsen erwarte ich hier weitere Aufkaufprogramme. Das Motto wird sein: Wir kaufen alles – außer Hundenahrung.  Auch die europäischen Kollegen in der Zentralbank in Frankfurt stehen der USA in nichts nach. Auch hier steigt der Chart parabolisch an. 6,83 Billionen Euro oder 68% des BIP der Eurozone hat die EZB schon in den Büchern stehen.

Atemberaubend und ebenso historisch ist die Entwicklung der Geldmenge M2 in den USA. M2 ist um parabolische 25% dieses Jahr gestiegen! 2020 wurden 21% aller jemals emittierenden Dollars produziert. Das System benötigt immer mehr von der tödlichen Dosis billiges Geld und niedrige Zinsen. Die US-Staatsverschuldung legt ebenfalls einen Senkrechtstart hin: 27,3 Billionen Dollar oder 128% zum BIP. Weltweit steigen die Schulden in immer neue Höhen. In der Zwischenzeit sind es 277 Billionen Dollar, das entspricht ca. 350% des weltweiten BIP.

Die Notenbanken sind weltweit in einer prekären Lage: Nie wieder können Sie im bestehenden Geldsystem die Zinsen erhöhen, ansonsten würden Pleiteländer bankrott gehen, Zombieunternehmen umkippen, die Wirtschaft abgewürgt werden, die Anlageblasen platzen sowie Arbeitslosenzahlen und Schulden explodieren. Aus diesem Grund wird man weiterhin die destruktive Abwärtsspirale aus Zinssenkungen und Gelddrucken betreiben müssen. Bis zum bitteren und sehr teuren Ende. Denn die Kollateralschäden werden immer verheerender und teurer. Nicht nur monetär sondern auch politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich.

Um seine Kaufkraft gegen diese ausufernde Schuldenmacherei und Gelddrucken ohne Zins und Verstand zu schützen, braucht man als Anleger und Sparer durch die Natur oder durch die Mathematik limitierte Werte. Einer davon ist Bitcoin! Mehr und mehr Menschen erkennen das und deswegen kommen wir nun auch zu Punkt Nummer 2:

2.) Das große Geld kommt und entdeckt Bitcoin

Anfang August platze eine gigantische Bombe. Die Auswirkungen waren weltweit zu spüren. Sie haben nichts davon gehört? Ja, das mag sein. Man hat es nämlich weder in den Nachrichten gelesen noch im Fernsehen gesehen. Was war so aufsehenerregend? Das an der US-Börse Nasdaq gelistete Technologieunternehmen „Microstrategy“ verkündete, dass man von seinen 500 Millionen Dollar Barreserve stolze 250 Millionen Dollar in Bitcoin investiert hatte.

Die Begründung: Als Inflationsschutz und Wertspeicher gegen das stetige Gelddrucken der Notenbanken. Aber das war nicht alles. Schon einen Monat später legte man noch eine Schippe drauf, indem man weitere 175 Millionen Dollar in Bitcoin steckte. Durchschnittskurs 11.111 Dollar. Zuletzt investierte man sogar weitere 50 Millionen Dollar in Bitcoin zu einem Preis von 19.400 Dollar. Der jüngste Coup: Es hat am Kapitalmarkt Unternehmensanleihen angeboten für 0,75% und 400 Millionen Dollar eingesammelt. Diese sollen komplett in Bitcoin re-investiert werden. Die Aktie von Microstrategy ist somit das beste und günstigste ETF auf Bitcoin.

Weitere Firmen folgten dem Beispiel von Microstrategy, wie zum Beispiel „Square“. Das Fintechunternehmen von Twitter Gründer Jack Dorsey, spezialisiert auf mobiles Bezahlen investierte 50 Millionen Dollar in Bitcoin. Dies sind weitere Schritte, die zur Massenadaption von Bitcoin beitragen. Dazu kommen die Einschätzungen von verschiedenen Hedge Fonds-Legenden wie Paul Tudor Jones, Bill Miller oder Stanley Druckenmiller, die sich zuletzt positiv zu Bitcoin äußerten – und das nachdem sie jahrelang dagegen gewettert hatten. Auch der CIO von BlackRock reihte sich ein.

Der nächste Meilenstein war die Ankündigung von PayPal, dass man über den Bezahlanbieter Bitcoin handeln kann und man ihn als Zahlungsmöglichkeit aufnehmen wird. Vorstand Dan Schulman outete sich auch als Bitcoin Fan und sieht dessen Zukunft rosig. Absoluter Gamechanger war die Nachricht, dass der Lebensversicherungsgigant „Mass Mutual“ 100 Millionen Dollar seiner 240 Milliarden Dollar Einlagen in Bitcoin investiert.

Die Nachfrage nach Bitcoin übersteigt jetzt schon, was der Algorithmus produziert. Jeden Tag werden 900 Bitcoins produziert. Das sind 6300 Bitcoins pro Woche und 25.200 in einem Monat. Im September haben Fonds in einer Woche fast die komplette Monatsproduktion aufgekauft. Diese Trend wird anhalten und sich sogar verstärken, denn immer mehr großes Geld wird über Investment Produkte in Bitcoin investiert werden. Wir stehen erst ganz am Anfang einer langen Reise.

Zu guter letzt sind dann auch viele ehemalige Erzfeinde der digitalen Währung auf den Zug aufgesprungen und zeigen sich positiv. Dies dürfte auch an dem Druck der Kunden liegen, nachdem Bitcoin dieses Jahr wieder ganz vorne liegt in der Performance mit über 200%. Etliche renommierte Banken haben Analysen veröffentlicht, bei denen man sich mit Preiszielen übertrifft: von 318.000 Dollar (Citibank), 140.000 Dollar (JPMorgan) bis zu 90.000 Dollar (BayernLB). Der CIO von Guggenheim sieht den fairen Wert von Bitcoin bei 400.000 Dollar.

3.) Bitcoin ist genial, dezentral, limitiert und grenzenlos

Die Fundamentaldaten für Bitcoin sind der dritte Punkt, der für stark steigende Kurse spricht. Bitcoin ist dezentral und unabhängig von Lobbyinteressen, menschlichen Schwächen, Gier und Korruption. Er unterliegt keiner Zentralbank und keinem Berufspolitiker. Bitcoin kann nicht manipuliert werden und ist leicht portabel. Es ist im Gegensatz zu unserem jetzigen Geldsystem deflationär. Ebenso ist Bitcoin limitiert und das einzige Gut, welches wir wirklich mit einer Zahl beziffern können. Wir wissen nicht, wie viel Gold, Silber, Kupfer noch in der Erdkruste liegt oder wie viel Öl noch gefördert werden kann, aber wir wissen dass der Algorithmus von Bitcoin begrenzt ist und bei knapp 21 Millionen Einheiten Schluss ist.

All diese charmanten und einzigartigen Attribute werden bald von der Masse erkannt werden und dann wird es wild. Die Notenbanken spielen weltweit das gleiche Spiel. Verzweifelt werden sie versuchen, die Inflation voranzutreiben, um so die Schuldenlast auf Kosten von uns Bürgern zu reduzieren. Hier werden die Menschen sichere Häfen suchen als eine Art Lebensversicherung gegen das endlose Gelddrucken und den Dauerkrisenmodus der Notenbanken und Staaten. Bis Ende 2022 sehe ich Kurse von 50.000 bis über 100.000 Dollar als realistisch. Bis Ende der Dekade sogar deutlich höhere sechsstellige Summen.