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Mittlerweile ist es 20 Jahre her, dass die Staatschefs der Europäischen Union im Frühling 2000 die Lissabon-Strategie verfasst haben, die Europa zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt machen wollte. Eine Wirtschaft, die fähig ist, dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen. 20 Jahre später ist von diesen Ambitionen kaum etwas wiederzufinden. Der Fortschritt der Gesellschaft erlahmt überall in Europa: Weniger Schlüsselinnovationen, geringeres Wachstum der totalen Faktorproduktivität und schleppender wissenschaftlicher Fortschritt. Diese Trends habe ich bereits in meinem letzten Artikel beschrieben. Trotz dieser trüben Aussichten gibt es auch eine gute Nachricht: Sinkende Wachstumsraten sind kein Naturgesetz. Fortschritt lässt sich aktiv durch politische Maßnahmen ermöglichen.

Zunächst muss man Bewusstsein dafür schaffen, dass Wachstum die Grundlage für heutigen und vor allem zukünftigen Wohlstand ist. Die Frage, welche Maßnahmen man heute ergreifen kann, um den Wohlstand der gesamten Menschheit in 20, 50 oder vielleicht sogar 100 Jahren zu maximieren, muss somit wieder an Priorität in der gesellschaftlichen Debatte gewinnen. Hätten unsere Großeltern 1950 sich mit vielleicht nur 3% anstatt jährlich rund 6% durchschnittlichen BIP Wachstum zufriedengegeben, wären wir heute um circa 90% ärmer und hätten ungefähr das nominale Bruttoinlandsprodukt von Malaysia. Aber anstatt wirtschaftliches Wachstum als Treiber des Wohlstandes in den Vordergrund zu rücken, liebäugeln deutsche Public Intellectuals lieber mit der Degrowth Bewegung und stellen in den bequemen Ledersesseln deutscher Talkshows tiefgründige Fragen, ob denn Wachstum in Zeiten des Überfluss noch nötig sei. So wird das nichts mit dem Fortschritt.

Aber lediglich Wachstum wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, reicht nicht aus. Zusätzlich müssen sowohl die privaten als auch die staatlichen Ausgaben für die Forschung steigen. Die Spill-Overs der staatlichen Grundlagenförderung sind enorm. Die im Militär eingesetzten staatlichen Mittel zur Forschung und Entwicklung sind eines der besten Beispiele für die wachstumssteigernden Effekte staatlicher Grundlagenförderung. Erfindungen wie das Internet, das GPS oder der unbesungene Held der Festival-Saison, das Gaffa-Tape, sind alles Produkte der Militärforschung. Die positiven Spill-Over Effekte staatlicher Investitionen in Grundlagenförderung lassen jedoch nicht darauf schließen, dass der Staat der besseren Unternehmer im Vergleich zur Privatwirtschaft ist. Die Privatwirtschaft ist immer noch der Treiber der Innovation, indem Sie abstrakte Forschungsfortschritte mir rentablen Geschäftsmodellen verknüpft und somit den Fortschritt für jeden erschwinglich macht. Es braucht aber, gerade bei riskanten und kostenintensiven Forschungsvorhaben einen Akteur, der den Stein ins Rollen bringt – und das ist in vielen Fällen derzeit ein Staat.

Der dritte wichtige Punkt ist die aktive Förderung von Produktivitätshubs. Es gibt einen Grund, warum das Silicon Valley einer der weltweit größten Produktivitätshubs ist und sich schwer in Castrop-Rauxel replizierten lässt: Smarte Köpfe hängen gerne mit smarten Köpfen ab, Start-Up Gründer zieht es an Orte, an denen Sie potentielle Investoren treffen können, und qualifizierte Mitarbeiter arbeiten gerne dort, wo es moderne Infrastruktur gibt. Durch vernachlässigte oder verfehlte Stadtplanung schöpft man die gewinnbringenden Agglomerationseffekte der Wissensökonomie in Städten nicht ausreichend ab. Fördern kann man die Entstehung der Produktivitätshubs vor allem durch mehr Neubau in Städten, die Bereitstellung von besserer Infrastruktur und besseren Rahmenbedingungen für Unternehmen. Die zu erschließenden Produktivitätsgewinne können gigantisch sein: Eine Studie aus den USA fand beispielsweise heraus, dass die Produktivität von IT-Spezialisten in Seattle allein durch die Anwesenheit von Microsoft um 8% gestiegen ist.

Ein vierter Punkt ist eine engere und zielgerichtetere Forschungsverzahnung von Institutionen und Personen zur gezielten Erforschung von zukünftig relevanten Problemen. Mehr Geld allein wird das Problem nicht lösen, es muss auch an die richtigen Stellen fließen. Ein gutes Beispiel für einen solches dezentrales Konglomerat ist der kürzlich gegründete FTX Future Fund des Krypto-Milliardärs und Philanthropen Sam Bankman-Fried. Ziel des Funds ist es, durch gezielte private Finanzierung von high-risk high-reward Projekten gut ausgebildete Idealisten aus hochbezahlten Consulting-Jobs oder prestigeträchtigen akademischen Positionen für die Erforschung von gravierenden Problemen der Menschheit zu gewinnen. Es geht um alternative Wahlsysteme, bessere Forecasting-Methoden, bessere Katastrophen-Resilienz oder die Ethik von AI. Alles Projekte mit langfristig potentiell riesigen Erträgen, aber geringer kurzfristiger Rentabilität.

Um Fortschritt langfristig zu sichern, braucht es also Mut. Und es gibt nichts Mutloseres und Demotivierenderes als bräsige Wohlstandssättigung, als langweiliges Verwalten des Status quo und eine gesellschaftliche Indifferenz zwischen 3% und 6% BIP Wachstum. Ich bin dankbar, dass die Generation meiner Großeltern sich für ökonomisches Wachstum stark gemacht hat. Nun liegt es an der jungen Generation, den Fortschritt aus den Fesseln der Mut- und Ideenlosigkeit zu befreien, um uns viel und der nächsten Generation noch viel mehr Wohlstand zu ermöglichen.

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Vor einer Woche hat an dieser Stelle Florian Hartjen provokant formuliert: „Nieder mit dem Kapitalismus“ und die These vertreten, der Kapitalismus sei das Narrativ derer, die es schon geschafft haben. Das teile ich nicht, daher meine Erwiderung: Ein Hoch auf den Kapitalismus!

Der Kapitalismus kennt keine klare Definition. Das behauptet der Historiker Werner Plumpe in seinem sehr lesenswerten Buch über den Kapitalismus („Das kalte Herz – Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution“). Neben der Kapitalintensität sei die Orientierung der Produktion am Massenkonsum ein zentrales Merkmal kapitalistischer Wirtschaft. Doch das reicht wahrscheinlich nicht aus. Der Kapitalismus beantwortet auch die Frage, wem Grund- und Boden, das Unternehmen oder generell eine Sache gehören. Sie gehören im Kapitalismus nicht dem Staat, sondern privaten Eigentümern. So ist auch die Abgrenzung zur Marktwirtschaft zu sehen. Denn Kapitalismus und Marktwirtschaft beantworten unterschiedliche Fragen. Die Marktwirtschaft ist die dezentrale Planung und Lenkung wirtschaftlicher Prozesse, die über die Märkte mit Hilfe des Preismechanismus koordiniert werden. Die Marktwirtschaft sagt also nichts über die Eigentumsstruktur aus. Diese Frage beantwortet der Kapitalismus. Theoretisch kann man sich eine Marktwirtschaft ohne privates Eigentum vorstellen. Vor der Liberalisierungswelle in den 1980er und 90er Jahren im Post-, Telekommunikations- und Energiesektor war das in der alten Bundesrepublik Deutschland auch so. Die Unternehmen gehörten dem Staat. Das hat bekanntlich nicht besonders gut funktioniert. Die Leistungen waren teuer, der Service schlecht und die Unternehmen ineffizient.

Insgesamt leben wir hierzulande in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Unternehmen, landwirtschaftliche Fläche und Immobilien gehören meist Individuen. Ein vorherrschendes Merkmal zeichnet den Kapitalismus aus: Er ist lernfähig. Im Kapitalismus verfolgt nicht einer den großen Plan. Es ist ein iterativer Prozess, der fortlaufend dezentral stattfindet. Versuch und Irrtum sind im Kapitalismus systemimmanent. Unternehmer versuchen durch ihre Dienstleistung oder ihr Produkt letztlich die Bedürfnisse ihrer (potentiellen) Kunden zu befriedigen. Deshalb ist im Kapitalismus der Kunde König. Wie Plumpe es formuliert: „Die Motive des Unternehmers entscheiden nicht über seinen Markterfolg.“ Kein Unternehmer kann an den Bedürfnissen der Kunden vorbei produzieren. Tut er das dennoch, verschwindet er vom Markt. Dabei ist es völlig egal, wie groß das Unternehmen ist und wie kapitalkräftig. Es dauert im Zweifel nur länger.

Das ist auch der Irrtum der Ordoliberalen. Sie misstrauen der Macht der Kunden. Sie glauben, wenn ein Unternehmen groß und „mächtig“ genug ist, kann es den Kunden den Preis diktieren und sie ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Das ist der Grund, wieso sie dem Staat Eingriffsbefugnisse zubilligen. Jüngst gipfelte die Forderung mancher sogar dahingehend, dass im Zuge steigender Spritpreise Mineralölkonzerne zerschlagen werden müssten. Mehr Eingriff geht dann wohl nicht. Früher galt der Verdacht der Marktbeherrschung bei Stahl- und Zementunternehmen. Nennenswerte Stahlunternehmen gibt es nicht mehr und die Zementindustrie muss mit den höchsten Energiepreisen im internationalen Wettbewerb konkurrieren. Heute arbeitet sich das Kartellamt an Brauereien und Kaffeeröstern ab, ob diese 10 Cent mehr für die Flasche oder das Pfund nehmen, so als hätte dies eine wirkliche Bedeutung.

Schon interessanter ist die Auseinandersetzung mit Google, Facebook (Meta) und Amazon. Die Netzwerkeffekte würde hier zu einer natürlichen Marktmacht führen, denen es regulatorisch zu begegnen gelte. Doch vielleicht ist gerade die Regulatorik verantwortlich für die vorübergehende Marktmacht? Wenn die Markteintrittsbarrieren hoch sind, dann sind diese ein natürlicher Schutzwall gegen neue Marktteilnehmer und damit neue Ideen. Daher haben die Platzhirsche ein Interesse an umfangreicher Regulatorik. Doch meist halten diese Schutzwälle nicht lange stand. Der Druck kommt dann von außerhalb des eigenen Landes. Doch auch bei den Internetriesen bleibt die Frage, ob all diese Milliardenunternehmen die Entwicklung zum blockchainbasierten Web3 überleben? Es wären nicht die ersten globalen Unternehmen, die von der Entwicklung überrollt werden. Wer erinnert sich noch an AOL („Bin ich drin?“) und Yahoo („Do you Yahoo?“)? Im Kapitalismus geht es, um an den Anfang des Textes zurückzukommen, nicht darum, „wer es geschafft hat“, sondern wer es morgen und übermorgen schafft.

Liberale sollten daher den Begriff des Kapitalismus nicht verstecken oder verbrämen. Damit gehen wir den Gegner des Kapitalismus auf den Leim. Vielen von ihnen ist das Privateigentum und insbesondere das Unternehmertum zuwider, weil sie selbst nicht Kundenbedürfnisse befriedigen wollen oder müssen. Viele davon wollen jedoch bei anderen mitreden und sich damit in individuelle Lebensentscheidungen einmischen. Das Ziel ist die „Demokratisierung“ aller Lebensbereiche – eben auch des gemeinsamen Wirtschaftens, sowohl auf der Produzenten- als auch auf der Konsumentenseite. Dadurch wird das Eigentum in seiner Substanz geschleift und löchrig wie ein Schweizer Käse. Und der Konsument wird zum unmündigen Wesen degradiert. Letztlich ist dies ein Frontalangriff auf das Individuum und unsere Freiheit. Lassen wir uns das nicht nehmen.

Genau, Sie haben richtig gehört: Nieder mit dem Kapitalismus, denn kein anderes Konzept schadet dem Verständnis des Liberalismus derart beständig und fortwährend. Der Kapitalismus ist ungeeignet als globaler Schlachtruf für die Freiheit. Aber ist er denn nicht der Inbegriff von allem, was Liberale schätzen: wie Unternehmergeist, friedlichem Austausch, Marktwirtschaft? Nein, denn der Kapitalismus lenkt ab vom emanzipatorischen Wesen des Liberalismus, er ist ein ödes Narrativ im globalen Wettbewerb der Ideen und er fördert Kompromisslosigkeit und Ideenstarre. Wer ihn sich heute auf die Fahnen oder die Leibwäsche schreibt, der mag für sich selbst damit viel zweifelhafte Aufmerksamkeit erheischen, dem Liberalismus allerdings leistet er einen Bärendienst.

Der Liberalismus brachte der Welt den Unternehmergeist nicht das Kapital

Der Erhebung des Kapitalismus zur liberalen Maxime liegt ein grundlegendes Fehlurteil zu Grunde; und ein schlauer Schachzug der Feinde der offenen Gesellschaft. Der Begriff des Kapitalismus wurde über 150 Jahre vor allem von Marxisten geprägt, auch wenn Marx selbst nur von „Kapital“ und „Kapitalisten“ sprach. Ähnlich wie bei anderen ursprünglich beleidigend gemeinten Bezeichnungen (z.B. Whigs und Torys für Fraktionen im englischen Parlament des 19. Jahrhunderts) übernahmen viele stolze Liberale den Begriff für sich als trotzige Selbstbezeichnung. Und begaben sich damit ungewollt auf das Spielfeld der Marxisten, die Kapitalbesitz zum Sündenfall der Menschheit erklären. Nur, dass seither Kapitalbesitz für Liberale eben der Ausgangspunkt alles Guten ist. In diesem profanen Ideenwettbewerb konnten Marxisten in ihrem engen Fachgebiet reüssieren, Liberale hingegen stutzen ihre vielfältige Ideenwelt auf das Prinzip des Kapitalbesitzes zusammen.

Ein riesengroßer Fehler, denn eigentlich gehört die Geschichte der Neuzeit dem Liberalismus. Die ungeahnte Wohlstands- und Wachstumsrevolution, zuerst in Westeuropa, später überall auf der Welt ist die liberale Erfolgsgeschichte. Und das nicht etwa, weil der Liberalismus endlich genügend Kapital aus dem Hut zauberte, sondern weil er die breite Masse der Bevölkerung im wahrsten Sinne des Wortes befreite. Die Ökonomin und Historikerin Deidre McCloskey bezeichnet diese Liberalisierung Europas als „die große Bereicherung“:

Aber die moderne Wirtschaft ist nicht das Ergebnis von staatlicher Planung oder Zwang. Vielmehr ist sie das Ergebnis des glücklichen Umstandes eines Wandels der politischen und sozialen Rhetorik in Nordwesteuropa zwischen 1517 und 1789. Die Menschen – normale Menschen, die Hobbits aus dem Auenland und nicht die allmächtigen Krieger aus der Ferne – begannen, sich in einem neuen und würdigen Licht zu sehen. Vor allem aber fühlten sie sich in ihren handwerklichen und kommerziellen Unternehmungen gesellschaftlich mehr anerkannt. Sie durften sich „austoben“, wie die Briten sagen, und begannen, in großem Stil zu innovieren.

Gigantische Kapitalansammlungen gab es schon immer. Denken Sie nur an die Chinesische Mauer, die mit ihren 6260 Kilometern Länge von Berlin bis Nepal reichen würde, oder an König Musa von Mali, der im 14. Jahrhundert mit seinem Privatvermögen aus Versehen eine Hyperinflation in Ägypten auslöste. Kapital ohne gute Ideen bringt wenig. Gute Ideen allerdings ziehen Kapital geradezu magnetisch an. Die Geschichte der „großen Bereicherung“ ist deshalb die Geschichte ganz normaler Bürger mit großen Ideen und dem neuartigen (bürgerlichen) Ethos, etwas von Grund auf aufzubauen: Lehrerkind Thomas Edison, Fährenbetreiber-Kind Cornelius Vanderbilt, Kräuterdoktor-Kind John D. Rockefeller. Diese Erfinder und Gründer kamen über Ideen und Unternehmergeist zum Kapital und nicht andersherum.

Der Kapitalismus ist das Narrativ derer, die es schon geschafft haben

Die Erfolgsgeschichte des Liberalismus ist deshalb vor allem auch eine Geschichte der Emanzipation. Also genau das, was der Sozialismus fälschlicherweise vorgibt zu sein. Liberale glauben an das Individuum und dessen unbändige Veränderungskraft. Und der Liberalismus entfesselt diese Kraft, indem er den Menschen die Emanzipation ermöglicht – von eitlen Herren, übergriffigen Staaten, Standesdünkel und Geschlechtergrenzen. Natürlich sind die Prinzipien, die Liberale so gerne mit dem Kapitalismus assoziieren, dafür ebenso notwendig. Unternehmertum braucht freie Märkte, den Schutz des Eigentums und all die anderen Errungenschaften liberaler Demokratien westlicher Prägung. Doch es bleiben Assoziationen, die übrigens außerhalb der liberalen Blase niemand teilt. Institutionen, die gleichzeitig mit der Industriellen Revolution an Bedeutung gewannen. Im Kern ist der Kapitalismus, um es mit den Worten des britischen Ökonomen Eamonn Butler zu sagen, nur „eine Lebensweise, die das Kapital nutzt.“

Das macht den Kapitalismus zum gesellschaftlichen Narrativ derer, die es schon geschafft haben. Denn „die Lebensweise, die Kapital nutzt“, setzt eben ein gewisses Startkapital voraus. Und schon sind wir wieder gefangen im profanen sozialistischen Schwarz-Weiß-Denken, dessen Elixier die Konfrontation und dessen Instrument die Gewalt ist. Auf der einen Seite der zigarrenrauchende Fabrikbesitzer auf der anderen Seite der kapitallose und entrechtete Arbeiter. Diese Debatte kennt keine Gewinner, läuft sich doch am Ende stets auf das immergleiche Totschlagargument hinaus, dass weder wahrer Sozialismus noch echter Kapitalismus je ausprobiert wurden. Eine Erkenntnis so hilfreich wie Streusalz in der Karibik, mit der man im Ideenwettbewerb heute keinen Blumentopf mehr gewinnt.

Der Liberalismus ist das Narrativ derer, die noch etwas vorhaben

Verlassen wir jedoch die fruchtlose Ebene der Idealisierung, dann braucht sich der Liberalismus gar nicht neu zu erfinden, um auch im 21. Jahrhundert die prägende Idee zu sein. Die Emanzipation des Individuums hat nämlich gerade erst begonnen. Milliarden Menschen in Afrika, Asien und Südamerika, Frauen überall auf der Welt, junge Menschen, die nach den Sternen greifen wollen, stehen in den Startlöchern für ihre eigene Epoche der großen Bereicherung. Diese Menschen einfach mit Kapital zuzubuttern – das hat die Entwicklungspolitik der letzten Jahrzehnte eindrücklich bewiesen – ist zu kurz gedacht. Stattdessen ist es unsere Aufgabe, den Edisons von morgen zu ermöglichen, sich von ihren Fesseln zu befreien und die Welt von morgen zu machen.

Was für eine aufregende Welt das werden kann.

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Die Europäische Union sieht sich seit Jahrzehnten im Dauerkrisenmodus und zugleich an der entscheidenden (jetzt aber wirklich!) Weggabelung. Was gegen Untergangs- und Allmachtsphantasien am besten hilft: ein paar Gänge runterschalten und zugleich in die Breite gehen.

Woher kommt die Erweiterungsskepsis?

Die Ukraine, Moldawien, womöglich sogar Georgien in die EU. Zu den prominentesten Fürsprechern dieser Idee gehören unsere Nachbarn im Osten. Und am wenigsten begeistert sind Länder wie Frankreich und (natürlich) auch Deutschland. Emmanuel Macron hat sogar das Model einer „europäischen politischen Gemeinschaft“ vorgeschlagen, was nachvollziehbarerweise von vielen wie eine Art Katzentisch gesehen wurde, an den problembehaftete Nachbarn gesetzt werden, zu denen man aber trotzdem nett sein möchte. Sind diese unterschiedlichen Sichtweisen auf Grad und Schnelligkeit neuer EU-Mitgliedschaften durch die geographische und womöglich kulturelle Nähe oder Distanz bestimmt? Oder gibt es noch andere Faktoren, die da mit hineinspielen?

Bei Polen ist eine gewisse Distanz zu Brüssel seit einigen Jahren Kernbestandteil der generellen Regierungsdoktrin. Doch auch die baltischen Staaten, Tschechien und Slowakei stehen einer zu starken Zentralisierung und Vertiefung der EU eher skeptisch gegenüber. Französischen Regierungen verschiedener Couleur kann es hingegen oft nicht schnell genug gehen bei der Errichtung neuer Instrumente wie etwa gemeinschaftlicher Verschuldung und einer europäischen Arbeitslosenversicherung oder bei der Implementation neuer Regulierungen wie Arbeits- und Sozialstandards. Kompetenzen und Mittel der EU unterliegen in dieser Logik einem notwendigen Wachstum.

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Solche Dynamiken sind auf mancherlei Voraussetzungen angewiesen: Eine gewisse Homogenität der Vorstellungen und Kulturen etwa ist sehr hilfreich. Die Gründungsstaaten der EU arbeiten seit 65 Jahren eng zusammen – man kennt sich, die Probleme und Chancen; man hat Vertrauen aufgebaut und einen Grundkonsens gefunden, der auch in die öffentliche Meinung der Länder durchgesickert ist. Schon die Staaten der ersten Erweiterungsrunde, die sich vor 49 Jahren anschlossen, also Dänemark, Irland und ganz besonders natürlich Großbritannien störten dieses Miteinander immer wieder – bis heute. Mit jedem Schwung neuer Mitglieder wurde er signifikant schwerer, sich zu einigen. Oft ging das nur, weil die verhältnismäßig wohlhabenden älteren EG- und EU-Mitglieder die Portemonnaies zückten.

Was würde passieren, wenn in, sagen wir, 15 Jahren Albanien, Georgien, Moldawien, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien, Ukraine und womöglich auch noch Bosnien-Herzegowina und Kosovo Mitglieder der EU wären? Es gäbe neun weitere Akteure, die politische Agenden verfolgen – Einigkeit wäre noch schwerer herzustellen. Die gesamte Umverteilungsbilanz würde sich verschieben und der Kuchen für alle würde kleiner, weil die Neumitglieder keine große Mitgift einbringen können. Eine EU-Erweiterung in absehbarer Zeit wäre womöglich nur um den Preis zu haben, die „immer engere Union“ aufzugeben, die der erste Satz der Präambel des EU-Vertrags beschwört. Auch wenn das nicht jeder gerne hört: die immer engere Union ist auch eine immer exklusivere. Europäisches Miteinander und Solidarität gibt es da nur noch für die Insider.

Mit dem Verzicht auf die Intensiv-EU könnte Polen wohl leben (auch wenn es natürlich wie kaum ein anderes Land von der EU-Umverteilung profitiert hat). Auch Tschechien oder Estland würde das weniger stören. Die  stärkere wirtschaftliche Integration ihrer östlichen Nachbarn könnte diesen Länder außerdem Wohlstandsgewinne ermöglichen. Und darüber hinaus hätten sie die Möglichkeit, sehr viel mehr politisches Gewicht auf die Waage zu bringen. Im Augenblick stellen die Gründungsstaaten der EWG 53,66 % der EU-Bevölkerung und die nach 2004 hinzugestoßenen 23,30 %. Würde man alle oben genannten offiziellen und inoffiziellen Kandidatenländer zulassen, würden die Ursprungs-EU-Staaten nur noch 46,94 % ausmachen, während die „Neuen“ mit 32,90 % fast ein Drittel der Bevölkerung stellen würden. Die Deutungsmacht der Gründungsländer und insbesondere Frankreichs über das Projekt Europa wäre deutlich eingeschränkt.

Europas Stärke: der kooperative Pluralismus

Fast seit Bestehen der Europäischen Gemeinschaft und später Union wird in Feuilletons und Sonntagsreden entweder deren bevorstehender Zerfall beschworen oder der nächste große Integrationsschritt gefordert. Immer großes Kino bei der EU. Dabei gerät aus dem Blick, was eigentlich an konkretem Gutem und Schlechtem geschieht, das weniger glamouröse Klein-Klein: bei der Öffnung von Märkten, der nächsten Regulierung, den gescheiterten Verhandlungen über Klimazertifikate und der Vereinfachung von Zuwanderung. Man fokussiert sich in den Debatten so sehr auf die ganz großen Fragen, dass die kleineren gar nicht mehr zur Debatte gestellt werden. (Und wundert sich anschließend, warum die Bürger sich nicht mitgenommen fühlen.)

Und hier kommt das im Titel bereits versprochene Versailles ins Spiel. Dieses Schloss sollte der Nukleus des absolutistischen Reiches werden: wo alle Kompetenz und Herrlichkeit versammelt und alle Entscheidungen getroffen werden. Ähnlich wird bisweilen Brüssel gesehen und dargestellt: als der Sehnsuchtsort, der alles richten kann – und wird. Als der Ort, von dem aus alle Bürgerinnen ihre Wohltaten empfangen, und an dem jedem vermittelt wird, wie sein Leben am besten gelingen kann. Sitz der Weisheit und Quelle der neuen, der besseren Welt.

Aber es gibt auch ein anderes Europa – und einen anderen Traum von Europa. Dessen Sinnbild ist eher das Lübecker Holstentor als der Prachtbau vor den Türen von Paris. Ein durchlässiges Tor, das weit geöffnet ist für ein Netz von verschiedensten Akteuren von Nowgorod bis London, von Krakau bis Bergen. Und dieses Netz der Hanse lebte davon, dass hier unterschiedlichste Lösungen ausprobiert wurden, dass man sich gegenseitig herausgefordert und angespornt hat. Da konnte man nicht nach Lübeck blicken, damit einem geholfen wird – das musste man schon selber in die Hand nehmen. Aber ebenso wenig wurde einem vorgegeben, was wie zu tun sei. Eine Europäische Union, die sich an diesem Vorbild orientiert, hätte kein Problem damit, neue Mitglieder rasch zu integrieren und willkommen zu heißen. Und sie würde die alte europäische Tradition des kooperativen Pluralismus institutionalisieren, um den Westen in seiner originären Stärke konkurrenzfähig zu machen in dem großen Wettbewerb der Systeme, der uns bevorsteht.

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410 Tage. Es dauerte 410 Tage, die Ikone der New Yorker Skyline zu bauen. 102 Stockwerke, 443 Meter hoch, eingefasst in eine wunderschöne Art-déco-Fassade symbolisiert das „Empire State Building“ bis heute die Risikobereitschaft des Westens, das Unmögliche möglich zu machen.

Aus deutscher Sicht der 2020er-Jahre kann man den New Yorker Wachstumsdrang der 1920er nur bewundern: Unternehmer wie Woolworth, Chrysler und Vanderbilt übertrafen sich mit immer höheren Gebäuden, weiteren Brücken und immer mehr Wohnraum, der sowohl Champagner schlürfende Gatsbys als auch malochende Arbeiter anzog – auf der Suche nach Wohnungen, Jobs und Aufstiegschancen.

Buchstäbliche Aufstiegschancen ermöglichte auch das Empire State Building: Wer kennt es nicht – das berühmte Photo von den Bauarbeitern auf dem freihängenden Stahlträger, die während ihres Mittagessens in die Kamera grinsen. Der Job der sogenannten Nieter war aber noch beeindruckender als ihr Pausenort: Diese Helden des Stahlgerüsts arbeiteten sich in Viererteams vom Erdgeschoss bis zum 103. Stock des Gebäudes. Der Heizer erhitzte die Nieten in einer mobilen Schmiede und nutzte eine Zange, um die glühend heißen Nieten ein Stockwerk weiter nach oben zu schmeißen, wo der Fänger sie mit einer alten Farbdose auffing. Der Bucker-up stützte den Niet und der Schütze trieb ihn mit einem Luftdruckhammer in den Stahlträger, wo er mit dem Träger verschmolz und dem Gerüst Stabilität verlieh. Der allerletzte Niet wurde unter großem Jubel in über 400 Metern Höhe aus purem Gold in den Stahlträger geschossen.

Schnelligkeit, Risikobereitschaft, Aufstiegsstreben kommen einem nicht in den Sinn, wenn man an deutsche urbane Zentren denkt. Vergleicht man die Stadtentwicklungen in den 20 Jahren von 1910 bis 1930 mit den Jahren 2001 bis 2021 gab es in 90 Jahren kaum einen Sprung nach Vorn, es gab eher mehrere Sätze zurück. Während die New Yorker Bauarbeiter das Empire State Building innerhalb von 410 Tagen, mehr als vier Stockwerke pro Woche in den Himmel nieteten schaffen es die Deutschen 90 (!) Jahre später in der gleichen Zeit kaum ein Einfamilienhaus zu bauen.

Im New York der 1920er lieferten sich Architekten, Bauentwickler, Bauarbeiter und ganze Städte einen Wettlauf um die höchsten Gebäude, längsten Brücken und die schnellste Fertigungszeit. Deutsche Städte in 2020er Jahren hingegen liefern sich ein Rennen darum wer Risikobereitschaft noch unattraktiver machen kann. Das Ergebnis des Wettrennens der 1920er Jahren waren ikonische Art-Deco-Wolkenkratzer. Das Ergebnis der 2020er ist langsamer, lustloser, langweiliger fünfstöckiger Neo-Biedermeier.

Gründe für den ausbleibenden Fortschritt und sogar Rückschritt werden in der Forschung viele genannt. Ein wichtiger Grund: Regulierungen, die Risiken senken sollen.

Sollte die Höhe eines Gebäudes politisch festgeschrieben werden? Auf jeden Fall. Schließlich wollen wir nicht das Risiko eingehen, dass der Kiez seinen Charakter verliert. Sollte der Brandschutz verstärkt werden? Auf jeden Fall. Schließlich wollen wir nicht das Risiko eingehen, Menschenleben zu gefährden. Sollten neue Sicherheitsstandards für Bauarbeiter eingeführt werden? Auf jeden Fall. Schließlich wollen wir nicht das Risiko eingehen, dass sich Arbeiter auf der Baustelle verletzen.

Niemand sollte die hehren Ziele dieser Eingriffe in Frage stellen. Ökonomen jedoch werden skeptisch, wenn sie hören, dass es Erfolg ohne Risiko geben soll. Wenn sich Ökonomen Regulierungsvorschläge anschauen, denken Sie in Grenzkosten und -nutzen: Um wie viel erhöhen sich Kosten und Nutzen für die Bereitstellung eines weiteren Gutes, wenn eine weitere Regulierung eingeführt wird?

Die Höhe von Gebäuden zentral festzulegen, verringert das Risiko, dass die Nachbarschaft verschandelt wird. Die Kosten der Regulierung ist aber weniger Wohn- und Büroraum in den beliebtesten Teilen der Stadt. Eine Verstärkung der Brandschutzauflagen führt zu weniger Brandopfern. Die zusätzlich eingesetzten Ressourcen, fehlen dann aber für weitere Bauvorhaben, um günstigen Wohnraum für die Schwächsten der Gesellschaft zu bauen. Zusätzliche Sicherheitsstandards auf der Baustelle führen zu etwas sichererem Bauen. Der höhere Aufwand den Regulierungen gerecht zu werden, verlängert aber die Zeit bis neue Bauten endlich fertiggestellt werden.

Der Geburtstag des Empire State Building wird überschattet vom brutalen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der auch eine neue Debatte über den Mythos des Westens ausgelöst hat. Eine dieser Mythen ist das Empire State of Mind, das nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt ist. Es bezieht sich auf die Risikobereitschaft, das Unmögliche möglich zu machen, sich nichts vorschreiben zu lassen und keine Angst davor zu haben mit neuen Wagnissen das Leben seiner Mitmenschen zu verbessern. Das Regeldickicht in den Städten des Westens in den neuen 20er Jahren drückt das Gegenteil aus: Es trieft vor Angst vor der Zukunft, voreilendem Gehorsam und Ungläubigkeit, dass die Welt besser werden kann. Mit den Regeln der neuen 20er Jahre im Westen, wären die urbanen Heldentaten der alten 20er nie möglich gewesen. Das risikoloseste Bauvorhaben ist und bleibt gar kein Bauvorhaben.

Heutzutage müsste kein Arbeiter mehr in 400 Meter Höhen glühend heiße Nieten durch die Gegend werfen. Neue Technologien ermöglichen ungefährlicheres Arbeiten. Genau diese waren aber auch nur risikobehaftete Chancen, die möglich geworden sind, weil Unternehmer und Arbeitnehmer das Risiko eingegangen sind, sie wahr werden zu lassen. Der gleiche Fortschritt ist auch in den modernen Städten des Westens, in Deutschlands Städten, möglich. Doch dafür müssen wir Risiko legalisieren und honorieren. Auch deutschen Städten würde eine New Yorker Skyline gutstehen. Doch dafür braucht es ein regulatorisches Empire State of Mind für die Träumer, die sich trauen das Unmögliche möglich zu machen – und das sogar schneller als in 410 Tagen.

Erstmals erschienen beim Ökonomenblog.