Photo: Auréanne Mailhiot from Unsplash (CC 0)

Vor nicht allzu langer Zeit, als die Welt noch nicht von Krieg und Pandemie beherrscht war, gab es in der Politik ein zentrales Thema. Tausende von jungen Menschen gingen jeden Freitag auf die Straßen und zeigten ihre Wut über die vermeintliche Untätigkeit der Politik in der Klimafrage. Die Lösungen von NGOs, Regierungen, Wissenschaftlern und den jungen Demonstranten unterscheiden sich untereinander grundlegend, es gibt aber eine Gemeinsamkeit: Alle Strategien haben eine Reduktion von Treibhausgasen, insbesondere CO2 als Ziel. Dabei sind die Regierungen vor eine schwierigen Aufgabe gestellt. Schließlich gibt es Interessen abzuwägen. Ohne großen Wohlstandsverlust, kann man nicht einfach alle Kohle- und Gaskraftwerke schließen und auf Wind umstellen.

Eine sichere, effiziente, CO2-neutrale Alternative, die viel Energie produzieren könnte, sowie durch jahrelange Erfahrung aus verschiedenen Staaten erprobt wurde, gibt es einfach nicht.

Außer natürlich die Atomenergie. Zu sagen, dass die Atomenergie eine sichere Alternative sei, ist fast als würde man Wasser kalorienarm nennen. Selbst erneuerbare Energiequellen, wie Wasserkraftwerke, Solar- und Windkraftenergie sind der Kernenergie in dieser Hinsicht tendenziell unterlegen. Schaut man in die Daten, so wird einem schwarz vor Augen, wenn man an den ideologischen Kampf denkt, der seit Jahren gegen die Kernkraft geführt wird. Die Sicherheit von Energiequellen berechnet man indem man die Anzahl der Toten mit der Energieproduktion in Verhältnis setzt. So ergab eine Studie von 2016, dass bei der Herstellung von Atomenergie pro Terawattstunde etwa 0,01 Personen sterben. Nur zum Vergleich: Bei Braunkohle sind es etwa 32,72 Personen, bei Kohle sprechen wir von 24,62 Toten, wie eine Studie von 2007 zeigt.  Damit sterben bei der Braunkohle etwa 3200 mal so viele Menschen, wie bei der Atomkraft – und natürlich jeder Tod eine Tragödie : Aber sollte man gerade deswegen nicht alles Mögliche tun, um mehr Menschenleben zu retten?

Aber wie sieht der Atomstrom im Vergleich zu erneuerbaren Energien aus? In der oben bereits zitierten Studie von 2016 kommen Solarenergie auf 0,019 Tote pro Terawattstunde, Wasserkraftwerke auf 0,024, sowie schließlich Windkraft auf 0,035 Tote. Dabei schließt die Studie das traumatische Erlebnis von Fukushima mit ein. Aber wie traumatisch ist es tatsächlich? Man würde meinen, dass das Unglück die Zahlen nach oben schießen lassen würde, aber in Wirklichkeit gab es zu dem Zeitpunkt der Studie keinen einzigen Todesfall der eine direkte Folge der Katastrophe gewesen wäre – 2018 berichtete die japanische Regierung von dem ersten Todesfall, eine Person ist an Lungenkrebs verstorben.

Aber was passiert, wenn wir eine konservative, vorsichtige Methodologie anwenden? Die oben zitierte Studie von 2007 tut genau das. In dem systematischen Vergleich von Energiequellen bei “Our World in Data” werden beide Studien zitiert und miteinander verglichen. Dort werden die Autoren der Studie von 2007 zitiert:

Markandya and Wilkinson (2007) include estimated death tolls from distinct accidents (not including Fukushima) but also provide an estimate of deaths from occupational effects. They note that deaths: ‚can arise from occupational effects (especially from mining), routine radiation during generation, decommissioning, reprocessing, low-level waste disposal, high-level waste disposal, and accidents.’“

So heißt es in dem Beitrag, dass Markadya und Wilkinson die LNT Methode verwenden (Linear-no-threshold), bei der angenommen wird, dass es kein unschädliches “Minimum” an radioaktiver Bestrahlung gibt, sondern dass die potentiellen Schäden vielmehr linear zu den Strahlungswerten verlaufen. Das ist eine sehr konservative und vorsichtige Methode, aber selbst bei dieser Studie kommen wir lediglich auf eine Rate von 0,074 Toten pro Terawattstunde an produzierter Energie.

Eine Terawattstunde ist etwa die Energiemenge, die 27 000  Menschen in der EU pro Jahr verbrauchen. Nehmen wir die sehr  konservative Methodologie an, so heißt es im Umkehrschluss, dass wir 14 Jahre bräuchten, damit in dieser Gruppe ein Mensch stirbt. Dabei ist bei dieser Studie einer der größten atomaren Unglücksfälle der Menschheitsgeschichte eingerechnet, nämlich Tschernobyl. Man kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Prozesse, die in dem sowjetischen Atomkraftwerk zu dem Supergau geführt haben, sehr wenig mit der verantwortungsvollen Führung der heutigen Atomkraftwerke zu tun haben. Darüber hinaus hat der technologische Fortschritt weitere Sicherheitsverbesserungen bewirkt.

Nehmen wir also die weniger konservative Methode an, würde es etwa 100 Jahre dauern, bis wir in dieser Menschengruppe den ersten Toten hätten. Und das mit Tendenz nach unten, denn man kann davon ausgehen, dass es in der Zukunft weitere technische Verbesserungen gibt.

Vor diesem Hintergrund erscheint die deutsche Energiewende nicht nur als eine Niederlage der Politik, die ihre Ziele nicht umsetzen kann, es ist vor Allem eine Niederlage der Wissenschaft und Vernunft.

Die gesetzten Ziele bei der Förderung von erneuerbaren Energien wurden nicht erreicht. Deutschland setzte 2018 laut europäischen Statistiken 752,655 Mt von CO2 in die Luft. Das entspricht 9,146 t pro Kopf jährlich. Nur als Vergleich: Frankreich produziert in dem selben Zeitraum 323,279 Mt CO2, was einem Pro-Kopf Ausstoß von 4,956 t entspricht.

Wie sieht es bei der Reduktion von CO2 und Treibhausgasen aus? Deutschland konnte den CO2 Ausstoß bei der Energieherstellung  zwischen 1990 und 2018 um 24% reduzieren. Das klingt gut, solange man nicht die Daten des Nachbarn kennt. In Frankreich lesen wir von einer Reduktion von 27%. Zwischen 2005 und 2015 verzeichnete Deutschland bei allen Treibhausgasen in dieser Kategorie immerhin eine Reduktion von 8%. Der Musterschüler aus Frankreich kann hier mit 44% (!) punkten. Das hat natürlich verschiedene Gründe. Unter anderem bezieht Frankreich einen Großteil, nämlich 75% seiner Energie aus Atomstrom. Zwar gibt es leider Pläne diesen Anteil bis 2035 auf 50% zu reduzieren, dies ist aber nicht mit dem brutalen Atomausstieg der Bundesrepublik zu vergleichen.

Steven Pinker, ein weltbekannter Harvard Professor ist verwundert über die Irrationalität der Deutschen. In einem Spiegel-Online Interview argumentiert er, dass Atomkraftwerke sicher seien und der deutsche Konsens bezüglich der Atomenergie schon bald Geschichte sein könnte. Wenn man gegen den Klimawandel kämpfen möchte, sei es einfach irrational auf eine CO2 arme und sichere Möglichkeit zu verzichten.

Es mache keinen Sinn auf Atomenergie zu verzichten und gleichzeitig weiterhin fossile Brennstoffe zu nutzen, diese seien jedes Jahr für deutlich mehr Tote verantwortlich.

In den USA untersuchten 2013 P.A.Kharecha und  J.E.Hansen den historischen Einfluss von Atomenergie. Laut ihren Berechnungen wurden durch sie zwischen 1973 und 2009 etwa 2 Millionen von Leben gerettet, weil Atomenergie statt fossilen Brennstoffen genutzt wurde. Man versucht auch den Einfluss der deutschen Energiewende zu beziffern. So kalkulierten Stephen Jarvis, Olivier Deschenes, and Akshaya Jha in einer Studie von 2020, dass die Energiewende 1100 Menschenleben jährlich gekostet hat.

Es ist wirklich nicht einfach zu verstehen, warum in einer Zeit, in der der Klimawandel eines der Hauptthemen in der Politik ist auf eine sichere und CO2 arme Alternative verzichtet wird. Und noch viel weniger in einer Zeit, wo uns durch den russischen Lieferstopp von Gas ganz eindrutig vor Augen geführt wird, dass die nächste Zeit verdammt kalt und unermeßlich teuer wird.

Der Atomstrom ist keine Gefahr, sondern eine Chance. Ziele wie Klima- und Umweltschutz sind eine wichtige Herausforderung unserer Zeit. Der deutsche Atomausstieg schadet den Einwohnern Deutschlands und dem Klima, er schadet auch der gesamten Welt, da Deutschland eine Vorreiterrolle übernommen hat. Und seit einem halben Jahr ist auch der immense geopolitische Schaden immer deutlicher.

Erstmals erschienen beim Freydenker.

Photo: Marco Verch from Clickr (CC BY 2.0)

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein Produkt der Nachkriegsordnung. Die britische BBC stand als Vorbild für unser Rundfunkmodell. Es war eine andere Welt: Rundfunk und Fernsehen waren analog, die Frequenzen waren begrenzt und die Technik noch in der Entwicklung. Erst zum Ende des letzten Jahrhunderts kam mit der aufkommenden Digitalisierung ein Innovationsschub, der nicht nur eine große Anzahl privater Anbieter auf den Markt brachte, sondern auch bei den Öffentlich-Rechtlichen eine massive Ausweitung des Angebots zur Folge hatte.

Im letzten Jahrhundert gab es eine begrenzte Anzahl von Radioprogrammen und zwei bundesweite Fernsehprogramme mit ARD und ZDF. Für die regionale Ausrichtung waren die dritten Programme zuständig. Heute ist das alles anders. Streaming-Dienste mit Video-on-Demand-Angeboten und umfangreiche Mediatheken bei allen klassischen Sendern lassen das Angebot inzwischen unübersichtlich werden. Die Öffentlich-Rechtlichen sind hier besonders aktiv. Sie sind zwar nicht die Treiber der Entwicklung, aber durch ihre hohe Finanzkraft in der Lage, jede Entwicklung mitzugehen.

Mit 8,42 Milliarden Euro Beitrags- und Werbeeinnahmen von 640 Millionen Euro (ARD und ZDF) kommen die Sendeanstalten auf über 9 Mrd. Euro Einnahmen pro Jahr. Die Größenordnung ist beachtlich. Das ist mehr als der Umsatz aller Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland zusammen (7,2 Mrd. Euro).

Die Kontrollsysteme der Sendeanstalten folgen jedoch nicht dieser Entwicklung. Das zeigt auch der Fall Schlesinger beim RBB. Denn das schier unglaubliche Gebaren der inzwischen fristlos gekündigten Intendantin des RBB wurde nicht intern festgestellt, sondern durch investigative Journalisten von „Business Insider“ entlarvt. Die Frage stellt sich, ob die Aufsichtsstrukturen geeignet sind, um die öffentlich-rechtlichen Sender ausreichend zu kontrollieren. Derzeit wählen die Länder und der Fernsehrat den Verwaltungsrat, der wiederum die Intendanz wählt, und das Finanzgebaren überwacht. Die Beitragszahler haben bislang keine Möglichkeit der Mitwirkung, obwohl sich mit dem Übergang vom Rundfunkgebühren- auf das aktuelle Rundfunkbeitragssystem im Jahr 2013 die Grundlage völlig verändert hat. Bis 2013 war die Zahlung eine Gegenleistung für bestimmte und tatsächliche in Anspruch genommene Leistungen (Gebühr). Nur derjenige, der tatsächlich einen Fernseher und ein Radio hatte, musste bezahlen. 2013 wurde das jetzige Beitragssystem eingeführt. Der Unterschied zum Vorgängermodell ist, dass nur die Möglichkeit der Inanspruchnahme gegeben sein muss, unabhängig davon, ob der Bürger einen Fernseher oder ein Radio besitzt oder nutzt.

Bei staatlichen Beitragsmodellen gibt es in der Regel auch eine Mitwirkung der Beitragszahler, nur nicht beim ÖRR. Wir kennen bei den aus Beiträgen finanzierten Sozialversicherungen, die Sozialwahlen (Arbeitgeber und Arbeitnehmer wählen). Wir kennen diese Systematik aber auch bei den aus Zwangsbeiträgen von Gewerbetreibenden finanzierten Industrie- und Handelskammern. Hier wählen die Zwangsmitglieder die Vollversammlungen der Industrie- und Handelskammern. Gleiches gilt bei den Handwerkskammern oder den Gremien der freien Berufe. Überall haben die Zwangsmitglieder wenigstens die Möglichkeit, auf die Besetzung der Kontrollgremien und damit auch indirekt auf Wahl der Leitung der öffentlich-rechtlichen Körperschaft Einfluss zu nehmen.

Auch diese Systeme sind alles andere als unproblematisch, nicht zuletzt was die Wahlbeteiligung und die Transparenz betrifft. Dennoch sind sie um Lichtjahre besser als das undurchsichtige System im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Warum sollen die Zwangsbeitragszahler des RBB nicht den neuen Verwaltungsrat wählen dürfen? Vielleicht geht man noch einen Schritt weiter: Wieso sollen sie nicht gleich die Nachfolge der geschassten Intendantin Patricia Schlesinger wählen? Hier gilt, was in den Sonntagsreden der Fernsehkommentatoren immer so bedeutungsschwer herausgestellt wird: Mehr Demokratie wagen!

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Weltmeisterschaftstitel sind etwas Fantastisches. Als Deutschland 2014 Fußballweltmeister wurde, hätte ich am liebsten mein gesamtes Kinderzimmer mit Mario Götze Postern austapeziert. Neben dem WM-Pokal von 2014 steht allerdings auch ein weitaus wenig beachteter Pokal in Deutschlands Trophäenschrank: Der Exportweltmeister-Titelpokal; verliehen von der gesamten Welt für die großartigen Produkte Made in Germany. Die Aussicht darauf, diesen inoffiziellen Titel bald einmal wiederzuerlangen, müssen wir aufgeben, denn seit Mai 2022 haben sich erstmals die Winde gedreht. Durch das fehlende russische Öl und Gas sinkt der Output in Deutschland, weshalb die Exporte einbrechen. Gleichzeitig müssen die fehlenden Rohstoffe durch Zwischenprodukte substituiert werden, was die Importe steigen lässt. Eine erstmals seit 2008 negative Außenhandelsbilanz, also mehr Importe als Exporte, ist die Folge.

In dieser Situation häufen sich die Stimmen, dass die Abhängigkeit von ausländischen Handelspartnern nicht sonderlich erstrebenswert sei. Stattdessen sollte Deutschland wirtschaftliche Unabhängigkeit anstreben, um sich nicht mehr den erratischen Sympathien unserer Handelspartner auszusetzen. Abhängigkeiten, man denke einmal an Drogen oder andere Süchte, sind schließlich schlecht. Schon gar nicht sollte man von Importen abhängig sein; weder von russischem Gas noch von Kobalt aus dem Kongo. All diese Importe reduzieren schließlich das Bruttoinlandsprodukt und machen Deutschland verwundbar. Das Problem dieser Argumentation ist, dass sie wirtschaftliche Abhängigkeit mit wirtschaftlicher Erpressbarkeit gleichsetzt. Dabei ist gegenseitige Abhängigkeit keinesfalls ein Schwachpunkt der freien Welt, sondern essenzieller Bestandteil von internationalem Handel und somit Ursache für unseren Wohlstand.

Zunächst einmal gilt es die protektionistische Mär zu entkräften, dass Importe schlecht für die Wirtschaftsleistung eines Landes seien. Das Bruttoinlandsprodukt eines Landes ist die Summe aus staatlichem und privatem Konsum, Investitionen und Exporten minus der Importe. Der Abzug der Importe bedeutet allerdings nicht, dass Importe sich negativ auf die Wirtschaftsleistung auswirken und das BIP reduzieren. Vielmehr zieht man die Importe ab, um eine „Doppelzählung“ der im Inland erbrachten Wertschöpfung zu vermeiden. Die importierten Güter werden ja nicht weggeschmissen, sondern im Inland konsumiert oder investiert. Importe schaden also keineswegs der heimischen Wirtschaft, sondern sind vielmehr Ausdruck von internationaler Kooperation.

Der zweite wesentliche Trugschluss ist, dass komplette wirtschaftliche Unabhängigkeit in der modernen globalisierten Welt möglich oder gar wünschenswert sei. Wer in der heutigen globalisierten Welt von Autarkie träumt, dem sei eine Reise auf die North Sentinel Islands ans Herz gelegt, wo die Sentinelesen, eine der letzten unberührten Ethnien, ihr Dasein als Jäger und Sammler genießen. Miteinander handeln bedeutet zwangsläufig, voneinander abhängig zu sein. Man ist abhängig, dass der Gegenüber die vereinbarten Handelsmodalitäten auch einhält. Was hingegen passiert, wenn sich ein Land immer weiter in wirtschaftliche Autarkie begibt, sieht man am Beispiel Russlands. Nach dem Abbruch vieler internationaler Handelsbeziehungen fehlen die Importe, die Produktion kommt zum Erliegen und Menschen und Kapital fliehen massenhaft aus dem Land.

Abhängigkeit wird erst dann zum Problem, wenn man seinen Handelspartner auf dem Weltmarkt nicht schnell austauschen kann. Dann ist man verwundbar und auch wirtschaftlich erpressbar. Auf einem Weltmarkt gibt es von den Gütern potentiell sehr viele Anbieter, insbesondere dann, wenn die Relativpreise stark ansteigen. Bei natürlich begrenzten Ressourcen wie Öl, Gas oder Kobalt gilt es, sich einen guten Notfallplan zurechtzulegen, um im Zweifelsfall nicht von launigen Oligarchen oder terroristischen Autokraten abhängig zu sein. Will heißen: noch viel mehr Diversifizierung und stärkere Vernetzung sind das eigentlich Erstrebenswerte. Langfristigem Wohlstand entgegen stehen der Fokus sowohl auf den eigenen Binnenraum als auch, wie im Fall von Deutschland und dem russischen Gas, auf wenige große (und staatliche) Partner. Schlechte Abhängigkeit ist wie ein Seil, das mit einem Hieb durchgehauen werden kann. Gute Abhängigkeit ist wie ein engmaschiges Netz, das auch die ein oder andere Schwächung überstehen kann.

Als Folge einer desaströsen deutschen Energiepolitik von wirtschaftlicher Autarkie zu träumen und so die bahnbrechenden Wohlstandsgewinne des Freihandels in Frage zu stellen, ist unverantwortlich. Denn Abhängigkeit ist nicht eine Schwäche der freien Welt, sondern der einzigartige Vorteil der freien Welt gegenüber den von Autarkie träumenden Despoten.

In eigener Sache: Die Heimat der Freiheit setzt einen neuen Schwerpunkt. Wir bilden Ideenunternehmer aus.

Die Freiheit braucht mehr Unternehmertum

Unternehmer sind die Problemlöser der Gesellschaft. Sie entwickeln neue Technologien, machen unser aller Leben leichter und effizienter und entfachen ein Feuerwerk der Innovation. Aber vor allem zeigen sie Hingabe zu ihrem Produkt und machen sich zuständig zur Lösung eines Problems. Unternehmerisches Denken erfordert viel Mut und eine Vision davon, wie die Welt aussehen könnte. Aber auch Professionalität und die Fähigkeiten, etwas besser zu machen als andere. Wir glauben, dass die Freiheit mehr Unternehmertum braucht. Denn Unternehmertum muss nicht enden bei der Entwicklung von Impfstoffen und Elektroautos oder bei der Eröffnung des Bäckers oder Spätis um die Ecke. Der Wettbewerb der Ideen erfordert im gleichen Maße Innovation, Mut und Professionalität. Und die friedliche und effiziente Organisation menschlichen Zusammenlebens ist wahrlich kein einfach zu lösendes Problem. Deshalb machen wir es uns zur Aufgabe, Ideenunternehmer zu fördern.

Was bedeutet es, Ideenunternehmer zu sein?

Landläufig werden Organisationen, die sich außerhalb von Parteien und Universitäten mit Fragestellungen menschlichen Zusammenlebens beschäftigen als Think Tanks oder Denkfabriken bezeichnet. Beide Begriffe vermitteln ein einseitiges und irreführendes Bild des Ideenunternehmers. Eines von sterilen Gängen, durch die wichtige Männer in weißen Kitteln schreiten und – denken. Von Organisationen, die abgekapselt arbeiten von den Menschen, die sie begeistern wollen, und die sich in Elfenbeintürmen hochakademischer Fragestellungen ohne Alltagsrelevanz verschanzen. Doch Ideenunternehmertum kann so viel mehr bedeuten als Denken und Publizieren.

Im Wettbewerb der Ideen gilt es Bewegungen zu schaffen und zu organisieren. Ideen nicht nur wiederzukäuen, sondern sie den richtigen Menschen zugänglich zu machen. Und am wichtigsten: es gilt in Kontakt zu kommen mit denjenigen, die sich für unsere Ideen begeistern sollen. Ideenunternehmertum endet eben nicht bei Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Idee. Es gilt, daraus überzeugende Produkte zu kreieren und diese erfolgreich zu vermarkten. Geleitet von einer durchdachten und sinnvollen Strategie und mit den richtigen Instrumenten.

Ein Hackathon für freiheitliche Ideenunternehmer

Wir machen es uns zur Mission, freiheitliche Ideenunternehmer zu finden, sie auszubilden und auf ihren ersten Schritten zu begleiten. Wir vermitteln Wissen und Fertigkeiten und teilen unsere Erfahrungen. Von uns geförderte Ideenunternehmer erhalten finanzielle und organisatorische Unterstützung und Zugang zum weitläufigen Netzwerk von Prometheus. Unser Ziel ist ein vielfältiges Ökosystem innovativer und vielseitiger freiheitlicher Ideenunternehmen.

Den Auftakt dazu bildet ein dreitägiger Hackathon, den wir vor zwei Wochen in Kooperation mit der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit veranstaltet haben. Die 18 Teilnehmer waren dazu aufgefordert, von uns und einem Team externer Mentoren begleitet, ein freiheitliches Projekt von Grund auf zu gestalten. Am Ende des Wochenendes würden wir in einer Pitch Competition zwei Teams auswählen und sie finanziell und organisatorisch bei der Projektumsetzung unterstützen.

Begleitet wurde der Workshop von einem tiefgründigen und zugleich kurzweiligen Feuerwerk von Inputs unserer Freunde und Partner: Wir konnten Tom Palmer vom Atlas Network, Stephen Davies vom Institute of Economic Ideas und Rainald Manthe von Libmod für Videobotschaften gewinnen, in denen sie zu den Teilnehmern über die großen Herausforderungen und Chancen freiheitlicher Ideenarbeit sprachen. Am Samstag schalteten sich drei erfolgreiche Ideenunternehmer zu und berichteten von ihren Erfahrungen: Johan Harnoss, der Gründer von Imagine; Laura Zimmermann von Operation Libero; und Nils Natho von keepitliberal. Die Zeit des Wartens auf die Entscheidung der Jury am Sonntagmorgen verkürzte den Teilnehmern der politische Philosoph Dr. Julian F. Müller aus Hamburg.

Zum Unternehmertum gehören immer auch eine ordentliche Portion Risiko und Unsicherheit. Deshalb waren wir überwältigt vom Spirit, der sich über das Wochenende ausbildete. Die Teams fanden sich schnell zusammen und deckten ein großes Spektrum an Themenfeldern ab: von der Reform des Ladenschlusses über die Bekämpfung von Rassismus an Schulen bis zur Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene. Sie arbeiteten professionell und bis spät in die Nacht an innovativen Projekten. Jeder einzelne Pitch war mitreißend und wäre einer Förderung würdig gewesen. Trotzdem haben uns und die Jury um unser Kuratoriumsmitglied Catharina Bruns zwei Vorschläge ganz besonders überzeugen können.

Machen macht glücklich

Die zwei Gewinner-Teams sind bereits an der Arbeit und wir können es kaum erwarten, in den nächsten Monaten die ersten Ergebnisse zu präsentieren. Dabei war dieser Auftakt für uns nicht nur Erfolg und Selbstbestätigung, sondern vor allem auch Glück. Zu sehen, wie Menschen von der Aussicht mitgerissen werden, etwas tatsächlich verändern zu können, ist pure Freude. Und zu sehen, wie die Idee der Freiheit das Beste im Menschen zu Tage fördert: Mut, Empathie und die Überzeugung, nicht nur des eigenes Glückes Schmied zu sein, sondern auch dessen anderer Menschen.

Bei diesem Auftakt soll es nicht bleiben. Denn eine freie Welt ist tatsächlich machbar.

Photo: Damian McCoig from Unsplash (CC 0)

Über die letzten Jahrzehnte hat sich in westlichen Gesellschaften eine Mentalität breit gemacht, die aus den Elementen Jammer und Selbstgefälligkeit einen Kult gebaut hat, wo sich jeder nur noch als Opfer sieht. So werden wir die offene Gesellschaft nicht verteidigen.

Gespaltene und gelähmte Gesellschaften

Veteraninnen der Frauenbewegung wie Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft und Louise Otto-Peters haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie keineswegs beabsichtigen, die Emanzipation aus der huldvollen Hand der Männer zu empfangen. Aufgrund ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung verfolgte Menschen vergangener Zeiten haben gegen die vorherrschende Meinung und gegen staatliche Zwangsapparate gestritten. Sie würden sich beim Blick auf die heutige Welt vermutlich verwundert am Kopf kratzen, wenn sie sehen würde, wie Meinungsführer und Staatsvertreter sich als Teile von Opfergruppen inszenieren. Der unternehmerische Geist der selbstbewussten Rebellion hat in unseren Gesellschaften deutlich abgenommen. Bisweilen kann man den Eindruck gewinnen, dass Menschen, die Opfer sind oder sich als Opfer empfinden, gar nicht mehr herauskommen wollen aus dieser Rolle. Vielmehr sehen sie diese Rolle als Instrument, um mehr Aufmerksamkeit, Ansprüche und im Zweifel auch Ressourcen einzufordern.

Die Dominanz der Gerechtigkeits-Narrative in der politischen Welt der Moderne hat hier ganze Arbeit geleistet: Ob Marx, der (nicht ganz ohne Grund) Gerechtigkeit gegenüber den ausgebeuteten Arbeitern forderte. Ob die Verhandlungsführer von Versailles, die Gerechtigkeit für die Schlächtereien des Ersten Weltkriegs einforderten. Oder diejenigen, die anschließend die ungerechte Behandlung bei diesen Verhandlungen wieder auszugleichen versprachen. Das Heilsversprechen der Gerechtigkeit, das zu einem Lieblingsinstrument politischer Bewegungen unterschiedlichster Couleur geworden ist, baut darauf, dass Menschen sich selbst als Opfer sehen. Die da oben, finstere Mächte, böswillige Unholde – sie alle wollen uns übervorteilen. Mit diesen Narrativen ist der Grund gelegt für Gesellschaften, in der sich immer wieder Opfer und Täter gegenüberstehen. Gespaltene und gelähmte Gesellschaften.

Das traurigere Narrativ schlägt das besserer Argument

Die bereitwillige Selbstveropferung ist übrigens kein Vorrecht einer politischen Richtung. Nicht nur Linke beherrschen den reflexhaften Aufschrei. Nicht nur Menschen, die gegen Rassismus, Transfeindlichkeit oder globale Ungerechtigkeiten kämpfen, sehen sich oder die Menschen, für die sie sich einsetzen, unter Dauerbeschuss. Die jammervolle Selbstgefälligkeit feiert auch in rechten Kreisen fröhliche Urständ. Die reflexhaften Aufregungswellen werden von links und von rechts ausgelöst, ja, in den meisten Fällen spielt man sich dabei sogar zu. Mit mathematischer Präzision kann man voraussagen, was passieren wird, wenn eine genderkritische Forscherin einen Vortrag halten will oder wenn eine provokationslustige Journalistin Antidiskriminierungsbeauftragte werden soll. Selbst die Protagonisten der folgenden Debatten lassen sich mit bemerkenswerter Präzision voraussagen. Wer würde sich schon Gelegenheiten entgehen lassen, sich und die Seinen als Opfer darstellen zu können?

Es ist zum Mäuse melken. Und zwar gleich auf mehreren Ebenen. Die Ritualisierung dieses ganzen Vorgangs ist in einer Weise selbstreferentiell, die nur noch abstoßend ist. Man verunmöglicht Debatten und Diskurse, indem sofort die hochmoralische Opfer-Täter-Dimension eingeführt wird – nicht mehr das bessere Argument hat eine Chance, sondern nur noch das traurigere Narrativ. Das ist alles so entsetzlich vorhersehbar, statisch und langweilig. Das Schlimmste an diesem Trend ist aber wahrscheinlich die Schwächung der offenen Gesellschaft, die dadurch bewirkt wird. Durch die narzisstische Selbstviktimisierung erstickt man Unternehmergeist, Selbstbewusstsein, Kritikfähigkeit (und Kritisierfähigkeit), Neugier, Toleranz … kurz: die Elemente, die eine offene und moderne Gesellschaft ausmachen. Es ist keine Überraschung, dass der Westen schwach erscheint in den Augen russischer und chinesischer Autokraten und islamistischer Dschihadisten.

Selbstbewusstsein statt Selbstbeschäftigung

Wir müssen dringend heraus aus der Selbstbeschäftigung. Wir müssen die Probleme, die oft wochenlang die Talkshows, Feuilletons und Debattenmagazine des Landes in Atem halten, in den richtigen Kontext setzen und in der richtigen Dimension einordnen. Die Probleme, die uns oft viel mehr emotionalisieren als Angriffskriege, Klimawandel und eine Rentenpolitik, die funktioniert wie das übelste Schneeballsystem. Ja, die Forderung nach mehr Rücksichten auf verschiedenste Geschlechtsidentitäten hat ihre Berechtigung. Ebenso ist es legitim, darüber zu sprechen, ob eine verstärkte Zuwanderung bedrohlich für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sein könnte. Aber so lange die Inflation galoppiert, die Panzer rollen und die Gletscher schmelzen, sollte man möglicherweise sehr viel mehr Energie für diese Herausforderungen aufwenden. Manchmal scheint es fast so, als ob sich politisch interessierte und engagierte Menschen in diesen identitätspolitischen Nebenschauplätzen verkämpfen, um die viel kolossaleren Probleme zu verdrängen.

Der Westen, die Zivilisation der Freiheit, ist über die letzten zweieinhalb Jahrtausende entwickelt und getragen worden durch Menschen mit Überzeugungen, die nicht lamentiert haben, sondern nach vorne geblickt haben. Und am stärksten war der Westen bedroht in den Zeiten, in denen er sich klein gemacht hat, in sich selbst eingerollt; in den Zeiten, wo er sich in autoaggressiven Selbstzweifeln zermartert hat. Wir müssen neu lernen zu priorisieren, welche Probleme wirklich relevant sind. Und wir müssen dringend neu lernen, mit frohem Selbstbewusstsein und bisweilen auch heiligem Zorn unsere wunderbare Welt zu verteidigen.

Dann können wir standhalten gegen die Feinde der Freiheit. Und dann sind wir wieder ein Leuchtturm für Menschen in der ganzen Welt: Für die Männer und Frauen an der Front in der Ukraine. Für den indonesischen Provinzpolitiker, der gegen Korruption vorgeht. Für die nigerianische Kleinunternehmerin, die sich nicht vom chinesischen Staatsunternehmen an die Wand spielen lassen will. Für die Vorkämpfer des Säkularismus im Iran, der Homosexuellenrechte in Uganda und der Marktwirtschaft in Venezuela. Nicht durch unser Jammern und unsere Selbstgefälligkeit verändern wir die Welt, sondern durch ein glühendes Herz für die Freiheit.