Photo: Tom Trelvik from Flickr (CC BY-SA 2.0)

Wissen Sie noch, wie sie als Kind den Teiglöffel abschlecken durften, als der Kuchen in den Ofen geschoben wurde? Teig zum Löffeln war eine Sache für Kinder, und zu viel davon zu essen, verursachte Bauchschmerzen. Nunja, heute scheint das kein Problem mehr zu sein. In Berlin gibt es nun ganze Geschäfte, in denen man sich Keksteig in Bechern zum Löffeln abholen kann. Statt sich mit erwachsenen Dessert-Alternativen zu beschäftigen, tendieren die Großstädter lieber zu den infantilen Alternativen – nicht überraschend, wenn man das mit dem politischen Diskurs vergleicht.

In den folgenden Zeilen geht es am Rande um das heiße Thema Identitätspolitik und folgendes wird passieren: Linke werden meine mangelnde Sensibilität gegenüber Mikroaggressionen in der Sprache verurteilen und Konservative wird es schockieren, wie wenig mich der Untergang des Abendlandes durch den Genderstern in Aufregung versetzen mag. Beiden Gruppen rufe ich inständig zu, endlich das infantile Feld der Identitätspolitik zu verlassen. Stattdessen sollten sie sich mit den erwachsenen Themen beschäftigen, die uns in den nächsten Jahrzehnten auf die Füße zu fallen drohen.

Man merkt, dass sich das Ende der Pandemie nähert, wenn sich wieder andere Themen als #maskenpflicht, #lockdown und #coronadiktatur in der öffentlichen Debatte tummeln. Stattdessen geht es jetzt (mal wieder) um Fragen wie diese: Setzen Emoticons mit schwarzer Hautfarbe Personen mit schwarzer Hautfarbe herab? Sind Memes mit Personen schwarzer Hautfarbe per se rassistisch? Ist es diskriminierend, dass Gesetzestexte nach wie vor das generische Maskulinum bevorzugen?

Linke Gruppen gefallen sich schon seit Jahren in der Rolle des Agent Provocateur. Sie weisen nicht mehr nur auf offensichtlich rassistische Äußerungen hin und prangern sie berechtigterweise an. Vielmehr beschäftigt sie jetzt Probleme wie: „Wenn du weiß bist, ist der Emoji mit der dunklen Haut, der ins Mikro singt, nicht für dich gedacht.“ Politikern links der Mitte wie Willy Brandt oder Gerhard Schröder ging es noch um internationale Aussöhnung und die wirtschaftspolitische Zukunft Deutschlands. Ihre identitätspolitischen Nachfahren treibt eher die Frage um, ob Wolfgang Thierse eigentlich ein verkappter Reaktionär sei.

Wenn sich nun der eine oder andere Konservative ins Fäustchen lacht, dass wieder ein Liberaler von linker Identitätspolitik genervt ist, kann er die Faust gleich lieber in der Hosentasche ballen: Denn Konservative sind ebenso schuld an der Infantilisierung des Diskurses. Konservative nutzen die Debattenanstöße schamlos aus: Erst äußern sie wutschnaubende Kritik am „Gendergaga“ in Talkshows, Gastbeiträgen und Parteitagsreden. Dann bauen sich Konservative ihr eigenes identitätspolitisches Narrativ. Statt sich mit Ordnungspolitik und Wohlstand für alle zu beschäftigen, schreiben die Wirtschaftsexperten der Konservativen lieber islamkritische Bücher, als würde der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevorstehen. So wie die Realpolitiker links der Mitte gab es auch viele Konservative, die sich harter Themen wie Westbindung, Währungsstabilität und wirtschaftspolitischer Stringenz angenommen haben. Stattdessen verfallen konservative Hoffnungsträger heute in ungehemmte Wutsausbrüche, wenn sie eine Alternative zum generischen Maskulinum sehen.

Während es Linken den Schlaf raubt, aus Versehen einen schwarzen, statt einen gelben Zwinker-Emoji verschickt zu haben; die Konservativen aus Angst vor dem Genderstern in der nächsten Steuerklärung kein Auge zu tun; treibt mich als Ökonomen die Vorstellung verschwendeter Ressourcen aus dem Bett: Statt sich mit den harten und komplizierten Fragen der nahen und weiteren Zukunft zu beschäftigen, verschwenden Konservative und Linke wertvolle Zeit damit, den infantilen Keksteig der Identitätspolitik zu löffeln.

Letzte Woche erregte zum Beispiel ein Papier aus dem Wirtschaftsministerium Aufsehen: Es könne nötig sein, das Renteneintrittsalter auf 68 anzuheben. Nur so ließe sich das Rentensystem noch stabilisieren. Während sich skandinavische Sozialdemokraten schon vor Jahren für eine kapitalmarktunterstützte Rente entschieden haben, die ein flexibles Renteneintrittsalter ermöglicht, fällt deutschen Sozialdemokraten nur die gleiche Leier über die Einbeziehung von Selbstständigen und freien Berufen ein. Und auch Konservative arbeiten sich lieber am Genderstern als an einer zukunftsfähigen Rente ab.

Nicht nur die Rente ist eine dieser zukunftsentscheidenden, erwachsenen Herausforderungen. Joe Biden besuchte zum ersten Mal als US-Präsident Europa. Grund genug für die wichtigsten politischen Gruppierungen in Deutschland, sich Gedanken über die Zukunft eines westlichen Staatenbündnisses zu machen. Die Bedrohung durch die kommunistische Partei in China und Diktaturen in Osteuropa und Russland nimmt zu. Jede Minute, die man sich über Gendersterne begeistert oder aufgeregt, ist eine Minute, in der diese Probleme nicht adressiert werden.

Emoticons, Memes und Gender-Gaga statt Zukunft der Rente und Kooperation des freien Westens – wenn es um die entscheidenden Themen der nächsten Jahrzehnte geht, hat sich die politische Debatte von Links bis Rechts infantilisiert. Statt sich den harten, komplizierten, aber erwachsenen Herausforderungen der Zukunft zu stellen, wählen viele politische Akteure lieber die infantil-einfache Befriedigung durch einen identitätspolitischen Aufschrei. Wir als Bürger haben eine erwachsene Diskussionskultur verdient. Und wir als Bürger wären sicherlich bereit, auf das eine oder andere genüssliche Löffeln von Keksteig auf dem Bürgersteig zu verzeihen, wenn sich die Politik endlich wie Erwachsene verhalten würde.

2 Kommentare
  1. Frank Thile
    Frank Thile sagte:

    Gar nicht einverstanden!

    Sie schreiben: „… treibt mich als Ökonomen die Vorstellung verschwendeter Ressourcen aus dem Bett: Statt sich mit den harten und komplizierten Fragen der nahen und weiteren Zukunft zu beschäftigen, verschwenden Konservative und Linke wertvolle Zeit damit, den infantilen Keksteig der Identitätspolitik zu löffeln.“

    Es handelt sich nicht um die Verschwendung von Ressourcen, sondern um die Bindung linker, destruktiver Kräfte. Die Gender-, Rassismus- und Diskriminierungsexperten würden sich ansonsten der Bekämpfung und Enteignung der bösen Wirtschaft und ihrer Innovationen widmen. Auch hätten Sie vermutlich noch ihre ursprüngliche, inzwischen vergraulte Kernwählerschaft und damit eine politische Mehrheit. Die (ansonsten auch sinnvoll einsetzbaren) Ressourcen der Konservativen halten diese taktisch wichtige Debatte am köcheln.

    Keksteig den Linken!

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.