Photo: Pete Linforth from Wikimedia Commons (CC 0)

Von Ralph Bärligea, Bankenberater, Hochschuldozent und Gesellschafter eines IT-Start-ups, und Binjamin Sancar, Managmentberater.

Handelt es sich um ein vorübergehendes Phänomen? Bleibt das Ganze ein Nischenprodukt? Oder wird das Ganze zum Massenphänomen und bringt ein ganz großes Rad zum Rollen? Wie hängen Kryptos und Blockchain dabei miteinander zusammen?

Zu diesen Fragestellungen haben wir als Autorenteam einen gemeinsamen Buchbeitrag im Springer Gabler Verlag veröffentlicht. Die Autoren dieses Teams haben darüber hinaus auch weitere Einzelbeiträge publiziert. Auf den Ausführungen unseres Teams baue ich meine Einschätzungen auf.

These 1: Die Blockchain-Technologie baut auf einem uralten ökonomischen Prinzip auf: Dem öffentlichen Statement

Zunächst geht es einmal darum, zu verstehen, dass eine Technologie nur dann genutzt wird, wenn sie den Nutzern einen ökonomischen Vorteil bringt. Aus ökonomischer Perspektive baut die Blockchain auf einem uralten ökonomischen Prinzip auf – dem öffentlichen Statement.

Alles in der Blockchain ist für sämtliche Nutzer in kontrollierter Weise transparent und nachvollziehbar. Wird dort ein Vertag geschlossen oder eine Überweisung getätigt, so wissen das praktisch alle. Damit ist es wie in Stein gemeißelt. Das schafft Vertrauen und Rechtsicherheit, wovon alle Nutzer profitieren. Schon Eheschließungen oder demokratische Abstimmungen in der Frühzeit selbst vor Nutzung der Schrift, fanden aus diesem Grund öffentlich statt. Die Blockchain überträgt dieses Prinzip ins Internet 4.0 auf eine globale Ebene und ermöglicht so eine flächendeckendere und effizientere Nutzung des Prinzips des öffentlichen Statements. Unser Mitautor Dr. Robert Bosch hat hierzu einen vortrefflichen Artikel in Der Welt veröffentlicht.

These 2: Kryptowährungen sind ein logischer Bestandteil von Blockchain und Industrie 4.0 und damit untrennbar mit der Digitalisierung verbunden

Viel verbreitet ist die Einschätzung, dass Blockchain eine gute Sache sei, Kryptowährungen sich hingegen jedoch nicht durchsetzen werden. Diese Einschätzung wird meist nicht näher begründet, jedoch scheinen ihre Vertreter sich dadurch einen moderaten Anstrich geben zu wollen: Nach dem Motto, wir legen uns nicht mit dem geldpolitischen Establishment an.

Unser Mitautor Ralph Bärligea hat in einem Beitrag für die Initiative neue soziale Marktwirtschaft des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall gezeigt, dass Kryptowährungen und Blockchain so gut wie untrennbar miteinander verbunden sind. Denn, wo immer die Blockchain eingesetzt wird, um irgendwelche Verträge bzw. Smart Contracts einzugehen, aber dazugehörige Zahlungsfunktionen nicht zugleich auch über die Blockchain abgewickelt werden, sondern über klassische IT-Systeme, findet ein Medienbruch statt. Dieser Medienbruch wirkt sich wie ein Bremsklotz auf die Blockchain aus und konterkariert deren ökonomische Vorteile hinsichtlich Effizienz und Effektivität. Es macht darum kaum Sinn auf die Zahlungsfunktion in der Blockchain und damit auf Kryptowährungen zu verzichten.

Das war selbst ein Punkt, den Jochen Metzger, Leiter Zahlungsverkehr und Abwicklungsgeschäft der Deutschen Bundesbank, in einer Podiumsdiskussion am 22. März 2018 in Limburg mit meinem Kollegen Ralph Bärligea vollends bestätigte. Natürlich ist dabei vollkommen offen, ob es sich um eine private oder staatlich emittierte Kryptowährung handeln wird. Klar ist, dass Kryptowährungen Vorteile hinsichtlich der Erfüllung der Geldfunktion bringen und staatliche wie private Akteure Kryptowährungen nutzen müssen, um im Geldwettbewerb zu reüssieren. Auch Jochen Metzger von der Deutschen Bundesbank bestätigte, dass eine staatliche Kryptowährung denkbar sei, sobald die Zeit dafür reif ist.

These 3: Staaten und Regulatorik werden Blockchain und Kryptowährungen nutzen und nicht verbieten: Blockchain als Fundament für Transparenz und Regeltreue

In unserem gemeinsamen Buchbeitrag haben wir der staatlichen Sicht auf Kryptowährungen ein eigenes Kapitel gewidmet. Tatsache ist, dass in Deutschland die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BaFin) Kryptowährungen bereits hinsichtlich ihrer Zahlungs- und Recheneinheitsfunktion offiziell anerkennt. Die europäische Bankenaufsicht EBA sieht sogar Vorteile von Kryptowährungen gegenüber staatlichen Währungen hinsichtlich günstiger Transaktionskosten, die vor allem im internationalen Zahlungsverkehr zum tragen kommen. Auch Jochen Metzger von der Deutschen Bundesbank hat in seiner Podiumsdiskussion in Limburg die Vorteile von Kryptowährungen im internationalen Zahlungsverkehr hervorgehoben. Lediglich im Zahlungsverkehr innerhalb einer einzigen oder im Inland sah er klassische IT-Systeme zur Zahlungsabwicklung noch immer im Vorteil.

Viele Zeitgenossen unterliegen der Einschätzung, dass Kryptowährungen und Staat natürliche Feinde wären. Davon kann jedoch keine Rede sein. Einerseits lassen sich Kryptowährungen ähnlich wie Sprache oder Gedanken aufgrund ihrer Dezentralität kaum oder gar nicht verbieten, und mit einem Feind, den man nicht besiegen kann, verbündet man sich. Andererseits bieten Kryptowährungen für den Staat und das Gemeinwesen handfeste Vorteile, denn Regeltreue und Rechtsdurchsetzung lassen sich darüber technisch garantieren (Compliance by Design). Beispielsweise ließe sich eine Kryptowährung gestalten, bei der die Umsatzsteuer automatisch ans Finanzamt abgeführt wird und die Steuererklärung automatisch vor befüllt wird. Letztendlich ersparen sich so auch die Mitglieder eines Gemeinwesens einen enormen bürokratischen Aufwand. Auch private Kryptowährungen innerhalb eines staatlichen Hoheitsgebietes zu verbieten muss gegen das Interesse jeder staatlichen Autorität sein. Denn so würden Börsen- und Marktplätze, welche mit diesen Kryptowährungen verbunden sind, abwandern und als Besteuerungsgrundlage verloren gehen. Der entsprechende Staat würde überdies den Überblick über die dort abgewickelten Transaktionen verlieren. Steuer- und Datenflucht sind aus staatlicher Sicht unbedingt zu vermeiden, da sie Staaten die Existenzgrundlage entziehen. Verbote von Kryptowährungen werden darum eher die Ausnahme als die Regel sein.

These 4: Kryptowährungen haben in der Nutzerwahrnehmung Gold als Wettbewerber von staatlichen Währungen überholt

In unserem gemeinsamen Buchbeitrag haben wir die Geldfunktionen hinsichtlich Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Recheneinheit von Kryptowährungen empirisch untersucht und mit denen von staatlichen Währungen und Gold verglichen. Dabei haben wir sämtliche Wirtschaftssektoren betrachtet. Für die Verbraucher haben wir eine repräsentative deutschlandweite Umfrage durchgeführt. Für den Banken- und Unternehmenssektor haben wir eine Expertenbefragung durchgeführt. Beim Staatssektor konnten wir uns auf öffentliche Stellungnahmen der staatlichen Autoritäten stützen.

Wenn man alle Sektoren gleich gewichtet und den Wirtschaftskreislauf ganzheitlich betrachtet, war das erstaunliche Ergebnis, dass in dieser Gesamtschau Kryptowährungen hinsichtlich der Zahlungsmittel- und Recheneinheitsfunktion bereits als vorteilhafter gesehen werden als das altbewährte Gold. Daraus lässt sich schließen, dass sich die Wettbewerbsintensität und damit auch das Innovationspotential im Geldsektor durch Krytpowährungen eindeutig erhöht hat. Folgende Tabelle gibt einen Überblick über unser Gesamtergebnis.

(+ sehr mäßig, ++ mäßig, +++ gut, ++++ sehr gut)

Unsere Betrachtung bezieht sich auf das Jahr 2017. Kryptowährungen konnten vor allem bei der Wertaufbewahrungsfunktion aufgrund ihrer starken Wertschwankungen weniger gut punkten. Mit zunehmender Verbreitung von Kryptowährungen ist jedoch von einer Normalisierung von Angebot und Nachfrage auszugehen und damit auch von abnehmenden Preisschwankungen. Außerdem haben sich Kryptowährungen ausgehend von ihrem Urvater Bitcoin technisch längst so weiterentwickelt, dass man sämtliche Kapazitäts- und Skalierungsprobleme als quasi gelöst betrachten kann. Das heißt auch die Zahlungsmittel- und Recheneinheitsfunktion sollte in Zukunft noch besser als bisher durch Kryptowährungen erfüllt werden können.

Der vorhin behandelte Aspekt der Verzahnung von digitalen Marktplätzen und Produktion zusammen mit Kryptowährungen in einer Industrie 4.0 und die sich daraus ergebenden enormen Vorteile wurden in unserem Buchbeitrag überdies noch gar nicht behandelt, da wir uns bewusst auf die klassischen Geldfunktionen fokussierten.

These 5: Der Hype-Cycle von Blockchain und Kryptowährungen steht erst am Anfang und leitet eine neue Stufe der Digitalisierung ein

Insgesamt kann man darum davon ausgehen, dass Kryptowährungen auf einem aufsteigenden Ast irgendwann auch die staatlichen Währungen in ihrer derzeitigen Form überholen werden. Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, dass staatliche Währungen in Zukunft auf der Blockchain-Technologie basieren oder dass auch Gold oder sonstige Assets mithilfe der Blockchain-Technologie zu mehr Liquidität und damit einer besseren Geldeigenschaft verholfen werden kann. Das betonen wir auch in unserem Buchbeitrag. Die genaue Ausgestaltung und Form unserer zukünftigen Währung ist als Ergebnis des Wettbewerbsprozesses naturgemäß offen. Für uns aber scheint fest zu stehen, dass die Währung der Zukunft auf Blockchain-Technologie basieren wird.

Auch wird sich der Einsatz der Blockchain-Technologie ohne und mit Verbindung zu Kryptowährungen aufgrund seiner fundamentalen ökonomischen Vorteile als Informationstechnologie zum Massenphänomen entwickeln.

Schlussendlich handelt es sich bei der Blockchain-Technologie und Kryptowährungen weder ökonomisch noch technisch um neue Prinzipien. Schnelle und dokumentenfeste Informationsübertragung waren schon immer von Vorteil und schon immer gab es dafür technische Methoden. Die Innovation der Blockchain-Technologie besteht aus einer neuen Kombination bereits seit langem bestehender Technologien und ökonomischer Prinzipien, die bewirkt, dass Informationen noch schneller und sicherer geteilt werden können.

Darum halten wir die Blockchain-Technologie für einen langfristigen Megatrend, der ein ganz großes Rad mit Wirkung auf sämtliche Lebensbereiche zum Rollen bringt. Verglichen mit dem Internet, das 1979 in seiner ersten Form das Tageslicht erblickte und erst um die Jahrtausendwende zum erkennbaren Durchbruch kam, stehen wir mit der noch nicht einmal 10 Jahre alten Blockchain-Technologie erst am Anfang einer ganz großen Entwicklung.

Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag, den Ralph Bärligea und Binjamin Sancar für eine Präsentation (Folien hier aufrufbar) auf einer Konferenz zu Blockchain und Kryptowährungen in Mallorca (23.-25. Mai 2018) gehalten haben.

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