Photo: New York National Guard from Flickr (CC BY-ND 2.0)

Der moderne Liberalismus gilt vielen als der Inbegriff für Gefühlskälte und Überrationalisierung. Dabei fußt er wie keine andere Ideenwelt auf Mitgefühl und Empathie. Dass das anders wahrgenommen wird, liegt jedoch nicht nur an der Ignoranz seiner Gegner.

Nun sag, wie hast Du`s mit dem Mitgefühl?

Ist das der wunde Punkt für den Liberalen wie es die Religion für den orientierungslosen Dr. Faustus ist? Die weitverbreitete Meinung ist wohl, dass sich der Liberalismus ebenso an den Teufel verkauft hat wie einst Goethes Dramaprotagonist; an einen Teufel, der Profitgier propagiert und Kaltherzigkeit zur Maxime erklärt. Man spricht dann von „Manchester-Liberalismus“ und projiziert verschmutzte Industriestädte in die Köpfe. Mit Fabriken, in denen vormals glückliche Selbstversorger bis zum Umfallen von ihren kapitalistischen Herren geknechtet werden. Oder man bemüht das Feindbild des Neoliberalismus mit seinen drei heiligen Tugenden: Privatisierung, Sozialstaatsabbau, Steuersenkungen. Echtes Teufelszeug! Hier wäre jetzt die Stelle, an der Liberale in ihre übliche Lamentation verfallen: Unverstanden in einer Welt voller Gefühlsdusel, die die einfachsten ökonomischen Zusammenhänge nicht begreifen. Oder aber wir nehmen die besinnliche Weihnachtszeit zum Anlass, einmal zu hinterfragen, was wir selbst zum katastrophalen Bild des Liberalismus beitragen.

Die Bürde des Dagegenseins

Auf dem sinnbildlichen politischen Marktplatz nimmt der Liberalismus eine merkwürdige Rolle ein. Der Liberale ist vor allem dagegen. Alle anderen warten mit prächtigen und bunt geschmückten Marktständen auf, die sich mit kreativen Politikvorschlägen gegenseitig übertreffen. Hinzu kommt, dass man den Liberalismus auch nicht wirklich einordnen kann. Üblicherweise lässt er sich nicht auf dem klassischen Links-Rechts-Schema verorten. Übereinstimmungen mit Konservativen, Grünen und Sozialdemokraten sind dem Zufall geschuldet und nicht grundsätzlicher Ideenüberschneidung. Sozialdemokraten und (grüne) Konservative gleichermaßen glauben fest daran, dass eine gute Gesellschaftsordnung „das Ergebnis der ständigen Aufmerksamkeit der Staatsmacht“ sei, wie es Hayek in „Why I am not a Conservative“ formuliert. Der Liberalismus fußt dagegen auf der grundlegenden Erkenntnis, dass der Mensch imperfekt ist (Mark Pennington), dass er niemals über genügend Informationen verfügt (Friedrich August von Hayek) und sich im Zweifel opportunistisch verhält (Elinor Ostrom). In der Folge verfolgt der Liberalismus eine durch und durch anti-autoritäre Agenda. Die sich daraus ergebenen Institutionen sind solche, die dem Individuum möglichst wenig Macht über andere geben.

Dem Liberalen ist der Werkzeugkasten der anderen ein Graus: Besteuern, Enteignen, Überwachen, Regulieren, Beaufsichtigen, Beurteilen, Erziehen, Anstupsen, Verbieten und Begünstigen. Der Liberale bevorzugt einen Staat, der nur das Allernötigste tut und vieles am besten gar nicht. Mit seiner Maxime der Eigenverantwortung wird der Liberale in die Position des distanzierten Non-Konformisten gedrängt. Das stellt den Liberalismus von ein gewaltiges Kommunikationsproblem. Egal ob Staatshilfen für liebgewonnene Traditionsunternehmen, Entwicklungshilfe oder Verbote schädlicher Konsumgüter. Es ist schwer zu vermitteln, wie man es ablehnen kann, dass der Staat den Menschen „hilft“. Und hier muss man vielen freiheitlich denkenden Menschen eine gewisse Hilflosigkeit attestieren. Denn anstatt auf Empathie zu setzen, ist oft zu beobachten, wie markwirtschaftliche und freiheitliche Argumente in der Fremdscham-Ecke enden. Dann schlägt begründeter Non-Konformismus in eine generelle und überhebliche Ablehnungskultur um, die hauptsächlich darauf aus ist, das Gegenüber zu schocken: à la „seht her, was für prinzipientreuer Typ ich doch bin!“.

Der Liberalismus hat ein Tugendproblem

„Wenn jeder an sich selbst denkt, dann ist an alle gedacht“: es ist solcher neunmalkluge Infantilismus, der dem Liberalismus den größten Schaden zufügt. Denn wer so denkt, verwechselt die Unparteilichkeit des Staates mit persönlicher Unbeteiligtheit. Wer das Individuum zum Primat der Politik erklärt, der muss sich auch im Privaten daran messen lassen. Aus der anti-autoritären Politik-Agenda des Liberalismus müssen im Umkehrschluss Mitgefühl und Empathie im Privaten folgen. Zumindest, wenn man wie die meisten Vordenker von Adam Smith über Max Weber bis Robert Nozick der Überzeugung ist, dass wir Menschen sind, für die solche Werte zentrale Bedeutung haben. Damit ist jedoch nicht „mitfühlender Liberalismus“ das Ziel, sondern „mitfühlende Liberale“. Denn ein „mitfühlender Liberalismus“ verwechselt das Mitgefühl zwischen zwei Individuen mit gegenstandslosem kollektivem. Sollen die Ideen von Freiheit und Marktwirtschaft wieder jene Anziehungskraft entfalten wie im 19. und 20. Jahrhundert, müssen Liberale ihre persönlichen Tugenden mehr in den Vordergrund rücken und sie auch leben. Kurzum: Der Liberalismus braucht mehr Lametta.

Genügend historische und aktuelle Vorbilder gibt es allemal. Der große Adam Smith, der regelmäßig auf die „unsichtbare Hand“ reduziert wird, gründete seine gesamte Ethik auf der von ihm beobachteten Fähigkeit, ja Neigung, sich in andere hinein zu versetzen. Was er „Sympathie“ nennt, bezeichnen wir heute als Empathie. Und Empathie ist unschätzbar wertvoll und unverzichtbar für eine Gesellschaft, die auf individuelle statt auf kollektive Solidarität setzt. In eine ähnliche Kerbe schlägt die US-amerikanische Ökonomin Deidre McCloskey, die das Fortschritts- und Wohlstandswunder der letzten 200 Jahre (die berühmte „Hockey Stick Curve“) nicht nur auf gute Institutionen, sondern vor allem auch auf die „bürgerlichen“ Tugenden zurückführt. Aber es geht nicht nur um persönliche Handlungen, sondern auch um durchdachte Begründungen. Liberale der Gegenwart wie McCloskey, John Tomasi, Peter Boettke oder Johan Norberg beschäftigen sich intensiv mit der moralischen Begründung liberaler Politik. Kern ihrer Argumente ist es, die Nutzenmaximierung nichts zur Tugend zur erheben, sondern als Mittel zum Zweck zu begreifen.

Liberalismus als Politik für die Schwachen und Unterdrückten

Es ist an der Zeit, dass sich Liberale das wieder aneignen: Der Liberalismus vertritt vor allem die Sache der Schwachen und Unterdrückten. Dem Liberalen ist der Korporatismus, das Geklüngel von Staat und Unternehmen, ebenso ein Dorn im Auge wie vielen Linken. Und dem Liberalen ist der Umverteilungs- und Planungsdrang der Linken ebenso ein Dorn im Auge wie manchem Konservativen. Wer bereits mächtig und vermögend ist, der kann den Staat für seine Zwecke nutzen. Liberale Ordnungen nützen dagegen vor allem denjenigen auf der Welt (und auch im eigenen Land), die noch nicht unseren sagenhaften Wohlstand erlangt haben, die nach wirtschaftlicher Freiheit ächzen. Und es sind die Milliarden von Menschen, die nicht frei ihre Meinung äußern oder sich politisch betätigen können ohne um ihre Existenz oder gar ihr Leben fürchten zu müssen, die sich nach Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sehnen.

Mit den Worten von Deidre McCloskey:

„With an open mind and a generous heart, dears, I believe you will tilt towards a humane true liberalism. Welcome, then, to a society held together by sweet talk rather than by violence.”

 

Weiterführende Links und Buchempfehlungen für die Weihnachtszeit:

… über die grundlegenden Überzeugungen des klassischen Liberalismus:

„Robust Political Economy“ von Mark Pennington

… über die Tugenden des Liberalismus:

 „Free Market Fairness“ von John Tomasi

“The Bourgeois Virtues: Ethics for an Age of Commerce” von Deidre McCloskey

… zur Begründung eines “humanitären” Liberalismus:

Pete Boettke auf der Website unseres Think-Tank Partners Foundation for Economic Education

“Manifesto for a True Libertarianism” von Deidre McCloskey

Photo: Loco Steve from Flickr (CC BY-SA 2.0)

Von Justus Enninga und Alexander Albrecht.

Der neuste “Aktionsplan zur Stärkung der Umsetzung der Globalen Strategie zur Reduzierung des schädlichen Alkoholkonsums” der WHO bietet Anlass zu Besorgnis.

Das Ziel, schädlichen Alkoholkonsum zu reduzieren, ist verdienstvoll. Doch die vorgeschlagenen Mittel sind kaum geeignet, diesem Ziel näherzukommen. In einigen Fällen bewirkt der Aktionsplan sogar das Gegenteil, indem er mehr Aufwand betreibt, den verantwortungsbewussten Konsum von Alkohol zu sanktionieren als den Opfern von Alkoholmissbrauch zu helfen. Der Aktionsplan trifft fünf gravierende Fehlannahmen:

  • Jede Form des Alkoholkonsums ist schädlich
  • Höhere Preise reduzieren den schädlichen Konsum
  • Strenge Regulierung hilft bei der Bekämpfung des Schwarzmarktes
  • Private Interessengruppen kümmern sich nicht um die öffentliche Gesundheit
  • Ein Werbeverbot reduziert den schädlichen Konsum

Im Folgenden werden die einzelnen Irrtümer im Detail aufgedeckt.

Irrtum Nr. 1: Jede Form des Alkoholkonsums ist schädlich

Ziel der WHO ist es, “einen Aktionsplan zur Stärkung der Umsetzung der Globalen Strategie zur Verringerung des schädlichen Alkoholkonsums” zu entwickeln. Was zunächst als ein vernünftiger Versuch erscheint, Alkoholmissbrauch weltweit zu bekämpfen, geht jedoch einher mit einem Angriff auf die Souveränität der Konsumenten. Denn anstatt sich um Schadensprävention zu bemühen und sich um diejenigen zu kümmern, die unter den schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen eines schädlichen Alkoholkonsums leiden, verurteilt das Arbeitspapier stattdessen de facto jede Form des Alkoholkonsums.

Dies wird deutlich, wenn im Arbeitspapier mehrfach auf den Pro-Kopf-Konsum von Alkohol als Maß für Alkoholmissbrauch verwiesen wird. Es gibt jedoch keine empirischen Hinweise, dass ein Zusammenhang zwischen der Verringerung des Pro-Kopf-Alkoholkonsums und der Verringerung des schädlichen Konsums besteht. (Duffy und Snowdon, 2014). Daher scheinen die Verfasser des Aktionsplans eher ein Problem mit Alkoholkonsum an sich zu haben: “Die gesammelten Beweise deuten darauf hin, dass Alkoholkonsum [sic!] mit inhärenten Gesundheitsrisiken verbunden ist, obwohl diese Risiken in ihrem Ausmaß und ihren gesundheitlichen Folgen unter den Konsumenten erheblich variieren” (WHO, 2020, S. 4). Im gesamten Dokument wird dann auch nicht erwähnt, dass der Konsum geringer Mengen alkoholischer Getränke sogar gesundheitliche Vorteile haben kann (French und Zavala, 2007).

Indem die WHO den Schwerpunkt auf die Prävention jeder Form des Alkoholgenusses anstatt auf schädlichen Alkoholkonsum legt, wird die Mehrheit der verantwortlichen Konsumenten für den Alkoholmissbrauch einer kleinen Minderheit in Mithaftung genommen.

Irrtum Nr. 2: Höhere Preise reduzieren den schädlichen Konsum

Es ist ein Irrtum der WHO zu glauben, dass Alkohol weniger schädliche Auswirkungen habe, wenn “die Preise für Alkohol durch Verbrauchssteuern und andere Preispolitiken angehoben werden“ (WHO, 2020, S.11).

Aus ökonomischer Perspektive betrachtet bestraft ein solcher Ansatz den verantwortungsbewussten Konsumenten, anstatt den Betroffenen zu helfen. Die ökonomische Elastizitätstheorie zeigt, wie stark die Nachfrage nach einem Gut sinkt, wenn die Preise z.B. durch Verbrauchssteuern erhöht werden. Da die Konsumenten von Alkohol eine heterogene Gruppe sind, werden sie von Steuererhöhungen unterschiedlich betroffen.

Der verantwortungsbewusste Konsument betrachtet Alkohol nicht als integralen Bestandteil seines täglichen Lebens, weshalb seine Nachfrage relativ elastisch ist: Höhere Preise werden deshalb zu einem relativ starken Rückgang des verantwortungsvollen Alkoholkonsums führen. Bürger mit schädlichem Alkoholkonsum und Suchtneigungen werden sich hingegen nicht durch höhere Preise abschrecken lassen. Ihre Nachfrage ist relativ unelastisch. Vielmehr wird eine Alkoholsteuer dazu führen, dass sie bei anderen Ausgaben sparen und das überschüssige Geld aufwenden, um Alkohol zu höheren Preisen zu kaufen.

Irrtum Nr. 3: Strenge Regulierung hilft bei der Bekämpfung des Schwarzmarktes

Die Annahme, dass eine stärkere Regulierung eine Eindämmung des Schwarzmarkts zur Folge haben wird, muss ebenfalls kritisch hinterfragt werden (Yandle, 1983). Von der Prohibition der 1920er Jahre über den aktuellen War on Drugs bis hin zur heutigen Diskussion über schädlichen Alkoholkonsum sind Regulatoren wie die Autoren des WHO-Aktionsplans davon überzeugt, dass eine höhere regulatorische Belastung den vom schädlichen Konsum bestimmter Substanzen betroffenen Bürgern einen Weg aus der Sucht weisen kann (Simmons, Yong, Thomas, 2011). Diese gut gemeinten härteren Regulierungen finden jedoch unerwartete Unterstützung bei illegalen Händlern. Akteure auf dem Schwarzmarkt haben nämlich ein wirtschaftliches Interesse an höheren Preisen für legalen Alkohol und an der Durchsetzung von Alkoholverboten und -beschränkungen, weil dadurch die Gewinnspannen im illegalen Handel mit Alkohol steigen (Thornton, 1991).

Während sich sowohl die Regulatoren als auch die Händler auf dem Schwarzmarkt über härtere Regulierungen freuen können, werden die Konsumenten schlechter gestellt. Um zu vermeiden, dass man den Interessen des illegalen Marktes Vorschub leistet, sollten Regulatoren der Versuchung widerstehen, die Preise künstlich zu erhöhen sowie auf härtere Einschränkungen für Alkohol zu drängen. Stattdessen sollten sie sich auf Ansätze konzentrieren, die den Geschädigten tatsächlich helfen.

Irrtum Nr. 4: Private Interessengruppen kümmern sich nicht um die öffentliche Gesundheit

Die WHO stellt die Alkoholindustrie als Unternehmer dar, deren Interessen diametral zu denen der öffentlichen Interessen verlaufen: “Es bedarf einer starken internationalen Führung, um der Einmischung kommerzieller Interessen in die Entwicklung und Umsetzung der Alkoholpolitik entgegenzuwirken, um der öffentlichen Gesundheitsagenda für Alkohol angesichts einer starken globalen Industrie und kommerzieller Interessen Vorrang zu geben.” (WHO 2020, S. 4). Die WHO fordert hiermit einen strikten staatlichen “Command-and-Control”-Regulierungsansatz, um öffentlichen Gütern wie Gesundheit gegen private Interessen zu verteidigen.

Diese Darstellung ignoriert jedoch die letzten 30 Jahre empirischer Forschung im Bereich der Regulierung, die zeigt, wie Kooperation zwischen Regulatoren und Regulierten zu fruchtbaren Ergebnissen führen kann. Wie zum Beispiel Cogliese und Lazar (2003) zeigen, kann ein managementbasierter, kooperativer Regulierungsansatz funktionieren, wenn es eine ausreichende Überschneidung zwischen den Interessen des Unternehmens und dem sozialen Nettonutzen gibt. Dies sorgt für weniger Kosten, höhere Compliance und höhere Flexibilität für die Firmen und führt somit zu besseren regulatorischen Ergebnissen.

Da auch der Alkoholindustrie ihr öffentliches Image wichtig ist, hat diese auch einen Anreiz, eine regulatorische Lösung zu erarbeiten, die denjenigen hilft, die unter ungesundem Alkoholkonsum leiden. Aufgrund ihres unternehmerischen Interesses werden sie hierzu die für sie am wenigsten belastenden Maßnahmen ergreifen. Der Staat würde innerhalb dieses Prozesses lediglich als Schiedsrichter fungieren, der die Einhaltung der selbstgegebenen Spielregeln überwacht. Es ist keineswegs der Fall, dass nur der Staat öffentliche Interesse berücksichtigen und schützen kann. Gerade das Zusammenspiel aus Zivilgesellschaft, Medienöffentlichkeit und Unternehmen hat sich hier als langfristig robust erwiesen.

Irrtum Nr. 5: Ein Werbeverbot reduziert den schädlichen Konsum

Das Recht, für sein Produkt zu werben, ist ein Grundrecht der Unternehmensfreiheit. Ein komplettes Verbot von Werbung und Marketing, wie es das Arbeitspapier der WHO vorschlägt, ist daher eine gravierende Einschränkung dieses Rechts und muss hinreichend empirisch und moralisch begründet werden. Während es gemischte empirische Belege für die Hypothese gibt, dass Werbung für alkoholische Getränke Nicht-Konsumenten dazu motiviert, mit dem Konsum anzufangen, gibt es keine Belege dafür, dass Werbung für alkoholische Getränke die Menge des Konsums erhöht (Smith und Foxcroft, 2009; Nelson 2010). Es gibt keine ausreichenden Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen schädlichem Alkoholkonsum und Werbung für Alkohol. Anstatt also einer ganzen Branche ihr Recht auf kommerzielle Freiheit zu nehmen, ist ein Fokus auf Aufklärung und Prävention von schädlichem Alkoholkonsum das am wenigsten belastende rechtliche Instrument, das stattdessen gewählt werden sollte.

Das jüngste Arbeitspapier der WHO über den schädlichen Gebrauch von Alkohol weist schwerwiegende Mängel in Methodik, Logik und Argumentation auf. Es bleibt daher zu hoffen, dass der nächste Entwurf des Arbeitspapiers nach Lösungen sucht, um schädlichem Alkoholkonsum vorzubeugen und den Opfern von Alkoholsucht bestmöglich zu helfen, anstatt verantwortungsvolle Konsumenten zu bevormunden.

Literatur:

Coglianese, C. and Lazar, D. (2003) Management-Based Regulation: Prescribing Private Management to achieve Public Solution. Law and Society Review 37(4): 691-730.
Duffy, J. and Snowdon, C. (2014): Punishing the Majority: The flawed theory behind alcohol control policies. Current Controversies No. 49 London: Institute of Economic Affairs.
French, T. and Zavala, S. K. (2007): The Health Benefits of Moderate Drinking Revisited: Alcohol Use and Self-Reported Health Status. American Journal of Health Promotion 21(6): 484-491.
Nelson, J. (2010): Alcohol advertising bans, consumption and control policies in seventeen OECD countries, 1975–2000. Applied Economics 42(7): 870–926.
Simmons, R.; Yonk, R.; Thomas, D. (2011): Bootleggers, Baptists, and Political Entrepreneurs – Key Players in the Rational Game and Morality of Regulatory Politics. The Independent Review 15(3): 367-381.
Smith, L. and Foxcroft, D. (2009): The effect of alcohol advertising, marketing and portrayal on drinking behavior in young people: Systematic review of prospective cohort studies. BMC Public Health 9(1): 51
Thornton, M. (1991): Alcohol Prohibition Was a Failure. Cato Policy Analysis 157.
World Health Organisation (2020) Working document for development of an action plan to strengthen implementation of the Global Strategy to Reduce the Harmful Use of Alcohol. 14 November.
Yandle, B. (1983): Bootleggers and Baptists: the education of a regulatory economist”. Regulation 7 (3): 12-16

Photo: Bundesarchiv, B 145 Bild-F052015-0031 / Wegmann, Ludwig (CC-BY-SA 3.0)

Otto Graf Lambsdorff war ein kerniger Typ, der sich nicht so leicht erschüttern ließ. Dies hatte wahrscheinlich auch mit seiner Kriegsgefangenschaft und seiner schweren Verwundung im 2. Weltkrieg zu tun. Lambsdorff hat den politischen Liberalismus im Nachkriegsdeutschland maßgeblich geprägt und mit Klarheit und Entschiedenheit vertreten. „Marktgraf“, wie ihn die ganz wenigen wohlwollenden Medien nannten, war eine von Respekt und Hochachtung geprägte Bezeichnung. Am vergangenen Samstag jährte sich sein Todestag zum elften Mal.

Wenn man Lambsdorffs Wirken betrachtet, dann sind es drei Phasen in seinem Leben, in denen er die deutsche Politik maßgeblich geprägt hat. Die erste Phase war die als Wirtschaftsminister einer sozial-liberalen Koalition unter Helmut Schmidt. Er war der marktwirtschaftliche Gegenpol zur umverteilenden Sozialdemokratie in der Regierung, teilweise sogar in der eigenen Partei, der FDP. Sein „Wendepapier“ 1982 war der niedergeschriebene Fedehandschuh, um der kraftlos agierenden Regierung Schmidt/Genscher eine letzte Chance zu geben. Es war ein Manifest für eine marktwirtschaftliche Erneuerung und eine Rückkehr zu soliden öffentlichen Haushalten. Steigende Arbeitslosigkeit, schlechte Haushaltszahlen und die hohe Inflation machten eine wirtschafts- und haushaltspolitische Kehrtwende erforderlich. Der anschließende Wechsel zur christlich-liberalen Koalition unter Kanzler Helmut Kohl und die anschließende Neuwahl 1983 brachte die FDP fast um ihre parlamentarische Existenz.

Nicht immer hat sich Lambsdorff mit seinem Kurs in der FDP durchgesetzt. Als der Deutsche Bundestag 1998 über die Einführung des Euro als Gemeinschaftswährung abstimmte, versagte er seiner Fraktion die Gefolgschaft ebenso wie Burkhard Hirsch. Beide gehörten innerhalb ihrer Partei zu sehr unterschiedlichen Flügeln, dennoch kamen beide – der eine aus ökonomischer und der andere aus rechtsstaatlicher Sicht – zum gleichen Ergebnis. Lambsdorff war Vorsitzender der FDP vor und nach der Deutschen Einheit. In dieser zweiten Phase seines politischen Lebens hat er die Liberalen zu einer gesamtdeutschen Partei entwickelt und die Liberalen bei der Bundestagswahl 1990 zu einem Ergebnis von 11 Prozent geführt.

Lambsdorff wurde meist als Wirtschaftsliberaler bezeichnet oder darauf reduziert. Damit wird man seinem Verständnis von Liberalismus nicht gerecht. Er war ein klassisch Liberaler. Sein Tätigkeitsfeld war als Wirtschaftsminister zwar die Wirtschaftspolitik, im Sinne der Rahmensetzung in einer marktwirtschaftlichen Ordnung. Aber er war auch auf dem Gebiet der Aussöhnung und der Menschenrechte aktiv. Dies prägte die dritte Phase seines politischen Wirkens. Es war die Zeit, in der er die meisten Freiheiten genießen konnte, weil er dem politischen Alltagsgeschäft entzogen war. Und hier zeigte sich dann auch, für welche Fragen und Themen sein Herz besonders schlug.

Für die rot-grüne Bundesregierung Schröder/Fischer verhandelte er erfolgreich in den USA über die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter, schaffte damit Rechtsfrieden und trug einen wichtigen Teil bei zur Aussöhnung mit diesen Opfern des nationalsozialistischen Terror-Regimes. In dieser Zeit rückte Lambsdorff auch die Annexion Tibets durch China in den Fokus deutscher Politik. Er empfing als Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung mehrmals das geistliche Oberhaupt der Tibeter, den Dalai-Lama. 1996 veranstaltet die Stiftung in Bonn sogar ein Tibet-Treffen mit der Exilregierung und Vertretern aus 53 Staaten. Die diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen der Volksrepublik China und der deutschen Bundesregierung, deren Außenminister Klaus Kinkel damals war, führte dabei zu einem heftigen Streit über den Kurs der deutschen Außenpolitik innerhalb der FDP.

Lambsdorff setze sich nicht nur für Tibet ein, sondern unterstütze auch die Demokratiebewegung in Taiwan. Bei Demokratie und Menschenrechten kannte er keine Kompromisse. Er hat die Frage der Menschenrechte nicht gegen ökonomische Interessen ausspielen lassen. Der Volksrepublik China waren Lambsdorff und seine klaren Positionen ein Dorn im Auge. Die Naumann-Stiftung musste 1996 sogar ihr Büro in Peking auf Druck der chinesischen Staatsführung schließen.

1999 machte die Naumann-Stiftung unter Lambsdorffs Führung sehr kluge Vorschläge für eine Reform des Föderalismus in Deutschland. Im deutschen Föderalismus greifen sich die Staatsapparate gegenseitig in die Tasche. Er plädierte daher für eine stärkere Trennung der Ebenen und für eine Stärkung von Einnahmen- und Ausgabenverantwortung. Die Mischfinanzierung der Staatsaufgaben wollte er durch einen Wettbewerbsföderalismus nach Schweizer Vorbild reformieren. Eine Überlegung, die heute noch überlegenswert ist.

Als klassisch Liberaler gehörte Friedrich August von Hayek zu seinen wichtigsten intellektuellen Quellen. In der Neuauflage des Buches „Der Weg zur Knechtschaft“ schrieb er 1990 über die deutsche Wirtschaftsordnung: „Bei mehr Marktwirtschaft hätten wir mehr mündige Bürger, weniger Trittbrettfahrer auf dem Wohlfahrtszug und mehr Arbeit in zumutbarer Beschäftigung. Damit wäre auch mehr Hilfe für die wirklich sozial Schwachen möglich.“ Diese Worte sollten deutschen Politikern angesichts der gigantischen Herausforderungen bei der Bewältigung der Pandemie nicht nur in den Ohren klingeln, sondern dröhnend scheppern. Die Mischung aus Standfestigkeit und Dynamik, die den Marktgrafen auszeichnet, wünscht man sich auch heute wieder öfter – ob es um die Leistungsfähigkeit des Sozialstaates geht oder um das Bekenntnis zu liberalen Werten auf der ganzen Welt.

Photo: Andrè Hofmeister from Flickr (CC BY-SA 2.0)

Das Jahr 2020 ist nicht nur ein Katastrophenjahr, sondern auch ein Jahr der Wertschätzung: Pflegepersonal, Supermarktangestellte, Gastarbeiterkinder mit Biotechnologie-Unternehmen. Ganz unabhängig von Pandemien gibt es eine Gruppe, die auch sehr viel (mehr) Wertschätzung verdient hat: die Selbständigen und Kleinunternehmer.

Sie sind unter uns …

Sie fallen selten auf, obwohl sie mitten unter uns leben. Sie sind in derselben Yoga-Gruppe wie wir und tröten mit uns zusammen im Posaunenchor. Wir sitzen neben ihnen beim Elternabend und stehen jeden Morgen neben ihnen im Regionalexpress. Wir sehen, wie ihre Kinder immer größer werden, und wir kennen ihre bevorzugte Biersorte. Aber es gibt einen erheblichen Teil ihres Lebens, der den meisten von uns überhaupt gar nicht bewusst ist. Was ist denn so besonders an diesen Menschen, die mit uns Tür an Tür leben? Die Inhaberin des Schreibwarengeschäfts. Der Gerüstbauer. Die Landtierärztin. Der Imbissbesitzer. Die Architektin. Der Übersetzer. Die Winzerin.

Sie haben sich zu einem Wagnis entschieden. Die meisten Menschen streben nach Abschluss der Schule, der Ausbildung oder des Studiums einer sicheren Stelle entgegen, als Angestellte oder im öffentlichen Dienst. Sie werden sich darauf verlassen können, dass ihr Gehalt pünktlich überwiesen wird und dass sie Rentenansprüche erwerben, dass sie Urlaub nehmen können und Überstunden bezahlt bekommen. Auf eine solch komfortable Ausgangssituation verzichten diejenigen, die sich für den Gang in die Selbständigkeit entscheiden. Mehr noch: sie gehen bewusst Risiken ein. Oft schon mit jungen Jahren nehmen sie Kredite auf und übernehmen Verantwortung für Mitarbeiterinnen und Kunden, Patienten oder Geschäftspartner. Sie schlagen sich die Nächte mit Buchhaltung um die Ohren und telefonieren im Urlaub Stunden lang mit der Gewerbeaufsicht.

Der soziale Kitt

Diese Selbständigen und kleinen Unternehmer machen unser Leben so viel besser und bunter! Sie sorgen dafür, dass wir nachts um 1 Uhr noch an Vanilleeis kommen, unser Hexenschuss Linderung findet, Onkel Erwins Erbe ordnungsgemäß abgewickelt wird, das Bewerbungsfoto gut aussieht und der Stammtisch dienstags immer für uns frei bleibt. Sie begegnen uns mit Freundlichkeit und sind oft erreichbar, wenn Behörden und Callcenter großer Unternehmen schon längst die Schotten dicht gemacht haben. Viele von ihnen betreiben keine aufwendige Lobbyarbeit, um auf Kosten anderer die eigene Position zu stärken. Sie streiken nicht und holen nicht McKinsey ins Unternehmen, um Stellen abbauen zu lassen. Und ganz besonders sorgen sie durch Offenheit und Zuverlässigkeit für den sozialen Kitt in unserer Gesellschaft. Sie sind – in den Worten von Ernst-Wolfgang Böckenförde – substantieller Teil der überlebenswichtigen Voraussetzungen eines freiheitlichen Staates, die dieser selbst nicht garantieren kann.

In der Gesellschaft als ganzer nimmt die Bereitschaft, sich selbständig zu machen, schon lange ab. Junge Menschen, so belegen regelmäßige Studien, sehnen sich nach der Sicherheit und Bequemlichkeit des öffentlichen Dienstes. Derzeit sind 9,6 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland selbständig – damit sind wir in den OECD-Ländern eines der Schlusslichter. Im Vereinigten Königreich sind es mit 15,6 Prozent etwas mehr als der EU-Durchschnitt, in Italien 22,7 und in Südkorea 24,6. Und es sähe hierzulande noch düsterer aus, wenn wir uns nicht auf unsere Mitbewohner mit Migrationshintergrund verlassen könnten. Während sich die Zahl der Gründungen in den letzten 20 Jahren halbiert hat, ist die Quote der Selbständigen mit ausländischen Wurzeln in den letzten Jahren um rund 35 Prozent gestiegen. Jeder vierte Unternehmensgründung wird inzwischen von Menschen unternommen, die keine deutschen Staatsbürger sind oder nicht als solche geboren wurden.

Bescheidenheit und Freundlichkeit, Mut und Zufriedenheit

Was kennzeichnet diese Menschen? Zunächst einmal Bescheidenheit. Die allermeisten, von der Zahnärztin bis zum Kinderbuchautor, machen ihren Job einfach gerne. Sie haben Freude daran, anderen Menschen zu helfen, sie positiv zu überraschen, sie zu unterstützen, sie zu bereichern und mit ihnen zusammen zu sein. Deshalb nehmen sie die eigene Leistung oft gar nicht in all ihrer Bedeutung wahr, während sie die Arbeit ihrer Nachbarn, Freunde und Verwandten besonders wertschätzen. Obwohl sich zuhause noch die Buchhaltung stapelt, bleiben sie ein Bier länger sitzen und hören sich freundlich die Klage des alten Klassenkameraden an, dessen Urlaub nicht so genehmigt wurde, wie er sich das vorgestellt hatte. Die meisten Selbständigen haben viel mit anderen Menschen zu tun, empfinden diesen Kontakt als Bereicherung – und bereichern so das Leben von uns allen mit Freundlichkeit und Kreativität.

Darüber hinaus sind sie aber auch ungemein mutige und ausdauernde Menschen, die gar nicht so selten ein, zwei, drei Mal gescheitert sind, sich immer wieder aufgerappelt haben und weitergelaufen sind. Mit ihrem Mut tragen sie auch zu einer Atmosphäre der Experimentierfreude und Innovation bei, die wir in unserer Gesellschaft dringend benötigen. Während die Politik von der gesunden Lebensführung bis zu Wirtschaftskrisen mehr und mehr (und immer kostspieligere) Sicherheitsversprechen verramscht, setzen diese Menschen auf die Bereitschaft zum Risiko. Wie zentral dieses selbständige Unternehmertum für freie Gesellschaften ist, brachte vor sechzig Jahren Ludwig Erhard auf einem Parteitag der CDU auf den Punkt, als er forderte, es müsse „das Anliegen der Gesellschaftspolitik sein, nicht nur vorhandene selbständige Existenzen zu sichern, sondern vielleicht sogar mehr noch neue Selbständigkeiten zu ermöglichen, wenn sie sich nicht in einer nach rückwärts gerichteten Ideologie verfangen will. Gesellschaftspolitisch verdient das Selbständigwerden in jedweder Form sogar den Vorrang vor der bloßen Bewahrung.“

Und schließlich noch ein letztes Charakteristikum. Vielleicht das entscheidende – und eine Eigenschaft, die wir in unseren Kindern dringend bestärken sollten: Selbständige führen ein selbstbestimmtes Leben. Sie können auf ihre Leistungen mit echter (und dabei ja oft so bescheidener) Zufriedenheit blicken, weil sie die Früchte ihres Fleißes, ihrer Unverzagtheit und ihrer Kreativität sind. Nicht lärmender Stolz erfüllt sie dabei meist, sondern frohe Dankbarkeit. Man kann das schon realisieren, wenn man kleine Kinder beobachtet: Es gibt womöglich nichts in unserem Leben, das uns so glücklich machen kann, wie die Erfahrung, etwas aus eigenen Stücken heraus geschafft zu haben. Selbständigkeit ist eine zutiefst menschengemäße Lebensform.

Photo: Philippe Leone from Unsplash (CC 0)

Von Dr. Alexander Fink, Universität Leipzig, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues und Fabian Kurz, Doktorand der Volkswirtschaftslehre.

Innerhalb von fünf Generationen hat sich die Lebenserwartung in Deutschland verdoppelt. Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, wenn man in Betracht zieht, dass sich die Lebenserwartung bei Geburt über tausende Generationen zuvor kaum erhöhte. Nicht nur hierzulande wuchs die Lebenserwartung deutlich. Mit dem erheblichen Rückgang der Armut in vielen Teilen der Welt stieg die Lebenserwartung auch weltweit rapide an.

In den letzten 150 Jahren hat sich die Lebenserwartung in Deutschland mehr als verdoppelt. Zunächst wurde die Entwicklung von einer sinkenden Säuglings- und Kindersterblichkeit getrieben, nun vor allem durch bessere Überlebenschancen älterer Menschen. Eine stark steigende Lebenserwartung ist allerdings kein Selbstläufer.

Was ist die Lebenserwartung?

Die Lebenserwartung ist eine Schätzung, wie lange ein Mensch eines bestimmten Jahrgangs im Durchschnitt noch leben wird. Gewöhnlich ist mit der Lebenserwartung die Lebenserwartung ab Geburt gemeint.

Bei inzwischen verstorbenen Jahrgängen, in der Regel Jahrgänge, die vor über 100 Jahren geboren wurden, entspricht die Lebenserwartung den durchschnittlichen Lebensjahren. Bei teilweise noch lebenden jüngeren Jahrgängen können die durchschnittlichen Lebensjahre bis zum Tod nicht komplett beobachtet werden. Schätzungen sind notwendig. Dafür gibt es zwei Methoden.

Die erste Methode schätzt für die noch lebenden Jahrgänge, „wie alt eine Person durch-schnittlich werden würde, wenn sich an den Verhältnissen des aktuellen Zeitraums nichts mehr ändern würde“. Sie berücksichtigt die Sterblichkeit aller derzeit lebenden Personen. Eine schwere Grippesaison, wie etwa in den Jahren 1969/1970 oder möglicherweise Corona dieses Jahr, kann daher die so berechnete Lebenserwartung negativ beeinflussen. Ergebnisse basierend auf dieser Schätzmethode können der Periodensterbetafel des Statistischen Bundesamts entnommen werden.

In der Kohorten¬sterbe¬tafel dagegen wird angenommen, dass aktuelle Trends sich auch in der Zukunft fortsetzen werden. Die Kohortenschätzung ist in der Regel optimistischer, da sie den Trend zu höheren Lebenserwartungen berücksichtigt.

Für die bereits vollständig beobachtbaren Jahrgänge, heute bis zum Jahrgang 1920, unterscheiden sich die Lebenserwartungen für beide Sterbetafeln nicht. Je jünger ein Jahrgang, desto unsicherer sind beide Methoden.

Frauen leben länger

Wenn sich die Sterblichkeit in Zukunft genauso verhält wie aktuell, geht das Statistische Bundesamt bei heute geborenen Jungen von einer Lebenserwartung von 78,6 Jahren und für Mädchen von 83,4 Jahren aus.

Setzen sich die aktuellen Trends auch in der Zukunft fort, liegt die Lebenserwartung bei Geburt in der vorsichtigsten Schätzung aktuell bei knapp 83 Jahren für Männer und bei knapp 87 Jahren für Frauen. Hierbei wird der Sterblichkeitstrend seit dem Jahr 2011 zu Grunde gelegt. In einer optimistischeren Schätzung des Statistischen Bundesamts, welche den Sterblichkeitstrend seit 1971 berücksichtigt, liegen die Werte für Männer bei 90 und für Frauen bei 93 Jahren.

Im Jahr 1871 betrug die Lebenserwartung dieses Jahrgangs für Frauen 42 Jahre und für Männer 39 Jahre. Heute geborene Kinder können daher mit einem gut doppelt so langen Leben wie ihre Vorfahren zu Zeiten des Kaiserreichs rechnen.

Zunächst sinkende Säuglings- und Kindersterblichkeit

Der rasche Anstieg der Lebenserwartung der vergangenen 150 Jahre ist bis zu den Geburtenjahrgängen um 1930 vor allem auf die stark gesunkene Säuglings- und Kindersterblichkeit zurückzuführen. Im Jahr 1871 starb noch jedes vierte Kind im ersten Lebensjahr. 1930 war es weniger als jedes zehnte Kind. Für jüngere Jahrgänge ist der Anstieg der Lebenserwartung allerdings hauptsächlich auf einen Rückgang der Sterbewahrscheinlichkeit im hohen Alter zurückzuführen.

Einflussfaktoren in Deutschland gut sichtbar

Dass die Lebensumstände von Menschen einen deutlichen Einfluss auf die Lebenserwartung haben, zeigt die deutsche Geschichte. Bis in die 70er Jahre unterschied sich die Lebenserwartung in der DDR kaum von der in der BRD. Zum Fall der Mauer 1989 lag die Lebenserwartung im Osten allerdings um 2,5 Jahre hinter der im Westen zurück. Im Zuge der Wiedervereinigung schloss sich die Lücke wieder bis auf ein halbes Jahr.

Mit der Wiedervereinigung verbesserte sich insbesondere die Gesundheitsversorgung für die ehemaligen Bürger der DDR. So hat die bessere medizinische Versorgung wesentlich dazu beigetragen, dass die Sterblichkeit in den neuen Bundesländern gesunken und die Lebenserwartung gestiegen ist. Insbesondere im hohen Alter ist ein guter Gesundheitszustand entscheidend für die weitere Lebenserwartung.

Die empirische Forschung zeigt zudem, dass das Einkommen einen positiven Einfluss auf die Lebenserwartung hat. Bildung ist ein weiterer Faktor, der die Lebenserwartung positiv beeinflusst. Das durchschnittlich geringere Einkommen in Ostdeutschland und das damit einhergehende Konsumverhalten könnten folglich zur Erklärung der weiter bestehenden Unterschiede in der Lebenserwartung beitragen.

Wohlstand entscheidend

Innerhalb von fünf Generationen hat sich die Lebenserwartung in Deutschland verdoppelt. Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, wenn man in Betracht zieht, dass sich die Lebenserwartung bei Geburt über tausende Generationen zuvor kaum erhöhte. Nicht nur hierzulande wuchs die Lebenserwartung deutlich. Mit dem erheblichen Rückgang der Armut in vielen Teilen der Welt stieg die Lebenserwartung auch weltweit rapide an.

Ein Selbstläufer ist diese Entwicklung jedoch nicht. Höhere Lebenserwartungen sind eng mit wirtschaftlichem Wohlstand verknüpft. Wenn es uns gelingt, unsere wohlstandsfördernden demokratischen und marktwirtschaftlichen Institutionen zu bewahren, werden unsere Kinder ein noch längeres Leben in Freiheit und Wohlstand genießen können als unsere Generation.

Erstmals erschienen bei IREF.