Photo: Joshua Rawson-Harris from Unsplash (CC 0)

Von Dr. Alexander Fink, Universität Leipzig, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues und Fabian Kurz, Doktorand der Volkswirtschaftslehre.

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist die weltweite Einkommensungleichheit in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Das ist kein Zufall: Die Einbeziehung von Menschen in armen Ländern in die internationale Arbeitsteilung trägt Früchte.

Einer aktuellen Umfrage in 34 Ländern zu Folge sorgen sich mehr Befragte um Einkommensungleichheit als um die derzeitige Corona-Pandemie. Pessimismus in Hinblick auf Ungleichheit ist demnach am weitesten bei Menschen in Frankreich verbreitet, gefolgt von Spanien, Griechenland und Deutschland.

Wachsende globale Ungleichheit war bis in die 1970er/80er Jahre zu beobachten. Für die Entwicklung der jüngsten Vergangenheit passt das Bild zunehmender globaler Ungleichheit nicht. Die weltweite Einkommensungleichheit ging in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurück.

Wem der Rückgang der globalen Ungleichheit am Herz liegt, sollte sich für bessere Rahmenbedingungen einsetzen, die Wachstum in armen Ländern befördern und globale Migration erleichtern.

Ungleichheit schwer zu messen

Finanzielle Ungleichheit zu erfassen ist nicht einfach. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob Vermögen oder Einkommen betrachtet werden sollen. Zudem ist es in reichen Ländern einfacher, entsprechende Daten zu erheben. Um Einkommen international zu vergleichen, kann auf verschiedene Erhebungsmethoden zurückgegriffen werden, etwa Haushaltsumfragen, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf oder Konsumangaben aus nationalen Statistiken. Je nach gewählter Methode ergeben sich unterschiedliche Niveaus, aber in der Regel ähnliche Trends.

Drei Entwicklungsphasen der Ungleichheit

Die Entwicklung der weltweiten Ungleichheit lässt sich grob in drei Phasen einteilen. Bis zum Beginn der industriellen Revolution lebten die allermeisten Menschen in extremer Armut, also von umgerechnet weniger als 1,9 Dollar am Tag. So lebten im Jahr 1800 fast 9 von 10 Menschen in extremer Armut. Die globale Einkommensverteilung war relativ gleich. Die Phase bis zur industriellen Revolution kann als „gleich und extrem arm“ zusammengefasst werden.

Gut 175 Jahre später hatte sich das Bild deutlich geändert. Die Situation 1975 kann im Vergleich zu 1800 als „ungleicher, aber weniger arm“ charakterisiert werden. Die globale Ungleichheit hatte deutlich zugenommen und die Verteilung ähnelte der zweihöckrigen Form eines Kamels. Nach wie vor gab es sehr viele Menschen, die unter der Armutsgrenze lebten. Doch im Gegensatz zur vorindustriellen Zeit gab es nun auch einen „Höcker“ jenseits der absoluten Armutsgrenze und der Anteil der Menschen in extremer Armut hatte sich auf die Hälfte der Weltbevölkerung reduziert.

Die aktuellen Daten aus dem Jahr 2019 zeigen dagegen eine Verteilung, die im Vergleich zu den beiden früheren Zeitpunkten als „gleicher und weniger arm“ beschrieben werden kann: Das Kamel ist passé. Die weltweite Einkommensverteilung ist nicht mehr geprägt durch einen „reichen Westen“ und den „armen Rest“, sondern von einer globalen Mittelklasse, die deutlich jenseits der Armutsgrenze zu finden ist. Vor allem durch das wirtschaftliche Wachstum in Asien sind die Einkommen heute gleicher verteilt. Der Großteil dieser Entwicklung entfällt auf die zwei bevölkerungsreichsten Länder der Welt, China und Indien. Es lebt nur noch einer von zehn Menschen in extremer Armut und die Ungleichheit ist deutlich weniger ausgeprägt.

Rückgang seit den 1970er/80er Jahren

Forschungsergebnisse von Hammar und Waldenström (2018) bestätigen den rückläufigen Trend der globalen Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten. Für ihre Untersuchung nutzen die Autoren detaillierte Lohndaten, nicht Durchschnittseinkommen einzelner Länder. So berücksichtigen sie nicht nur Niveauunterschiede zwischen Ländern, sondern auch Ungleichheit innerhalb der untersuchten Länder.

Die Nutzung der Lohndaten spiegelt Ungleichheit auch innerhalb der untersuchten Länder wider, impliziert aber die Vernachlässigung von Kapitaleinkommen. Sie unterschätzen folglich die tatsächliche Ungleichheit, finden aber ähnliche Trendentwicklungen wie Studien, die Kapitaleinkommen berücksichtigen.

Für die Messung der Ungleichheit nutzen Hammar und Waldenström den Gini-Index. Bei diesem Index zeigen niedrigere Werte einen Rückgang der Ungleichheit an. Den Ergebnissen zufolge ist der globale Gini-Index in den 2000er und 2010er Jahren um etwa 15 Punkte gefallen – von 65 auf 50.

Wachstum und internationaler Handel

Hammar und Waldenström finden zudem Hinweise darauf, dass die Einkommenskonvergenz vor allem durch Lohnanstiege in Sektoren stattfand, die traditionell handelbare Güter herstellen und weniger im Dienstleistungssektor. Dies kann als ein Hinweis auf die Bedeutung des Welthandels für die Reduzierung der globalen Ungleichheit interpretiert werden.

Mit Migration gegen globale Ungleichheit

Wie Hammar und Waldenström führt auch der auf globale Ungleichheit spezialisierte Ökonom Branko Milanovic den Rückgang der globalen Ungleichheit zu einem Großteil auf das wirtschaftliche Wachstum in Asien zurück.

Für die 1990er-2000er Jahre beobachtet er relativ hohes Einkommenswachstum in allen globalen Einkommensklassen, außer bei der unteren Mittelklasse industrialisierter Länder.

Zu einem weiteren Rückgang der globalen Ungleichheit kann neben wirtschaftlichem Wachstum auch Migration beitragen, wie Milanovic betont. Menschen in reichen Ländern profitieren von einem „Place Premium“: Das Einkommen wird maßgeblich dadurch bestimmt, in welchem Land Menschen leben. Migrieren Menschen von einem relativ armen Land in ein relativ reiches Land, steigt ihr Einkommen sprunghaft an. Das gilt für Deutsche, die in die Schweiz auswandern ebenso wie für Vietnamesen, die nach Deutschland ziehen.

Um die Akzeptanz von Zuwanderern unter der Bevölkerung relativ reicher Länder zu erhöhen, schlägt Milanovic vor, die Rechte der Migranten relativ zu Staatsbürgern einzuschränken. So könnten Migranten etwa steuerlich anders behandelt werden als Staatsbürger oder der Aufenthalt zur Erwerbszwecken könnte zunächst zeitlich befristet werden.

Gute Entwicklung kein Zufall

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist die weltweite Einkommensungleichheit in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Das ist kein Zufall: Die Einbeziehung von Menschen in armen Ländern in die internationale Arbeitsteilung trägt Früchte. Wirtschaftliches Wachstum in armen Ländern hat zum Rückgang der globalen Ungleichheit maßgeblich beigetragen und somit ist vielen Menschen der Ausbruch aus der extremen Armut gelungen. Niedrigere Einwanderungsbarrieren könnten dazu führen, dass Migration zukünftig stärker zur Reduzierung extremer Armut und globaler Ungleichheit beiträgt.

Erstmals erschienen bei IREF.

2 Kommentare
  1. MSfrei
    MSfrei sagte:

    Was halt nicht geht ist gezielte Migration in die Sozialsysteme.

    Es sei nur an 2020 erinnert.
    Es gibt in D Hunderttausende „Arbeitssuchende“ bestimmter Ethnien aus bestimmten Herkunftsländern.
    Als aber händeringend Arbeitskräfte für die Ernte gesucht wurde, mussten die tatsächlich Arbeitswilligen mühsam unter Corona aus den gleichen Ländern ins Land geholt werden.
    Das Problem wäre lösbar: Stütze erst nach 5 Jahren sozialversicherungspflichtiger Arbeit im Land.

    So machen es Australien und Neuseeland rigoros.
    Funktioniert.
    Die Arbeitsscheuen bleiben weg.

    Antworten
    • Clemens Schneider
      Clemens Schneider sagte:

      Ich glaube wirklich, dass Sie Begriffe wie „Arbeitsscheue“ auf jeden Fall vermeiden sollten – ganz unabhängig von ihrer Einschätzung der Situation. Das ist übelstes Nazi-Vokabular.

      Antworten

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