Photo: Conor Lawless from Flickr (CC BY 2.0)

Die Preise für Lebensmittel sind im vergangenen Monat um 11,1 Prozent gestiegen. Wir spüren das beim Kauf von Butter, Milch und anderen Grundnahrungsmitteln. Natürlich ist die Grundlage für diese Inflation bei der Geldpolitik zu suchen. Ansonsten würden ja bei gleicher wirtschaftlicher Lage die Preise an anderer Stelle sinken. Doch das tun sie nicht. Die Preise steigen insgesamt an. Der breite Warenkorb des Statistischen Bundesamtes hat im vergangenen Monat einen Anstieg von 7,9 Prozent errechnet. Daher ist klar, dass die Pandemie und der Ukraine-Krieg zwar die Lieferketten unterbrochen haben, aber dies nicht die Ursachen der Inflation sind. Die Ursache liegt im aufgestauten Geldüberhang der EZB, der jetzt auf eine Angebotsverknappung trifft. So kommt der Geldüberhang bei den Konsumgüterpreisen an und trifft die breite Masse der Bevölkerung.

Doch was kann in einer solchen Situation getan werden? Natürlich muss die EZB, so bitter diese Entwicklung für die am Tropf der billigen Zinsen hängenden Banken, Industrie und Häuslebauer ist, die Zinswende einleiten. Sie hätte es längst tun müssen. Aber auch andere können etwas tun. Die EU-Kommission könnte einseitig die Zölle auf Milcherzeugnisse, Fleisch, Getreide und Zucker abschaffen oder zumindest aussetzen. Trotz drohender Versorgungsprobleme durch den Ukraine-Krieg erhebt die EU Zölle von über 50 Prozent auf diese wichtigen Lebensmittel und verteuert damit zusätzlich die Preise. Gleichzeitig sorgt die EU mit ihrem Flächenstilllegungsprogramm in der Landwirtschaft dafür, dass auf 3 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr angebaut werden kann. Deutschland hat dies sogar auf 4 Prozent ausgeweitet. Der Abbau von 4 Prozent landwirtschaftlicher Fläche beträgt umgerechnet rund 4 Millionen Hektar Produktionsfläche. Dies entspricht dem Importbedarf an Weizen von Ägypten, Äthiopien, Marokko, Südafrika und Tunesien, der in der Vergangenheit im Wesentlichen aus Russland und der Ukraine bedient wurde. Jetzt droht in Afrika eine Hungerkatastrophe.

Eine Antwort auf diese Entwicklung ist also der Abbau von Handelsbeschränkungen. Dies muss ohne Tabus und Partikularinteressen erfolgen. Wir brauchen mehr Freihandel und mehr Globalisierung. Deutschland könnte damit anfangen und endlich das bilaterale Handelsabkommen mit Kanada (CETA) ratifizieren und gleichzeitig der Welthandelsorganisation WTO neues Leben einhauchen. Der Westen muss mit mehr Kooperation untereinander auf die Zeitenwende durch den Angriffskrieg Putins auf die Ukraine reagieren. Ansonsten sind die ökonomischen und humanitären Folgen verheerend.

Vielleicht sollte sich der Westen am ersten Freihandelsabkommen der Neuzeit ein Beispiel nehmen. 1860 haben Frankreich und England das erste Freihandelsabkommen geschlossen, bei dem England einseitig auf alle Zölle und Handelsbeschränkungen verzichtet hat. Der Initiator dieser Freihandelsbewegung, der Liberale Richard Cobden, schaffte es, diese Freiheitsidee nicht nur in England zu verbreiten, sondern in der ganzen Welt. Ohne ihn hätte es die Globalisierung, die internationale Arbeitsteilung und den wachsenden Wohlstand des späten 19. Jahrhunderts in dem Ausmaß nicht gegeben. Bei allen Rückschlägen, die wir aktuell durch den Angriffskrieg auf die Ukraine erfahren, ist die Idee des Freihandels aktueller denn je. Die Abschottung und die Rückabwicklung führen nicht zu einer friedlicheren Welt, ganz im Gegenteil. Und deshalb ist das, was Richard Cobden bereits im April 1842 schrieb, immer noch richtig. „Der Freihandel wird unweigerlich, indem er die wechselseitige Abhängigkeit der Länder untereinander sichert, den Regierungen die Macht entreißen, ihre Völker in den Krieg zu stürzen.“

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Von Fabian Kurz, Doktorand der Volkswirtschaftslehre, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues und Florian Rösch, Masterstudent Money and Finance an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt.

Entgegen dem weit verbreiteten Eindruck, dass die Erwerbstätigkeit immer mehr den gesamten Alltag bestimmt, nimmt die Erwerbstätigkeit heute weniger Zeit in Anspruch als in der nahen und fernen Vergangenheit.

Vier-Tage-Woche oder gleich ein bedingungsloses Grundeinkommen? Die Forderung nach einer Verkürzung der Erwerbszeit, am besten bei vollem Lohnausgleich, darf in keinem Wahlkampf fehlen.

Aber arbeiten wir tatsächlich immer mehr, sodass unsere Familien und Hobbies leiden und es einer politischen Reduzierung des Erwerbsumfangs bedarf? Zwar mag für einige der Umfang der Erwerbstätigkeit sehr hoch sein, doch lässt sich diese Beobachtung nicht verallgemeinern, wie ein Blick auf verschiedene Statistiken zur Zeitverwendung zeigt.

Deutschland: Ein genauerer Blick

Das Statistische Bundesamt führt in großen Abständen Befragungen über die Zeitverwendung der Bevölkerung durch. Die Erhebung untersucht wie Menschen die 24 Stunden eines Tages verwenden. Für die Zeit nach der Wiedervereinigung liegen bisher zwei Erhebungen vor, die in den Jahren 1990/91 und 2012/13 durchgeführt wurden.

Während 1990/91 jeder Deutsche im Durchschnitt 3 Stunden und 14 Minuten eine Erwerbstätigkeit ausübte, sind es 2012/13 nur noch 2 Stunden und 43 Minuten – eine Reduzierung von 16 Prozent. Männer sind 1990/91 im Durchschnitt 4 Stunden und 25 Minuten ihrer Erwerbstätigkeit nachgegangen. 2013/14 sind es noch 3 Stunden und 19 Minuten. Das entspricht einem Rückgang von fast 25 Prozent.

Im Vergleich zu Männern ist die durchschnittliche Zeit, die Frauen mit Erwerbstätigkeit verbringen, nahezu gleichgeblieben, mit einem leichten Rückgang von 2 Minuten auf 2 Stunden und 9 Minuten. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Frauenerwerbsquote im Vergleich zu der der Männer seit 1991 deutlich stärker angestiegen ist. Trotz der gestiegenen Erwerbsbeteiligung bei Frauen ist für die Bevölkerung als Ganzes ein Trend zu weniger Erwerbszeit pro Tag auszumachen.

Schlafen und ein „bisschen“ Haushalt

Doch womit verbringen wir unsere Zeit, wenn wir nicht gegen Bezahlung arbeiten? Die Erwerbstätigkeit macht zumindest nur einen kleinen Teil aus und ist erst die viertgrößte Position.

Die meiste Zeit des Tages verbringen die Deutschen schlafend. Im Durchschnitt schlafen wir knapp 8,5 Stunden am Tag. Nach dem Schlaf nehmen die Haushaltsführung und Betreuung der Familie die meiste Zeit des Tages in Anspruch. Für die Haushaltsführung wenden die Deutschen im Durchschnitt 3 Stunden und 7 Minuten am Tag auf. Das ist deutlich weniger als 1990/91, als die Haushaltsführung täglich noch gut eine halbe Stunde mehr in Anspruch nahm. Auf die Haushaltsführung folgt die Mediennutzung mit gut 3 Stunden, die im Vergleich zu 1990/91 um eine halbe Stunde anstieg. Diese Entwicklung trifft Männer und Frauen im ähnlichen Maße.

Die Zeit, die wir mit Sport, Hobbys und Spielen verbringen, ist leicht von 1 Stunde und 8 Minuten auf 59 Minuten gesunken. Diese unerwartete Entwicklung kann mit der deutlich intensiveren Mediennutzung erklärt werden. Die Nutzung von Medien wie Handys oder Computer in der frei verfügbaren Zeit hat deutlich an Bedeutung gewonnen.

Die Zeit, die die Befragten mit Bildungsaktivitäten zubringen, liegt nach wie vor stabil bei etwa einer halben Stunde am Tag. Zusammenfassend verbringen wir mehr Zeit mit angenehmen Dingen wie Hobbys oder dem sozialen Leben und weniger Zeit mit der Arbeit oder der Haushaltsführung.

Erwerbstätigkeit historisch niedrig – nicht nur in Deutschland

Ein Blick auf einen längeren Zeitraum lässt erkennen, dass der Trend zu weniger Erwerbszeit außerhalb des eigenen Haushalts pro Tag in Deutschland nicht erst seit den 1990er Jahren besteht. Seit 1870 gingen die jährlichen Erwerbsstunden von Vollzeitbeschäftigten um fast 60 Prozent zurück.

Eine ähnliche Entwicklung kann auch in anderen Staaten beobachtet werden. In Frankreich gingen die jährlichen Erwerbsstunden seit 1870 um mehr als 50 Prozent zurück. Im Unterschied zu Deutschland stagnieren dort die Zahlen seit dem Jahr 2000. In den USA kam es seit 1870 zu einem Rückgang von über 40 Prozent. In allen drei Ländern ist die Erwerbszeit historisch niedrig. Im selben Zeitraum stieg das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland um mehr als das 15-Fache, in Frankreich um mehr als das 12-Fache und in den USA um mehr als das 11-Fache. Die Reduktion der Erwerbszeit ging also mit einem starkem Anstieg des Wohlstandes einher.

Der Rückgang der jährlichen Erwerbsstunden von Vollzeitbeschäftigten wird nicht nur durch einen Rückgang der wöchentlichen Erwerbszeit begleitet, sondern auch durch einen Anstieg der erwerbsfreien Tage, wie Urlaubs- und Feiertage. Die Anzahl der freien Tage stieg vor allem in Deutschland und Frankreich stark an. Während 1870 im Durchschnitt in Deutschland jeder Vollzeitbeschäftigte nur 13 freie Werkstage hatte, waren es 43 Tage im Jahr 2000.

Die Arbeit – Lebensmittelpunkt unseres Alltags?

Entgegen dem weit verbreiteten Eindruck, dass die Erwerbstätigkeit immer mehr den gesamten Alltag bestimmt, nimmt die Erwerbstätigkeit heute weniger Zeit in Anspruch als in der nahen und fernen Vergangenheit. Wir arbeiten weniger und haben mehr freie Tage.

Trotz weniger Erwerbszeit stieg der materielle Wohlstand deutlich. Diese Erkenntnis lässt hoffen, dass auch in Zukunft Wohlstandsgewinne mit weniger Erwerbszeit zu erreichen sein werden. Politischen Handlungsbedarf, um einem vermeintlichen Trend zu immer längeren Erwerbszeiten entgegenzuwirken, scheint es jedenfalls nicht zu geben.

Erstmals erschienen bei IREF.

Photo: Nghia Le from Unsplash (CC 0)

Kurz vor der Bundestagswahl sind die Wahlaussagen der Parteien überall präsent. Auf Plakat, im Fernsehen oder im Netz. Kandidatinnen und Kandidaten sprechen Sie an, was sie alles können und wollen, was sie ermöglichen und verändern werden. Einiges davon stimmt. Bei einigem wird vielleicht auch Augenwischerei betrieben. Das ist Ihnen bestimmt auch klar.

 

Was Abgeordnete, oder jene, die es werden wollen, Ihnen aber vielleicht nicht erzählen werden, ist, was Politiker nicht können. Und was sie womöglich auch gar nicht können sollten. Und da möchte ich Ihnen aus meiner Erfahrung als Politiker seit einigen Jahrzehnten und seit 2005 in der Bundespolitik doch gerne darlegen, wo die Politik aus meiner Sicht an ihre Grenzen kommt: Wenn es darum geht, die großen Linien zu prägen, die wichtigen Themen zu setzen.

 

Wir regulieren, besteuern – im besten Fall entlasten. Aber wir sind in der Regel auch darauf angewiesen, dass wir dafür Zustimmung finden. Wir können nicht lange gegen gesellschaftliche Trends arbeiten. Deswegen hat eine rot-grüne Regierung die wichtigsten Reformen seit Ludwig Erhard angestoßen – die Hartz-Reformen. Deswegen ist eine schwarz-gelbe – trotz meiner Gegenstimme – aus der Atomenergie ausgestiegen.

 

Als mir das klar wurde, habe ich mir irgendwann gesagt: Wir brauchen so einen Spieler wie Prometheus. Wir brauchen Akteure, die auch mal langfristiger denken als bis zur nächsten Wahl. Wir müssen unsere Ideen, Werte, Überzeugungen, Ideale in die Gesellschaft hineintragen, auf die Straße, in die Köpfe und Herzen der Menschen. Wir müssen erreichen, dass die Gesellschaft, dass der Wähler Erwartungen formuliert, die von dem geprägt sind, was für uns wichtig ist. Wir müssen erreichen, dass wie etwa vor vierzig Jahren in Großbritannien eine überzeugte Liberale wie Margaret Thatcher mit einer klaren Reformagenda von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt werden kann.

 

Die Linken verstehen das schon lange. Die Jahrzehnte lange, unermüdliche Arbeit von Organisationen wie Greenpeace und Attac hat die Debatten und Lösungsvorschläge zu Themen wie Umweltschutz, Ungleichheit, Enteignung, Wachstumsstop geprägt, die wir heute führen. Einer Organisation wie Campact ist es gelungen, ein Land wie Deutschland, das über Jahrzehnte der Exportweltmeister war, so zu verdrehen, dass Menschen hier mehrheitlich gegen Freihandelsabkommen waren und zu Tausenden auf die Straße gingen.

 

Ich sage es Ihnen ganz klar: an diesen Großtrends waren Politiker nur insofern beteiligt, als sie darauf reagiert haben und sie dann im Detail umgesetzt haben. Nicht einmal die größten Alpha-Tiere in der Politikarena können sich gegen die öffentliche Meinung stemmen.

 

Wer etwas verändern will – langfristig –, der muss den Weg wählen, der ohne den Applaus beim Parteitag auskommt; ohne Diäten und Fahrbereitschaft; ohne Ausschussposten und Neujahrsempfänge. Wer etwas verändern will, der muss junge Menschen ansprechen, die noch offene Köpfe und Herzen haben. Der muss eine Investition in die Zukunft machen: Die Leute ansprechen und begeistern, die in zehn fünfzehn oder zwanzig Jahren stellvertretende Chefredakteure, Professoren, Buchautoren und Institutsdirektoren sein können.

 

Die Linken haben das verstanden. Darum sehen in vielen Teilen des Landes Lehrpläne an Schulen und Universitäten so aus wie sie aussehen. Darum wählen die Volontäre der ARD zu 92 Prozent grün-rot-rot. Darum fühlen sich Meinungsmacher in unserem Land moralisch ermächtigt, mit Fakten kreativ umzugehen „um der guten Sache willen“.

 

Wir Freunde der Marktwirtschaft und der Freiheit, wir Liberalen – das muss man so offen und schonungslos sagen: wir haben da ganz schön versagt. Wir haben dieses Gebiet sträflich vernachlässigt. Wir haben gedacht, dass es reicht, wenn man genug Prozente bei einer Wahl und genug Stellen in einer Regierung hat. Das ist nicht so. Das hätten wir schon in der Vergangenheit sehen müssen. Das sehen wir jetzt. Und am Sonntag wahrscheinlich auch.

 

Wir bei Prometheus sind überzeugt, dass wir besser werden müssen. Und dass wir besser werden können. Wir können mithalten mit den linken Meinungsmachern. Wir müssen nicht sang- und klanglos das Feld räumen. Und in den über sechs Jahren unseres Bestehens haben wir auch schon oft genug gesehen, dass das funktionieren kann. Wer heute für die Freiheit brennt, findet den Weg zu uns. Gerade die jungen Menschen, die dem Land in der Zukunft ein Gesicht geben werden. Als Gäste bei unseren Veranstaltungen, als Praktikanten und Research Fellows. Als Teil eines wachsenden Netzwerks. Und so werden wir mehr und mehr zur Stimme der Freiheit. Egal, wem Sie am Sonntag Ihre Stimme geben – sie können davon ausgehen, dass wir immer der Freiheit eine Stimme geben werden. Darauf können Sie sich verlassen – und wir freuen uns, wenn wir uns auf Ihre Unterstützung auch verlassen können bei dieser zentralen Aufgabe für unsere Gesellschaft.

Photo: Changsu Im from Unsplash (CC 0)

Die Pandemie und die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft werden auch in diesem Jahr eine prägende und dominierende Rolle spielen. Es wird hoffentlich nicht von Dauer sein, dass Staat und  Regierung meinen, alles finanzieren und regeln zu können. Die Grenzen der Wirksamkeit staatlichen Handelns sind deutlich sichtbar. Bald ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland haben sich staatliche Behörden nur unzureichend auf neue Herausforderungen eingestellt. Wie viel schneller waren da im letzten Frühjahr und Sommer die Supermärkte und Cafés! Infektionszahlen werden von den Gesundheitsämtern teilweise noch per Fax gemeldet, Impfstoffe zu spät bestellt, die Verteilung schlecht organisiert und Mutationen erst Wochen nach dem Auftauchen auf ihre Verbreitung untersucht. Von den Katastrophen im Bildungsbereich ganz zu schweigen. Man muss nicht die große Keule des DDR-Sozialismus herausholen, um festzustellen, dass staatliche Planung und Planerfüllung eklatant auseinanderfallen.

Es ist zu befürchten, dass dieses schlechte Management die ökonomische Situation und die vielen Begleiterscheinungen der Krise bis weit in den Herbst hinein und darüber hinaus verschlechtert. Dabei kann eine Krise eigentlich auch eine große Chance sein, bisheriges Handeln zu hinterfragen und sich wieder stärker an Grundsätzen zu orientieren.

Hier gibt es eine große Tradition, auf die es sich aufbauen ließe. Walter Eucken, der am 17. Januar 130 Jahre alt geworden wäre, hat in seinen „Grundsätzen der Wirtschaftspolitik“ Prinzipien formuliert, die eine gute Wirtschaftspolitik ausmachen. Wie schaut es heute mit der Einhaltung dieser Prinzipien aus? Ist dieses Land auf Kurs oder spielen diese ordoliberalen Grundsätze keine Rolle mehr?

Als konstitutiv sah Eucken ein funktionierendes Preissystem ohne Eingriff des Staates durch Mindest- oder Höchstpreise an. Mietendeckel, Mindestlohn und weite Teile der Energiepolitik widersprechen diesem Prinzip eklatant. Eucken wollte eine unabhängige Notenbank, die der Geldwertstabilität verpflichtet ist.  Die Deutsche Bundesbank kam diesem Idealbild Euckens sehr nahe. Die Entwicklung der Deutschen Mark und ihre Stärke war dafür ein Beleg.  Heute verzerrt das billige Geld der EZB das Preissystem, erzeugt Blasen an den Immobilien- und Aktienmärkten, und die Präsidentin der EZB sitzt wie eine aktive Politikerin mit am Tisch, wenn sich die Staats- und Regierungschefs in Europa auf neue Schulden verständigen. Geprägt von den bedrückenden Erfahrungen der Kartelle und Monopole in der Weimarer Republik war Eucken für eine strenge Monopol- und Kartellkontrolle. Heute interveniert der Staat in die Wirtschaft, um unliebsame Investoren aus dem Ausland zu verhindern.  Eucken war ein Freund offene Märkte. Heute ist der Freihandel auf dem Rückzug. Innerhalb der EU wird mit der Entsenderichtlinie die Dienstleistungsfreiheit immer weiter eingeschränkt und gegenüber Importeuren in die EU werden tarifäre und nicht-tarifäre Handelsbarrieren hochgezogen. Das Privateigentum und die Vertragsfreiheit werden durch die zunehmende „Demokratisierung“ der Wirtschaft, sei es durch Frauenquoten in Vorständen, durch Corporate Governance-Vorgaben oder die Verpflichtung zur nachhaltigen Anlage in der Vermögensbildung immer weiter ausgehöhlt. Von der Durchsetzung des Haftungsprinzips ganz zu schweigen.

Euckens Credo: „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen“ hat schon in der Finanzkrise 2008/2009 und auch in der Eurokrise ab 2010 keine Rolle gespielt. Es ist zu befürchten, dass auch nach der Pandemie dieser Grundsatz weiter verletzt wird. Eine Marktwirtschaft ohne Haftung ist keine Marktwirtschaft. Und auch die Konstanz der Wirtschaftspolitik ist gerade in Pandemiezeiten essentiell. Weite Teile der Wirtschaft, des Gewerbes und des Handels können heute nicht mehr ausreichend planen, weil die Regierung durch wöchentlich geänderte Pandemiebestimmungen Planungen unmöglich machen. Dies hat verheerende Folgen für weite Teile der Wirtschaft. Nur wenn Unternehmen Investitionen verlässlich planen können, investieren sie in ihre Zukunft. Nur wenn Bürgerinnen und Bürger einen mittelfristigen Horizont überblicken können, investieren sie in eine neue Immobilie.

Es steht also schlecht um die tragenden Grundsätze einer Marktwirtschaft. Deutschland entfernt sich immer mehr von diesen Idealen. Dies liegt auch daran, dass die Orientierung an ökonomischen Prinzipien aktuell zu wenig Freunde und Unterstützer hat. Das muss sich ändern, wenn sich in diesem Land etwas ändern soll.

Photo: Chemie-Verbände Baden-Württemberg from Flickr (CC BY 2.0)

Dieser Artikel erschien erstmals am 23. November 2020 in der Welt und bildet den Auftakt zu unserem inhaltlichen Schwerpunkt zu Schulautonomie.

Das jüngste Bildungsbarometer des ifo Instituts hat es einmal wieder deutlich gezeigt: Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich mehr Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit in der Bildung. Die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz im Oktober folgen gehorsam diesem Trend – selbst die üblichen Rebellen aus den Freistaaten und Bildungs-Champions Sachsen, Bayern und Thüringen scheren nicht mehr aus. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe jubelt, dass die Zeit der „pädagogischen Freihändigkeit“ vorüber sei. Es müssten also goldene Zeiten bevorstehen für die Bildungsrepublik Deutschland. Zumindest solange nicht die Grabenkämpfe ausbrechen, wenn den Schulen dann bundesweit vorgegeben wird, welchem politischen Trend sie jetzt zu folgen haben …

Bildung ist einer der am stärksten politisierten Bereiche in unserem Land, auch weil hier mitunter die letzten Bastionen liegen, die von den Ländern noch bestückt werden können. Besonders aber, weil man hier langfristig Einfluss ausüben kann: Wie viel Widerstand gegen Kernenergie kam durch die Schullektüre von Gudrun Pausewangs „Die Wolke“ zustande? Wie viel der Regierungskontinuität in Bayern lässt sich darauf zurückführen, dass die bayerischen Gymnasien über Jahrzehnte hinweg erfolgreich vorgebildete Redeakteurinnen, Ministerialbeamte und Kommunalpolitiker produzierten?

Die ideologischen Grabenkämpfe werden erbittert geführt: von G8 oder G9 über Digitalisierung, Inklusion und Schulformen bis hin zu Sexualaufklärung und Kopftüchern. Zugleich wird Bildung von verschiedensten politischen und medialen Akteuren als Allzweckwaffe angepriesen: sie soll unsere Zukunftsprobleme lösen; sie soll uns zu besseren Bürgern und gesünderen Menschen machen; sie soll Ungleichheit beseitigen und Integration ermöglichen. Aus der Sicht der politischen Akteure ist das ein dankbares Spielfeld: Je mehr externe Ziele mit dem Bildungssystem in Verbindung gebracht werden, desto mehr Anlässe hat man, es zu kontrollieren; oder wenn man in der Opposition sitzt: desto leichter fällt es, drohendes Unheil an die Wand zu malen.

In einem sind sie sich aber alle dann doch einig: Man muss das regeln! Bildung, heißt es dann im gravitätischen Duktus verfassungstheoretischer Diskurse, sei ja schließlich eine Kernaufgabe des Staates. Wer dieses Paradigma hinterfragt, erntet mitunter Reaktionen, als ob er sich als Reichsbürger oder Salafist geoutet hätte.

Doch was würde denn eine Entstaatlichung der Bildung bedeuten? Zuvorderst würde es eine Verschiebung von Verantwortung implizieren: Weg aus den Ministeriumsbüros und den Schulamtsstuben – hin zu denen, die dafür ausgebildet wurden, und zu denen, die davon betroffen sind. Heute entscheiden einige wenige Ministerialräte und Regierungsdirektoren über Schulen in Steglitz, Neukölln, Reinickendorf und Marzahn; in Bad Honnef, Duisburg, Stemwede und Bochum. Wie soll das sinnvoll möglich sein? – Ganz abgesehen davon, dass diese Diskurse natürlich in den meisten Fällen vor dem Erfahrungshorizont von Menschen stattfinden, die, aus einem Akademikerhaushalt stammend, nach dem Abitur in die Universität und von dort stramm weiter in Politik, Bürokratie oder Medien durchmarschiert sind.

Statt des Bildungszentralismus, der im Augenblick in Mode ist, sollte man geradewegs in die andere Richtung denken und dann auch laufen: Hin zu viel mehr Verantwortung für die Schulen, für Direktorinnen, Lehrer, Eltern und Schülerinnen. Oder wie man in der Kultusministerkonferenz gerne süffisant spöttelt: mehr „pädagogische Freihändigkeit“. Um wirklich die Potentiale aller am Bildungsprozess Beteiligten am besten zu entfalten, brauchen wir so viel Schulautonomie wie möglich!

Dieses Konzept fußt auf drei Prinzipien: den Menschen vor Ort vertrauen; auf das Individuum eingehen; und Vielfalt als Chance begreifen.

Wir bilden Lehrkräfte und Pädagogen in langjährigen Verfahren aus – in Theorie und Praxis. Über Jahrzehnte hinweg sammeln sie sich, auch im Austausch untereinander, einen umfangreichen Erfahrungsschatz an. Sie können wie Seismographen Entwicklungen wahrnehmen, lange bevor irgendwelche selbsternannten Experten die nächste Generation X, Y oder Z kreieren. Sie kennen die Lage vor Ort, wissen mit welchen Familien sie es zu tun haben und mit welchen Voraussetzungen die jungen Menschen bei ihnen ankommen werden. Und ja, die meisten von ihnen sind auch mit Freude, oft mit Leidenschaft für ihren Beruf erfüllt.

Warum gibt es durch das sich verengende Korsett aus Lehrplänen, vorgegebenen Unterrichtsmethoden, Stundenzahlen und nun zunehmend zentralisierten Standards ein so massiv institutionalisiertes Misstrauen diesen Menschen gegenüber? Warum trauen wir Eltern nicht mehr zu, für ihre eigenen Kinder verantwortliche Entscheidungen zu treffen, sobald es um die Schulwahl geht? Warum wittern wir allenthalben versagende Schulen und überforderte Eltern? Das Ergebnis ist nicht selten noch mehr staatliche Kontrolle – oder mit anderen Worten: argwöhnische Aufseher und mutlose Beaufsichtigte. Könnte es nicht sein, dass sich ein mutiger Vertrauensvorschuss gegenüber allen am Bildungsprozess Beteiligten am Ende mehr auszahlt als das derzeitige System des Argwohns? Wieviel Kreativität, Dynamik und Selbstwertgefühl freigesetzt werden können, wenn man Vertrauen schenkt, lässt sich gerade bei Heranwachsenden doch so gut beobachten! Überall reden wir von flexiblen Arbeitswelten, von flachen und schlanken Hierarchien – und ausgerechnet in der Bildung soll es mehr Gängelung geben?

Schüler sind Individuen und nicht wie Elektronikgeräte bei der Stiftung Warentest miteinander vergleichbar. In den bildungspolitischen Debatten wird aber oft genau dieser Chimäre nachgejagt. Doch die Idee, dass Vergleichbarkeit hergestellt werden kann, wird schon bei zwei Schülern ad absurdum geführt, weil Hannah mit dem Mathematikunterricht von Herrn Dorsch einfach so viel besser zurechtkommt als Ben. Wer sich auch nur ein wenig in die Vielgestaltigkeit menschlicher Existenz hineindenkt, wird schwerlich noch behaupten können, dass Prüfungen tatsächlich mehr über Fleiß und Begabung, Wollen und Können aussagen als über Zufälligkeiten.

Doch laufen viele Versuche, Vergleichbarkeit herzustellen, nicht nur ins Leere – sie richten auch zum Teil erheblichen Schaden an. Denn Standards müssen notwendigerweise vereinfachen und abstrahieren. Sie zwingen Pädagogen dazu, auf ein bestimmtes Ziel hin zu trimmen, anstatt die individuellen Voraussetzungen zu berücksichtigen – und das meist zulasten der Schwachen. Wenn man dem Einzelnen wirklich gerecht werden möchte, dann sollte im Zentrum der Bemühungen stehen, dass dessen Potential so gut wie möglich gefördert wird. Gerade da sind Einfühlungsvermögen, Erfahrung und Flexibilität erforderlich – etwas, das kein Lehrplan bieten kann, sondern nur Lehrer vor Ort. Wir brauchen ein System, das vom Individuum her aufgebaut ist, Begabungen fördert, Schwächen ausgleicht, begeistert und motiviert. So wird man Menschen am besten gerecht.

Was wollen wir eigentlich erreichen mit unseren Schulen? Diese Frage steht kaum mehr zur Debatte. Sie wird erstickt durch Plattitüden. Sie wird übertönt von den Rufen nach mehr Abiturienten, von Linksintellektuellen wie von Wirtschaftskapitänen. Sie geht unter im Tumult der Identitäts- und Symbolpolitik. Sie spielt keine Rolle in einem System der Bildungsplanwirtschaft. Der junge Wilhelm von Humboldt wusste es: Bildung ist dafür da, die Vielfalt des menschlichen Miteinanders zum Klingen zu bringen. Nicht das passgenaue Standardwesen in der „brave new world“ sollte das Ideal sein, nach dem man strebt, sondern der aufgeweckte und motivierte junge Mensch, der seine eigenen Fähigkeiten und Träume in das kreative Chaos der offenen Gesellschaft mit einbringt.

Die Einwände gegen mehr Autonomie für Schulen sind bekannt – und zeugen von der typischen Mutlosigkeit und Innovationsaversion der politischen Debatten hierzulande. Die Spirale aus Eingriffen, Großprojekten und Machbarkeitsfantasien in diesem Bereich haben bisher kaum Probleme lösen können und werden es auch in Zukunft nicht tun. Gewiss, man wird den schweren Tanker Schulpolitik nicht sofort auf einen anderen Kurs setzen können. Aber vielleicht stemmen sich doch einmal Politiker gegen den Trend und trauen sich, den Menschen vor Ort zu vertrauen, und graduell die Freiheitsräume von Schulen zu erweitern.

Ein System der Schulautonomie ist möglich. Es ist ein System, das auf Vertrauen und Mut aufgebaut ist. Ein System, das Experiment und Innovation nicht nur zulässt, sondern ausdrücklich begrüßt. Ein System, das darauf basiert, dass man Direktoren, Lehrerinnen, Eltern und Schülern zutraut, die eigene Situation, Bedürfnisse und Möglichkeiten am besten einschätzen zu können. Ein System, das dazu dient, dass junge Menschen sich entfalten und das Beste aus sich herausholen können. Ein System, das es ihnen besser ermöglicht, zu verantwortlichen und selbstbewussten Bürgern heranzuwachsen – und vor allem zu selbständigen und glücklichen Menschen.