Photo: National Portrit Gallery from Wikimedia Commons (CC 0)

Von Dr. Benedikt Koehler, Schriftsteller, bis zu seinem Ruhestand im Bankenbereich tätig.

Konservative mögen keine Ideologen. Aber sie machen eine Ausnahme bei Edmund Burke, einem Zeitgenossen der Französischen Revolution. Eine von Burkes Anschuldigungen gegen die Jakobiner war, einen ungeschriebenen Staatsvertrag verletzt zu haben, nämlich der Vereinbarung zwischen Generationen,  vergangener wie künftiger, zum wechselseitigen Wohl (“a contract … between those who are living, those who are dead, and those who are to be born.”). Auf Edmund Burke berief sich David Willetts 2010 in seinem Buch The Pinch über einen Bruch des Generationenvertrages unserer Zeit. Für Willetts verfährt nämlich die Generation der Baby Boomer nicht weniger unbedacht als seinerzeit die Jakobiner. Willetts, ehemals konservativer Parlamentarier, leitet in London die Resolution Foundation, die seit 2005 Studien zum Sozialgefälle in Grossbritannien vorlegt. Nun legt Willetts eine Aktualisierung vor und zeigt wie es seit 2010 weitergegangen ist. Manche seiner Beobachtungen dürften auch in Deutschland aufhorchen lassen.

Willetts unterteilt Gewinner und Verlierer im Sozialstaat: sie unterscheiden sich nach Jahrgang. Den Vorteil haben die Boomers (Jahrgang 1946 bis 1965), das Nachsehen die Millennials (1981 bis 2000). Boomers dominieren, durch ihre Ballung von Kaufkraft und Wahlzettel.

Vermögensangaben sprechen eine klare Sprache. Das Gesamtvermögen aller Briten besteht etwa zur Hälfte aus Immobilien und Pensionen. Boomers halten davon über die Hälfte. Die Boomers erwarben Immobilien zu erschwinglichen Preisen, beziehen heute üppige Renten, und seit 2010 haben sie noch zugelegt. Die Niedrigzinspolitik des letzten Jahrzehnts förderte zur Freude der Boomers die Immobilienpreise, die zwei Drittel der Zuwächse auf ihrem Habensaldo verbucht.

Anders sieht die Rechnung für Millennials aus. Sie müssen beim Hauskauf einen Aufschlag entrichten und daher bei sonstigen Ausgaben notgedrungen zurückstecken. Seit 1995 hat die Altersgruppe 75+ ihr Einkommen fast verdoppelt, die Altersgruppe unter-30 verdient gerade unwesentlich mehr als 1995. So kommt es, dass heute in Grossbritannien die Altersgruppe 75+ ein höheres Einkommen hat als die Altersgruppe unter-30.

Die Boomers sind nicht nur gut bei Kasse, sie haben auch bevorzugten Zugang zu staatlichen Transferleistungen. Willetts berechnet Ein- und Auszahlungen in Sozialfonds und kommt zu dem Ergebnis, dass die Jahrgänge der Boomers den relativ grössten Überschuss vereinnahmen. Boomers profitierten in ihrer Jugend von Privatisierung von Sozialwohnungen und nutzen im Alter subventionierte Medizin. Für Millennials stehen weniger Sozialwohnungen bereit und sie entrichten obendrein stattliche Studiengebühren. Im Vergleich zu ihren Eltern verbringen Millennials erheblich mehr Zeit für die Anfahrt zum Arbeitsplatz, müssen länger arbeiten bis sie in die eigenen vier Wände einziehen, und wenn es endlich soweit ist, ist diese Immobilie kleiner als die ihrer Eltern.

Es stellt sich die Frage nach probaten Eingriffen. Aber Verhaltensweisen, die letzlich vom Lebenszyklus bestimmt werden, entziehen sich staatlichem Zugriff, und so bietet auch Willetts kein Patentrezept für die Lösung dieser Probleme. Boomers müssen sich schon selbst fragen wie sie es halten: Ob mit Edmund Burke oder mit der Devise des ancien regime “après nous le deluge.”

1 Antwort
  1. Gero Pischke
    Gero Pischke sagte:

    Und im Vergleich der Boomer mit den Eltern der Boomer schneiden die Boomer schlechter ab. In Deutschland hatten die Eltern der Boomer geringere Steuern und Sozialabgaben zu leisten, besseren Krankenversicherungsschutz und heute mehr Rente bei weniger Beitragsjahren und Ihnen war es möglich, mit einem statt zwei Einkommen eine vierköpfige Familie durchzubringen. Ergebnis: Jede Generation steigt im Wohlstand im Vergleich zur vorherigen ab. Kleine Kompensation durch technische Entwicklungen und Preiswettbewerb.

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