Markt ist, wenn jeder profitiert

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Photo: Magnus Hagdorn from Flickr (CC BY-SA 2.0)

Von Dr. Alexander Fink, Universität Leipzig, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues.

Ökonomen könnten Positivsummendenken zu stärkerer Beliebtheit verhelfen. Sie sollten den Positivsummencharakter von Transaktionen auf Märkten betonen, indem sie die auf Märkten erfolgende Kooperation in den Vordergrund rücken und nicht die Konkurrenz, die lediglich hilft, die besten Kooperationspartner zusammenzubringen.

Ökonomen betrachten die soziale Welt nicht als Nullsummenspiel, bei dem es stets Gewinner und Verlierer gibt, sondern als Positivsummenspiel, in dem alle freiwillig an einer Interaktion Beteiligten Gewinner sind und niemand verliert. So kooperieren Menschen auf Märkten als Käufer und Verkäufer freiwillig miteinander, weil sie dadurch in beiden Rollen gewinnen. Es ist nicht intuitiv, dass auf Märkten keine Nullsummenspiele gespielt werden. Diese Erkenntnis gewinnen Ökonomen während ihrer jahrelangen Ausbildung. Deshalb ist es nicht überraschend, dass Nicht-Ökonomen seltener zu dieser Erkenntnis gelangen und eher als Ökonomen dazu neigen, die soziale Welt im Allgemeinen und Märkte im Besonderen als Nullsummenspiele wahrzunehmen. Daten des World Value Surveys deuten darauf hin, dass Menschen in Ost- und Westdeutschland heute eher zu Nullsummendenken neigen als noch in den 1990er Jahren. Das kann verschiedene Gründe haben und negative Konsequenzen mit sich bringen.

Ökonomen vs. ökonomische Laien

Zum einen unterscheiden sich Ökonomen und Nicht-Ökonomen bezüglich ihrer Einschätzung von Interaktionen von Menschen auf Märkten sowie der Rolle von Preisen auf Märkten. So nehmen Ökonomen freiwillige Interaktionen von Menschen auf Märkten als Positivsummenspiele wahr, von denen alle Teilnehmer profitieren. Ökonomische Laien hingegen neigen dazu, sie als Nullsummenspiele mit Gewinnern und Verlierern wahrzunehmen. Zudem ermöglicht die Verwendung von Preisen auf Märkten aus der Perspektive von Ökonomen einen effizienteren Einsatz von Ressourcen in der Produktion von Gütern und Dienstleistungen, während ökonomische Laien Preise eher ausschließlich als Mittel zur Verteilung von Vermögen ansehen.

Nicht-Ökonomen sind folglich geneigt, die produzierte Menge an Gütern und Dienstleistungen sowie die Anzahl an Arbeitsplätzen als fix zu betrachten, sodass eine Person nur mehr haben kann, wenn eine andere Person weniger bekommt. Ökonomen verstehen hingegen, dass weder der Arbeitseinsatz noch die Menge der produzierten Güter und Dienstleistungen fix sind und Effizienzgewinne und Produktivitätswachstum unsere Produktionsmöglichkeiten wachsen lassen können.

Deshalb ist es nicht überraschend, dass Ökonomen und Nicht-Ökonomen sich zum anderen hinsichtlich ihrer Wahrnehmung der Entwicklung des Lebensstandards und der Auswirkung verschiedener Faktoren auf den Lebensstandard unterscheiden. So nehmen Ökonomen stärker als Nicht-Ökonomen den erfolgten Anstieg des Lebensstandards wahr und gehen davon aus, dass der Lebensstandard auch in Zukunft steigen wird. Und sie betrachten Faktoren wie den internationalen Handel stärker als Nicht-Ökonomen als Treiber höherer Lebensstandards.

Positivsummendenken vs. Nullsummendenken

Ob Interaktionen auf Märkten als Positivsummenspiele oder als Negativsummenspiele wahrgenommen werden, hat Auswirkungen darauf, ob die Teilnehmer an Interaktionen als Kooperationspartner oder als Konkurrenten betrachtet werden.

Nullsummendenken rückt die Verteilung einer als fix angenommenen Menge von Vermögen, Einkommen, Gütern und Dienstleistungen oder Arbeitsplätzen in den Vordergrund und motiviert zum Ruf nach politischen Maßnahmen, die vermeintlich schwächere Konkurrenten vor vermeintlich stärkeren Konkurrenten schützen.

Positivsummendenken hingegen rückt die Mehrung von Einkommen, Vermögen oder Gütern und Dienstleistungen durch zusätzliche Kooperationsmöglichkeiten in den Mittelpunkt und führt zu Forderungen nach politischen Maßnahmen, die es Menschen leichter machen, freiwillig miteinander zu kooperieren.

Ob Menschen Interaktionen auf Märkten und anderswo als Positivsummenspiele oder als Negativsummenspiele wahrnehmen, mag sich somit darauf auswirken, wie häufig Individuen sich in Positivsummenspielen wiederfinden. Außerdem liegt es nahe, dass Menschen Interaktionen eher als Positivsummenspiele wahrnehmen, je häufiger sie an solchen auch tatsächlich beteiligt sind.

Nullsummendenken in Deutschland: Weiter verbreitet

Weil es möglich erscheint, dass es diesbezüglich zu sich selbst verstärkenden Effekten kommt, gibt die Entwicklung der Antworten von Deutschen aus Ost und West auf eine Frage im World Value Survey Anlass zur Sorge.

In der Weltwertestudie werden die Interviewten unter anderem gefragt, wie sie zwei Meinungen auf einer Skala von 1 bis 10 einschätzen: Erstens, „Menschen können nur auf Kosten ihrer Mitmenschen reich werden.“ Zweitens, „Wohlstand kann so wachsen, dass genug für alle da ist.“ Wenn die Befragten mit der ersten Aussage voll übereinstimmen, wählen sie 1. Stimmen sie voll mit der zweiten Aussage überein, wählen sie 10.

Die erste Meinung kann interpretiert werden als ein Beispiel für Nullsummendenken. Eine Person kann nur auf Kosten einer anderen gewinnen. Die zweite Meinung kann interpretiert werden als ein Beispiel für Positivsummendenken. Der Wohlstand kann steigen, sodass alle davon profitieren.

Zum ersten Mal wurde Deutschen im Rahmen des in mehrjährigem Abstand durchgeführten World Value Surveys diese Frage 1997 gestellt. Seitdem ist der Durchschnitt der gegebenen Antworten in Ost- und Westdeutschland von über 6 auf unter 6 gefallen. Dabei war der Rückgang in Ostdeutschland stärker als in Westdeutschland. Diese Ergebnisse sind Hinweis darauf, dass Nullsummendenken in Deutschland heute weiter verbreitet ist als in den 1990er Jahren.

Nullsummendenken: Unerwünscht unabhängig von seiner Ursache

Für den beobachteten Trend mag es verschiedene Gründe geben. Es könnte sein, dass sich Menschen weniger häufig in Positivsummenspielen wiederfinden und ihre Antworten in den verschiedenen Jahren diese Entwicklung widerspiegeln. Es könnte auch sein, dass Menschen lediglich wahrnehmen, dass Nullsummenspiele relativ häufiger geworden sind, obwohl sie unverändert häufig oder gar weniger häufig vorkommen.

Unabhängig von den Gründen für die gemessene Zunahme des Nullsummendenkens (und auch unabhängig von möglichen Messfehlern), wäre eine stärkere Verbreitung des Positivsummendenkens wünschenswert, weil Menschen dann eher geneigt wären, sowohl politische Maßnahmen einzufordern als auch private Maßnahmen zu ergreifen, die zusätzliche Kooperationsmöglichkeiten schaffen.

Ökonomen können dazu einen Beitrag leisten. Bekannt sind Ökonomen derzeit vorwiegend dafür, dass sie die durch Konkurrenz auf offenen Märkten ermöglichte Effizienz preisen. Sie sind hingegen nicht bekannt dafür, dass sie die auf Märkten erfolgende Kooperation hervorheben. Dabei ist Kooperation auf Märkten allgegenwärtig. Konsumenten kooperieren mit Unternehmen. Unternehmen kooperieren mit Arbeitnehmern. Angestellte kooperieren miteinander. Als Zulieferer und Lieferanten kooperieren Unternehmen mit anderen Unternehmen.

Ökonomen haben es verpasst, zu betonen, dass die Konkurrenz auf Märkten lediglich Mittel zum Zweck ist, um mithilfe des Preismechanismuses dafür zu sorgen, dass die bestmöglichen Kooperationspartner zusammenfinden. Ökonomen könnten Positivsummendenken zu stärkerer Beliebtheit verhelfen. Sie sollten den Positivsummencharakter von Transaktionen auf Märkten betonen, indem sie die auf Märkten erfolgende Kooperation in den Vordergrund rücken und nicht die Konkurrenz, die lediglich hilft, die besten Kooperationspartner zusammenzubringen.

Erstmals erschienen auf IREF.

  • Alexander Dill

    Gut erklärt! Wir nennen diese Kooperation überbrückendes Sozialkapital. Es geht dabei nur um nicht-materielle Werte wie Vertrauen, Solidarität, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Der völlig veraltete World Values Survey arbeitet noch mit vorgegebenen Aussagen, deren Zustimmung oder Ablehnung dann interpretiert wird.
    Eine aus rein materiellen Gründen eingegangene Kooperation – so, wie insbesondere die deutsche Wiedervereinigung 1990 – führt natürlich zu Enttäuschung, wenn die Rendite für viele Menschen ausbleibt.

    Die Deutschen erhoffen heute nicht mehr so viel vom materiellen Denken und Versprechen – kein Wunder bei seit 30 Jahren stagnierenden Reallöhnen für die Mehrheit der Berufstätigen.

    Angebliche „Märkte“ nun kennen keine Kooperation, sondern nur Anpassung. Märkte sind Kriege. Wer würde allen Ernstes behaupten, die seit Jahrzehnten betriebene Zerstörung der Staaten im Mittleren Osten würde diesen in irgendeiner Form nutzen? Sie werden doch nur gezwungen, ihr Öl und Gas so billig wie möglich abzugeben, damit Idioten in Deutschland mit einem 12 Liter schluckenden X6 durch die deutschen Innenstädte rasen und sich für „liberale Unternehmer“ halten und Interviews über „digital change“ geben.

    Wenn es Märkte gäbe – und ich würde mich freuen, wenn es sie gäbe – dann hätte auch Frieden einen Marktpreis, d.h. dann gäbe es ein marktwirtschaftliches Interesse an friedlichen Beziehungen.

    Bisher wird dies nur von wenigen Ländern so gesehen und praktiziert, so etwa von China, Deutschland und der Schweiz, von Ländern also, die nur ein Bruchteil ihrer Exportumsätze für Rüstung ausgeben.