Photo: Wikimedia Commons (CC 0)

Von Dr. Alexander Fink, Universität Leipzig, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues.

Was beeinflusst das Abstimmunsgverhalten von Abgeordneten? Folgen Sie den eigenen Vorlieben, der Linie der Partei, den Einflüsterern von Interessengruppen oder hören Sie auf ihre Wähler? Im jüngsten IREF-Working-Paper gehen David Stadelmann von der Universität Bayreuth und Gustavo Torrens von der Indiana University der Frage nach, wie stark der Einfluss der verschiedenen Gruppen auf politische Entscheidungen ausfällt und nutzen dafür eine besondere Datenlage in der Schweiz.

Schweiz: Politische Positionen vieler Akteure beobachtbar

Stadelmann und Torrens untersuchen Entscheidungen des Schweizer Ständerats – vergleichbar mit dem deutschen Bundesrat – der Jahre 2007 bis 2014. Das Besondere ist, dass die Positionen aller Akteure, also der Wähler, der Abgeordneten, der Lobbyisten und der Parteien zu den untersuchten Entscheidungen des Ständerats beobachtbar sind.

Das individuelle Abstimmungsverhalten der Politiker ist seit Ende 2006 öffentlich bekannt, da eine Kamera die Sitzungen des Ständerats aufzeichnet. Die Entscheidungen der nicht-weisungsgebundenen Vertreter der Kantone kann in der Schweiz durch Volksabstimmungen aufgehoben werden. Für Entscheidungen, bei denen es zu Volksabstimmungen kam, ist daher auch bekannt, wie die Mehrheit der Wähler in dem vom Politiker vertretenen Kanton zur konkreten Sachfrage steht.

In der Schweiz müssen Politiker zudem ihre Verbindungen zu Interessensgruppen detailliert offenlegen. Die Interessensgruppen wiederrum veröffentlichen regelmäßig zu den relevanten Volksabstimmungen eigene Positionen und Wahlempfehlungen. Stadelmann und Torrens können daher die Positionen der Interessengruppen nachvollziehen, zu denen Politiker Verbindungen pflegen. Sie nutzen dabei die Informationen über die Standpunkte größerer Verbände, um unter der Annahme, dass diese Verbände die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, den einzelnen Mitgliedern diese Verbandspositionen zuordnen.

Ergebnisse für die Schweiz: Die Partei ist König

Gemäß den Ergebnissen der Autoren stimmt ein Abgeordneter mit einer Wahrscheinlichkeit von 97,2 Prozent einem Gesetzesvorschlag zu, wenn die Wählerschaft, die Interessengruppen und die eigene Partei den Gesetzesvorschlag befürworten. Besonders interessant sind allerdings die Fälle, in denen die einzelnen berücksichtigten Gruppen unterschiedliche Standpunkte vertreten.

Wenn die Wählerschaft ein Gesetzesvorhaben befürwortet, Lobbygruppen und die eigene Partei dagegen nicht, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass der Abgeordnete zustimmt, bei nur 7,4 Prozent. Wenn dagegen die Wähler ein Gesetz ablehnen, Lobbygruppen und die eigene Partei es aber befürworten, stimmen die Abgeordneten mit einer Wahrscheinlichkeit von 91,2 Prozent für den Vorschlag. Der Einfluss der Position der Wähler ist also überschaubar.

Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Gruppen ergibt sich folgendes Bild: Sind die Wähler für ein Gesetzesvorhaben, erhöht sich die Zustimmungswahrscheinlichkeit um knapp 10 Prozentpunkte. Sind die jeweiligen Lobbygruppen für ein Gesetzesvorhaben, erhöht sich die Zustimmungswahrscheinlichkeit um 17,6 Prozentpunkte. Den größten Einfluss hat jedoch die Parteilinie. Ist die Partei eines Abgeordneten für einen Gesetzesvorschlag, erhöht sich die Zustimmungswahrscheinlichkeit um 72,4 Prozentpunkte.

Die angewandte ökonometrische Methode erlaubt die Interpretation der Veränderungen der Zustimmungswahrscheinlichkeiten als Gewichtung der Positionen der einzelnen Akteure durch die Abgeordneten. Die Parteilinie hat folglich einen mehr als siebenmal so großen Einfluss auf die Entscheidung des Abgeordneten wie die Präferenzen Wählerschaft. Den Ergebnissen der Autoren zufolge spielt die ideologische Position des Abgeordneten hingegen so gut wie keine Rolle, denn die Summe der Gewichte der Positionen der drei Gruppen, die für Abgeordnete relevant sind, beläuft sich auf nahezu 100 Prozent.

Disziplin das oberste Gebot

Rechtlich ist die Fraktionsdisziplin auch in der Schweiz nicht bindend, die Abgeordneten sind nur ihrem Gewissen verpflichtet. Dennoch legen die Ergebnisse von Stadelmann und Torrens nahe, dass der Einfluss der Parteilinie auf das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten anders als die Positionen der Wähler erheblich ist.

Parteiführungen haben verschiedene Möglichkeiten, Abgeordnete zu disziplinieren. Zwar kann Abweichlern nicht unmittelbar das Mandat entzogen werden, doch die Karriere- und Wiederwahlaussichten können durch die Parteiführung geschmälert werden, das gilt für die Schweiz ebenso wie für andere Länder. Es passt ins Bild, dass die Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2013 für Deutschland auf deutlich häufigeres Abweichen von der Parteilinie durch direkt gewählte Abgeordnete im Bundestag hinweisen. Anders als nicht direkt gewählte Repräsentanten hängt ihr politisches Schicksal nicht von ihrem Listenplatz ab, wodurch sie von der Partei weniger gut diszipliniert werden können.

Die Seltenheit der Aufhebung der Fraktionsdisziplin lässt einen starken Einfluss der Parteilinien auf das Abstimmungsverhalten von Parlamentariern vermuten. Stadelmann und Torrens Arbeit lassen erstmals eine Abschätzung zu den relativen Gewichten einzelner Gruppen bezüglich der Entscheidungsfindung von Abgeordneten zu. Sie liefern damit belastbare empirische Hinweise für die Wirksamkeit der Parteidisziplin.

Erstmals erschienen bei IREF.

Photo: Roberto Nickson from Unsplash (CC 0)

Von Dr. Alexander Fink, Universität Leipzig, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues und Fabian Kurz, Doktorand der Volkswirtschaftslehre.

In den unterschiedlichsten Bereichen des Klimawandels können Marktinstrumente helfen; oft sehr viel besser als zentrale Steuerung: Indem sie organisieren und versichern, abmildern und anpassen, indem sie Innovation fördern und Krativität belohnen.

Klimaforscher warnen eindringlich vor den möglichen Folgen des menschenverursachten Klimawandels. Eine erhöhte Durchschnittstemperatur macht Extremwetterereignissse wie Dürren und Fluten wahrscheinlicher und der Anstieg des Meeresspiegels bedroht heute besiedelte Küstenregionen. Die internationale Politik hatte sich zunächst darauf verständigt, die Erderwärmung auf durchschnittlich 2 Grad bis zum Jahr 2100 zu begrenzen. Auf der Klimakonferenz in Paris hat sie das Ziel auf 1,5 Grad verschärft. Ob die Klimaziele erreicht werden, ist jedoch fraglich. Angesichts aktueller Prognosen ist es Zeit, nicht nur Emissionsvermeidungen voranzutreiben, sondern auch über Möglichkeiten des Umgangs mit den Folgen des Klimawandels zu diskutieren.

Märkte spielen dabei abseits der Bepreisung schädlicher Emissionen durch Emissionshandelssysteme eine entscheidende Rolle, denn sie können die Anpassung an den Klimawandel deutlich erträglicher machen. Preissignale geben Hinweise auf notwendige Anpassungen, internationale Handelsmöglichkeiten machen Änderungen der Produktionsstrukturen weniger schmerzhaft, entwickelte Märkte helfen beim Umgang mit finanziellen Risiken. Außerdem befördert eine marktwirtschaftliche Ordnung den Wohlstand, der den Einsatz zusätzlicher Ressourcen und Technologien im Umgang mit den Folgen des Klimawandels erst ermöglicht.

Klimaziele (zu) ambitioniert?

Die Schüler von Fridays for Future weisen eindrücklich darauf hin: Die Welt ist weit davon entfernt, die selbstgesteckten Klimaziele zu erreichen. Dafür müsste weltweit der Emissionsanstieg zum Erliegen kommen und das Emissionsniveau zügig deutlich reduziert werden. Dies veranschaulichen auch Simulationen, unter anderem ein am MIT entwickeltes Modell, das auch von der US-Delegation bei Klimagipfeln benutzt wurde und nun frei im Internet verfügbar ist. Diesem Modell zu Folge wird die Erderwärmung bis zum Jahr 2100, wenn keine Maßnahmen getroffen werden, bei über 4 Grad liegen.

Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, müssten in der EU bis 2030 jährlich 3,7 Prozent und ab 2030 jährlich über 5 Prozent weniger Klimagase emittiert werden. Ähnliche Größenordnungen gelten für andere Industrieländer, etwa die USA. Dort müssten die Emissionen bis 2030 jährlich um 4,1 Prozent und bis 2050 jährlich um über 5 Prozent reduziert werden. In China müssten der Emissionshöchststand 2030 erreicht und die Emissionen ab dann jährlich um 3,4 Prozent und ab 2050 jährlich um 4 Prozent gesenkt werden. Zum Vergleich: Im Referenzszenario geht man davon aus, dass Chinas Emissionen bis 2050 jährlich um über 2 Prozent steigen werden.

Für die Gruppe der Entwicklungsländer wäre eine Reduktion ab 2030 um jährlich 3 Prozent nötig, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels wäre eine deutlich stärkere Reduktion nötig, inklusive weltweiter negativer Nettoemissionen.

Bessere Anpassung mit Marktwirtschaft

Die Prognosen und die überschaubaren Erfolge vergangener Klimakonferenzen zeigen, dass das Erreichen der selbstgesteckten Ziele – Stand heute – alles andere als sicher ist. Es ist daher ratsam, auch Anpassungsstrategien an den Klimawandel ins Auge zu fassen. Marktwirtschaftliche Strukturen sind dabei ein wesentlicher Baustein.

Preise: Gefahr erkannt!

Eine wettbewerbliche Marktwirtschaft gibt Anreize für eine frühzeitige Anpassung an neue Rahmenbedingungen. Ändern sich auf Grund des Klimawandels die Nachfrage nach Produkten oder die Produktionskosten, spiegelt sich das in den jeweiligen Preisen und den Gewinnen und Verlusten der Unternehmer wider, die auf diese Signale reagieren. Sind Unternehmungen oder ganze Wirtschaftszweige nicht oder kaum Wettbewerb ausgesetzt, etwa durch staatlich privilegierte Monopolstellung, Festpreise, Zölle oder andere nichttarifäre Handelshemmnisse, können sich notwendige Anpassungen verzögern oder ganz versäumt werden.

Bessere Anpassung dank Handelspartnern

Der Klimawandel wird in manchen Regionen das Klima derart verändern, dass dort derzeit vorzufindende wirtschaftliche Aktivitäten unattraktiv werden und Ressourcen nicht weiter wie bisher eingesetzt werden können. Beispielsweise kann eine erhöhte Durchschnittstemperatur die bisher betriebene Landwirtschaft erschweren.

Zugang zu Handelspartnern – auch international – hilft Menschen in diesen Regionen. Sie können ihre Produktion weniger folgenschwer auf Waren und Dienstleistungen umstellen, deren Herstellung angesichts der neuen klimatischen Bedingungen lohnender ist. Die Umstellung von Produktionsstrukturen ist weniger schmerzhaft, weil Handelspartner die Versorgung mit Gütern sicherstellen, die vor Ort nicht mehr oder nur zu deutlich höheren Kosten hergestellt werden können. Je diverser die Handelspartner einer betroffenen Region sind, desto reibungsloser kann die Anpassung gelingen.

Märkte: Gut versichert

Hochentwickelte Märkte können auch im direkten Umgang mit Schäden durch die Klimaerwärmung helfen. Vor individuellen finanziellen Schäden durch Extremwetterereignisse kann ein funktionierender Versicherungsmarkt schützen. So ist es in Deutschland ohne weiteres möglich, sich gegen die von Stürmen verursachten Schäden am eigenen Hause oder an Produktionsstandorten zu versichern. Können sich Versicherungen ihrerseits international rückversichern, werden die Risiken noch breiter verteilt. Das Risiko eines Schadenfalls wird schlussendlich von jenen getragen, die damit am besten umgehen können, nicht von einzelnen betroffenen Haushalten oder Unternehmen.

Märkte, Wohlstand, Technologien

Grundvoraussetzung einer effektiven Anpassung ist hoher Wohlstand, den marktwirtschaftliche Strukturen helfen zu schaffen. Herrscht Wohlstand, können zusätzliche Ressourcen in die Entwicklung und den Einsatz moderner Technologien investiert werden, welche ihrerseits helfen, die Folgen des Klimawandels abzumildern. Die Niederlande und Israel – beides wohlhabende marktwirtschaftlich geprägte Länder – zeigen schon heute, wie mit Hilfe moderner Technologie widrigen Umweltbedingungen getrotzt werden kann.

Klimamodelle prognostizieren einen deutlichen Anstieg des Meeresspiegels in diesem Jahrhundert. Die steigenden Fluten könnten mehrere Hundert Millionen Menschen bedrohen. Die Niederlande zeigen seit langem, wie Menschen mit alter und neuer Technik dem Meer etwas entgegensetzen können. Fast ein Drittel der Niederlande liegt heute unterhalb des Meeresspiegels. Möglich macht dies ein umfangreicher Hochwasserschutz. Die Niederlande errichtete gar einen 32 Kilometer langen Deich, der die Zuiderzee, das heutige Ijsselmeer, von der Nordsee abtrennt, um besser gegen Sturmfluten gewappnet zu sein. Auch setzen die Niederländer flexible Flutbarrieren und Speerwerke ein, die nur bei einer Sturmflut geschlossen werden, wie die Deltawerke.

Einem ganz anderen Problem sieht sich Israel gegenüber: Wassermangel. Der Klimawandel könnte insbesondere in Afrika die ohnehin schwierige Trinkwasserversorgung weiter erschweren. Dennoch ist die Lage nicht aussichtslos, wie das Beispiel Israel illustriert. Das Land ist führend in der Entwicklung und Anwendung moderner Meerwasserentsalzungsanlagen. Bis vor einigen Jahren waren Meerwasserentsalzungsanlagen als „Energiefresser“ verschrien. Tatsächlich brauchen Anlagen, die Wasser abkochen, um Wasser und Salz zu trennen über 90 Kilowattstunden Energie in Form von Strom und Wärme für einen Kubikmeter Trinkwasser. Moderne Anlagen arbeiten mit einem anderen Prinzip. Wasser wird mit hohem Druck durch Membranen gedrückt und das Salz so herausgefiltert. Diese Anlagen sind deutlich effizienter und benötigen nur noch 4 Kilowattstunden Strom. Inzwischen stammen 75 Prozent des Leitungswassers in Israel aus Meerwasserentsalzungsanlagen. Israel gewinnt nicht nur aus Meerwasser Trinkwasser, sondern recycelt auch Wasser, etwa indem es nach einer Aufbereitung für die Bewässerung der Landwirtschaft eingesetzt wird. So werden 86 Prozent der Haushaltsabwässer in der Landwirtschaft weiter genutzt.

Marktwirtschaftliche Reformen als Grundlage

In den Niederlanden und in Israel sind die Anpassungen an bedrohliche Umweltbedingungen auch gelungen, weil ihr hoher Wohlstand es erlaubt, den Herausforderungen umfängliche Ressourcen unter Einsatz modernster Technologien entgegenzustellen. Zum zugrundeliegenden Wohlstand beider Länder haben marktwirtschaftliche Strukturen maßgeblich beigetragen, die sie durch die Verfügbarkeit von Preissignalen, internationalen Handelspartnern und Versicherungsmärkten anpassungsfähig machen.

Die gute Nachricht ist, marktwirtschaftliche Reformen benötigen in der Regel nicht den Einsatz zusätzlicher Ressourcen, sondern verbessern die Verwendung vorhandener Mittel, wie in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere die ostasiatischen Tigerstaaten Südkorea, Taiwan, Singapur, Hongkong und auch China oder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Länder in Osteuropa eindrücklich illustriert haben.

Marktwirtschaftliche Reformen sind somit auch und gerade für arme Länder erste Wahl, um grundlegende Voraussetzungen zu schaffen, mit den Folgen des Klimawandels besser umgehen zu können. Die schlechte Nachricht ist, für eine erfolgreiche Umsetzung derartig tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen gibt es kein universelles Erfolgsrezept. Welche Maßnahmen fruchten und ob sich für sie ausreichend Unterstützung unter einflussreichen Interessengruppen finden lässt, hängt von den lokalen Begebenheiten ab. Dennoch stimmt die weltweite Entwicklung der letzten Jahrzehnte positiv. Marktwirtschaftliche und demokratische Strukturen haben sich trotz aller Widrigkeiten vermehrt durchgesetzt.

Erstmals erschienen bei IREF.

Photo: National Cancer Institute from Unsplash (CC 0)

Von Frederik C. Roeder, Gesundheitsökonom und Geschäftsführer des Consumer Choice Centers.

Die Menschheit steht derzeit vor einer großen Herausforderung durch das Coronavirus. Die Grenzen werden geschlossen, Flugzeuge am Boden gehalten und Fabriken geschlossen. Gleichzeitig arbeiten Wissenschaftler und Fachleute des Gesundheitswesens an Tests, Behandlungen und Impfstoffen, um bald eine medizinische Reaktion zu ermöglichen. Die Bewältigung des Coronavirus könnte einer der größten Prüfungen sein, denen die Menschen in den letzten Jahrzehnten ausgesetzt waren, aber es wird nicht das letzte Virus sein, das wir besiegen müssen. Es ist an der Zeit, Biotechnologie einen höheren Stellenwert einzuräumen und mehr Forschung und Anwendungen von Methoden zur genetischen Veränderung zuzulassen.

Für den Laien ist dieses ganze Technik-Geschwätz über Mutagenese und Gentechnik schwer verständlich, und es hat mich persönlich eine gute Menge an Lektüre gekostet, um zu begreifen, welche verschiedenen Methoden es gibt und wie diese unsere Lebensqualität massiv verbessern können.

Betrachten wir zunächst die vier häufigsten Methoden, um die Gene einer Pflanze oder eines Tieres zu verändern:

Dr. Xaver – Mutationen an sich kommen in der Natur einfach regelmäßig vor

So ist aus einigen Aminosäuren eine Milliarde Jahre später zum Menschen geworden. Biologische Evolution kann nur dank Mutationen stattfinden. Mutationen in der Natur geschehen zufällig oder werden durch exogene Faktoren wie Strahlung (z.B. Sonne) verursacht. Für die Comic-Leser unter uns haben X-Männer Mutationen, die (in den meisten Fällen) zufällig auftreten.

The Hulk – Mutation durch Exposition (Mutagene)

Eine der häufigsten Arten, Samen zu manipulieren, ist, sie Strahlung auszusetzen und auf positive Mutationen zu hoffen (z.B. höhere Schädlingsresistenz). Diese Methode ist seit den 1950er Jahren sehr verbreitet und ein sehr unpräziser Schrotflintenansatz, der darauf abzielt, Pflanzen widerstandsfähiger oder schmackhafter zu machen. Sie erfordert Tausende von Versuchen, um ein positives Ergebnis zu erzielen. Diese Methode ist weit verbreitet und in fast jedem Land legal. In unserem Comic-Universum ist der Hulk ein gutes Beispiel für durch Strahlung verursachte Mutationen.

Spiderman – Genetisch veränderte Organismen (transgene GVOs)

Dieses oft gefürchtete Verfahren zur Herstellung von GVO basiert auf der Einfügung der Gene einer Art in die Gene einer anderen Spezies. In den meisten Fällen wurde den GVO-Kulturen ein Protein einer anderen Pflanze oder eines Bakteriums injiziert, das die Kulturpflanze schneller wachsen lässt oder sie widerstandsfähiger gegen bestimmte Krankheiten macht. Andere Beispiele sind die Kreuzung von Lachs mit Tilapia-Fischen, die den Lachs doppelt so schnell wachsen lässt. Spiderman, der von einer Spinne gebissen wird und plötzlich in der Lage ist, auf Wolkenkratzer zu klettern, weil er eine verbesserte spinnenmenschliche (transgene) DNA besitzt, ist ein Beispiel aus dem Comicverse.

GATTACA/Der Zorn des Khan – Gen-Editierung (die Schere)

Die neueste und präziseste Art, die Gene eines Organismus zu verändern, ist das sogenannte Gene Editing. Im Gegensatz zu den traditionellen GVO werden dabei keine Gene aus einem anderen Organismus implantiert, sondern durch eine präzise Methode, bei der bestimmte Gene entweder deaktiviert oder hinzugefügt werden, innerhalb des Organismus verändert.

Dies kann sogar bei erwachsenen, lebenden Menschen geschehen, was für alle, die an genetischen Störungen leiden, ein Segen ist. Wir sind in der Lage, Gene in lebenden Organismen zu „reparieren“. Die Bearbeitung von Genen ist auch tausendmal genauer als das bloße Beschießen von Samen mit Strahlung. Ein angewandtes Beispiel ist die Deaktivierung des Gens, das für die Erzeugung von Gluten im Weizen verantwortlich ist: Das Ergebnis ist glutenfreier Weizen. Es gibt mehrere Methoden, die dies erreichen. Eine der populärsten ist heutzutage das sogenannte CRISPR Cas-9. Diese „Scheren“ sind normalerweise umprogrammierte Bakterien, die die neue Geninformation übertragen oder defekte oder unerwünschte Gene deaktivieren. Viele Science-Fiction-Romane und -Filme zeigen eine Zukunft, in der wir Gendefekte deaktivieren und Menschen von schrecklichen Krankheiten heilen können. Einige Beispiele für Geschichten, in denen CRISPR-ähnliche Techniken eingesetzt wurden, sind Filme wie GATTACA, Star Treks Zorn des Khan oder die Expanse-Serie, in der die Genbearbeitung eine entscheidende Rolle beim Anbau von Nutzpflanzen im Weltraum spielt.

Was hat das mit dem Coronavirus zu tun?

Synthetische Biologen haben begonnen, mit CRISPR Teile des Coronavirus synthetisch herzustellen, um einen Impfstoff gegen diese Lungenkrankheit auf den Markt zu bringen und ihn sehr schnell in Massenproduktion herstellen zu können. In Kombination mit Computersimulationen und künstlicher Intelligenz wird das beste Design für einen solchen Impfstoff auf einem Computer berechnet und dann synthetisch hergestellt. Dadurch wird die Impfstoffentwicklung beschleunigt und von Jahren auf nur noch Monate verkürzt. Aufsichtsbehörden und Zulassungsbehörden haben gezeigt, dass sie in Krisenzeiten auch neue Test- und Impfverfahren, die normalerweise jahrelanges Hin und Her mit Behörden wie der FDA erfordern, schnell genehmigen können?

CRISPR ermöglicht auch die ‚Suche‘ nach bestimmten Genen, auch Genen eines Virus. Dies half den Forschern, schnelle und einfache Testverfahren zu entwickeln, um Patienten auf Corona zu testen.

Auf lange Sicht könnte die Genbearbeitung es uns ermöglichen, die Immunität des Menschen zu erhöhen, indem wir unsere Gene verändern und uns resistenter gegen Viren und Bakterien machen.

Dies wird nicht die letzte Krise sein

Während das Coronavirus unsere moderne Gesellschaft wirklich auf die Probe zu stellen scheint, müssen wir uns auch bewusst sein, dass dies nicht der letzte Erreger sein wird, der das Potenzial hat, Millionen von Menschen zu töten. Wenn wir Pech haben, könnte die Corona schnell mutieren und schwerer zu bekämpfen sein. Der nächste gefährliche Virus, Pilz oder Bakterium steht wahrscheinlich schon vor der Tür. Deshalb müssen wir die neuesten Erfindungen der Biotechnologie annehmen und dürfen die Genforschung und die Umsetzung ihrer Ergebnisse nicht blockieren.

Im Moment stehen zwischen lebensrettenden Innovationen wie CRISPR und Patienten auf der ganzen Welt eine Menge Bürokratie und sogar völlige Verbote. Wir müssen unsere Feindseligkeit gegenüber der Gentechnik überdenken und uns ihr stellen. Um ehrlich zu sein: Wir sind in einem ständigen Kampf gegen neu auftretende Krankheiten und müssen in der Lage sein, auf dem neuesten Stand der Technik menschliche Antworten darauf zu geben.

Photo: Boris Thaser from Flickr (CC BY 2.0)

Von Dr. Alexander Fink, Universität Leipzig, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues, und Kalle Kappner, Promotionsstudent an der Humboldt-Universität zu Berlin, Research Fellow bei IREF, Fackelträger von Prometheus.

Die optimistische Selbsteinschätzung der Deutschen steht in einem bemerkenswerten Widerspruch zur Einschätzung der momentanen und zukünftigen Lebenszufriedenheit ihrer Mitbürger. Der Publizist Johannes Gross bemerkte dazu schon in den 70ern: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein übel gelauntes Land, aber ihre Einwohner sind glücklich und zufrieden.“

Regelmäßig werden die Deutschen in verschiedenen repräsentativen Umfragen nach ihrer Lebenszufriedenheit und ihrem Glücksempfinden gefragt. Im Detail weichen die Methoden und Befunde dieser Umfragen voneinander ab. Doch ein Trend lässt sich in allen Untersuchungen erkennen: Spätestens seit ca. 2005 sind die durchschnittliche Lebenszufriedenheit und das Glücksempfinden in Deutschland stetig gestiegen.

Laut dem internationalen World Happiness Report erlebten die Deutschen nach den Isländern seit 2004 unter den Bewohnern von Industrieländern den stärksten Anstieg ihres Glücksempfindens. Auch der World Value Survey attestiert den Deutschen ein gewachsenes Glücksempfinden zwischen der ersten Befragung in 1998 und der letzten Erhebung in 2014. Laut Eurobarometer stieg der Anteil der mit ihrem Leben zufriedenen Deutschen seit 2005 nahezu ungebrochen und erreichte 2015 mit 92 % den höchsten Wert seit Beginn der Aufzeichnung für Westdeutschland in 1973.

Auch auf Deutschland fokussierte Untersuchungen zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend. Laut Sozioökonomischem Panel stieg die Lebenszufriedenheit seit 2004 und übertrifft mittlerweile den Spitzenwert, der zu Beginn der Aufzeichnung 1990 gemessen wurde. Zum gleichen Ergebnis kommt der auf repräsentativen Telefon-Interviews basierende „Glücksatlas“ der Deutschen Post.

Die Lebenszufriedenheit der Deutschen ist seit ca. 2005 nicht nur durchschnittlich gewachsen, sondern verteilt sich auch gleichmäßiger über Individuen und Raum. Zwar ist die Lebenszufriedenheit auf dem Gebiet der ehemaligen DDR weiterhin geringer als in West- und insbesondere Norddeutschland, doch seit der Wiedervereinigung näherte sich Ostdeutschland dem Bundesdurchschnitt kontinuierlich an, insbesondere unter jüngeren Kohorten. Die interindividuelle Ungleichheit der subjektiven Lebenszufriedenheit ist geringer als die Einkommensungleichheit und ist seit 2005 stärker als die Einkommensungleichheit gesunken.

Triebfedern des Glücks: Beschäftigung und Wohlstand

Weshalb wurden die Deutschen glücklicher? Ein Teil des Aufwärtstrends der letzten 15 Jahre lässt sich durch die relativ ausgeprägte Unzufriedenheit zu Beginn der 2000er Jahre erklären, als das wirtschaftlich schwächelnde Deutschland als „kranker Mann“ Europas galt. Seit den sogenannten „Hartz-Reformen“ sank die Arbeitslosigkeit merklich. Felbermayr et al. (2017) zeigen, dass die sinkende Arbeitslosigkeit die wichtigste Determinante der durchschnittlich höheren Lebenszufriedenheit ist. Wie Schöb et al 2016 für Teilnehmer von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zeigen, wirkt sich auch das Gefühl, eine nützliche Tätigkeit auszuführen, positiv auf die Lebenszufriedenheit aus. Auch der Better Life Index der OECD illustriert, dass Deutschland insbesondere hinsichtlich des Arbeitsmarkts und der Work-Life-Balance seit Jahren an Attraktivität gewonnen hat.

Einen Beitrag zum wachsenden Glücksempfinden liefert auch das Wirtschaftswachstum Deutschlands über die letzten 15 Jahre. Während einige Forscher lange davon ausgingen, dass höhere Einkommen die Bürger von Industrieländern nicht glücklicher machen, legt aktuelle Forschung einen deutlichen Zusammenhang zwischen wachsenden Einkommen und subjektivem Glücksempfinden nahe.

Weniger eindeutig ist der Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und demographischer Alterung. Statistisch erreicht die individuelle Lebenszufriedenheit in Industrieländern mit Mitte 40 einen Tiefpunkt, steigt danach an und sinkt erst im hohen Alter wieder rapide. In Deutschland beträgt das Durchschnittsalter derzeit etwa 45 Jahre, weshalb für die kommenden Jahrzehnte bei anhaltendem Wirtschaftswachstum eher von wachsender Zufriedenheit auszugehen ist. Zumindest für die nahe Zukunft erwarten die Deutschentatsächlich ein noch zufriedeneres Leben zu führen.

Individueller Optimismus, gesellschaftlicher Pessimismus

Die optimistische Selbsteinschätzung der Deutschen steht in einem bemerkenswerten Widerspruch zur Einschätzung der momentanen und zukünftigen Lebenszufriedenheit ihrer Mitbürger. Nicht nur hinsichtlich der globalen Entwicklung sind die Deutschen überwiegend überzeugt, dass die Armut in den letzten 20 Jahren zugenommen hat und dass die Welt auch in Zukunft „[k]ein besserer Ort wird“. Auch bezogen auf ihr eigenes Land erwarten die Deutschen einen düstere Zukunft: Altersarmut, Arbeitslosigkeit, Vermögensentwicklung, Umweltrisiken und wirtschaftliche Stagnation. Die jüngere Generation zeigt sich dabei besonders pessimistisch. Der Publizist Johannes Gross bemerkte dazu schon in den 70ern: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein übel gelauntes Land, aber ihre Einwohner sind glücklich und zufrieden.“

Untersuchungen zeigen, dass diese Diskrepanz zwischen „individuellem Optimismus“ und „sozialem Pessimismus“ in Industrieländern weit verbreitet ist. Der Glücksforscher Paul Dolan vermutet, dass der in Umfragen geäußerte gesellschaftliche Pessimismus teilweise suggestive Fragestellungen und mangelndes Wissen widerspiegelt. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf eine entscheidende Rolle von Informationsvermittlern wie den klassischen und sozialen Medien: Während die Verbesserung der eigenen Lebensumstände für die meisten Menschen persönlich erfahrbar ist, wird die Wahrnehmung langfristiger nationaler und internationaler Trends durch eine systematisch pessimistische, auf negative Einzelfälle fokussiertes Berichterstattung verzerrt.

Eng verbunden mit der unterschiedlich stark ausgeprägten Erfahrbarkeit persönlicher Lebensumstände und nationaler Trends ist die wahrgenommene Kontrolle über diese. Auf den Psychologen Martin Seligman geht die Hypothese des „erlernten Optimismus“ zurück, der zufolge Menschen zukünftige Entwicklungen optimistischer einschätzen, wenn sie diese direkt beeinflussen können.

Mut zum Optimismus

Die gemessene hohe persönliche Lebenszufriedenheit der Deutschen steht in Kontrast zum pessimistischen Bild ihrer Lebenswirklichkeit, das von in der Medienöffentlichkeit stehenden Bedenkenträgern mehrheitlich gezeichnet wird. Gewiss gibt es stets Möglichkeiten zur Verbesserung, doch das bereits Erreichte sollte gerade angesichts der positiven Selbsteinschätzung der Menschen in diesem Land nicht zu kurz kommen.

Die enormen, in der marktwirtschaftlich organisierten Demokratie bereits erzielten Fortschritte verdienen es, stärker in den Vordergrund gerückt zu werden. Projekte wie das durch den verstorbenen Entwicklungsforscher Hans Rosling angestoßene Gapminder oder Max Rosers OurWorldInData bieten dazu Inspiration und bilden eine wichtige Gegenstimme zu den Schwarzmalern, die die Lebenswirklichkeit ihrer Mitmenschen pessimistischer einschätzen als diese selbst. Eine ausgewogenere Würdigung der hohen Lebenszufriedenheit wäre wünschenswert – sie würde das Bewusstsein für die Gefahren schärfen, die ein „Systemwechsel“ in Form einer Abkehr vom Erfolgsmodell der marktwirtschaftlich organisierten Demokratie birgt.

Erstmals erschienen bei IREF.

Photo: Science in HD from Unsplash (CC 0)

Von Frederik C. Roeder, Gesundheitsökonom und Geschäftsführer des Consumer Choice Centers.

Die Frage, ob Gentechnik eine wunderbare Verheißung moderner Molekularbiologie oder Teufelszeug ist, macht einen grundlegenden Riss durch die grüne Bewegung deutlich. Verbände wie Greenpeace, der Bund des Umwelt- und Naturschutzes, die sogenannten “Friends of the Earth” sowie mehrheitlich die Partei Bündnis 90/die Grünen sind gegen den Einsatz von genmanipuliertem Saatgut. Teile der Grünen Jugend jedoch stellen sich neuerdings auf die Seite des europäischen Bauernverbands sowie der Mehrheit der Gentechnik-Forscher, die sich für den Einsatz stark machen. Die Spaltung der Öko-Bewegung in Gegner und Befürworter der Gentechnik ist aber mehr als eine Detailfrage über das beste Vorgehen in der modernen Landwirtschaft: Hier offenbaren sich zwei Weltbilder innerhalb des ökologischen Denkens, die miteinander kollidieren und nicht vereinbar sind. Entweder nämlich, man glaubt an den technischen Fortschritt, an die Vernunftfähigkeit des Menschen und an die Findigkeit kreativen Unternehmertums oder man sieht das Leben in der Moderne als grundsätzlich negativ an, mit seiner bedrohlichen allmächtigen Technik und seiner ausgedehnten Massenproduktion. Technik oder Verzicht, wird damit zur Zukunftsfrage der jungen Generation, nicht nur in der Klimafrage. Es gibt Hoffnung, dass sich die technikfreundliche, positive Sicht auf die Moderne innerhalb der Grünen durchsetzen könnte.

Hauke Köhn von der Grünen Jugend Hannover brachte im Herbst letzten Jahres einen Antrag bei der Grünen Jugend Niedersachsen zum Erfolg, der sich für die Verwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft ausspricht. Der Antrag fordert nichts weniger, als auf wissenschaftlicher Basis anzuerkennen, dass Gentechnik viele Vorteile für die Gesellschaft biete. Die Risiken seien hingegen überschaubar und politisch beherrschbar. Mit dieser Position ist Köhn seither nicht nur beliebt bei seinen Parteigenossen. Wie er gegenüber der “ZEIT” äußerte, habe “bei manchen Grünen-Treffen Eiseskälte geherrscht, wenn das Thema aufkam, bei anderen wurde es hitzig.” Zu tief sitzen die Vorurteile gegenüber der Gentechnik, die NGOs wie Greenpeace seit Jahren systematisch schüren.

Gentechnik habe seine Versprechen „seit jeher gebrochen“, heißt es beispielsweise auf der Internetseite der grünen Friedenswächter. Durch die „Verwendung von genmanipuliertem Saatgut konnten keine Ertragssteigerungen erzielt werden und der Pestizideinsatz steigt mittelfristig sogar an“, heißt es dort. Mit der Redlichkeit dieser Aussagen nehmen es die Aktivisten wohl nicht ganz so genau. Auf den ersten Blick stimmt es zwar: In den meisten Fällen steigert der Einsatz von Gen-Mais nicht die Ernte des Maises. Aber – und das verschweigt Greenpeace seinen Anhängern lieber – es senkt die Kosten für die Maisproduktion erheblich, weil die Pflanzen resistent gegen Schädlinge sind und daher weniger Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt werden müssen. Der Einsatz von genmanipuliertem Saatgut konnte bisher den Ertrag um bis zu 28% erhöhen und weitere Erfolge sind wahrscheinlich. Genau das passt Greenpeace aber nicht. In einem eigenen Dossier zu dem Thema heißt es, dass „genmanipulierte Pflanzen das Modell der industriellen Landwirtschaft zementieren, das globalen Märkten zwar Güter in großen Mengen liefert, die Weltbevölkerung aber nicht ernähren kann.“

Und genau das ist für Greenpeace des Pudels eigentlicher Kern. Die Landwirtschaft an sich ist böse, weil sie industriell und global agiert. Es stimmt: Unterernährung und Hunger wird es auch mit der Gentechnik noch geben, aber das liegt nicht an der bösen Landwirtschaft, sondern daran, dass Bürgerkriege, korrupte Regime und Unterentwicklung nicht durch Gentechnik allein behoben werden können. Nicht nur in der Frage der Agrarwirtschaft offenbart sich ein unwissenschaftliches Weltbild. Auch in der Frage der Gesundheit und der Risiken der Gentechnik bleiben viele Aktivisten faktenresistent. Greenpeace behauptet etwa in einem düsteren Untertitel zum Thema Gentechnik, dass “[d]er Einsatz der Gentechnik unkalkulierbare Risiken [birgt]. Mensch und Natur dürfen nicht zu Versuchskaninchen der Agrarkonzerne werden.” Die Wissenschaft aber konnte bisher keine dieser angeblich unkalkulierbaren Risiken ausfindig machen.

2010 gab die EU-Kommission ein Kompendium aus über 10 Jahren Forschung heraus, welches zu dem Ergebnis kommt, dass Gentechnik keine nachweisbaren Risiken für die Umwelt in sich trage. Auch in einer Bilanz des deutschen Bildungsministeriums aus dem Jahre 2014, nach 25 Jahren Forschungsarbeit und über 130 Projekten und 300 Millionen Euro geflossenem Steuergeld, heißt es dazu, “dass Gentechnik an sich keine größeren Risiken als konventionelle Methoden der Pflanzenzüchtung birgt.” Doch den Gegnern der Gentechnik können noch so viele Studien vorgelegt werden, belehren lassen sie sich trotzdem nicht.

Wie der Philosoph Stefan Blancke, von der Universität Gent, in einem Interview mit ZDF-Heute treffend feststellte, fällt die Panikmache vor der Gentechnik bei den meisten Menschen deshalb auf fruchtbaren Boden, weil sie Vorurteile und Naturbilder bedient, die uns intuitiv einleuchten, die aber, wissenschaftlich gesehen, weit vor das darwinistische Zeitalter zurückreichen. Die meisten Bürger würden zum Beispiel glauben, “dass alle Organismen eine Art universellen ‚Kern‘ besitzen. Einen ‚Kern‘, der diesen Organismus ausmacht, quasi definiert.“ Und daher würden in einer US-Studie Befragte nicht wissen, ob in eine Tomate implantierte Fisch-DNA die Tomate nach Fisch schmecken lässt. Das ist natürlich Unsinn, wussten aber weniger als 40 Prozent.

Solche Vorurteile führen dann dazu, dass sich knapp 80 Prozent der Deutschen in einer Umfrage des Umweltministeriums aus dem Jahr 2017 ohne erfindliche Gründe gegen die Gentechnik aussprechen. Wenige politische Fragen erreichen solch eindeutige Urteile der Öffentlichkeit. Was gerade bei diesem Thema besorgniserregend ist, da die meisten Befragten offensichtlich wenig bis keine Kenntnisse der Gentechnik besaßen. Zu der Angst, nicht mehr kontrollieren zu können, was wir über Geneingriffe erschaffen, komme, laut Blancke, die Angst hinzu, sich mit Mutter Natur anzulegen. Wir würden immer noch zu einem sogenannten zweckgetriebenen Denken neigen, das allen Naturereignissen eine bestimmte Absicht unterstelle. In dieser Sicht seien Pflanzen dazu da, uns zu ernähren, Regen, um die Erde zu bewässern und Gewitter, um uns zu erschrecken. Blancke dazu: „Gentechnik ist da plötzlich das Böse, das die Pläne von ‚Mutter Natur‘ durchkreuzt. Nicht umsonst gibt es den Begriff ‚Frankenfood‘. Die Botschaft ist klar: Legen wir uns mit ‚Mutter Natur‘ an, rufen wir gewaltige Katastrophen hervor.“

Es ist nur zu hoffen, dass sich die Sicht des 21-Jährigen Junggrünen Hauke Köhn in Zukunft durchsetzt, der in seinem Antrag mutig schreibt: “In jedem Fall können die pauschalen Vorwürfe, die gegenüber der grünen Gentechnik bestehen, nicht aufrechterhalten werden. Es sind durchaus ökologisch nachhaltige GVO vorstellbar, die gegenüber konventionellen Agrarpflanzen große Vorteile hegen.” Ergänzen müsste man noch, dass solche GVO (Gentechnisch veränderte Organismen) nicht nur vorstellbar sind, sondern schon täglich genutzt und weltweit gebraucht werden.