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Es soll niemand sagen, das billige Geld der EZB würde nicht wirken. Es wirkt sehr wohl. Es erhöht zwar nicht die Inflation – wie von Mario Draghi erhofft. Doch wer die aktuellen Lohnabschlüsse im öffentlichen Dienst anschaut, ahnt, dass auch das nur eine Frage der Zeit ist. Die Inflationsmessung ist eh ein schwieriges Feld, das hat sehr unterschiedliche Gründe. Einer ist die Definition. Der eingebaute technische Fortschritt verfälscht die Höhe, die Zusammenstellung des Warenkorbes ist kritikwürdig und das Nichtberücksichtigen der Vermögenspreisentwicklung ist einseitig.

Das billige Geld erhöht auch den Einfluss des Staates. Seine Zinsausgaben sinken und die Steuereinnahmen steigen. Die Wirtschaft ist wie angefixt und ruft nach immer mehr billigem Geld. Das lässt einen Scheinwohlstand entstehen, der sich auch bei den Steuereinnahmen bemerkbar macht. Allein der Bund hat in den letzten 10 Jahren 81 Milliarden Euro zusätzlich an Steuern eingenommen. Ein sattes Plus von 35 Prozent. Bis 2021 kommen nochmals 33 Milliarden Euro hinzu. Gleichzeitig verteilt der Staat immer mehr um. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel hat das jetzt untersucht. Im vergangenen Jahr wurden die Finanzhilfen des Bundes um über 10 Prozent, auf insgesamt 55 Mrd. Euro erhöht. Die Steuervergünstigungen beziffert das Institut für Weltwirtschaft auf 62 Milliarden Euro. Insgesamt summiert sich der Kieler Subventionsbericht auf 117 Milliarden Euro.

Das Spiel des billigen Geldes geht schon viel zu lange. Seit 2009 hat die Europäische Zentralbank ihren Leitzins auf unter 2 Prozentpunkten gesenkt, seit 2012 unter 1 Prozentpunkt und seit März 2016 bei null festgesetzt. Diese Zinssenkungen der EZB dürfen nicht ohne ihr Anleihenkaufprogramm für Schulden von Staaten, Banken und Unternehmen gesehen werden. Bis September dieses Jahres wird die EZB dafür 2.500 Milliarden Euro frisches Geld in den Markt gepumpt haben. Von interessierter Seite wird behauptet, dies hätte nur einen geringen Einfluss auf den langfristigen Zins. Wenn es so wäre, könnte die EZB die Zinswende ja einleiten. Doch sie fürchtet die Zinswende, wie der Teufel das Weihwasser. Mit Recht. Käme sie, hätte Italien ein Problem und Griechenland stünde vor einem neuen Hilfsprogramm. Doch nicht nur Italien und Griechenland, sondern auch manche Ruhrgebietskommunen könnten ihre Kassenkredite, die sie derzeit faktisch ohne Zinsen bekommen, nicht mehr bedienen. Alle hätten ein Problem.

Da ist es doch viel einfacher, die üppigen Gelder in den Haushalten gönnerhaft zu verteilen. 2009 betrug der Rentenzuschuss des Bundes noch 78,6 Milliarden Euro. Im Jahr 2021 wird die magische Schwelle von 100 Milliarden Euro überschritten. Dann beträgt der Zuschuss bereits 103,3 Milliarden Euro. Der Bundeszuschuss zur gesetzlichen Krankenversicherung ist inzwischen bei 14,5 Milliarden Euro. 2001 waren es noch eine Milliarde Euro. Die Förderung der Elektromobilität schlägt mit 400 Mio. Euro zu Buche, was schon fast bescheiden ist. Die Finanzhilfen für die Land- und Forstwirtschaft und die Fischerei sind mit 2,7 Milliarden Euro von Seiten des Bundes und mit 5 Milliarden Euro von Seiten der EU dabei. Für alles gibt es eine Begründung, die mal sinnvoller und mal weniger einleuchtend ist. Doch eines ist klar, der Finanzminister ist ein Glückspilz. Er kann aus Wasser Wein machen, aus Stroh Gold und aus billigem Geld Wohlstand für uns alle. Egal wie er aktuell heißt, ob Schäuble, Scholz oder „Sonst wie“. Er ist beliebt bei den Subventionsempfängern, bei den Gehaltsempfängern des öffentlichen Dienstes, bei den Sozialpolitikern und selbst bei den Haushaltspolitikern. Alle sind zufrieden und glücklich.

Man klopft sich gegenseitig auf die Schulter, lobt und preist sich. Doch die Kollateralschäden werden immer deutlicher. Das Hamsterrad dreht sich nur, wenn die Zinsen weiter niedrig bleiben. Mario Draghi könnte, selbst wenn er wollte, die Zinswende gar nicht mehr ernsthaft einleiten. Er wird leichte Zinserhöhungen auch mal austesten. Kleine Trippelschritte können wir erwarten. Doch der Markt wird ihn schnell eines Besseren belehren. Er kann nicht mehr agieren, sondern nur noch matt reagieren. Es ist schon lange ein „lame duck“.

Das ist die Konsequenz aus der Manipulation des Zinses. Wird der Preis für Geld vernichtet, fehlt der wichtigste Indikator in einer Marktwirtschaft. Investitionen werden fehlgelenkt. Sonst erfolgte Korrekturen finden nicht mehr oder zu spät statt. Zombiebanken und Zombieunternehmen werden halbtot weiter beatmet. Geld ist ja genug da. Dabei wird der Staat immer fetter und die Bürger merken es nicht einmal. Es herrscht Geldsozialismus. Nicht ohne Grund soll Lenin gesagt haben: „Wer die bürgerliche Gesellschaft zerstören will, muss ihr Geldwesen verwüsten.“

13 Kommentare
  1. Cooper8
    Cooper8 sagte:

    Der Neoliberalismus ist gescheitert und die direkte Folge sind dysfunktionale Märkte und Fehlallokationen.
    Inhaltlich beruht der Neoliberalismus auf der neoklassischen Lehre der Ökonomen, die theoretisch bereits mehrfach widerlegt worden ist.
    Der wichtigste Treiber der Inflation ist die Lohnentwicklung.
    In allen entwickelten Volkswirtschaften lässt sich über lange Zeitreihen eine hohe Korrelation zwischen der Inflationsrate und der Lohnentwicklung belegen.
    Damit eine Marktwirtschaft sich langfristig stabil entwickeln kann, braucht es regelmäßige reale Lohnsteigerungen, in dem der Fortschritt in der Produktivität (Entwicklung BIP) an die Arbeitnehmer ausbezahlt wird.
    In der Zeit der sozialen Marktwirtschaft, die in den 1970 er Jahren ihr Ende fand, war dieser Sachverhalt allgemein bekannt und wurde regelmäßig eingehalten.
    Der Kern der neoklassischen Lehre der Ökonomen ist ihr Gleichgewichtsmodell.
    Demnach sollen immer alle Märkte automatisch zu einem markträumenden Optimum zwischen Angebot und Nachfrage streben und der Preis soll hierfür der entscheidende Faktor sein.
    Diesen Automatismus gibt es in der realen Welt der Marktwirtschaft aber nicht.
    Neoklassische Ökonomen haben Einfluss auf die Politiker genommen, dass die realen Löhne in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten viel zu wenig gestiegen sind.
    Solange diese falsche Lohnpolitik nicht beendet wird, wird die Inflation und damit auch der Leitzins niedrig bleiben.
    Die heutige Schieflage der Marktwirtschaft in weiten Teilen dieser Welt lässt sich nicht mit der neoklassischen Lehre der Ökonomen beheben.
    Wir brauchen einen grundlegenden Wechsel hin zu einer rationalen Wirtschafts- und Finanzpolitik und die lässt sich nur auf Basis der Lehre von Keynes realisieren.

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          • Cooper8
            Cooper8 sagte:

            Von welchen Zahlen phantasieren Sie vor sich hin?
            https://de.statista.com/statistik/daten/studie/162986/umfrage/entwicklung-der-staatsverschuldung-in-deutschland/
            Die schwarze Null ergibt rational betrachtet zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei Sinn, weil sich ein Sektor in einer Marktwirtschaft nun einmal zwingend verschulden muss.
            Wenn Sie sich rational verhalten würden, müssten Sie reale Lohnsteigerungen in Deutschland fordern, damit Unternehmen sich verschulden, um bei einer gestiegenen Nachfrage mehr auf Kredit zu investieren.
            Würde sich Deutschland rational verhalten und sich verantwortlich für die Zukunft der Eurozone verhalten, müsste der Staat die nächsten fünf Jahren 80-100 Milliarden Euro über neue Schulden in seinen Kapitalstock investieren, um damit Bildung, Infrastruktur und Grundlagenforschung zu investieren.
            Das wäre auch überhaupt kein Problem, weil die Wirtschaft kräftig wachsen würde.
            Dem Geldvermögen stehen in einer Marktwirtschaft Schulden in gleicher Höhe gegenüber.
            Ohne neue Schulden kann es kein neues Wachstum geben.

          • smadrescher
            smadrescher sagte:

            Als nächstes fliegen uns die Target-Salden in Höhe von ca eine Billion um um die Ohren . Die Pensionslasten sind unfinanziert . Für die marode Infrastruktur ist auch bei Hochkonjunktur kein Cent ausgegeben ausgegeben worden ,dennoch sind alle Haushalte Gemeinde Kreise Länder und Bund über diverse schachtelhaushalte mit Billionen verschuldet, da wir über Rohstoffe nicht verfügen sind wir genau genommen pleite alles andere ist der Liebe Glaube an den lieben Gott

          • Cooper8
            Cooper8 sagte:

            Wäre Deutschland und der Rest der Eurozone rational richtig organisiert, könnte kein Land der Eurozone innerhalb des Euros pleite gehen.
            Der willkürliche Eingriff der EZB in die Geldautomaten von Griechenland im Jahr 2014 war extrem dumm und ökonomisch unsinnig.
            Die Eurozone könnte längst ein boomender Wirtschaftsraum sein, wenn sich die Politik einer theoretisch widerlegten Grundlage (neoklassische Lehre der Ökonomen) entziehen würde und eine rationale Wirtschaftspolitik betreiben würde.
            Weder die EU noch die Eurozone sind pleite.
            Das heute vorhandene Wissen in der Welt ist ganz wesentlich in Europa entstanden.
            Würden sich die EU/ Eurozone rational verhalten und das eigen erarbeitete Wissen nutzen, dann wäre die Eurozone heute die Wirtschaftsregion der Welt, die die höchste Dynamik in der Welt hätte und Länder wie China würden vor Neid erblassen.
            Europa verbaut sich seine Zukunft, weil wir dumme Politiker haben.

          • Stefan
            Stefan sagte:

            Der Autor des Blogbeitrags lehnt die neoklassische Lehre ebenfalls ab. Nur zieht er aus dieser Ablehnung andere Schlussfolgerungen.

          • Cooper8
            Cooper8 sagte:

            Herr Schäffler hat von der ökonomischen Theorie überhaupt keine Ahnung.
            Er bastelt sich in seinen Artikeln immer seine konservative, liberale Welt, wie er sie gerade braucht und bedient damit immer die üblichen rechten Vorurteile, in dem er einzelwirtschaftliche Sichtweisen bedient.
            Die Person Lenin nutzt er lediglich, um Aufmerksamkeit auf sein Geschreibsel zu lenken.

          • Stefan
            Stefan sagte:

            Das beweist ein weiteres Mal Ihre Kompetenz und Sachlichkeit. Ihre Argumentation ist bestechend und faktenreich.

          • Cooper8
            Cooper8 sagte:

            Was soll denn dieser Kommentar?
            Selbstverständlich weiß ich sehr genau, wovon ich schreibe.
            Wenn Sie ein ernsthaftes Interesse an dem Thema haben würden, dann würden Sie mich nach den Quellen der Widerlegung der neoklassischen Lehre fragen.

  2. smadrescher
    smadrescher sagte:

    Ein bisschen Hajek lesen und von Mises dann die Werke von Professor Sinn dann mal rechnen und selbst googeln mit freundlichem Gruß ein ein unternehmer , Betriebswirt und Investor

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    • Cooper8
      Cooper8 sagte:

      Das sind alles neoklassische Ökonomen, deren dogmatische Lehre bereits mehrfach theoretisch widerlegt worden ist.
      Sie mögen diese Ökonomen, weil ihre Lehre ihrem einzelwirtschaflichen Denken sehr ähnlich ist.
      Gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge sehen aber ganz anders aus und diese Dimension des Denkens hat Mr. Keynes möglich gemacht.

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