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Politiker wissen, wem sie ihre Jobs verdanken. Und sie wissen, wer sie wieder ins Amt bringen wird. Das Nachsehen haben diejenigen, die (noch) keine (relevante) Wählerstimme zu vergeben haben. Dabei brauchen die oft wirklich Hilfe – anders als diejenigen, die am lautesten schreien.

Rentnerdominanz

34 Prozent holten die Sozialdemokraten bei der letzten Bundestagswahl. Zumindest in der Wählergruppe der über 60jährigen. Damit hatten sie womöglich erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik die Union in dieser Gruppe überholt. Vorbei die Zeiten der „Willy-Wahl“ vor 50 Jahren, als die Jugend des Landes sich begeistert um Kanzler Brandt scharte. Bei den unter 45jährigen konnte die Partei im Schnitt nur 17 Prozent holen. Nein, die grauen Schläfen wechselten scharenweise die Seiten und sorgten dafür, dass die Partei von Kanzler Scholz die Nase leicht vorne hatte. „Kanzler für stabile Renten“ war auf einem der Plakate zu lesen, das kurz vor dem Wahltermin plötzlich an jedem sechsten Laternenpfahl der Republik prangte. Wie schon in den Pandemie-Jahren entschied man sich in der Wahlkampfzentrale offenbar auch im Sommer 2021, dass wieder der entscheidende Maßstab für alle Entscheidungen der älteste Teil der Bevölkerung sein solle. Es hat sich ausgezahlt.

Derzeit kursieren Zahlen, mit welchen Erhöhungen Rentner im gerade begonnen Jahr rechnen dürfen. Mit einer Rente von 2.000 Euro kann man auf ein Plus von 70 bis 92 Euro spekulieren. Wer nur 500 Euro erhält, darf auf 17,50 bis 21,00 mehr hoffen. Na, immerhin ist damit der Rundfunkbeitrag gedeckt … Diese nackten Zahlen sagen natürlich noch nicht besonders viel aus. Hinter den 2.000 Euro steckt womöglich eine Chemikerin, die Spielschulden ihres Mannes ausgleichen muss. Und die 500 Euro gehen durchaus auch an Menschen, die mit einem netten Nebenjob ganz zufrieden waren, weil sie durch Erbe oder Ehepartner an sich schon bestens versorgt waren. Klar ist jedenfalls: Es gibt in unserem Land viele ältere Menschen, die unter erheblichem finanziellem Druck stehen. 650.000 Rentner bekommen die Grundsicherung; fast jeder sechste im Rentenalter hat weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung und ist damit armutsgefährdet.

Unterschätzte Dimensionen

Nicht nur aus moralischen Erwägungen heraus will man eine solche Situation verhindern. Auch aus pragmatischen Gründen will man vielleicht vermeiden, dass sich die Bilder von Seniorinnen bei der Essensausgabe der Tafel in die Gehirne ihrer Enkel oder die Drama-Dokus von RTL 2 einbrennen. Doch bei der Dramatik solcher Situationen gerät aus dem Blick, dass über 80 Prozent der Rentenempfänger nicht armutsgefährdet sind. Man vergisst, dass das Rentnerdasein nicht notwendigerweise prekär ist, sondern dass viele Menschen mit ihrer wohlverdienten Rente ein recht ordentliches Auskommen haben, ja, vielleicht auch noch weitere Einnahmequellen anzapfen können. Die Rentenerhöhungen gehen aber pauschal an alle raus. Das hat natürlich rechtliche Gründe, weil diese Ansprüche auf Verpflichtungen basieren, die der Staat mit unserem fragwürdigen Rentensystem eingegangen ist. Aber an diesem System würde auch fast kein Politiker etwas ändern wollen. Schließlich gibt es einem die großartige Möglichkeit, die Wählerschaft zu pflegen.

Die staatliche Mitfinanzierung der Rentenerhöhungen ist alles andere als Peanuts. 2021 hat der Bund 78,9 Milliarden Euro auf die Rentenbeiträge draufgelegt (zum Vergleich: 2011 waren es 58,9 Mrd. und 1996 32,3 Mrd.). Das ist fast vier Mal so viel wie der Etat des Bundesforschungsministeriums. Oder um die Dimension noch anschaulicher zu machen: Der Bund legt pro Jahr bald 80 Milliarden auf die schon bestehenden Renten drauf. Zugleich werden in Deutschland pro Jahr von öffentlichen Stellen, vor allem aber von Familien und Eltern 57 Milliarden Euro aufgebracht, um Kitas und Kindergärten zu finanzieren. An dieser Stelle lohnt es sich – wieder um der Dimension Willen – festzuhalten, dass die Grundrente, die ja den wirklich besonders Bedürftigen zugutekommt, jährlich mit 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro zu Buche schlägt.

Amerikanische Verhältnisse bald in Deutschland?

Wir befinden uns offensichtlich in einem eklatanten Ungleichgewicht. Während die Rentenerhöhungen generell als dringend benötigte Errungenschaften für eine pauschal sozialschwache Gruppe vermarktet werden, gibt es andere Gruppen, die sich nur mit den Brosamen von Sonntagsreden zufriedengeben müssen, weil sie keine (Wahl-)Stimme haben, die von Relevanz wäre. Keine hörbare Stimme haben die Kinder, deren Eltern mit ihren eigenen Problemen so beschäftigt sind, dass ihnen Zeit und Kraft für die ihnen Anvertrauten fehlt. Keine hörbare Stimme haben die frisch eingetroffenen Flüchtlinge aus Charkiw, Khartum und Kabul (die an der richtigen Stelle womöglich unserem maroden Rentensystem etwas auf die Sprünge helfen können). Keine hörbare Stimme haben die jungen Familien, die aufgrund des Riesenmurks aus Verhinderungsmentalität, Überregulierung und Hyperinterventionismus auf dem Mietmarkt an keine vernünftigen Wohnungen mehr kommen.

Wir klopfen uns gerne auf die Schultern mit unserem Wohlfahrtsstaat und feiern dessen Erfolge im Kampf gegen Armut. „Wir haben keine amerikanischen Verhältnisse!“ Wir sind allerdings auf dem Weg in amerikanische Verhältnisse: Im Jahr 2015 wurden in den USA pro Kopf 9.734 Dollar für soziale Zwecke ausgegeben, in Deutschland 10.598. Das Problem in den USA – und in die Richtung geht es bei uns auch – ist die gigantische Ineffizienz des Systems. Die Wurzel des Übels liegt darin, dass man keine kluge Sozialpolitik betreibt, die den wirklich Armen einen Weg aus der Not ebnet. Vielmehr ist Sozialpolitik eines der liebsten Instrumente zur Sicherung von Wählerstimmen in demographischen Gruppen, die auch ohne die gönnerhafte Hand von Vater Staat ganz gut um die Runden und durchs Leben kommen würden. Wer sich für die tatsächlich Armen interessiert, muss große Mühe aufwenden, um im lauten Gezeter der angeblich Benachteiligten die stummen Rufe derer zu vernehmen, die mit unserer Hilfe ihr Leben wirklich zum Besseren wenden könnten.

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Wahrscheinlich sagt nichts mehr aus über das Vertrauen in unsere marktwirtschaftliche Ordnung als die Bestsellerliste der deutschen Wirtschaftsbücher. Hier führt seit Monaten das Buch „Das Ende des Kapitalismus“ der taz-Autorin Ulrike Herrmann. Sie plädiert darin für ein „grünes Schrumpfen“ und eine „Überlebenswirtschaft“, die nicht auf Wirtschaftswachstum setzt, sondern auf eine Wirtschaftsordnung, die die „Kriegswirtschaft Englands in den 1940er Jahre“ zum Vorbild hat. Eine Kommandowirtschaft, die das Notwendige verteilt und zentral gesteuert wird.

Als hätten die Menschen aus den Experimenten des Sozialismus nichts gelernt. Wer es nochmals nachlesen will, dem empfehle ich das in der Edition Prometheus erschienene Buch von Kristian Niemietz „Sozialismus  – Die gescheiterte Idee die niemals stirbt“. Der Sozialismus, also die Hermann‘sche Kommandowirtschaft, ist immer gescheitert.

Die Pandemie und die Energiekrise in der Folge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine haben uns bereits ein Stück weit in diese Kommandowirtschaft geführt. Individuelle Freiheitsrechte wurden zugunsten eines kollektiven Gesundheitsschutzes untersagt oder massiv eingeschränkt. Höchstpreise und staatliche Bevorratung bei Energie sorgen für Eingriffe in den Preismechanismus, die nicht weit weg sind von einer Kriegswirtschaft – zumindest ist sie deren Folge.

Um die auf Privateigentum fußende Marktwirtschaft, also den Kapitalismus, ist es daher aktuell nicht gut bestellt. Dabei ist er eine globale Erfolgsgeschichte. Im Jahr 1800 betrug die Weltbevölkerung 1 Milliarde Menschen. Heute sind es 8 Milliarden und im Jahre 2050 sind es voraussichtlich 10 Milliarden. Im Jahr 1800 waren 90 Prozent der Bevölkerung Hungernde. 1980 waren es noch 20 Prozent und heute sind es zwar immer noch 10 Prozent. Diese 10 Prozent könnten aber problemlos ernährt werden, wenn neue Anbaumethoden, neues Saatgut und eine gefestigte Eigentumsordnung in den Entwicklungsländern eingeführt würden. Deren Kommandowirtschaft, die vielfach eine Kriegswirtschaft mit Korruption und Vetternwirtschaft ist, verhindert gerade dies. Wer eine Schrumpfwirtschaft anstrebt, will eigentlich zurück ins beginnende 19. Jahrhundert. Warum hegen so viele Menschen ein so großes Misstrauen gegenüber dem Kapitalismus und der Marktwirtschaft?

Vielleicht weil sie so erfolgreich sind. Die Marktwirtschaft gibt der Knappheit einen Preis. Damit sendet sie ein entscheidendes Signal an die Marktteilnehmer aus. Das ist das eigentliche Wunder. In einer freien Marktwirtschaft gibt es keinen Mangel, sondern Güter und Dienstleistungen werden überall und zu jeder Zeit in der richtigen Menge und zum richtigen Preis zur Verfügung gestellt. Das hat dazu geführt, dass ein ausreichendes Angebot an Waren und Dienstleistungen für alle zur Verfügung gestellt wurden.  Der Kapitalismus war sogar so erfolgreich, dass Güter und Dienstleistungen die Jahre zuvor Luxusgüter für Betuchte waren, plötzlich allen Menschen zur Verfügung standen. Fliegen war in den 1950er Jahren ein Luxus, heute ist eine Flugreise von München nach Berlin billiger als mit dem Auto oder Bahn zu fahren.

Dieser soziale Fortschritt wird vielfach kritisiert, weil das Flugzeug einen schlechteren ökologischen Fußabdruck hat als die Bahn. Was den Kritikern letztlich missfällt, ist die Nichtberücksichtigung von Externalitäten wie der Luftverschmutzung oder der CO2-Belastung. Doch vielfach werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. Natürlich verursacht der reine Betrieb eines Verkehrsflugzeuges pro Fahrgast im Vergleich zu einem ICE eine höhere CO2-Belastung, und dies spiegelt sich auch nicht im Fahr- bzw. Flugpreis wider. Doch eine Studie im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung weitet den Horizont. Denn für eine umfassende Betrachtung reicht nicht nur der reine Betrieb, sondern auch der Umfang und der Unterhalt der für den jeweiligen Verkehrsträger notwendigen Infrastruktur müssen berücksichtigt werden. Flugzeuge benötigen mit ihren Flughäfen weniger Fläche und fast keine weitere Infrastruktur. Die Bahn benötigt Bahnhöfe, Schienen, Tunnel, Brücken und vieles andere mehr, deren Instandhaltungs- und Unterhaltungsaufwand enorm ansteigen je schneller die Züge fahren. Hier schneidet dann plötzlich die Bahn gar nicht mehr so gut ab.

Weniger Fliegen ist deshalb vielleicht nicht die Lösung, sondern eher eine effizientere Antriebstechnik mit einem geringeren Verbrauch oder alternativen Kraftstoffen. Und eine Verdammung des Individualverkehrs ist dann auch nicht notwendig, sondern eine bessere Nutzung des Autos wäre besser, indem im Durchschnitt mehr Menschen mit einem Auto fahren. Und auch da hilft es, auf alternative Kraftstoffe zu setzen und effizientere Motoren zu entwickeln. Und hier kommen wir zur Hermann‘schen Kommandowirtschaft zurück. Woher soll ein Kommandant in der Regierung die notwendigen Informationen über den Bedarf an Verkehrsmitteln, an welchem Ort und zu welcher Zeit haben. Dieses umfassende Wissen hat kein Kommandant, keine Regierung oder Parlament. Dazu braucht es Unternehmer, die Risiken eingehen und durch Versuch und Irrtum herausfinden, welches Angebot das richtige ist. Um es mit Friedrich-August von Hayek zu sagen: „Dass in die Ordnung der Marktwirtschaft viel mehr Wissen von Tatsachen eingeht, als irgendein einzelner Mensch oder selbst irgendeine Organisation wissen kann, ist der entscheidende Grund, weshalb die Marktwirtschaft mehr leistet als irgendeine andere Wirtschaftsform.“

 

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Deutschland wird zur Mittelmäßigkeit erzogen. An die Stelle von Tatkraft, Erfindergeist und Ambition tritt die Worthülse des Zusammenhalts. Das degradiert den Bürger vom selbstverantwortlichen Problemlöser zum ohnmächtigen Erfüllungsgehilfen der Staatsräson.

Irgendwann wurde die Mittelmäßigkeit in Deutschland zur Tugend. Heutzutage müssen politische Parteien bis zur Unkenntlichkeit in „der Mitte“ verschmelzen, um beim Wähler anzukommen. Ideologische Unterschiede wurden so lange zu Kompromissen relativiert, bis sich die Wähler entweder den Irren an den Rändern des (demokratischen) Spektrums zuwenden oder aber gleich zu Hause bleiben. Und auch in der Wirtschaft sieht es nicht besser aus. Erstmals befindet sich unter den 100 wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt kein einziges deutsches mehr. Zum Vergleich: Frankreich ist mit fünf Unternehmen, Großbritannien mit vier und die kleine Schweiz mit drei vertreten. Aber, aber! Deutschland ist doch das Land der „hidden Champions“, der starken Mittelständler mit stilsicherer Firmenkrawatte. Als ob irgendein Unternehmen irgendwann einfach aufhören würde zu wachsen, um nur bloß im Mittelstand zu bleiben. In Wahrheit ist das Mittelmaß keine Tugend. Es ist die schwache Rechtfertigung für eine tief verwurzelte Ambitions- und Mutlosigkeit und Ausdruck einer Politik, die keinen Sinn mehr für das Individuum hat.

Der Staat sollte den Menschen dienen

Individualismus gilt mittlerweile als obszön. In seiner Neujahrsansprache bemühte Olaf Scholz vor allem ein Narrativ: Zusammenhalt sei unser „größtes Pfund“. Erstmal ist das nichts als eine pathetische Worthülse. Was ist schließlich Ausdruck dieses Zusammenhalts? Etwa die gigantische schuldenfinanzierte Subventionierung von Energiekosten? Wurden zukünftige Generation denn gefragt, ob sie die Rechnung übernehmen wollen für eine jahrzehntelange fehlgeleitete Energiepolitik? Nein, diese Politik beruht nicht auf Zusammenhalt, sie beruht auf der Beruhigung der Massen in bester Bismarckscher Manier. Zusammenhalt ist das, was Ukrainer angesichts Putins Terror zeigen, oder Iranerinnern in ihrem Kampf für mehr Würde und Freiheit. Hier finden sich mutige Menschen aus freien Stücken und im klaren Bewusstsein der Kosten und Konsequenzen zu einer Sache zusammen, für die sie kämpfen: Das Überleben ihrer Kinder und Nachbarn, die Freiheit von Barbarei und Unterdrückung. Hier wird in einer Zeit größter Not das Wohl der Gemeinschaft zum obersten Ziel von Individuen. Glücklicherweise etwas, das in den letzten 70 Jahren in Deutschland geborene Menschen schwer nachvollziehen können.

Der „Zusammenhalt“, wie der Kanzler den abstrakten Staat pittoresk umschreibt, sollte grundsätzlich der Entfaltung der vielen Einzelnen dienen. Wie es Bundespräsident Roman Herzog anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens der Bundesrepublik im Jahr 1999 ausdrückte: „Unser Staat ist zuallererst ein freiheitlicher Rechtsstaat, der die Rechte und Würde seiner Bürger gewährt und sichert. Als die Mitglieder des Parlamentarischen Rates den Artikel 1 des Grundgesetzes formulierten (‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘), hatten sie keine unverbindliche Feiertags-Losung im Sinn. Sie wollten zunächst die radikale Absage an jeden Totalitarismus und an jede Staatsüberhöhung. Sie wollten einen dienenden Staat, der für die Menschen da ist – und nicht die Menschen für ihn.“

Das Mittelmaß wird zum präferierten Lebenskonzept

So gut und warmherzig sie zunächst klingen mag, die inhaltsleere Zusammenhalterhetorik des Kanzlers offenbart keinen Sinn für das Individuum. Sie hat nur die Egalisierung im Sinn. Und tatsächlich überhöht sie den Staat zum mystischen Retter und erniedrigt den Bürger zum ansonsten ohnmächtigen Erfüllungsgehilfen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Damit propagiert Scholz ein Gesellschaftsbild, in dem das Mittelmaß das präferierte Lebenskonzept ist. Auf den Einzelnen kommt es hier nicht mehr an. Und der Einzelne hat auch keinen Grund, aus der Masse herauszustechen. Sein Lebenszweck ist es, Teil des großen Ganzen zu sein. Dies manifestiert sich in einem stetig wachsenden Staat, der seinen Bürgern immer mehr Verantwortung abnimmt. Und in einer politischen Elite, die das Streben danach, durch Leistung aus der Masse hervorzustechen, zur Obszönität erklärt.

Dabei bräuchte es gerade angesichts der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, findige und mutige Menschen, die etwas bewirken wollen. Staaten werden weder die Auswirkungen der globalen Klimaveränderungen bewältigen können noch die Digitalisierung umsetzen oder Nachhaltigkeit mit Effizienz vereinen. Dafür braucht es keinen Zusammenhalt, es braucht Menschen, die mit ihren einzigartigen Ideen hervorstechen und andere inspirieren. Stellen wir uns doch nur einmal vor, der Bundeskanzler würde in seiner Neujahrsansprache besondere Leistungen unserer Mitbürger herausstellen. Also nicht die vermeintlichen Leistungen „seiner“ Regierung, sondern die der Menschen, für die er eigentlich arbeiten sollte; die Geschichten erfolgreicher Unternehmer, Wissenschaftler, Sportler, Künstler. Aber das würde ja bedeuten, den Einzelnen aus dem Kollektiv hervorzuheben.

„Sicherheit – Schießt dir in den Kopf mit deiner Kleinlichkeit“

Die vermeintliche Tugend der Mittelmäßigkeit ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Alles, was das Individuum herausstechen lässt, gilt als unschicklich: Wettbewerb, Ambitionen, Streben nach Erfolg, ja auch der Erfolg selbst. Das fängt in den Schulen an, in denen Schulnoten abgeschafft werden. Es geht weiter im tertiären Bildungssektor, in dem am besten möglichst viele junge Menschen durch Universitäten geschleust werden sollen, ohne Rücksicht auf ihre Begabungen und Fähigkeiten. Und es mündet in eine Gesellschaft, in der sich der Einzelne lieber in der Masse versteckt und mit Missgunst und Neid auf die wenigen blickt, die herausstechen.

Das zeigt sich beispielsweise daran, dass mittlerweile über ein Viertel der Hochschulabsolventen eine Anstellung im öffentlichen Dienst anstreben. Verwalten statt Gründen ist hier die Devise. Ein risikoarmer und kalkulierbarer Lebensweg ist das Ziel. Und eine Gesellschaft, die sich nur noch verwaltet und in der keiner mehr Verantwortung übernimmt für sich und andere ist das Ergebnis. Eine Lebenseinstellung, die der Sänger „Faber“ so treffend ausdrückt mit „Sicherheit – Schießt dir in den Kopf mit deiner Kleinlichkeit“.

Der Austritt aus der selbstverschuldeten Mittelmäßigkeit

Zwei Mal wurden die Bürger des Landes zuletzt mit leeren Appellen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt konfrontiert, denn die Weihnachtsrede des Bundespräsidenten unterschied sich lediglich dadurch von der Neujahrsansprache des Kanzlers, dass sie (noch) weniger griffig war. Angesichts der bleiernen Lage im Land bräuchte es stattdessen einen Appell zum Austritt aus der selbstverschuldeten Mittelmäßigkeit. Und es bräuchte Vorbilder, die Tatkraft und Selbstverantwortung vorleben und den Mut aus ihren Mitmenschen herauskitzeln. Denn was gibt es denn Besseres als selbst etwas zu (er)schaffen? Egal in welcher Berufung.

Deshalb möchte ich zurückkehren zu Roman Herzog und Ihnen, quasi als Ersatz für die kläglichen Reden von Staatsoberhaupt und Regierungschef zum Jahreswechsel, mitgeben, was der damalige Bundespräsident in seiner „Ruck-Rede“ formulierte:

„Ich ermutige zur Selbstverantwortung, damit unsere jungen Menschen Freiheit als Gewinn und nicht als Last empfinden. Freiheit ist das Schwungrad für Dynamik und Veränderung. (…) Wir müssen unserer Jugend zu mehr Selbständigkeit, zu mehr Bindungsfähigkeit, zu mehr Unternehmensgeist und mehr Verantwortungsbereitschaft Mut machen. Wir sollten ihr sagen: Ihr müsst etwas leisten, sonst fallt ihr zurück. Aber: Ihr könnt auch etwas leisten. Es gibt genug Aufgaben in unserer Gesellschaft, an denen junge Menschen ihre Verantwortung für sich und das Ganze beweisen können. (…) Wir müssen jetzt an die Arbeit gehen. Ich rufe auf zu mehr Selbstverantwortung. Ich setze auf erneuerten Mut. Und ich vertraue auf unsere Gestaltungskraft. Glauben wir wieder an uns selber. Die besten Jahre liegen noch vor uns.“

Photo: Defence Intelligence of Ukraine (CC BY 4.0)

Am 12. Dezember haben wir unsere Weihnachtsfeier begangen. Zu dem Anlass haben wir nicht nur ukrainisches Essen serviert, sondern auch um Spenden für die Menschen in der Ukraine gebeten. Unser Research Fellow Iryna Kovalenko aus Kyjiv hat ein paar Gedanken mit uns geteilt.

Heute haben wir uns hier versammelt, um Weihnachten zu feiern – den hellsten Tag in der christlichen Welt, einen Tag der Liebe und Hoffnung, ein Fest der Geburt und der Vitalität.

Weihnachten ist ein Beispiel dafür, dass ein Kind zu Wundern fähig ist. Kinder gestalten die Zukunft, drehen das Rad der Geschichte weiter und verändern die Welt: machen Entdeckungen, retten andere, sind bereit zur Selbstaufopferung wie Christus.

Serhiy Zhadan, der herausragendste zeitgenössische Dichter der Ukraine, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, antwortete auf die Frage, was im Krieg am meisten geschützt werden sollte: die Kinder.

Kinder sind die Hoffnung der Welt. Leider verstehen das die Feinde der Menschheit, die Herodes, nur allzu gut. Die Ziele ihrer Bomben sind daher Krankenhäuser, Entbindungsheime, Kindergärten und Schulen. Leider werden 443 ukrainische Kinder Weihnachten nicht mehr erleben. Russen haben sie im Krieg gegen die Ukraine getötet, weitere 855 Kinder verletzt und mehr als 13.000 wurden zur sogenannten Umerziehung deportiert. Unter den Toten sind schwangere Frauen, wie eine 28-jährige Frau aus Kyiv, die im sechsten Monat schwanger war, als am Morgen des 17. Oktober eine russische Drohne in ihr Haus stürzte. Ein zwei Tage altes Baby starb in der Nacht des 23. November in Vilniansk in der Region Saporischschja. Wir werden nie wissen, ob diese ungeborenen und toten Kinder die Welt hätten verändern können.

Wie viele Kinder mussten ihr Zuhause verlassen und in Kellern oder U-Bahnstationen leben, weil ihre Häuser von russischen Raketen zerstört wurden? Wie viele Kinder werden nie wieder ihre Väter und Mütter sehen, weil die Eltern gegangen sind, um ihre Familien, ihre Zukunft und ihre Freiheit zu schützen, aber nicht zurückkehren konnten? Diese Fragen bleiben offen. Aber vielleicht können diese Kinder die Welt besser, freundlicher und sicherer machen.

Zu Weihnachten ist es üblich, zu vergeben und Barmherzigkeit zu üben, aber vielleicht ist in diesem Jahr besonders wichtig, sich nicht von Angst überkommen zu lassen. Haben Sie keine Angst vor dem Bösen in seinen Millionen Gesichtern, sondern haben Sie den Mut, sich ihm jeden Tag zu stellen. Denken Sie daran, dass die Ukraine auch Ihre Freiheit und Ihr friedliches Weihnachtsfest und Ihre Kinder verteidigt, die die Welt verändern können.

Photo: Felipe Giacometti from Unsplash (CC 0)

Von Christian Schmidt, Research Fellow bei Prometheus Juni – Juli 2022. Christian untersucht im Rahmen seines Promotionsstudiums an der Justus-Liebig-Universität Gießen, wie das Thema Venture Capital in der Forschung behandelt wird. Zuvor hat er in Paderborn, Hanoi und Shanghai International Business Studies studiert.

Start-Ups sind die Motoren der volkswirtschaftlichen Entwicklung. Die Zukunftsfähigkeit Deutschlands hängt davon ab, ob und wie neue Unternehmen kreative Lösungen für Probleme der Zukunft finden. Umso besorgniserregender ist deshalb der Trend, dass es immer weniger gewerblicher Existenzgründungen gibt. Ein Grund dafür ist der mangelhafte Zugang junger deutscher Unternehmen zu Kapital.

Die Beschaffung von Kapital stellt besonders in der Frühphase von Unternehmungen ein Hindernis dar. Denn das Risiko des Scheiterns ist hoch. Um frühe Finanzierungsengpässe zu vermeiden, streben Gründer eine externe Finanzierung an, vorzugweise über das „Einsammeln“ von Risikokapital (oder auch: Venture Capital bzw. Wagniskapital). Wagniskapitalgesellschaften auf der anderen Seite – als eine Ausprägung von privatem Beteiligungskapital – bevorzugen in ihrer Förderentscheidung Startups mit großem Wachstumspotenzial. Diesen kaufen sie Eigentumsanteile ab und stellen im Gegenzug Finanzmittel und einen Mentor an die Seite, der mit seiner Branchenerfahrung, (Führungs-)Expertise sowie seinem Netzwerk der jungen Unternehmung helfen soll. Wagniskapital wirkt: Studien zeigen regelmäßig, dass Wagniskapital-finanzierte Start-Ups auch bei Finanzierungsrunden in der Zukunft deutlich erfolgreicher sind.

In den letzten Jahren kletterte die Summe der Wagniskapitalinvestitionen scheinbar unaufhaltbar nach oben. So verfünffachte sich die weltweite jährliche Summe an Investitionen von 66 Milliarden Dollar im Jahr 2010 bis auf 320 Milliarden Dollar im Jahr 2020. Eine Analyse des Startup-Umfeldes in Deutschland zeigt eindeutig den großen Umbruch, der sich in dieser Wachstumsphase auch bei Gründungsfinanzierungen hier zu Lande vollzog: Altbewährte Player wie Business Angels oder unabhängige Venture Capital Gesellschaften wurden durch neue Formen der Start-Up Unterstützung ergänzt: Crowdfunding-Plattformen, Corporate Venture Capital, Governmental Venture Capital sowie Inkubatoren und Accelerators erweitern die traditionelle Kapitalgeberwelt zusammen mit Exit-Optionen wie IPOs (Initial Public Offerings) oder Strategien (z.B. der Syndikatsbildung) von Wagniskapitalgebern.

Trotz dieser Veränderungen und des zunehmenden Wachstums, unterscheidet sich die deutsche Wagniskapitalszene dennoch gravierend von ihren internationalen Pendants: Während in Skandinavien, in den USA oder Großbritannien bereits seit Jahren Gelder aus den Rentenkassen in Venture Capital Töpfe fließen, ist dies in heimischen Gefilden aufgrund regulatorischer Vorgaben nicht möglich. Ebenso besorgniserregend ist die durchschnittliche Investitionshöhe deutscher Wagniskapitalgeber: Bezogen auf das durchschnittliche Handelsvolumen liegt Deutschland im EU-Vergleich nur im unteren Mittelfeld. Damit man sich mit dem europäischen Vorreiter in Sachen Wagniskapital, Großbritannien, messen kann, müssten hiesige Jungunternehmen etwa doppelt so viel Geld von Venture Capital-Investoren erhalten. Schon um das Level unseres Nachbarlandes Frankreich zu erreichen, bräuchte es ein Drittel mehr an Wagniskapital. Der heimische Investitionsmangel führt zwangsläufig dazu, dass sich vielversprechende Start-Ups an internationale Investoren wenden – und dort auch oft fündig werden. Das Ergebnis ist, dass viele innovative und erfolgsversprechende Jungunternehmen gänzlich ins Ausland abwandern. Die deutsche Wagniskapitallandschaft muss daher den nächsten Entwicklungsschritt gehen, indem sie die Rahmenbedingungen für finanzstarke Wagniskapitalgeber verbessert, um so einen attraktiveren Wachstumskontext für Start-Ups zu schaffen.

Das Problem hat die politischen Akteure erreicht: Die neue Start-Up-Strategie des Bundeswirtschaftsministeriums sieht vor, dass Jungunternehmer schneller und leichter an große Investitionen deutscher Wagniskapitalgeber kommen sollen. Weitere zentrale Eckpunkte des Programms sind Erleichterungen für die Gewinnung neuer Mitarbeiter & Fachkräfte (aus dem Ausland) und die Vereinfachung und Digitalisierung von Gründungsmöglichkeiten. So sollen zum Beispiel Gründungen künftig innerhalb von 24 Stunden möglich sein. Ebenso sollen Wagniskapitalfonds in Zukunft stärker gefördert werden, indem sie von der Umsatzsteuer befreit werden. Ein wichtiger Faktor für den Erfolg der Strategie wird eine engere Zusammenarbeit von privaten und öffentlichen Investoren sein – der High-Tech-Gründerfonds ist hier ein Vorbild. Zudem ist es unabdingbar, dass Start-Ups in allen Wachstumsphasen Finanzierungsmöglichkeiten finden: Es ist ein großes Problem, dass nach der ersten erfolgreichen Investitionsrunde von Wagniskapital der Zugang zu Finanzmitteln in den Folgerunden häufig verwehrt bleibt. Vor diesem Hintergrund ist die Idee des Wirtschaftsministeriums sinnvoll, dass in Zukunft auch Versicherungen und Pensionskassen als Wagniskapitalgeber auftreten sollen. Doch bereits jetzt stößt dieser Vorschlag auf Widerstand in der Politik.

Die bisherigen Schwachstellen der Gründerfinanzierung in Deutschland wurden richtig erkannt: das Gros der Jungunternehmer-Szene begrüßt die formulierte Strategie. Allerdings betonen sie auch, dass sich das Programm nicht (wieder) im Dickicht der Bürokratie verlieren dürfe. Einige Aspekte wie die Besteuerung von Mitarbeiterbeteiligungsprogrammen müssen daher dringend reformiert werden. Auch wenn man vorsichtig optimistisch sein darf, so bleibt noch viel zu tun, um die deutsche Wagniskapitalszene wettbewerbsfähig zu machen.