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Von Dr. Alexander Fink, Universität Leipzig, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues und Fabian Kurz, Doktorand der Volkswirtschaftslehre.

Innerhalb von fünf Generationen hat sich die Lebenserwartung in Deutschland verdoppelt. Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, wenn man in Betracht zieht, dass sich die Lebenserwartung bei Geburt über tausende Generationen zuvor kaum erhöhte. Nicht nur hierzulande wuchs die Lebenserwartung deutlich. Mit dem erheblichen Rückgang der Armut in vielen Teilen der Welt stieg die Lebenserwartung auch weltweit rapide an.

In den letzten 150 Jahren hat sich die Lebenserwartung in Deutschland mehr als verdoppelt. Zunächst wurde die Entwicklung von einer sinkenden Säuglings- und Kindersterblichkeit getrieben, nun vor allem durch bessere Überlebenschancen älterer Menschen. Eine stark steigende Lebenserwartung ist allerdings kein Selbstläufer.

Was ist die Lebenserwartung?

Die Lebenserwartung ist eine Schätzung, wie lange ein Mensch eines bestimmten Jahrgangs im Durchschnitt noch leben wird. Gewöhnlich ist mit der Lebenserwartung die Lebenserwartung ab Geburt gemeint.

Bei inzwischen verstorbenen Jahrgängen, in der Regel Jahrgänge, die vor über 100 Jahren geboren wurden, entspricht die Lebenserwartung den durchschnittlichen Lebensjahren. Bei teilweise noch lebenden jüngeren Jahrgängen können die durchschnittlichen Lebensjahre bis zum Tod nicht komplett beobachtet werden. Schätzungen sind notwendig. Dafür gibt es zwei Methoden.

Die erste Methode schätzt für die noch lebenden Jahrgänge, „wie alt eine Person durch-schnittlich werden würde, wenn sich an den Verhältnissen des aktuellen Zeitraums nichts mehr ändern würde“. Sie berücksichtigt die Sterblichkeit aller derzeit lebenden Personen. Eine schwere Grippesaison, wie etwa in den Jahren 1969/1970 oder möglicherweise Corona dieses Jahr, kann daher die so berechnete Lebenserwartung negativ beeinflussen. Ergebnisse basierend auf dieser Schätzmethode können der Periodensterbetafel des Statistischen Bundesamts entnommen werden.

In der Kohorten¬sterbe¬tafel dagegen wird angenommen, dass aktuelle Trends sich auch in der Zukunft fortsetzen werden. Die Kohortenschätzung ist in der Regel optimistischer, da sie den Trend zu höheren Lebenserwartungen berücksichtigt.

Für die bereits vollständig beobachtbaren Jahrgänge, heute bis zum Jahrgang 1920, unterscheiden sich die Lebenserwartungen für beide Sterbetafeln nicht. Je jünger ein Jahrgang, desto unsicherer sind beide Methoden.

Frauen leben länger

Wenn sich die Sterblichkeit in Zukunft genauso verhält wie aktuell, geht das Statistische Bundesamt bei heute geborenen Jungen von einer Lebenserwartung von 78,6 Jahren und für Mädchen von 83,4 Jahren aus.

Setzen sich die aktuellen Trends auch in der Zukunft fort, liegt die Lebenserwartung bei Geburt in der vorsichtigsten Schätzung aktuell bei knapp 83 Jahren für Männer und bei knapp 87 Jahren für Frauen. Hierbei wird der Sterblichkeitstrend seit dem Jahr 2011 zu Grunde gelegt. In einer optimistischeren Schätzung des Statistischen Bundesamts, welche den Sterblichkeitstrend seit 1971 berücksichtigt, liegen die Werte für Männer bei 90 und für Frauen bei 93 Jahren.

Im Jahr 1871 betrug die Lebenserwartung dieses Jahrgangs für Frauen 42 Jahre und für Männer 39 Jahre. Heute geborene Kinder können daher mit einem gut doppelt so langen Leben wie ihre Vorfahren zu Zeiten des Kaiserreichs rechnen.

Zunächst sinkende Säuglings- und Kindersterblichkeit

Der rasche Anstieg der Lebenserwartung der vergangenen 150 Jahre ist bis zu den Geburtenjahrgängen um 1930 vor allem auf die stark gesunkene Säuglings- und Kindersterblichkeit zurückzuführen. Im Jahr 1871 starb noch jedes vierte Kind im ersten Lebensjahr. 1930 war es weniger als jedes zehnte Kind. Für jüngere Jahrgänge ist der Anstieg der Lebenserwartung allerdings hauptsächlich auf einen Rückgang der Sterbewahrscheinlichkeit im hohen Alter zurückzuführen.

Einflussfaktoren in Deutschland gut sichtbar

Dass die Lebensumstände von Menschen einen deutlichen Einfluss auf die Lebenserwartung haben, zeigt die deutsche Geschichte. Bis in die 70er Jahre unterschied sich die Lebenserwartung in der DDR kaum von der in der BRD. Zum Fall der Mauer 1989 lag die Lebenserwartung im Osten allerdings um 2,5 Jahre hinter der im Westen zurück. Im Zuge der Wiedervereinigung schloss sich die Lücke wieder bis auf ein halbes Jahr.

Mit der Wiedervereinigung verbesserte sich insbesondere die Gesundheitsversorgung für die ehemaligen Bürger der DDR. So hat die bessere medizinische Versorgung wesentlich dazu beigetragen, dass die Sterblichkeit in den neuen Bundesländern gesunken und die Lebenserwartung gestiegen ist. Insbesondere im hohen Alter ist ein guter Gesundheitszustand entscheidend für die weitere Lebenserwartung.

Die empirische Forschung zeigt zudem, dass das Einkommen einen positiven Einfluss auf die Lebenserwartung hat. Bildung ist ein weiterer Faktor, der die Lebenserwartung positiv beeinflusst. Das durchschnittlich geringere Einkommen in Ostdeutschland und das damit einhergehende Konsumverhalten könnten folglich zur Erklärung der weiter bestehenden Unterschiede in der Lebenserwartung beitragen.

Wohlstand entscheidend

Innerhalb von fünf Generationen hat sich die Lebenserwartung in Deutschland verdoppelt. Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, wenn man in Betracht zieht, dass sich die Lebenserwartung bei Geburt über tausende Generationen zuvor kaum erhöhte. Nicht nur hierzulande wuchs die Lebenserwartung deutlich. Mit dem erheblichen Rückgang der Armut in vielen Teilen der Welt stieg die Lebenserwartung auch weltweit rapide an.

Ein Selbstläufer ist diese Entwicklung jedoch nicht. Höhere Lebenserwartungen sind eng mit wirtschaftlichem Wohlstand verknüpft. Wenn es uns gelingt, unsere wohlstandsfördernden demokratischen und marktwirtschaftlichen Institutionen zu bewahren, werden unsere Kinder ein noch längeres Leben in Freiheit und Wohlstand genießen können als unsere Generation.

Erstmals erschienen bei IREF.

Photo: Tanguy Sauvin from Unsplash (CC 0)

Von Tom Gäbelein, studiert im Masterstudium Ethics – Economics, Law, and Politics an der Ruhr-Universität Bochum.

Im Rahmen unseres Essay-Wettbewerbs „Internationaler Steuerwettbewerb – Risiko oder Chance?“, den wir gemeinsam mit dem BDI – Bundesverband der Deutschen Industrie, Delfs & Partner, Wagemann + Partner und TP&C veranstaltet haben, wurde das Essay von Tom Gäbelein mit dem 3. Platz ausgezeichnet. Das vollständige Essay finden Sie hier. Untenstehend das Fazit:

Die Frage, ob es sich beim internationalen Steuerwettbewerb um ein Risiko oder eine Chance handelt, stellt sich eigentlich nicht. Es handelt sich um eine Chance, die schon seit einigen Jahrzehnten positive Entwicklungen hervorgebracht hat, und nicht industrialisierten Ländern auf dem Spielfeld der Weltwirtschaft ein wirksames Instrument bot, um den eigenen Wohlstand zu erhöhen und aufzuschließen. Die ehemaligen Vorreiter der Industrialisierung haben dadurch ihre Monopolstellung als Wirtschaftsstandorte eingebüßt, doch die Folgen davon sind äußerst positiver Natur. Durch ein internationales Steuerkartell soll jetzt die Macht wiederhergestellt werden. Es bleibt kaum mehr als zu hoffen, dass die „nicht kooperativen Länder“ ihren Kurs trotz der Sanktionen fortsetzen und die Stimmen gegen die neofeudalistischen Praktiken des Europäischen Rates lauter werden. Die von OECD und EU angetriebene BEPS-Politik wirft viele Fragen auf. Lässt man die nach dem Problem, das hier gelöst werden soll, einmal außenvor, bleiben jene zu Kosten und Nutzen und Effektivität und berechtigte Befürchtungen negativer Folgen. Eine Harmonisierung kann zu Verbesserungen führen – die Zielsetzung muss dann aber eine völlig entgegengesetzte sein.

Photo: Casey Horner from Unsplash (CC 0)

Von Nick Stieghorst, studiert im Masterstudium Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Im Rahmen unseres Essay-Wettbewerbs „Internationaler Steuerwettbewerb – Risiko oder Chance?“, den wir gemeinsam mit dem BDI – Bundesverband der Deutschen Industrie, Delfs & Partner, Wagemann + Partner und TP&C veranstaltet haben, wurde das Essay von Nick Stieghorst mit dem 2. Platz ausgezeichnet. Das vollständige Essay finden Sie hier. Untenstehend das Fazit:

Sollte internationaler Wettbewerb um Steuereinnahmen dazu führen, dass Staaten in den Zwang kommen, ihre Effizienz bei der Durchführung zentraler und weiterer Tätigkeiten zu verbessern, dann sollte dies generell als positiv bewertet werden.

 

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Von Florian Rösch, studiert im Masterstudium Money and Finance an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Im Rahmen unseres Essay-Wettbewerbs “Internationaler Steuerwettbewerb – Risiko oder Chance?”, den wir gemeinsam mit dem BDI – Bundesverband der Deutschen Industrie, Delfs & Partner, Wagemann + Partner und TP&C veranstaltet haben, wurde das Essay von Florian Rösch mit dem 1. Platz ausgezeichnet. Das vollständige Essay finden Sie hier. Untenstehend das Fazit:

Die Einführung einer EU-Digitalsteuer bringt sehr viele Probleme mit sich und stellt nicht mehr als schlechte Symbolpolitik für Einigkeit und Entschlossenheit dar. Anstatt für bestehende Probleme eine neue Steuer erfinden zu wollen, sollte das grundlegende Problem international angegangen werden. Der Freihandel in der heutigen globalisierten Welt wird immer wichtiger und sollte daher nicht mit protektionistischen Maßnahmen, wie eine Steuer auf einzelne Sektoren, weiter erschwert werden. Zudem ist nicht zu erwarten, dass durch eine EU-Digitalsteuer der Rückstand der EU im digitalen Sektor verbessert wird.

Am 22. Oktober trafen sich auf Einladung von Prometheus und der Tax Foundation, im Rahmen der vorgesehenen Hygienevorschriften, Steuerexperten zu eine Podiumsdiskussion zur Vorstellung des Index der internationalen Steuerwettbewerbsfähigkeit in der Landesvertretung des Landes Schleswig-Holstein in Berlin.

An der Diskussion beteiligten sich Dr. Monika Wünnemann, Abteilungsleiterin für Steuern und Finanzpolitik beim BDI, Roland Franke, Leiter der Steuer und Finanzpolitik in der Stiftung Familienunternehmen, Prof. Dr. Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft und der Obmann des Finanzausschusses im Bundestag Markus Herbrand.

Wünnemann kritisierte etliche Aspekte des deutschen Steuersystems. Besonders wichtig sei der Abbau der Bürokratie. Die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Steuersystems leide unter anderem an global einzigartigen Steuern wie der Gewerbesteuer oder unsinnigen Regelungen etwa bei den Absetzmöglichkeiten von Kursverlusten bzw. -gewinnen. Dadurch schrecke man Investoren aus dem Ausland ab und mache den Wirtschaftsstandort Deutschland unattraktiv. Zudem sei die Gewerbesteuer anfällig für Konjunkturschwankungen und daher keine verlässliche Einnahmequelle für die Kommunen, was in Krisenzeiten Subventionen durch den Bund notwendig mache. Der Mangel an digitaler Infrastruktur erschwere die Beseitigung der Mängel am deutschen Steuersystem. Auch den zwei-Säulen Vorschlag der OECD zur Reform des internationalen Steuerrechts bewertete Wünnemann als weitestgehend negativ für die deutsche Industrie. Die Gefahr liege unter anderem darin, dass Unternehmen Betriebsstätten und Firmensitze in ihre Absatzmärkte verlegen, wenn die aktuellen Entwicklungen in den Planungen der OECD bestand hätten. Dies würde den deutschen Staat Einnahmen und viele Menschen ihre Jobs kosten. Zudem drohe für Unternehmen Doppelbesteuerung. Der zunehmende bürokratische und juristische Aufwand, den die OECD-Reform durch zwischenstaatliche Steuerstreitigkeiten auslösen könnte, wäre ebenfalls von Nachteil.

Diese Nachteile sieht auch Roland Franke. Er erwähnte eine von der Stiftung Familienunternehmen beauftragte Studie des ifo. Sie verortete Deutschland auf den letzten Plätzen in Bezug auf ein für Familienunternehmen zuträgliches steuerpolitische Umfeld. Das führte Franke auch auf die mangelnde Digitalisierung zurück, was schon allein die Beschaffung der für die Studie notwendigen Daten in den Behörden erschwerte. Die Studie zeigt, dass die Steuerquote von 1998 bis 2017 von 17% auf 23% gestiegen ist. Unternehmen zahlen immer mehr Steuern und allein Familienunternehmen kommen für die Hälfte dieser Einnahmen auf. Unter diesem Gesichtspunkt kritisierte er die Erbschaftsteuer als Bremse der Konjunktur, die Familienunternehmen in ihrer Existenz bedrohen könne. Franke betonte vor allem, dass internationale Steuerangelegenheiten auch im Parlament und nicht nur in der OECD diskutiert werden sollten.

Prof. Dr. Stefan Kooths schließt sich seinem Vorredner an mit der Feststellung, dass, trotz einer kleineren industriellen Rezession, die Steuerquote im Jahr 2019 den Höchststand seit der Wiedervereinigung erreicht habe: 24% in Relation zur Wirtschaftsleistung. Dies stehe auch im Zusammenhang mit dem race-to-the-bottom-Mythos: Im Gegensatz zur weitläufigen Meinung, könne man sehen, dass im OECD-Vergleich die Steuereinnahmen der einzelnen Länder in Relation zum Wirtschaftswachstum eher zu- als abnehmen, weil leicht sinkende Steuersätze meist an eine breiter werdende Bemessungsgrundlage gekoppelt sind. In Bezug auf die Steuersätze könne man OECD-weit eher ein race-to-the-middle identifizieren, da Hochsteuerländer ihre Steuersätze eher senken, während Niedrigsteuerländer sie anheben. In einem Ausblick auf mögliche Reformen brachte Kooths nicht nur die Abschaffung der Gewerbesteuer ins Spiel, sondern forderte auch, sich der Grundsatzfrage zu stellen, ob man Unternehmen überhaupt besteuern sollte, da nicht nur Kapitaleigentümer, sondern ebenso die Angestellten und Konsumenten besteuert würden. Ein Ausweg aus dieser Problematik könnte ein Paradigmenwechsel von der Steuerfinanzierung hin zur Nutzerfinanzierung sein. So stelle sich etwa im Bereich der Verkehrsinfrastruktur die Frage, warum diese aus Steuermitteln finanziert werden solle und nicht durch die jeweiligen Nutzer, etwa über ein Mautsystem. Zur Vermeidung der heimlichen Steuererhöhung schlug Kooths einen “Tarif auf Rädern” vor, bei dem die Steuertarife an die Inflation bzw. an das Wachstum der Nominaleinkommen gekoppelt seien.

Die steigende Steuerquote war auch ein zentraler Kritikpunkt von Markus Herbrand. Der Abgeordnete fürchtet, dass das hiesige Steuersystem die Wettbewerbsfähigkeit des Standort Deutschland einschränken könnte. Darüber hinaus wies er ebenfalls auf strukturelle Schwächen hin, wie etwa bei Zurechnungsbesteuerung und Gewerbesteuer sowie die umständliche  Besteuerung unterschiedlicher Rechtsformen. Mit der Thesaurierungsbesteuerung habe der Gesetzgeber, anders als versprochen, sogar noch mehr Bürokratie aufgebaut anstatt Unternehmen zu entlasten. Zum Thema der geplanten globalen Steuerreformen äußerte Herbrand lapidar: “Alte Steuern sind gute Steuern.” Dies bezog sich auf den Umstand, dass mit einem Systemumstieg auch immer eine weitere Bürokratisierung zu erwarten ist. Herbrand betonte, dass eine aktive Beteiligung des Parlaments bei Planung und Durchführung der OECD-Reformen absolut unerlässlich sei.

Die zunehmend schwache Stellung Deutschlands im Wettbewerb mit anderen Staaten um ein effizientes und wachstumsfreundliches bereitete allen Anwesenden Sorge. Der Wirtschaftsstandort Deutschland kann durch Fleiß und Köpfchen weit kommen, bedarf aber auch eines Rahmens, der weder durch Überregulierung noch durch finanzielle Überbelastung ausgerechnet diejenigen besonders trifft, die Arbeitsplätze schaffen, Ressourcen erwirtschaften und jenen Wohlstand für alle schaffen, der unser Land so lebenswert macht.

Die Zusammenfassung der Veranstatung entstand unter Mitarbeit unseres Praktikanten Maximilian Dreutler.