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Alle vier Wochen befassen sich Dilara Wiemann und Alexander Albrecht in „The Argument“ auf dem Boden freiheitlicher Überzeugungen, aber aus kontroversen Blickwinkeln mit unterschiedlichen Themen. Im Englischen steht Argument sowohl für die Auseinandersetzung als auch für die rationale und logisch begründete Aussage – also letztlich für Erkenntnisgewinn. Und um den soll es in dieser Kolumne gehen!


Dilara Wiemann: Unternehmertum statt Paternalismus: Hat die klassische Entwicklungshilfe ausgedient?

Alexander Albrecht: Zu Unrecht gescholten


Unternehmertum statt Paternalismus: Hat die klassische Entwicklungshilfe ausgedient?
Von Dilara Wiemann

Die positiven Effekte der Entwicklungshilfe werden vielfach überschätzt. Sie wird mit großem Engagement und finanziellen Aufwendungen betrieben, aber im großen Ganzen sind ihre Auswirkungen marginal. Die klassische Entwicklungshilfe hat damit ausgedient. Dennoch sollten Liberale neue Antworten auf die Frage entwickeln, wie wirtschaftliche Entwicklung vorangetrieben werden kann.

Die letzten Jahrzehnte Entwicklungshilfe sollte man selbstverständlich nicht über einen Kamm scheren: Es gibt sinnvolle Beispiele entwicklungspolitischer Maßnahmen, die zu einer Verbesserung des Wohles der Bevölkerung geführt haben. Dazu gehören beispielsweise Hilfen im Gesundheitsbereich. Impfungen oder Medikamente haben nachweislich einen hohen Nutzen für die Bevölkerung. Auch die humanitäre Nothilfe zählt dazu, wenngleich sie keine klassische Entwicklungshilfe ist: Da sie in unmittelbaren Krisensituationen greift, wird sie als moralische Pflicht der Staatengemeinschaft verstanden.

Auch Befürworter der aktiven Entwicklungshilfe gestehen zu, dass gut gemeinte Programme häufig lediglich zu einem Wachstum des öffentlichen Sektors geführt haben, ohne die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern. Damit jedoch nicht genug: Entwicklungshilfe verursacht sogar Schaden. „Die [Entwicklungs-]Hilfe ist wie Öl, sie erlaubt mächtigen Eliten, öffentliche Einnahmen zu veruntreuen“, so der Ökonom Paul Collier. Sie ist, vor allem in Form der Budgethilfe, also der Verbesserung staatlicher Haushalte durch Finanzspritzen, eine automatische Rente, wie jene aus den natürlichen Ressourcen rohstoffreicher Länder. Solches „Money for Nothing“ macht abhängig, korrumpiert den Empfänger und raubt ihm die Motivation für Produktivität. Trotzdem ist er abhängig von ihr. Sie wirkt wie eine Droge.

Ein Stammesführer aus Lesotho soll einmal gesagt haben: „Wir haben zwei Probleme: Ratten und die Regierung.“ Befürworter von Entwicklungshilfe glauben, dass es ausreiche, eine große Menge Geld in die betroffenen Länder zu pumpen, dann werde sich das Wirtschaftswachstum schon einstellen. Es brauche die externen Gelder, da der freie Markt die Versorgung der Menschen nicht gewährleisten kann. Diese Annahme verkennt ein augenscheinlich kleines, aber entscheidendes Problem: In Entwicklungsländern gibt es meistens keine Regierung, die zum Wohle der Menschen eine funktionierende Wirtschaft aufbauen kann oder will. Vielfach beobachten wir stattdessen die Ausgestaltung eines Umfelds, das lediglich einer kleinen Elite ökonomische Vorteile garantiert. Der ghanaische Ökonom George Ayittey spricht hier in Bezug auf einige Länder des afrikanischen Kontinents von Vampirstaaten, die ihrer Bevölkerung jegliche ökonomische Leistungsfähigkeit aussaugen.

Gut gemeinte finanzielle Hilfen versickern daher oft im Sand: Despoten nutzen die Gelder für ihre Privatarmeen oder ihren persönlichen Luxus, während in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziales gespart wird. Dementsprechend schaden Entwicklungsgelder sogar, da sie Anreize für Korruption verstärken und diktatorische Regimes am Leben erhalten. Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton bringt es auf den Punkt: „Wenn Armut und Unterentwicklung in erster Linie Konsequenzen funktionsuntüchtiger Institutionen sind, bewirken große finanzielle Zuwendungen von außen exakt das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist, indem sie die Institutionen weiter schwächen oder ihre Entwicklung behindern. Daher kann es kaum überraschen, dass trotz der positiven direkten Wirkung der Entwicklungshilfe insgesamt keinerlei Nutzen nachweisbar ist.“

Aus diesem Grund scheint die klassische Entwicklungshilfe ausgedient zu haben: Immer mehr Menschen verstehen, dass die Menschen vor Ort selbst mehr gegen die Armut tun können als die westlichen Geldgeber. George Ayittey setzt seine Hoffnung für die Bekämpfung der Armut daher auf die sogenannte „Cheetah Generation“ (zu deutsch: Geparden Generation). Der Begriff beschreibt eine neue Generation junger Afrikaner, die im Unternehmertum die Lösung für die Bekämpfung der Armut sehen. Die Mitglieder dieser Generation haben erkannt, dass ihre politische Führung sie im Stich lässt. Anstatt darauf zu warten, dass der Staat etwas für sie tut oder sich Ausländer zur nächsten Finanzspritze herablassen, wollen sie das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen: Sie sehen in jedem sozialen Problem eine Chance und eine Geschäftsmöglichkeit. Es leuchtet ein, dass lokale Unternehmer mehr gegen die Armut tun können als ortsfremde NGOs. Unternehmer vor Ort kennen die Präferenzen und Bedürfnisse der Bevölkerung am besten. Gut gemeinte Hilfsprojekte zum Korbflechten schaffen keine nachhaltigen Anreize, funktionierende Institutionen aufzubauen. Unternehmer hingegen können diesen Wandel von innen heraus gestalten.

Am Beispiel junger Menschen aus Malawi oder Ghana sehen wir wohlstandsbequemen Europäer dann vielleicht, was Unternehmergeist im Kern bedeutet. Statt klischeehaft Abhängigkeiten zu zementieren, sollten wir die Chance nutzen, von diesen Menschen zu lernen – nicht umgekehrt.


Zu Unrecht gescholten
Von Alexander Albrecht

Liberale stehen Entwicklungshilfen häufig skeptisch gegenüber. Während viele Kritikpunkte valide sind, folgt daraus noch kein Auftrag zur Reduktion oder Abschaffung der Entwicklungshilfen. Im liberalen Streben nach einer besseren Welt sollte klug ausgestaltete staatliche Entwicklungshilfe weiterhin ein wichtiger Bestandteil sein.

Aufgrund der Arbeiten von Entwicklungsökonomen wie William Easterly, Peter Thomas Bauer oder Christopher Coyne wissen wir, dass wirtschaftliches Wachstum in Entwicklungsländern nicht erkauft werden kann. Gut gemeinte Investitionsprogramme, die auf die Errichtung von inklusiven wirtschaftlichen Institutionen ausgerichtet sind, haben in der Vergangenheit häufig lediglich zu einem Wachstum des öffentlichen Sektors geführt, ohne die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern. Wie Christopher Coyne in seinem Buch „Doing Bad by Doing Good” ausführt, scheitern viele entwicklungspolitische Maßnahmen häufig an der Diskrepanz zwischen den heroischen moralischen Maßstäben der Politik und den limitierten realen Handlungsmöglichkeiten vor Ort. Staatlich gelenkte Entwicklungspolitik in Form von Projektaufträgen gleiche somit zentraler top-down Planung. Deshalb, so argumentiert Coyne, sollte man viel eher auf das Wissen der lokalen Akteure sowie den Marktmechanismus vertrauen, um Entwicklungshilfen in Nehmerländern effizient zu allokieren.

Viele dieser kritischen Erkenntnisse der Entwicklungsökonomik sind mittlerweile ökonomischer Konsens. Man lernte aus der Finanzierung teurer Infrastrukturprojekte wie beispielsweise des Inga-Staudamms im Kongo oder des Kajaki-Staudamms in Afghanistan, dass teure Prestigeprojekte selten die Situation der Bevölkerung verbessern. Allerdings fließt mittlerweile eine signifikante Anzahl der Entwicklungshilfen in sehr effiziente humanitäre Projekte wie Impfungen, primäre Nahrungsversorgung oder in die Bereitstellung von sauberem Wasser. Seit 2000 hat beispielsweise die GAVI-Alliance durch flächendeckende Impfprogramme gegen Polio, Meningitis, Diphterie und Tetanus nach eigenen Angaben mehr als 13 Millionen Leben gerettet. Die deutsche Entwicklungshilfe arbeitet in mehreren Projekten mit der GAVI in Äthiopien, Gambia und anderen afrikanischen Ländern zusammen. Auch die schärfsten Kritiker der Entwicklungshilfe werden einsehen, dass es große Unterschiede in der Effizienz der geförderten Programme gibt; Impfungen gegen Polio scheinen eine effektivere Form Entwicklungshilfe darzustellen, als gebrauchte Kleidung nach Afrika zu senden. Eine Studie aus dem Jahr 2019 beispielsweise ergab, dass 80% der Entwicklungshilfen des Vereinigten Königreiches in ebensolche effizienten Projekte fließen. Von einer generellen Ineffizienz staatlicher Entwicklungshilfe kann also keine Rede sein. Die sich hieran anschließende Frage sollte jedoch lauten: Wie können wir Entwicklungshilfe noch effizienter gestalten?

Deutschland hat im Jahr 2020 etwa 28,4 Milliarden Euro für Entwicklungshilfe ausgegeben. Das entspricht ungefähr 0,73% des Bruttonationalprodukts. Die überwiegende Anzahl der Zahlungen gingen an Syrien, Indien, China und den Irak. In den Ländern wurden vorwiegend Projekte in den Bereichen der Energie- und Wasserversorgung und der Abfallentsorgung gefördert. Die entscheidende Frage zur Verbesserung der Entwicklungshilfe ist nun, wie man zwischen effektiven und ineffektiven Projekten unterscheidet. Während das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit transparent alle abgeschlossenen und laufenden Förderprogramme inklusive der Fördersumme auf ihrer Website auflistet, fehlt eine unabhängige, transparente ex-post Evaluation der Projekte. Im Vereinigten Königreich wird beispielsweise jedes geförderte Projekt von der Indedependent Comission on Aid Impact transparent und öffentlich evaluiert. Ineffizienten Projekte können so direkt ausfindig gemacht und terminiert werden.

Die empirischen Erkenntnisse der Entwicklungsökonomie legen nahe, Ressourcen primär auf humanitäre Projekte zu verwenden, um so den Menschen in Entwicklungsländern bestmöglich zu helfen. Liberale, denen die Wohlfahrt der Menschen auch außerhalb der eigenen Staatsgrenzen am Herzen liegt, sollten somit für eine effizientere und transparentere Verwendung von Entwicklungsmitteln streiten, anstatt sich für deren ersatzlose Abschaffung einzusetzen. Auch wenn die aktuelle Allokation der deutschen Entwicklungshilfe kaum als optimal bezeichnet werden kann: Nicht nur Märkte, sondern auch Staaten sind lernfähig.

2 Kommentare
  1. BKBrackel
    BKBrackel sagte:

    Wir sollten uns daran erinnern, dass der erste, deutsche Enthwicklungshilfeminister in 1961 Walter Scheel hieß. Mein sozialdemokratischer Vater, dem die soziale Marktwirtschaft viel bedeutete, hat dies schon damals als Fehlentwicklung gehalten.

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  2. Nils
    Nils sagte:

    Mir scheint es ganz so, als bestehe zwischen beiden Position ein breiter Konsens. So befürworten beide Autoren Entwicklungshilfe in Form von Impfungen und anderen medizinischen Unterstützungsleistungen. Die Frage nach der Entwicklungshilfe scheint daher lediglich gradueller Natur zu sein.

    Einen Aspekt, der in keiner der beiden Positionen explizit genannt wird, würde ich gerne hinzufügen: Die Frage nach der Handelspolitik. Meines Erachtens bestünde die beste Entwicklungshilfe darin, jegliche Zölle und andere Handelshemnisse – zur Not unilateral – abzubauen, damit afrikanische Unternehmen ihre Produkte einfacher in den europäischen Markt exportieren können. Zudem erweisen sich die Agrarsubventionen der EU als großes Problem, weil oftmals die afrikanische Landwirtschaft darunter leidet und sich nicht richtig entwickeln kann. Auch ein transparentes Einwanderungsrecht und mehr Zusammenarbeit bei Universitäten und Hochschulen wären ein Schritt in die richtige Richtung. Solche strukturellen Änderungen, die auch uns teilweise einiges abverlangen würden, wären aus meiner Sicht – gepaart mit einem Mindestmaß an medizinischer Hilfe – die ehrlichere Entwicklungshilfe.

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