Photo: Stefan Müller (climate stuff, 3 Mio views) from Flickr (CC BY-NC 2.0 DEED)

Zuletzt hat die Entscheidung einer glamourösen und streitfreudigen Bundespolitikerin, eine Partei mit ihrem eigenen Namen zu gründen, gezeigt, wie vielfältig oder auch: wie gespalten die Linke ist. Eine Variante der Linken ist derzeit besonders dominant: die ästhetische Linke.

Die Linke war oft dort, wo es wehtat – und packte an

Als im 19. Jahrhundert im Zuge der Demokratisierung erste politische Landkarten entstanden, wurden die Freunde des Überkommenen auf der rechten Seite des Parlaments untergebracht, und diejenigen, die Veränderung suchten, auf der Linken. Mit dem Aufkommen des Sozialismus, der Arbeitern, Armen und Entrechteten Anteil am Wohlstand verschaffen wollte, wurde auch selbiger dem Lager der Veränderungsfreudigen zugerechnet. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte er jedoch die Linke vollständig gekapert. Die bisher dort verorteten Liberalen und Progressiven suchten sich nun ihren Platz zwischen den Stühlen, in der Mitte. Links stand jetzt vor allem für den Kampf gegen Ausbeutung.

So katastrophale und menschenverachtende Politik auch unter dem roten Banner des Sozialismus betrieben wurde – nicht nur von Stalin, Mao und Ceausescu, sondern auch von Castro, Tito und Gaddafi –, man muss doch anerkennen, dass sehr viele Sozialisten ein echtes und leidenschaftliches Interesse daran hatten, das Leben von Menschen besser zu machen und eine von ihnen als gerechter verstandene Situation herzustellen. Das taten sie häufig unter hohen persönlichen Opfern. Vielen ließen sich inspirieren vom Selbsthilfe-Gedanken, der bei den frühen Anarchisten ebenso präsent war wie bei den vielen liberalen Theoretikern und Praktikern des Genossenschaftswesens. Diese Sozialisten waren bereit, nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln. Sie unterstützten durch Versicherungen, Gewerkschaften, Bildungsvereine und Genossenschaften Menschen dabei, aus eigener Kraft ihr Leben zu verbessern. Sie waren dort, wo es wehtat, stank und schmutzig war. Und damit beglaubigten sie auf bemerkenswerte Weise ihre Überzeugungen. Sie hatten ein Ethos und lebten ihn.

Lifestyle-Linke, die kleinen Geschwister der Konservativen

Ohne zu sehr in eine früher-war-alles-besser-Nostalgie verfallen zu wollen, muss man doch bemerken: Im Jahr 2023 ist das alles nicht mehr so klar. Natürlich gibt es noch die Anpacker-Sozialisten. Aber gerade in westlichen Ländern, wo Wirtschaftswachstum und Wohlfahrtsstaatswachstum viele Formen der Armut beinahe ausgemerzt haben, sind sie mittlerweile zu einer sehr seltenen Spezies geworden. Vor allem in politischen Strukturen werden sie zunehmend verdrängt. Eine ganz andere Spezies Linker macht sich stattdessen breit in dem Raum, der vor zweihundert Jahren für die Freunde von Fortschritt, Befähigung und individueller Freiheit vorgesehen worden war. Es beschleicht einen das Gefühl, dass ihre Leidenschaft sich weniger darauf richtet, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Vielmehr wenden sie ihre Energie auf, um sich selbst in ein besonderes Licht zu rücken, sich interessant zu machen, den eigenen moralische Wert ins Schaufenster zu stellen. Zugespitzt: ihre Präferenz liegt anscheinend deutlich in Richtung der Zahl an Herzchen bei Instagram.

Mit dieser Entwicklung gleichen sich diese ästhetischen Linken auf eigenartige Weise ihren konservativen Kontrahenten an. Denn ein wesentliches Merkmal vieler Konservativer ist ein Gefühl des Wohlgefallens am Eigenen: Mit satter Selbstzufriedenheit schaut man auf die eigenen Leistungen, den eigenen Stand, die eigene Integrität. Wandel, das Neue, das Fremde stören diese Kreise, bedrohen sie und jagen dem Konservativen Angst ein. Am Ende ist er ein Ästhet, der sich behaglicher dabei fühlt, zu betrachten als zu handeln. Und er weiß sich richtig, am perfekten Punkt in der Geschichte der Menschheit. Es gibt also gar keinen vernünftigen Grund, sich zu bewegen.

Selbsterklärte Linke im Spiegel der multimedialen Öffentlichkeit

Die ästhetischen Linken sind von ganz ähnlichen Emotionen durchdrungen. Sie erfreuen sich an sich selbst und ihrer moralischen Überlegenheit. Sie wissen sich am Höhepunkt und an der Spitze der moralischen Entwicklung der Menschheit. Und wie die Konservativen schauen sie mit satter Selbstzufriedenheit auf die eigenen Leistungen, den eigenen Stand, die eigene Integrität. In ihren Markenklamotten filmen sie sich mit ihren iPhones dabei, wie sie auf der großen Klimademo Tränen vergießen um unseren Planeten. Auf TikTok teilen sie Infografiken über wachsende Ungleichheit, während sie in der Vorlesung sitzen, die sie von Arbeitern und Handwerkerinnen kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. Ihr Palästinensertuch ist womöglich in Xinjiang hergestellt und das Reisebudget wird von Mami und Papi übernommen. Wo sie sind, da tut es nicht weh. Da stinkt es nicht. Da ist es nicht schmutzig. Und da bewegt sich nichts.

Diese Linke blickt nicht auf andere. Sie ist satt und selbstzufrieden bei sich selbst. Genauso wenig kann jedoch eine Bewegung wie das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ für sich beanspruchen, der Gegenentwurf zu einer vorgeblich dem „Wokeismus“ verfallenen Linken zu sein. Endlich wieder bei den Leuten, endlich wieder Kümmerer. Dass dieses Versprechen nicht zutrifft, erkennt man schon an dem Personal, das sich um die Rampenfrau mit den 800.000 Euro Nebeneinkünften im Jahr sammelt. Es wird noch viel deutlicher, wenn man genau hinhört: Solidarität wird hier nicht mehr international buchstabiert – also ohne Ansehen der Person –, sondern national. Eine solche selbstbezogene Politik hat mit dem Humanismus der Frühsozialisten oder der Gewerkschaftsfunktionärin im Ruhrgebiet der 60er Jahre kaum etwas zu tun. Solidarität ist hier nur ein Schlagwort des Klassenkampfes – oder eher nur des Wahlkampfes.

In den Suppenküchen und Pausenräumen gegen Populisten

Wahlergebnisse wie in den Niederlanden, der Schweiz, Finnland oder Frankreich können einem Angst und Bange machen. Ebenso bevorstehende Landtagswahlen in Deutschland. Wie viel wäre doch gewonnen, wenn die Linke aus ihren ästhetischen Höhen herabsteigen würde. Wenn sie nicht mehr nur auf TikTok Ungerechtigkeit beklagt, sondern glaubwürdig machen würde, dass dieser Schmerz über das Elend anderer Menschen so real ist, dass es auch ihr Handeln bestimmt. Mehr Linke in den Suppenküchen, Pausenräumen der Supermärkte, Flüchtlingsunterkünften und Problemschulen könnten einer Alternative zu den Wagenknechts und Höckes dieses Landes glaubwürdig machen. Das gilt im Übrigen auch für Liberale, deren gedankliche und moralische Ursprünge ja nah bei denen der Linken liegen. Aber damit das funktioniert, muss einem der andere Mensch eben wirklich etwas bedeuten – und nicht Mittel zum Zweck der Selbstdarstellung sein.