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Denkmäler fallen. Für die einen die längst überfällige Bereinigungsmaßnahme, für andere geschichtsvergessener Vandalismus. Für alle könnte es allerdings ein guter Anlass sein, über unser Geschichtsverständnis nachzudenken. Was dabei herauskommt, schmeckt womöglich beiden Seiten nicht.

„Große Männer sind fast immer schlechte Männer.“

Heldenverehrung ist ein Problem. Der Historiker Lord Acton formulierte einmal: „Große Männer sind fast immer schlechte Männer.“ Wenn man lange genug gräbt, wird man eben nicht nur bei Leuten wie Karl dem Großen, Gustav Adolf und Metternich biographische Aspekte finden, die höchst problematisch sind. Auch bei Adenauer, Kennedy und Thatcher hat man schon mancherlei „Schmutzeleien“ ausmachen können. Machtpositionen haben meist nicht die Eigenschaft, Menschen charakterlich zu bessern. Und Menschen, die als Helden wahrgenommen werden, sind nun einmal in den meisten Fällen mächtige oder zumindest angesehene Personen.

Offene Gesellschaften sind auch erwachsene Gesellschaften. Und zum Erwachsenwerden gehört ein zunehmendes Verständnis für die Uneindeutigkeit und Ungereimtheit dieser Welt und ihrer menschlichen Bewohner. Offene Gesellschaften sollten sich distanzieren von dem Bedürfnis, Personen zu haben, zu denen man aufschauen kann: Idole, Anführer, Retter. Ganz besonders dann, wenn es sich nicht um Wissenschaftlerinnen oder Unternehmer handelt, um Menschen, die die Welt zu einem besseren Ort gemacht haben, sondern um Staatsleute – um Mächtige.

Beim Blick zurück besteht immer die Gefahr der Verklärung. Das sieht man zum Beispiel am Umgang mit einem Autokraten und Kriegsverbrecher wie Napoleon in einer freiheitlichen Demokratie wie Frankreich. Doch so wilde Blüten die Nostalgie bisweilen treibt, gibt es ganz offensichtlich auf der anderen Seite auch viel Übertreibung. Man kann und soll an die „großen Männer“ (und die paar „großen Frauen“, die es nach oben geschafft hatten) die moralischen Maßstäbe ihrer eigenen Zeit anlegen und wird feststellen: Lüge und Mord wurden durchaus auch schon früher als unmoralisch angesehen. Aber es ist absurd, zu erwarten, dass Menschen früherer Zeiten der Weltanschauung von Menschen im 21. Jahrhundert komplett konform sein müssten. Gerade wegen all dieser Ambivalenzen ist und bleibt es eine kluge Entscheidung, von Heldenverehrung Abstand zu nehmen. Es ist gut, dass wir kaum noch Denkmäler errichten. Und es wird nicht schaden, wenn die Straßen im Neubaugebiet nach Flüssen statt nach Feldherren benannt werden.

Die moderne Liebe zum Status Quo

Das 19. Jahrhundert hat uns vielerlei Prägungen beschert, die heute noch nachwirken. Dazu gehört auch eine ganz neue und absolutere Art der Bezogenheit auf die Vergangenheit. Parallel zur Ausformung des Konservatismus im politischen und gesellschaftlichen Bereich wurde der Status Quo nunmehr als etwas Erhaltenswertes angesehen. Diese Art, auf die Vergangenheit zu schauen, ist ein Phänomen der Moderne. Früher herrschte ein sehr viel hemdsärmeligerer Umgang mit der Welt von Gestern: Die mittelalterlichen Fürsten schleiften die Burgen ihrer Großväter und erbauten bessere, weil sie sich effizienter verteidigen mussten. Die Bischöfe im 18. Jahrhundert konnten mit den romanischen Abteikirchen und gotischen Domen nur wenig anfangen und ließen alles mit Pomp und Gloria des Barock überstreichen und überkleistern. Das Forum Romanum wurde als Steinbruch benutzt, Pergamente mit Texten von Aristoteles abgeschabt und keltische Grabbeilagen eingeschmolzen.

Erst im 19. Jahrhundert begann man, das Alte um des Alters willen zu schätzen, zu pflegen und zu erhalten. Die vielen Absurditäten der Denkmalschutzvorschriften führen einem täglich vor Augen, wohin das führen kann. Ein eingefrorener Status Quo wurde das Ideal, weil möglichst alles erhalten bleiben sollte, was menschlicher Geist jemals ersonnen hat. Im Zweifel auch auf Kosten möglicher Verbesserung. Aus dem wachsenden Entsetzen über die Respektlosigkeit der Alten vor dem noch Älteren entwickelte sich Europa zu einem musealen Kontinent. Dass mehrere grauenerregende Kriege von Napoleon bis Hitler viel Unschätzbares zerstörten, verstärkte die Wirkung dieses konservativen Romantizismus noch einmal massiv.

Die Mühsal des Diskurses bereitet den Weg zum gesellschaftlichen Frieden

Das Kuriose an der derzeitigen Situation ist, dass die heutigen Bilderstürmer nach alter Väter Sitte vorgehen: Von der Umbenennung von Universitäten, Straßen und Preisen bis zum Statuen-Sturz. All das hat es immer schon gegeben. Überall. Durch jeden. Die Reformatoren „säuberten“ die Kirchen von Heiligenbildnissen. Amerikanische Revolutionäre schmolzen Statuen des englischen Königs zu Munition ein. Die Preußen benannten im besetzten Rheinland Straßen nach ihren Generälen. In Magdeburg gibt es eine Brücke, die Königsbrücke (1903-1927), Hindenburgbrücke (1927-1945) und Wilhelm-Pieck-Brücke (1952-1992) hieß, bis man sie 1992 mit dem Namen Jerusalembrücke hoffentlich in Frieden entließ. Und wir alle kennen die Bilder der stürzenden Lenin-Statuen in Osteuropa nach 1989. Die Reihe der Beispiele würde kaum ein Ende finden. Es ist zumindest ahistorisch, wenn ein ganz bestimmter Stand eingefroren wird, der dann nicht mehr geändert werden soll; wenn alle Plätze ihren Namen und alle Standbilder ihren Ort beibehalten sollen – obwohl sie eigentlich nur eine Momentaufnahme in einem ständigen Prozess der Veränderung wären.

Die Bilderstürmer schießen oft übers Ziel hinaus und sprechen in ihren Methoden den Errungenschaften einer zivilisierten, am Diskurs orientierten, offenen Gesellschaft Hohn. Und die Bilderbewahrer huldigen einem künstlichen Status Quo, der viele Menschen einer ständigen Beleidigung, Demütigung oder Verletzung aussetzt. Es wäre wünschenswert, wenn es unseren freien Gesellschaften gelingen würde, in einen Prozess einzutreten, in dem offen und vorurteilsfrei über Denkmäler und Benennungen diskutiert werden kann: Hat ein fanatischer Demokratiefeind wie Ernst Thälmann ein Denkmal verdient? Muss die Universität Münster für alle Zeit den Namen des Kriegstreiber Wilhelm II. tragen? Ist es in Ordnung, mit dem Konterfei eines brutalen Schlächters wie Che Guevara Fashion-Kult zu betreiben? Sollte ausgerechnet jemand wie Friedrich Ludwig Jahn, der das unselige Konzept der Bücherverbrennung (auch eine Form des Bildersturms!) in unserem Land einführte, als Patron für Sportstätten dienen?

Wir stehen hier, wie so häufig, vor einer Frage, die keine eindeutige Antwort bietet, sondern uns herausfordert: Sind wir als Gesellschaft reif genug, um einen Prozess einzuleiten, in dem wir Veränderung ermöglichen und zugleich verhindern, dass geköpft, verbrannt und zerstört wird? Oder werden die Namen und Bildnisse der nächste Ort in unserer Gesellschaft, wo Spaltung und Dissens aufbrechen? Dann wird am Ende doch der Traum von Männern wie Carl Schmitt und Ernst Thälmann wahr, dass nicht Frieden und Wohlstand unser Streben und Leben bestimmen, sondern Symbol und Kampf. So legt man Äxte an die freie Gesellschaft.

1 Antwort
  1. Ernst Mohnike
    Ernst Mohnike sagte:

    Die Verantwortlichen der Stadt Budapest haben m. E. einen hervorragenden Beitrag zur Lösung des Problems geleistet, Soweit ich weiß, wurden alle „Denkmäler“ des „Realen Sozialismus“ in einem Themenpark neu aufgestellt und geben so heute jedem, der wissen will, wer, was und wie zu der Zeit „verehrt“ wurde, die Möglichkeit, diese „Denkmäler“ zu bestaunen. Und wer will kann sich etwas dabei denken. Warum nicht Themenparks „Kaiserreich“, „Weimar“ etc. pp.?

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