Photo: Murray Foubister from flickr (CC BY 2.0)

Der Markt wird auf unheilvolle Weise personifiziert. Dabei vergessen wir häufig, dass Konzepte gar nicht handeln können, sondern nur Individuen. Ein Plädoyer für ein neues Marktverständnis.

Der gute Staat gegen den bösen Markt?

Was hat der Markt nur falsch gemacht? Die Marktwirtschaft gilt vielen als die Wurzel allen Übels. Ihr wird keine besondere Fairness und auch keine Effizienz zugeschrieben. Verantwortlich hingegen ist „der Markt“ scheinbar für so Einiges: dafür, dass nicht jeder Berliner direkt am Hackeschen Markt in 120 Quadratmeter saniertem Altbau wohnen kann; und für den Klimawandel; und natürlich für alle großen Finanz- und Wirtschaftskrisen. Wenn überhaupt, so das allgemeine Verständnis, könne „der Markt“ nur fair sein, wenn er von einem starken Staat in die (sozialen) Schranken gewiesen und gelenkt werde. Wie ein wilder Stier, der durch die engen Gassen einer kleinen spanischen Stadt getrieben wird – was natürlich nicht immer ohne Verletzte vonstattengeht.

Doch leben wir wirklich in einer solchen Puppenspielerwelt – als bloße Zuschauer des Kampfes zwischen der grundbösen Schattenfigur „Markt“ und dem gut meinenden Leviathan? Nein, denn der Markt ist nur das, was wir alle daraus machen. Wir brauchen ein anderes Verständnis der Marktwirtschaft.

„Der Markt“ handelt genau so wenig wie „der Staat“

Seit den 1960er Jahren haben sich die beiden Ökonomen Gordon Tullock und James Buchanan mit der „Public Choice Theory“ darum verdient gemacht, den Staat sprichwörtlich „aufzudröseln“. Es handelt nicht „der Staat“, sondern es handeln Individuen innerhalb des Gebildes „Staat“. Und diese sind genau so anfällig für Fehler und Verführungen wie jeder andere. Egal ob Wähler, Bürokraten oder Politiker: alle verfolgen innerhalb des Raumes Staat ihre genuinen Interessen und machen damit den Staat zu dem, was er ist. Dabei kann gutes herauskommen wie Rechtssicherheit oder Demokratie. Es kann aber auch das Gegenteil passieren. Niemand würde freilich „den Staat“ für die Machtübernahme eines brutalen Diktators oder korrupten Richters verantwortlich machen. Es sind Wähler, die sich haben verführen lassen, oder vielleicht korrupte Bürokraten …  es sind Individuen, die für das jeweilige Antlitz des Staates verantwortlich sind.

Ganz anders verstehen heute viele den Markt. Adam Smiths „unsichtbare Hand“ des Marktes scheint real. Und sie wirkt wie die Hand eines kaltherzigen, reichen, brutalen, weißen, alten Mannes. Es ist dieser personifizierte Markt, der als Wurzel allen Übels empfunden wird, nicht die Existenz des abstrakten Raumes „Markt“ und erst recht nicht der einzelne Akteur innerhalb des abstrakten Raumes. Genau wie der Staat demokratisch oder autoritär, rechtsstaatlich oder willkürlich organisiert sein kann, so kann auch der Markt dutzende Formen annehmen. Eines tut „der Markt“ aber nicht: handeln. Menschen handeln – nicht Konzepte.

Der Markt ist nur das Instrument der Individualwirtschaft

Stattdessen ist der Markt lediglich Ausdruck des kulminierten Handelns aller Individuen. Wenn beispielsweise mehr konventionelle Landwirtschaft betrieben wird als ökologische, dann ist das nicht so, weil der Markt so sehr auf Gen-Mais steht, sondern weil eine Mehrheit der Verbraucher mehr Wert auf einen guten Preis legt als auf die Art des Anbaus von Lebensmitteln – und anders herum. Das macht den Markt zum Instrument einer – nennen wir es Individualwirtschaft. Die Individualwirtschaft ist wie ein gigantisches Wikipedia, das durch Preise Auskunft darüber erteilt, was die Menschen überall auf der Welt gerne hätten, wo sie gerne wohnen und was sie gerne (oder weniger gerne) machen. Und es bleibt nicht bei der Auskunft, denn schließlich entwickelt sich für jede noch so weit her geholte Nachfrage auch ein Angebot. Was natürlich nicht gleichbedeutend damit ist, dass jede Nachfrage auch zu jeder Zeit befriedigt werden muss.

In der Individualwirtschaft liegt es am Ende unmittelbar in der Hand des Individuums, was nachgefragt und damit auch bereitgestellt wird. Die Individualwirtschaft ist eine fortwährende Abstimmung, an der jeder teilhaben und seine Entscheidung stets aufs Neue überdenken kann. Die Idee, alle Ergebnisse des Marktes durch staatliche Eingriffe korrigieren zu müssen, wirkt vor diesem Hintergrund auf einmal gänzlich absurd. Denn wo besteht noch Notwendigkeit zur Korrektur, wenn das Ergebnis Ausdruck des Handelns jedes einzelnen Individuums ist, seiner Wünsche, Vorlieben, Bedürfnisse? Die Individualwirtschaft ist die ultimative Form der Demokratie, in der jede einzelne Stimme berücksichtigt wird – ganz ohne Fünfprozent-Hürde und Fraktionszwang. So wird manche Intervention schlichtweg zu einer Wahlfälschung.

Die Individualwirtschaft ist mehr als eine linguistische Spitzfindigkeit

Sicher, manch einer mag mein Argument als linguistische Spitzfindigkeit abtun. Doch wie uns der Feminismus nicht ganz ohne Grund lehrt, beeinflusst Sprache auch unser Denken. Und der Begriff Markwirtschaft verleitet ganz schnell dazu, unser Zusammenleben als gelenkt von einem Dritten mit eigenen Interessen zu verstehen. Das erlaubt die Kapitulation vor den unabänderlichen Ergebnissen des Marktes. Die Idee der Individualwirtschaft hingegen lässt uns begreifen, dass das Ergebnis des Austausches innerhalb des Raumes Markt nicht determiniert ist, sondern von jedem Einzelnen abhängt. Es hängt ab von unseren Präferenzen und Entscheidungen. Aber es hängt auch von den Normen und informellen Regeln ab, die wir uns geben und die bestimmen, wie wir uns auf dem Markt begegnen. Das macht die Individualwirtschaft unbequem und anstrengend. Aber es bedeutet auch, dass jeder Einzelne ernstgenommen wird, gleichermaßen zählt und verantwortlich ist.

4 Kommentare
  1. Bernhard K. Kopp
    Bernhard K. Kopp sagte:

    “ Der Markt “ ist in der Tat die Summe aller Einzelakteure, ein Aggregat. Aber, der Markt ist meist machtpolitisch korrumpiert. Alle Privilegien oder Wettbewerbsbeschränkungen von Industriellen, Gewerbetreibenden und professionellen Freiberuflern sind ein mehr oder weniger grosses Stück Korruption. Das hat, seit mehr als 100 Jahren, viele, die “ Marktwirtschaft “ gepredigt haben diskreditiert, meist nicht zu Unrecht. Damit hat man es den Staats- und Planwirtschaftlern immer wieder leicht gemacht gegen die Marktwirtschaft zu polemisieren und zu mobilisieren.

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    • Christian Schupp
      Christian Schupp sagte:

      Sind nicht die „Plan- und Staatswirtschaftler“ neben den individualisierten , korrumpierenden und korrumpierten Marktteilnehmern die eben – oft sogar mit guter Absicht – planmäßig Bestechenden? Wo sind die Grenzen der „guten oder bösen“ Intervention des Nuggers. Vielleicht sollten wir wie beim Markt die Nugger sich nicht hinter dem Staat verstecken lassen, sondern wie bei Hartz die Intervention mit dem Namen der Protagonisten benamsen, damit Tat und Täter näher aneinander rücken und Verantwortung tragen.

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  2. Peter Triller
    Peter Triller sagte:

    Guter Artikel, insbesondere das Argument, dass niemand nach Stalin und Hitler, Pol Pot und Mao den Staat an sich für die Gräuel verantwortlich macht und infrage stellt, sondern diese Personen, ihre Bewegungen und Cliquen dahinter. Anders beim Markt, der für alles und jedes angeblich Schuld sein soll. Überflüssig war dagegen der Vergleich mit dem heutigen Feminismus und Genderismus. Das sind konstruktivistische Fehlentwicklungen, die missratene Sprachungetüme hervorbringen.

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  3. Hubert Königstein
    Hubert Königstein sagte:

    Der Begriff Individualwirtschaft statt Marktwirtschaft hat Charme, aber es gilt die treffende Einschätzung von Wolfgang Gerhardt (sinngemäß), dass die meisten Menschen nicht für Freiheit sind, weil sie glauben, von der Freiheit weniger zu haben, als die anderen. Kapitalismus (nicht nur der Staat, sondern auch die Bürger können Kapital/Vermögen haben) heißt Marktwirtschaft (Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis), Marktwirtschaft heißt Vertragsfreiheit (mindestens zwei übereinstimmende Willenserklärungen) und Privateigentum (das Recht mit einer Sache nach Belieben verfahren und jeden von der Einwirkung auf die Sache ausschließen zu können).

    Wie verbreitet sind diese Kenntnisse? Beim Auto-, Möbel-, Brot-, Butter-. Wurst-, Milch- und Büroartikelkauf, Urlaub wird man noch Vertragsfreiheit mit freier Preisbildung erkennen, dann fängt es schon an, schwierig.zu werden; überall Leistungs- und Produktionsbestimmungen, Urheberrecht, Gebührenordnungen, Tarifverträge, Mindestlohn, Vertragsinhaltsbestimmungen (selbst die Art der Herstellung des Vertrags, Vordruck oder selbst verfasst, hat rechtliche Wirkung), in staatlicher Selbstherrlichkeit schwebt Sittenwidrigkeit über dem Vereinbarten (siehe BGH-Rspr. zu Eheverträgen), die ständige Ausweitung von Haftungstatbeständen (einer muss für Taten anderer, auf die er keinen Einfluss hat, zahlen; zuletzt bei Internetverkaufsplattformen für die Umsatzsteuer, der Generalunternehmer für Subunternehmen) bis zum Pflichtteilserbe gegen die Testierfreiheit des Erblassers. Hinzu kommen staatliche Preisverfälschungen (nicht unbeachtliche Teile der Lebensmittelpreise werden über Steuern zum Zwecke der Subventionierung der Landwirtschaft bezahlt, Tabak, Energie können durch Steuern nicht teuer genug sein, Kindergärtenplätze, Schule, Uni dürfen die Nutznießer dagegen möglich nichts kosten. Zwangsmitgliedschaften bei Kranken-, Arbeitslosen-, Renten- (13,7 Mrd. € Mütterrente p.a. entspricht, dass 2 Mio. Durchschnittsverdiener ihr Arbeitsleben lang Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil ihrer Rentenbeiträge auf Mütterbankkonten landen; sie arbeiten Woche für Woche einen Tag für die Mütterrente; da drängt sich Sklaverei auf; Hauptdrängler CSU; Nahles war „ein bisschen stolz!“, …. die Arbeiter um ihre Beiträge begaunert zu haben?!), Pflege-, Unfallversicherung, Inhaltsbestimmung bei der Riesterrente (nicht vererblich, nicht beleihbar, nicht veräußerbar, nicht kapitalisierbar; Unisextarif, darüber wird sichergestellt, dass die Männerbeiträge wegen der höheren Lebenserwartung der Frauen mit doppelt so hohen Gesamtrentenbezügen auf Frauenbankkonten landen; kein Mann hat in dieser Riesterrente was zu suchen; Bauernfängerei durch den Staat). Um den systematischen Betrug (Nutznießer gg. Geschädigte) sichtbar zu machen, gehörten jährlich personenbezogene Kontoauszüge über geleistete Beiträge und erhaltene Leitungen in allen 5 Versicherungszweigen (also auch der Unfallversicherung, die als Haftpflichtversicherung der Arbeitgeber ausgestaltet ist) erstellt und an die Zwangsversicherten verschickt zu werden. Bei beitragsfrei Versicherten sind dabei die geleisteten Beiträge auf alle „frei versicherten“ risikoadäquat aufzuteilen.

    Ich denke, ich konnte deutlich machen, wie weit entfernt wir von Marktwirtschaft/Individualwirtschaft sind. Die größten, quasi selbst erklärten Feinde (SPD, DGB, gut auch die Linke) der Marktwirtschaft werden zwar schwächer (SPD 18 %; der DGB hat seit 1990 von fast 12 Mio. Mitgliedern 6 Mio. Mitglieder verloren, davon sind gar 2 Mio. Rentner; auf die Idee, im Kerngeschäft etwas falsch zu machen, kommen sie nicht), aber wie ein waid-wundes Tier werden der schon sozialistisch angehauchten CDU sozialistische Elemente abgetrotzt. Da lobe ich mir Ludwig Erhard: Konsumfreiheit und die Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung müssen in dem Bewusstsein jedes Staatsbürgers als unantastbare Grundrechte empfunden werden. Gegen sie zu verstoßen, sollte als ein Attentat auf unsere Gesellschaftsordnung geahndet werden. . .

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