Photo: cuatrok77 from Flickr (CC BY-SA 2.0)

Wer einen langsameren Kohleausstieg befürwortet, stürzt Südsee-Inseln in die vernichtenden Fluten; wer gendert, zerstört Jahrtausende alte Kulturen; und wer Corona-Maßnahmen hinterfragt, tötet Omas und Opas. Jeder noch so banale und harmlose Standpunkt wird inzwischen von Gegnern in apokalyptischen Kontext gesetzt.

Streit um die Förmchen

Die Art und Weise, wie viele öffentliche Diskurse geführt werden, hat etwas zutiefst Infantiles. Denn es ist ein Zeichen mangelnder Reife, wenn man nur in Schwarz und Weiß zu denken bereit ist. Bei Kindergartenkindern ist es noch akzeptabel, wenn sie das Mädchen, das ihnen das schöne gelbe Förmchen weggenommen hat, für das Böse schlechthin halten. Wenn jemand Ansichten zu Genderstern oder Ungleichheit allerdings zum Maßstab eines kompromisslosen moralischen Urteils macht, muss man dessen Reflexionskompetenz in Frage stellen.

Überhaupt scheint die Fähigkeit, einmal aus den eigenen Gefühlswelten herauszutreten und sich um einen anderen Blickwinkel zu bemühen, nicht besonders beliebt. Menschen, die sich in ihrer Opposition gegen die katholische Kirche oder das Patriarchat auf dem Gipfelpunkt der Aufklärung wähnen, produzieren Urteile wie der Großinquisitor. Menschen, die sich beklagen, dass Minderheiten einen Opferkult betrieben und ihre Stellung ausschlachteten, sind im selben Argumentationszug ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht die eigene Position als gegen die überwältigende Macht der Mainstream-Medien gerichtet darzustellen. Und alle Seiten würzen ihren heldenhaften Einsatz für das Wahre, Schöne, Gute auch gerne noch mit dem ein oder anderen Frontalangriff ad personam: Virologen, Journalistinnen, Kanzlerkandidaten, Unternehmerinnen – sie alle können flugs am Pranger landen.

Die Intensivstation als pandemisch-mediale Superwaffe

Die Pandemie, die offensichtlich fast jeden an den Rand der nervlichen Belastbarkeit bringt, hat dieses ohnehin schon schwärende Übel noch einmal deutlich verstärkt. Wir können weder vernünftige noch zielorientierte Diskurse führen, wenn zur Illustration der Rechtmäßigkeit der eigenen Forderung nur noch ein Bild der Intensivstation dienen kann. Vor zwei Wochen erregte die Aktion #allesdichtmachen das Land. Die Reaktionen auf die geistreichen, saublöden, geschmacklosen, rührenden, egoistischen und einfühlsamen Videos waren und sind vorhersehbar. Die pandemisch-mediale Superwaffe wurde aktiviert: Das Bild von der Beatmungsmaschine. Sie ist der argumentative Trumpf: Sie schlägt die verletzten Kinderseelen, die Existenzängste der Selbständigen, die verschleppten Krebsdiagnosen und die ausgefallenen Sprachkurse der Geflüchteten.

Es gab auch Ausnahmen. Karl Lauterbach mahnte, man müsse „mit Anschuldigungen und Beleidigungen abrüsten“. Armin Laschet betonte die Notwendigkeit, auch „die anderen Opfer der Pandemie einmal zu erwähnen“. Und „Monitor“-Moderator Georg Restle forderte, „dass dieses plumpe Schwarz/Weiß-Denken endlich aufhört, mit dem wir uns reflexartig gegenseitig in Ecken treiben, aus denen dann keiner mehr rauskommt.“ Doch diese Einschätzungen, die allesamt den Geist zivilisierten Diskurses atmen, waren nur selten zu finden. Stattdessen war die mediale Öffentlichkeit im Land wieder klar zweigeteilt: Einige applaudierten selbst den misslungensten Beiträgen der Aktion. Und viele, sehr viele, badeten in rechtschaffenem Entsetzen wie einst Siegfried im Drachenblut.

Behutsam geht auch meinungsstark

Doch unsere Welt ist nicht so wie sie in den alten Sagen besungen wurde, wo sich Helden und Schurken in einem endzeitlichen Kampf befanden. Unsere Welt ist plural und komplex, voller Mehrdeutigkeiten, Dilemmata, Unsicherheiten, Widersprüche, Überraschungen. Darum sind eindeutige und insbesondere moralisch aufgeladene Antworten in der Regel nicht so leicht zu geben wie der infantile kleine Derwisch tief in uns drin sich das wünscht. Stattdessen müssen wir uns erziehen, die Uneindeutigkeit der Welt anzunehmen. Das fordert die Aufrichtigkeit gegenüber einer Realität, die sich nicht so leicht fassen lässt. Und das fordert der Respekt gegenüber unseren Mitmenschen, die ganz oft nicht böse und niederträchtig sind; die durchaus nicht im Sinn haben, Eisbärbabys zu töten, Intensivstationen überlaufen zu lassen oder die traditionelle Familie zu zerstören.

All denen, die angesichts der Forderung nach einer Kultur der Behutsamkeit jetzt ein Plädoyer für Vermerkelung vermuten oder schon den Hinweis auf Strauß und Wehner auspacken, sei zugerufen: Behutsamkeit bedeutet mitnichten, dass man sich um eine eigene, durchaus starke Meinung drückt. Es schließt sich nicht aus, einen klaren Standpunkt zu vertreten und dennoch in der Annahme zu leben, dass man den womöglich revidieren muss. Und erst recht zwingt eine eindeutige Meinung nicht dazu, anderen respektlos zu begegnen. Es gibt dafür wunderbare Beispiele wie etwa Margaret Thatcher: Eine Person, die gewissermaßen ausschließlich aus Prinzipien bestand, sich aber niemals dazu hinreißen ließ, ihre Gegner durch Moralisieren oder sonstige „Schmutzeleien“ zu diskreditieren.

Der gewalttätige Rigorismus im Namen einer (tatsächlich relativ beliebig einsetzbaren) „guten“ Sache ist Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer freien, offenen und pluralen Gesellschaft. Wer anderen nicht zugesteht, (auch) Recht zu haben, lässt Rückschlüsse auf die eigene Borniertheit zu. Wer schließlich hinter der anderen Meinung nur böse Absicht vermutet, offenbart höchst anschaulich, dass er nicht mit dem Verstand denkt, sondern mit dem Gefühl. Unser Miteinander braucht dringend Menschen, die Behutsamkeit vorleben, damit unsere Mitbürger an deren Beispiel wieder erfahren, wie Zivilisation funktioniert. Wie schon der Jesuit Claudio Acquaviva vor mehr als 400 Jahren formulierte: „Fortiter in re, suaviter in modo.“ – „Standhaft in der Sache, doch zugänglich in der Art.“

1 Antwort
  1. Christoph Meier
    Christoph Meier sagte:

    Gut gebrüllt! Und gendermässig behutsam, dass im Sinne des Quotenanspruchs mal ein Mädchen das Täterchen sein darf. Zwei kleine Bemerkungen: 1. Die Infantilisierung der Gesellschaft kann durchaus Programm sein. In Helvetien will die Linke das Stimmrechtsalter immer mehr Richtung Windelträger senken und auch die geistig Behinderten abstimmen lassen, die Migranten, die keine unserer Amtssprachen verstehen, sowieso, weil sie sich – nicht zu Unrecht – dadurch Wählerzuwachs verspricht. 2. In der Debatte muss es m.E. nicht immer ‚behutsam‘ zu und hergehen. Es klingt wahnsinnig lieb und nett und zivilisiert, aber mir würde ‚differenziert‘ und ‚mit rationalen Argumenten gestützt‘ (und damit falsifizierbar), bereits ausreichen.

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