Photo: Matthew from Flickr (CC BY 2.0)

Die Ludwig-Erhard-Stiftung hat dem Financial Times-Journalisten Dan McCrum den Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik verliehen. Die Laudatio von Frank Schäffler machen wir Ihnen hier leicht gekürzt zugänglich.

Der Wirecard-Skandal ist beispiellos in der deutschen Wirtschaftsgeschichte und in seiner Fülle fast unbegreiflich. Ein Start-up bei München wird in kurzer Zeit zum Dax-Konzern mit einem Börsenwert von über 20 Milliarden Euro und kollabiert dann vollständig in sich selbst. Lassen Sie mich deshalb erst einige Worte zum Hintergrund verlieren, bevor ich näher auf die Leistung von Mr McCrum eingehe.

Ende der Neunziger Jahre gegründet, war der Wirecard-Konzern 2018 an der Börse mehr wert als die Aktien der Lufthansa. Für Wirecard musste bezeichnenderweise die altehrwürdige Commerzbank den Dax verlassen. „FinTech schlägt Großbank“, schwärmte damals die Wirtschaftspresse. Aschheim in Bayern, der Sitz der Wirecard AG, galt als die deutsche Antwort auf das Silicon Valley.

Heute, etwas über ein Jahr nach der Insolvenz der Wirecard, wissen wir, dass die Erfolgsstory vor allem eine Lügengeschichte war. Tausende Anleger wurden getäuscht. Die Altersvorsorge von vielen Bürgern wurde vernichtet. Neben der enormen kriminellen Energie des Managements und den Verfehlungen der Wirtschaftsprüfer ist dafür auch ein eklatantes Behördenversagen verantwortlich. Eine Mischung aus industriepolitischer Abstiegsangst, stümperhafter Aufsicht durch die Bafin und einem Amigo-System ehemaliger und aktiver Politiker, die sich ihre Kontakte vergolden ließen, hat zu dem kollektiven Staatsversagen in der Causa Wirecard geführt.

Besonders schwer wiegt in meinen Augen der Verdacht der Selbstbereicherung seitens der Politik und der zuständigen Behörden. Die Kanzlerin selbst setzte sich auf Zutun ihres ehemaligen Verteidigungsministers, Karl-Theodor zu Guttenberg, für die Wirecard in China ein. Ein SPD-Abgeordneter im Berliner Parlament war nebenberuflich als Lobbyist für die Wirecard AG zuständig. Dutzende Beschäftigte der Bafin haben private Finanzgeschäfte mit Wirecard-Bezug getätigt. Ein Mitarbeiter der Wertpapieraufsicht wurde sogar wegen des Verdachts auf Insiderhandel bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart angezeigt.

Zwar mussten der Präsident der Finanzaufsicht Bafin sowie seine Stellvertreterin nach Bekanntwerden des möglichen Insiderhandels zurücktreten. Und auch der Chef der Wirtschaftsprüferaufsicht APAS und der Präsident der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung haben schlussendlich ihre Posten geräumt. Von politischer Verantwortung für dieses Versagen fehlt aber bis heute jede Spur. Dabei hat der Wirecard-Untersuchungsausschuss gezeigt, dass Warnsignale bei den staatlichen Institutionen teils Jahre vor der Insolvenz eingingen, ohne Gehör zu finden.

Die Aufdeckung des Betrugs verdanken wir daher nicht etwa unseren Behörden, sondern vor allem dem Journalisten der Financial Times Dan McCrum, welcher zusammen mit seiner Kollegin Stefania Palma gegen alle Widerstände Wirecard – quasi im Alleingang – zu Fall gebracht hat. Ende 2014 hörte McCrum zum ersten Mal von möglichen Ungereimtheiten bei Wirecard. Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss Wirecard sagte er, dass ihn ein Shortseller darauf aufmerksam gemacht habe, der ihm sagte: „Möchten Sie etwas über ein paar deutsche Gangster erfahren?“ Nach intensivem Studium der Bilanzen veröffentlicht er ein Jahr später in der Financial Times den ersten Text zu dem Unternehmen. Er beginnt folgendermaßen: „Wirecard ist ein wenig bekanntes deutsches Technologieunternehmen mit einem Aktienwert von 5 Milliarden Euro – und zugleich ein Rätsel. Es bietet Zahlungsdienste an, besitzt eine Münchner Bank und tätigt Millionen von Online-Kreditkartenzahlungen hinter den Kulissen auf bekannten Websites.“

Es folgt eine ganze Artikelserie, die McCrum „House of Wirecard“ nennt. Es war wohl die spannendste Episode in seiner bisherigen Karriere. Das damals wenig bekannte Technologieunternehmen hat im Zuge der Recherchen längst traurige Berühmtheit erlangt. Innerhalb der Financial Times sprechen Sie vom Projekt „Ahab“ – benannt nach dem Kapitän aus dem bekannten Roman „Moby Dick“, welcher völlig besessen den weißen Wal jagt.

Doch nicht nur McCrum jagt die Wirecard, er wird in der Zeit auch selbst zum Gejagten. Die Wirecard überwacht, bespitzelt und verfolgt ihn juristisch. Heute wissen wir, dass das Unternehmen systematisch versucht hat, seine unliebsame Berichterstattung zu unterbinden. Jahr für Jahr wurden von der Wirecard AG Millionen für Lobbyisten, Privatdetektive und Medienanwälte für solche Zwecke ausgegeben. Im Internet werden sogar die Namen und Adressen von McCrums Familie veröffentlicht und Verschwörungstheorien über diese verbreitet. Seine Frau wäre eine PR-Beraterin für einen Wirecard-Konkurrenten, heißt es dort unter anderem.

Den traurigen Höhepunkt der Verleumdungskampagne leitet allerdings die Bafin ein. McCrum und seiner Kollegin Stefania Palma wird vorgeworfen, sich mit Leerverkäufern abgesprochen zu haben, um von nach unten manipulierten Aktienkursen der Wirecard zu profitieren. Nicht nur die Staatsanwaltschaft in Deutschland, auch die Financial Times ermittelt fortan gegen ihn. Gleichzeitig erlässt die Bafin ein Leerverkaufsverbot für Wirecardaktien in Deutschland – ein bis dahin einmaliger Vorgang, der lediglich auf einen Hinweisgeber von Wirecard selbst an die Münchner Staatsanwaltschaft und von dort an die Bafin beruhte. Dan McCrum wird stundenlang von Anwälten aus dem eigenen Haus befragt und muss seine gesamte Kommunikation offenlegen. „Wurdest du schon verhaftet?“ fragen seine Kollegen, wenn Dan McCrum ihnen auf dem Flur begegnet.

Doch die aufgeblähten Bilanzen lassen sich nicht ewig vertuschen. Nach einer Sonderprüfung muss Wirecard am 18. Juni 2020 schließlich öffentlich eingestehen, dass ihr 1,9 Milliarden Euro fehlen. Die sogenannten Treuhandkonten waren eine Täuschung. Eine Woche später meldet das Unternehmen bereits Insolvenz an. Der ehemalige CEO der Wirecard, Markus Braun, sitzt mit anderen Vorstandsmitgliedern mittlerweile in der Untersuchungshaft. Das vermeintliche Mastermind hinter dem Betrug, Jan Marsalek, ist untergetaucht. Der weiße Wal ist McCrum schlussendlich doch ins Netz gegangen.

Mit seinem Engagement, hinweg über viele Widerstände und immer mit einer Bedrohung im Rücken, hat McCrum sich nicht nur um seinen Beruf – den des Journalisten –, sondern auch um die Marktwirtschaft verdient gemacht. Denn eine Marktwirtschaft funktioniert nur dann, wenn diese auf Rechtsstaatlichkeit beruht und Fehlleistungen, Betrügereien und Verbrechen auch entdeckt, verfolgt und geahndet werden. Letztlich basiert darauf auch das Vertrauen in Unternehmen und generell in das Unternehmertum.

Ludwig Erhard, hat das so formuliert: „Eine Volkswirtschaft kann auf die Dauer nur gedeihen, wenn sie sich in der Erfüllung ihres Dienstes am Menschen vor dem eigenen Volk und vor der Welt bewährt. Der materielle Erfolg ist gebunden an die Wirkungskraft im Geistigen und Sittlichen – ohne sie bleibt alles Materielle fragwürdig und flüchtig.“ Es ist also ein moralischer Imperativ, den Erhard hier anspricht.

Daher ist der Ruf nach einem starken Staat nicht die richtige Antwort. Auch nicht, dass die Privatwirtschaft in ein noch engeres Korsett gepresst werden soll. Der Wirecard-Betrug zeigt eindrucksvoll, dass wir eben nicht unbedingt ein Problem mit zu wenigen Regeln und Vorschriften haben, sondern ein Problem mit der Kontrolle ebendieser Regeln. Der Fall Wirecard und die investigativen Recherchen von Dan McCrum haben die Konsequenzen dieses Staatsversagens aufgedeckt.

Die Arbeit von Dan McCrum hat eindrucksvoll gezeigt, was passiert, wenn der Korporatismus von Staat und Wirtschaft zu einer Korrumpierung der staatlichen Institutionen führt. Die Finanzaufsicht erstattet Anzeige gegen den Journalisten, der kritische Artikel publiziert, geht aber gleichzeitig den Indizien gegen die Wirecard nicht umfassend nach. Der Staat und seine Institutionen stellten sich damit zunächst auf die Seite der Betrüger. Nur dank des eindrucksvollen Durchhaltevermögens von Dan McCrum war es am Ende möglich, dass dieser Betrug aufgedeckt werden konnte. Dan McCrum ist ein herausragender Vertreter eines investigativen Journalismus, der der Wahrheit auf den Grund gehen will. Ein Mensch, der sich über Widerstände hinwegsetzt, eigenverantwortlich für seine Überzeugungen einsteht und dabei höchst integer agiert.

Darüber hinaus zeigt er uns allen eindrucksvoll, dass der Staat nicht funktioniert, wenn wir – die Bürger – nicht wachsam bleiben. Das ist keine Aufgabe nur von Einzelnen, sondern von uns allen. Nur so kommen wir unserer Vorstellung von einer Gesellschaft näher, welche die Freiheit der Menschen als höchstes Gut betrachtet. Dan McCrum hat mit seiner Recherche dazu einen beeindruckenden Beitrag geleistet.

Erstmals veröffentlicht bei der Ludwig-Erhard-Stiftung.

Photo: Aussie~mobs from Flickr (CC 0)

Von Fabian Kurz, Doktorand der Volkswirtschaftslehre, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues.

Möchte die EU langfristig stabile und freiere Handelsbeziehungen zu Washington etablieren, liegt es an den Europäern, den Stein ins Rollen zu bringen. Initiativen von der US-Seite sind anders als beim Klima kaum zu erwarten.

Der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Joe Biden ist bereits einige Wochen im Amt. Sein Vorgänger Donald Trump pflegte die Beziehungen zu westlichen Partnern im besten Fall stiefmütterlich. Zu Beginn seiner Präsidentschaft legte Trump nicht nur die Gespräche über das geplante Freihandelsabkommen TTIP auf Eis, sondern überzog unter anderem die europäischen Partner mit Zöllen auf Stahl und Aluminium. Die EU konterte mit Zöllen auf Bourbon, Harley Davidson Motorräder und andere Güter.

Mit dem Beginn der Präsidentschaft Bidens ist bei vielen westlichen Partnern die Hoffnung auf bessere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten verbunden, auch wirtschaftliche. Ist die Hoffnung berechtigt und bekommt das Freihandelsabkommen TTIP noch einmal eine Chance?

Regelbasierter Handel unter Trump unter Druck

Der neue US-Präsident Biden verfolgt beim Handel einen stärker multilateralen Ansatz und ist insgesamt gemäßigter als sein Vorgänger. Doch ein glühender Verfechter des Freihandels ist nicht ins Weiße Haus eingezogen.

Traditionell preisen in den Vereinigten Staaten eher die Republikaner die Vorzüge des barrierefreien internationalen Handels. Die Demokraten stehen ihm skeptischer gegenüber. Donald Trump hatte diese Rollenverteilung durcheinandergewirbelt. Die grundlegende Handelsskepsis der Demokraten ist deswegen allerdings nicht einer stärkeren Handelsbefürwortung gewichen.

„Buy American“ wieder en vogue

Die grundlegende Skepsis zeigt sich bereits im „Biden-Plan“, den der Kandidat Biden vor der Wahl vorgestellt hatte. Freihandel oder freierer Handel spielen in dem Plan keine prominenten Rollen. Es wird das Ziel formuliert, Handelsregeln zusammen mit den Partnerländern zu reformieren. Das lässt weniger Alleingänge und mehr regelbasierte Zusammenarbeit erwarten.

Doch die konkreten Forderungen enttäuschen mitunter. So möchte Biden internationale Handelsregeln aufweichen, die heute verhindern, dass staatliche Stellen Aufträge nicht international ausschreiben müssen und ausschließlich im Inland erzeugte Produkte kaufen können. Die Diskriminierung ausländischer Anbieter, auch bekannt als „Buy American“, wurden schließlich auch als einer der ersten präsidentiellen Anordnungen von Biden unterzeichnet. Wie sehr sie Veränderungen nach sich zieht ist umstritten. Schließlich gingen ihr ähnliche Anordnungen voraus. Möglicherweise fällt die Maßnahme in die Kategorie „Symbolpolitik, um die eigen Parteilinke zu besänftigen“.

Die Diskriminierung ausländischer Anbieter bei der Vergabe öffentlicher Aufträge ist kein Phänomen, das exklusiv die USA betrifft. Auch in Europa sind solche Maßnahmen zu finden, im Namen des Datenschutzes oder der nationalen Sicherheit. Wünschenswert wäre es, wenn auf beiden Seiten des Atlantiks Bestrebungen zu erkennen wären, die Barrieren abzubauen, statt sie zu erhalten oder gar weiter auszubauen.

Abkehr von aktivistischer Handelspolitik

Die Präsidentschaft Donald Trumps war gekennzeichnet von der Abkehr vom Multilateralismus. Dies zeigte sich etwa im Ausscheiden der Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaabkommen, aber auch an der gezielten Schwächung der Welthandelsorganisation (WTO). So verhinderte Trump mit seinem Veto, wie auch schon seine beiden Vorgänger, die Neubesetzung von Richterstellen bei der WTO. Da durch sein Veto die erforderliche Mindestanzahl von Richtern nicht mehr erreicht wurde, können Handelsstreitigkeiten seit Dezember 2019 nicht mehr vor dem höchsten WTO-Gericht verhandelt werden.

Eine gezielte Schwächung internationaler Ansätze ist von Biden nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Es ist davon auszugehen, dass er in Handelsfragen wie in Klimafragen auf etablierte internationale Abkommen, Institutionen und Spielregeln setzen wird.

Diese Abkehr von Trumps aktivistischer Handelspolitik, die durch eine offensive Vertretung ausgewählter amerikanischer Interessen mittels Androhung und Durchsetzung von Zöllen geprägt war, ist eine Chance. Eine verlässliche Handelspolitik gibt Planungssicherheit und ist dem internationalen Handel zuträglich.

TTIP: Langfristige Regelbindung

Die Auswirkungen einer aktivistischen Handelspolitik à la Trump hätten möglicherweise durch ein verbindliches Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU begrenzt werden können. Unter Präsident Biden sind derartige Manöver nicht zu erwarten, insbesondere nicht in der Schärfe und Grobschlächtigkeit der Vorgängeradministration. Doch politische Umstände können sich schnell ändern. Es ist daher im langfristigen Interesse sowohl der USA als auch der EU, einen Handelsvertrag wie TTIP zu schließen, der verlässliche Rahmenbedingungen für den Umgang miteinander schafft und es Politikern erleichtert, sich glaubhaft an Regeln zu binden, die die Diskriminierung ausländischer Anbieter unterbinden. Zudem können Handelsabkommen helfen, innenpolitische Widerstände gegen den Abbau von Handelshemmnissen zu überwinden, wenn deren vorteilhafter unilaterale Abbau an inländischen Lobbybemühungen scheitert.

Der Ball liegt in Europa

Der internationale Handel hat unter Präsident Trump schwer gelitten. Insbesondere die WHO hat die Abneigung des Präsidenten gegen multilaterale Organisationen und globale Lösungen zu spüren bekommen. Mit der Präsidentschaft Bidens wird auch in Handelsfragen auf der Weltbühne erfreulicherweise wieder etwas Ruhe einkehren. Ein engagierter Einsatz für den Abbau nichttarifärer Hemmnisse und Zölle ist allerdings von Präsident Biden nicht zu erwarten. So hat er weder entsprechende Pläne vorgestellt, noch die unter Trump eingeführten Zölle wieder zurückgenommen.

Möchte Brüssel langfristig stabile und freiere Handelsbeziehungen zu Washington etablieren, liegt es an den Europäern, den Stein ins Rollen zu bringen. Initiativen von der US-Seite sind anders als beim Klima kaum zu erwarten. Die erratischen Trump-Jahre haben gezeigt, dass es verbindlichere Regeln im transatlantischen Handel braucht. Ein Handelsabkommen wie TTIP könnte dazu einen Beitrag leisten.

Erstmals erschienen bei IREF.

Photo: Gage Skidmore from Flickr (CC BY-SA 2.0)

Am 27. Juni verstarb mit 57 Jahren der Ökonom Steve Horwitz. Mit seinen Forschungen, seiner Lehre und ganz besonders mit seiner Persönlichkeit stand er für eine moderne Form des Liberalismus, die von Neugier, Respekt und einem sehr großen Herzen geprägt war.

Ein Menschenfreund

„Wenn wir eine liberalere Welt sehen wollen,“ so schrieb Horwitz vor drei Jahren, „müssen wir mehr Menschen überzeugen, dass unsere Ideen besser sind. Und wenn wir mit unseren Ideen willkommen sein wollen, dann müssen wir sie anständig, ernsthaft und vernünftig präsentieren, mit einer soliden Theorie und Empirie.“ Zwar im Kontext der Debatten in den Vereinigten Staaten formuliert, hat der Anspruch aber dennoch eine generelle Geltung. Der energische Wille, andere Menschen mit den Ideen vertraut zu machen – anzufreunden! – die uns wichtig sind, fehlt uns häufig. Und noch schlimmer: Bei manchen hat man das Gefühl, dass sie gar nicht unbedingt mit ihren Ideen willkommen sein wollen, sondern vor allem daran interessiert sind, anderen unter die Nase zu reiben und vor den Kopf zu stoßen, wie recht sie haben.

Steve Horwitz verkörperte genau das Gegenteil davon. Ihm lagen Menschen am Herzen. Deswegen war er ein Liberaler: weil er überzeugt war, dass diese Ordnung dem Menschen am besten gerecht wird. Er war ein Menschenfreund oder, wie man im Jiddischen sagt: ein Mensch. Das verbindet ihn mit Friedrich August von Hayek, dem er sich natürlich auch intellektuell sehr nah wusste. Von Hayek ist überliefert, dass er eine Engelsgeduld aufbrachte im Diskurs mit inhaltlichen Gegnern und für seine Studenten stets ansprechbar war. So war es auch bei Horwitz. An die Vernunft anderer Menschen zu glauben, und die andere Person nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu begreifen, sind grundlegende Eigenschaften des Liberalen.

Moderner Liberalismus: Empathie statt Ego-Trip

Schon durch diese charakterliche Parallele gehörte Steve Horwitz zur Familie Hayeks. Aber auch insofern er dessen Ideen wie ein Erbe übernahm. Freilich nicht, um dieses Erbe dann in einer Vitrine auszustellen, sondern um damit zu arbeiten, es weiterzuentwickeln, damit zu wirtschaften, geistige Profite zu generieren und es möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. In Vorlesungssälen, Videos, Blogartikeln, Sozialen Medien, bei unzähligen Konferenzen und Seminaren hat er die Denker der Österreichischen Schule und des Liberalismus so vermittelt und auch durchdiskutiert, dass sie fit gemacht wurden für die Rezeption und Weiterentwicklung im 21. Jahrhundert. In diesem Sinne ist der Titel seines vor sechs Jahren erschienen Buches „Hayek‘s Modern Family: Classical Liberalism and the Evolution of Social Institutions“ vielsagend: Einerseits zeigt sich daran, wie Horwitz an einer Weiterentwicklung bedeutender Liberaler interessiert war, deren interdisziplinäre Weite er sehr schätzte und gerne teilte. Zugleich passt der Titel aber auch, weil er durch diesen Diskurs sich selbst als Angehöriger von Hayeks moderner Familie ausweist.

Horwitz und etliche seiner Freunde und Kollegen wie Roderick Long und Jason Brennan waren vor etlichen Jahren zunehmend abgestoßen von der Art, wie liberale Ideen vertreten und vermarktet wurden. Wie Hayek waren sie der Überzeugung, dass es „zweifellos ein Element der Natur der meisten Menschen und vielleicht sogar die wichtigste Bedingung ihres Glücks [ist], dass sie die Wohlfahrt anderer Menschen zu ihrer Hauptaufgabe machen.“ Unser Verantwortungsgefühl gegenüber den Armen und Hilflosen, auch gegenüber unserer Umwelt, sind potitive Impulse. Unsere Empathiefähigkeit ist der Grund für unseren Erfolg als Gesellschaften, als Menschheit. Entsprechend sei es grundfalsch, Liberalismus als Ego-Trip zur Besitzstandwahrung und Selbstbereicherung darzustellen oder gar zu leben. Die Gruppe gab sich den Namen „Bleeding Heart Libertarians“.

Ein Leuchtturm in turbulenten Zeiten

Horwitz wollte sein Herz, das für die Armen blutete, aber nicht vor sich hertragen, um zu signalisieren, was für ein bewundernswerter Mensch er sei. In der ihm typischen Prägnanz formulierte er dazu einmal: „I‘m a libertarian beccause I do care about the poor … and I don’t care how good your intentions are.” Mit geradezu kindlicher Begeisterung verfolgte er, wie technischer Fortschritt und die Wettbewerbsdynamik des Marktes die Welt exponentiell verbesserten und weltweit Menschen massenhaft aus der bittersten Armut herauswuchteten. Und er geriet ins Schwärmen, wenn er sich vorstellte, was durch eine weitere Verbesserung dieser Bedingungen für Technologie und Wettbewerb alles der Menschheit zugutekommen könnte. Der interventionistische Staat ist in dieser Perspektive nicht nur weniger kompetent als der Markt, sondern trägt mitunter auch die moralische Bürde, dass er einem besseren Leben im Wege steht, ganz besonders für die Benachteiligten.

Gerade in einer Epoche, in der im Gefolge der Tea Party Bewegung und der darauf aufbauenden Kaperung der Republikanischen Partei durch einen prinzipienbefreiten Populisten der amerikanische Liberalismus in turbulente Fahrwasser kam, war Horwitz ein wichtiger Orientierungspunkt, der felsenfest stand während er an Grundsätze und Traditionen der Bewegung erinnerte: „Immer wieder habe ich betont,“ schrieb er 2016, „dass der Klassische Liberalismus und der Libertarismus aus der Linken stammen. Wir haben ein progressives Erbe. Libertarismus bedeutet, dass wir verstehen, dass Märkte und Kulturen dynamische, emergente Ordnungen sind, die zum Fortschritt der Menschheit führen – auf dem ganzen Erdkreis.“ Die emanzipatorisch-progressiven Traditionen im Liberalismus wieder stärker zu machen und diesen Anspruch nicht den Sozialingenieuren und Gesellschaftsklempnern zu überlassen, war für ihn eine Lebensaufgabe.

Nicht im Gestern leben, sondern für das Morgen

Wenige Wochen vor seinem Tod war Steve Horwitz noch in einer Debatte zu hören, in der es um die Zukunft des Liberalismus ging. Für ihn war klar: Die Zukunft liegt nicht darin, Kämpfe von vorgestern auszutragen oder Siege von gestern zu verwalten, sondern zu verstehen, was heute und morgen relevant ist. Und von dort aus zu überlegen, wie wir als Liberale darauf Antworten finden können, die Menschen überzeugen, die Welt verbessern und der Würde des Menschen gerecht werden, die in seiner Freiheit begründet ist. Horwitz hatte die letzten Worte in der Diskussion und sie sind sein Erbe und Auftrag an Liberale in der ganzen Welt, die zu Hayeks moderner Familie gehören – und zu Horwitz‘:

„Wir müssen die Ideen des Liberalismus weiter und tiefer durchdringen, um die Anliegen junger Menschen zu adressieren. Der Liberalismus wird nicht weiterkommen, wenn wir nichts zu sagen haben in den Debatten rund um soziale Gerechtigkeit, um Rassismus, um Klimawandel, um sexuelle Identität. Denn diese Debatten treiben junge Menschen heute um. Wenn wir uns darum nicht kümmern, wenn wir nicht an einer besseren Sprache und an besseren Ideen arbeiten, werden wir eine ganze Generation für den Liberalismus verloren haben.“

 

Bild: Mark Setchell from Flickr (CC BY-SA 2.0)

Wir können die Corona-Pandemie immer besser einschätzen. Das verwandelt bedrohliche Unsicherheit in kalkulierbares Risiko. Und eröffnet einen Weg zurück zur Normalität.

Die Narrenfreiheit endet

Corona hat den Staat einflussreicher gemacht. Im Handstreich werden astronomische Summen umverteilt, Grenzen geschlossen, ganze Geschäftszweige dichtgemacht und wieder geöffnet. Eine neue Generation wächst auf angesichts eines allmächtigen und rettenden Leviathans. Wer weiß: Vielleicht war genau das nötig, um noch Schlimmeres zu verhindern? Mit Sicherheit war nicht jede Corona-Reaktion des Staates sinnstiftend oder gar verhältnismäßig. Aber der Schutz hunderttausender Menschenleben rechtfertigte, dass Regierungen für eine gewisse Zeit Narrenfreiheit genossen. Der öffentliche Diskurs wurde eingefroren, der Zweck heiligte fast alle Mittel. Das muss nun enden, denn zugängliche Impfungen und Erfahrungswerte verwandeln die bedrohliche Unsicherheit der Corona-Pandemie in ein Risiko, mit dem sich immer besser umgehen lässt.

Das Leben ist lebensgefährlich

„Leben ist immer lebensgefährlich“ schreibt Erich Kästner in einem Silvestergedicht. Tatsächlich gehen wir alltäglich mit Risiken um. Das „Future of Humanity Institute“ an der Universität von Oxford bezifferte im Jahr 2008 die Wahrscheinlichkeit, dass die gesamte Menschheit noch vor dem Jahr 2100 durch ein globales Ereignis ausgelöscht wird, auf sage und schreibe 19 Prozent. Doch es muss nicht gleich eine künstliche Intelligenz die Weltherrschaft übernehmen, um unser Leben zu bedrohen. Jedes Mal, wenn wir in ein Flugzeug oder Auto steigen, riskieren wir tatsächlich unser Leben. Jedes Mal, wenn wir trotz Gewitters wandern gehen oder einen etwas kleineren Bogen um des Nachbarn Rottweiler Hasso machen, sind wir einer (Lebens-)Gefahr ausgesetzt. Diese Dinge bringen uns aber selten um den Schlaf – wir haben gelernt, mit dem Lebensrisiko umzugehen.

Die Menschheit ist also durchaus risikokompetent – trotzdem hat die Corona-Pandemie die Welt in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt.

Frank Knight, einer der großen Ökonomen des 20. Jahrhunderts und Mitbegründer der Chicagoer Schule, hat eine Erklärung dafür. Sein Ausgangspunkt: Unser Leben beruht auf einer schier endlosen Abfolge von Entscheidungen, deren Folgen wir selten wirklich kennen. Informationen sind begrenzt und gleichzeitig teuer. Es wäre beispielsweise vollkommen ineffizient, jedes Verkehrsmittel vor Nutzung selbst auf Herz und Nieren zu überprüfen. Aber nicht jede Situation offenbart den gleichen Grad an Unsicherheit. Knight identifiziert drei unterschiedliche Unsicherheitsszenarien:

(I) A priori Risiko: Wir kennen die Folgen unseres Handelns und können ihnen a priori Wahrscheinlichkeitswerte zuordnen (Wurf eines Würfels)
(II) Statistisches Risiko: Wir kennen die Folgen unseres Handelns und können ihnen statistische Wahrscheinlichkeitswerte zuordnen (Reise mit einem Flugzeug)
(III) Unsicherheit: Wir kennen die Folgen unseres Handelns nicht (alle) und können nicht sagen, wie wahrscheinlich sie eintreten (Gründung eines Start-Ups)

Im Alltag sind wir in den seltensten Fällen mit Szenarien der Fallgruppe (I) beschäftigt. Die meisten Risiken, mit denen wir umgehen müssen, können wir aufgrund von Erfahrung oder Recherche ganz gut einschätzen. Knifflig wird es bei Fallgruppe (III). Hier können wir weder alle potentiellen Folgen unseres Handelns noch deren Eintrittswahrscheinlichkeit einschätze. Für Knight liegt hier in dieser Tatsache der Schlüssel zum Erfolg von Unternehmern. Nur wer unter echter Unsicherheit investiert, kann übernormale Profite erwarten.

Wir versuchen Unsicherheit um jeden Preis zu vermeiden

Damit tut der Entrepreneur etwas für den Menschen sehr Untypisches. Denn üblicherweise tun wir alles, um Unsicherheit zu vermeiden, auch wenn es irrational erscheint. Darauf beruht das gesamte Geschäftsmodell der Versicherungsbranche, die gegen Geld unkalkulierbare Unsicherheiten in abschätzbare Risiken verwandelt.

Wie weit unsere Risikoaversion geht, verdeutlich das sogenannte Ellsberg-Paradox: Ein Proband wird instruiert, in einem Laborversuch eine Kugel aus einer von zwei Urnen zu ziehen. In der linken Urne befinden sich 50 rote und 50 schwarze Kugeln. In der rechten Urne rote und schwarze Kugeln in unbekannter Anzahl. In der ersten Runde verspricht die rote Kugel einen Gewinn. Üblicherweise entscheiden sich die Probanden hier für die erste Urne mit der bekannten Kugelverteilung. Werden nun in Runde 2 die Regeln geändert und die schwarze Kugel zur Gewinnkugel erklärt, dann müsste ein rationaler Proband eigentlich in die zweite Urne greifen. Denn wenn der zweiten Urne in der ersten Runde eine niedrigere Gewinnwahrscheinlichkeit zugeordnet wird, dann muss die erwartete Gewinnwahrscheinlichkeit in der zweiten Runde größer als 50 Prozent sein. Doch regelmäßig werden Probanden auch in Runde zwei die erste Urne, deren Risiko bekannt ist, der unsicheren vorziehen.

Zu Beginn versetzte die Corona-Pandemie uns in eine Lage, wie sie in der zweiten Urne herrscht. Es war mehr unklar als klar: Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko? Wie hoch das Sterberisiko? Welchen Einfluss haben Alter und Vorerkrankungen? Was sind die Langzeitfolgen? Wie überträgt sich das Virus? Klar war nur: Es handelt sich um ein für den Menschen neuartiges Virus, das potentiell tödlich ist und sich rasant ausbreitet. Die meisten Menschen in Europa waren zum ersten Mal in ihrem Leben mit einer derart großen Unsicherheit konfrontiert. Da ist sowohl irrationales Handeln als auch die vorrübergehende Abgabe von Entscheidungsverantwortung an den Staat mehr als nachvollziehbar.

Corona wird langsam von der Unsicherheit zum Risiko

So schön es wäre: nach heutigem Kenntnisstand sind Szenarien wie Zero-Covid oder eine vollständige Herdenimmunität mit den uns aktuell zur Verfügung stehenden Instrumenten nicht zu erreichen. Das mag sich in Zukunft ändern, doch vorerst muss die Welt mit dem ständig mutierenden Virus leben. Dass das auch möglich ist, haben wir der Wissenschaft zu verdanken. Allen voran die vorhandenen Impfstoffe verwandeln das Corona-Virus von einer Unsicherheit in ein kalkulierbares Risiko inklusiver statistisch fundierter Wahrscheinlichkeitswerte. Geimpfte können sich nahezu sicher sein, nicht schwer zu erkranken. Das trifft nach ersten Erkenntnissen auch auf die Delta-Variante zu. Selbst leichte symptomatische Erkrankungen sind unter Geimpften statistisch gesehen selten. Unter diesen Bedingungen ist eine Covid-Erkrankung für Geimpfte (aktuell) durchaus mit anderen Lebensrisiken, die wir alltäglich eingehen, vergleichbar. Hinzu kommt: Die Wissenschaft erforscht nicht nur das Ansteckungsrisiko. Beinahe täglich erscheinen neue Studien, die sich mit Übertragungswegen, Langzeitfolgen und Risikofaktoren beschäftigen.

Was bedeutet das für die Politik? (1) Die Narrenfreiheit der Regierungen endet. Kritiker sind nicht mehr automatisch Aluhut-tragende Spinner, sondern können auf Basis der immer umfangreicheren Informationsbasis zu einer anderen fundierten Einschätzung kommen. (2) Es ist gerechtfertigt, eine gesellschaftliche Debatte über den kollektiven Umgang mit dem Corona-Risiko zu führen. Das bedeutet nicht, dass Knall auf Fall alle Maßnahmen außer Kraft gesetzt werden sollen. Aber: Es ist legitim eine auf einer Risikoabwägung fundierte Begründung für Freiheitseinschränkungen einzufordern. Insbesondere dann, wenn Impfungen für wirklich alle zugänglich sind. Daran müssen sich Politiker und ihre Vorschläge messen lassen. (3) Ein Flickenteppich an unterschiedlichen Einschätzungen und Regeln mag vielleicht manchmal verwirrend sein, aber er bietet, egal ob auf deutscher, europäischer oder globaler Ebene, auch eine riesige Chance: Wir können von unterschiedlichen Ansätzen, die im Wettbewerb um das effizientestes Risiko-Management miteinander stehen, mehr lernen als von jeder Laborstudie. (4) Es muss erste Aufgabe internationaler Politik sein, Corona möglichst schnell für alle Menschen in ein Risiko zu verwandeln. Mit Impfungen auf Kosten der G7, nicht aber mit aberwitzigen Patententziehungen.

Eine Bemerkung zum Schluss: Es geht bei diesem Thema sprichwörtlich um Leben und Tod, da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Doch das Risiko möchte ich im Sinne der von mir verlangten Debattenkultur gerne eingehen. Schreiben Sie mir, wenn Sie anderer Meinung sind.

Photo: Andreas Praefcke from Wikimedia Commons (CC 0)

Von Prof. Dr. Thomas Mayer, Kuratoriumsvorsitzender von Prometheus und Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem jüngst erschienen BuchDie Vermessung des Unbekannten – Ein Essay über Geld und Gesellschaft in Zeiten radikaler Unischerheit“.

Die Corona-Pandemie, oder besser gesagt die mehr oder weniger sinnvollen und mehr oder weniger effektiven Maßnahmen des Staates zu ihrer Bekämpfung, sind uns allen gehörig auf den Wecker gegangen. Aber wo viel Schatten ist, gibt es auch zumindest ein wenig Licht. Der Zwang, zu Hause zu bleiben, hat uns viel Zeit verschafft, zu „streamen“, nachzudenken oder – und das trifft auf mich zu – zu schreiben. So ist im Verlauf des letzten Jahres eine Serie von Kommentaren, Artikeln und Videos entstanden, in der ich mich mit der Frage beschäftigt habe, wie wir mit dem in Gegenwart und Zukunft lauernden Unbekannten umgehen. Die Antwort ist in den dunkleren Wochen und Monaten des Herbst-Winter Lockdowns zu einem Buch geronnen. Für alle, die meine Beschäftigung mit diesem Thema verfolgt haben oder sich für dieses Thema interessieren, will ich im Folgenden meine Diagnose unseres Umgangs mit dem Unbekannten zusammenfassen und meinen Vorschlag zum richtigen Umgang skizzieren.

Seit uns der Glaube an die göttliche Vorsehung abhandengekommen ist, haben wir uns zu ihrer Ergründung angewöhnt, in mathematischen Wahrscheinlichkeiten zu denken. Wenn wir schon nicht wissen können, was passieren wird, dann können wir doch vielleicht eine Liste der möglichen Entwicklungen erstellen und für jede eine Wahrscheinlichkeit vergeben. In seinem Buch „Against the Gods“ erzählt der Finanzhistoriker Peter L. Bernstein die Geschichte der Vermessung der Zukunft mithilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Dazu muss mathematisch unfassbare Unsicherheit in mathematisch messbare Risiken verwandelt werden. Aus den uns vorstellbaren, künftig möglichen Entwicklungen wählen wir diejenige mit der höchsten Wahrscheinlichkeit als Prognose und vertrauen darauf, dass die Wahrscheinlichkeiten anderer Entwicklungen mit der Größe der Abweichung von der Prognose sinken. Unsicherheit wird scheinbar zum messbaren und damit versicherbaren Risiko.

Einige, aber nicht alle Risiken können wir privat versichern. Deshalb errichten wir den Versicherungsstaat, den wir beauftragen, unsere Lebensrisiken, die wir privat nicht versichern können oder wollen, zu minimieren und die Restrisiken öffentlich zu versichern. Doch scheitert die Vermessung der Zukunft – und damit der Versicherungsstaat – aber immer wieder an der mathematischen Unbeherrschbarkeit eigentlicher, „radikaler“ Unsicherheit, die man auch als fundamentale Ungewissheit bezeichnen könnte. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung versagt. Wer wie ich lange in den Finanzmärkten unterwegs war, hat dies oft genug erlebt. Er weiß, dass Geldanlegen in der Kunst besteht, mit Überraschungen aller Art umzugehen, vom „gewussten Ungewussten“ bis zum „ungewussten Ungewussten“. Letzteres, das ungewusste Ungewusste entzieht der Vermessung der Zukunft mit den Methoden der Mathematik vollständig den Boden.

Die Corona-Pandemie ist ein Fanal dafür, wie wenig wir über die Gegenwart wissen, wie ungewiss die Zukunft ist und wie schwer es dem Staat fällt, die ihm zugewiesenen Rolle des Rundumversicherers seiner Bürger gegen Risiken für Gesundheit und wirtschaftlichen Wohlstand auszufüllen. Das Jahr 2020 sollte uns Bescheidenheit lehren. Doch fürchte ich, dass wir – wie nach der Großen Finanzkrise – auch daraus keine Lehren ziehen werden. Noch während wir im Nebel der Pandemie herumstocherten, sah die Politik in der von dem Virus verursachten Zerstörung die Chance, eine neue, nach ihren Vorstellungen geplante Welt zu gestalten. Nach dem Teilabriss infolge der Pandemie soll die Wirtschaft „grüner“ wieder auf- und dabei umgebaut werden. Woher Politik und Gesellschaft die Zuversicht nehmen, dass sie die mit dem Klimawandel verbundenen Unsicherheiten besser durchdringen und berechnen und die Wirtschaft effektiver und effizienter planen können als dies bei der Pandemie der Fall war, entzieht sich dem gesunden Menschenverstand.

Statt an der Illusion der Vermessbarkeit radikaler Unsicherheit festzuhalten oder Handlungen aus Angst vor Unsicherheit bis zur Selbstlähmung einzuschränken, gilt es, die Zukunft mit gesundem Menschenverstand zu ergründen und sich durch die Zeit mit Versuch und Irrtum voranzutasten. Dazu ist es nötig, für Vergangenheit und Gegenwart realistische Erzählungen („Narrative“) zu finden und aus der inneren Dynamik der Geschichten eine Ahnung – und leider ist mehr nicht möglich – über die Zukunft abzuleiten.

Zu den großen Narrativen unserer Zeit, die es zu ergründen gilt, gehören der demografische Wandel, die Völkerwanderungen unseres Zeitalters, die Digitalisierung unserer Lebensumstände, die ausufernde Geldvermehrung der Zentralbanken, die Entstehung einer neuen geopolitischen Weltordnung, der Klimawandel und die Corona-Pandemie sowie die Auflösung der liberalen Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft durch Identitätspolitik. Das sind die „bekannten Unbekannten“. Das „unbekannte Unbekannte“, das im Dunkel fundamentaler Ungewissheit lauert, können wir nicht erzählen, sondern nur bedenken.

Könnten wir die Finalität der Geschichte erkennen, würden wir uns wohl auf geradem Weg dorthin begeben. Wäre die Geschichte ein Zufallsprozess – oder „ein verdammtes Ding nach dem anderen“, wie der britische Historiker Arnold Toynbee meinte –, könnten wir aus ihr nichts lernen. Liegt die Wahrheit jedoch in der Mitte, verändert die Geschichte uns und wir verändern sie. Insofern ist die Zukunft offen, aber nicht rein zufällig.

Vermutlich ist die Geschichte pfadabhängiger und damit auch zyklischer als wir Kinder der Aufklärung wahrhaben wollen. Mit einer ausgereiften Erzählung können wir den Pfad besser verstehen und die Zukunft erahnen. Diese Erkenntnis eröffnet auch neue Handlungsmöglichkeiten, die den Lauf der Geschichte verändern können. Nicht der Random Walk, sondern der Error-Correction-Process wäre dann das entsprechende, der Statistik entstammende Bild.

Durch Irrtum und Korrektur kann eine im Nachhinein in Umrissen beobachtbare, aber schwer in die Zukunft prognostizierbare Zyklik entstehen. Doch ein Muster ist erkennbar: Fehlerhafte Entwicklungen setzen ein, wenn die individuelle Freiheit durch Verpflichtungen aller auf Ziele, die von wenigen definiert werden, unterdrückt wird. Korrekturen entwickeln sich, wenn diese Verpflichtungen aufgehoben werden. Gegenwärtig haben Freiheitsbeschränkungen Konjunktur. Wie weit die fehlerhafte Entwicklung gehen wird, ist offen. Zuversichtlich stimmt jedoch, dass wir auf die Korrektur hoffen dürfen.