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Superreiche: genau hingesehen

Am von in der Kategorie Acton's Heir, Blog.

Photo: Mohammad Jangda from Flickr (CC BY-SA 2.0)

Die 62 reichsten Menschen haben so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Welt. Mit dieser plakativen Behauptung wollte die Organisation Oxfam die Welt wachrütteln. Werfen wir doch einmal einen Blick auf diese 62 Mega-Reichen …

Verschiedene Arten von Reichen

Schon seit einigen Jahren steht ganz oben auf der vom Magazin Forbes erstellten Liste der reichsten Menschen der Welt Bill Gates. Knapp 80 Milliarden Dollar, also etwa 73 Milliarden Euro, soll sein Privatvermögen betragen. Das ist eine Menge Geld. Allerdings hat Gates dieses Geld nicht unrechtmäßig erworben: Heerscharen von Microsoft-Kunden haben ihm gerne und freiwillig etwas gezahlt für seine Produkte. Dass die Gewinnspanne bei einem so wenig materialintensiven Produkt wie Software ziemlich hoch ist, kann man ihm nun nicht zum Vorwurf machen. Und wo wir schon bei Zahlenspielchen sind: Die Gates-Stiftung, die sich weltweit in den Bereichen Entwicklung, Gesundheit und Bildung engagiert, gab im Jahr 2014 mehr als sechs Mal so viel für ihre Programme aus wie Oxfam.

An zweiter Stelle in der Forbes-Liste rangiert Carlos Slim Helú aus Mexiko. Slims Vater war ein Syrischer Christ, der 1902 aus dem Libanon geflohen war. Er baute sich mit viel Fleiß und Geschick ein Geschäft auf und investierte die Gewinne klug in Immobilien. Auf dieser Grundlage konnte sein Sohn aufbauen und schuf im Laufe der Jahre ein gigantisches Firmenimperium. Dabei ging und geht es jedoch nicht immer mit rechten Dingen zu. Die Telefongesellschaft, die ihn richtig reich machte, erwarb Slim Anfang der 90er Jahre zu einem sehr geringen Preis und profitiert nachhaltig von ihr, weil politische Unterstützung ihm eine Monopolstellung auf dem Kommunikationsmarkt sichert. Slims Vater verdient, soweit wir das überblicken können, unseren ungeteilten Respekt. Slim selber hingegen ist ambivalent zu beurteilen: Sein unternehmerisches Handeln schafft Arbeitsplätze und mithin Wohlstand. Aber seine monopolgestützte Preispolitik schadet den Verbrauchern, ist also tendenziell eher ein Armut als Wohlstand fördernder Faktor.

Gegen die Versuchungen von Geld, Macht und Einfluss ist keiner immun

An sechster Stelle der Liste stehen die Koch-Brüder, über die in den deutschen Medien immer wieder die wildesten Geschichten kursieren. Wie Slim haben auch sie ihren Reichtum auf der Grundlage aufgebaut, die ihr Vater gelegt hatte. Der verdiente sich sein erstes Geld Anfang des 20. Jahrhunderts als Wanderarbeiter in den Niederlanden und Deutschland. Die beiden Brüder sind überzeugt von dem Wert individueller Freiheit und den Vorzügen der Marktwirtschaft. Dafür geben sie große Summen von Geld aus. Zu ihren konkreten Anliegen und Überzeugungen gehören: Eine Ablehnung US-amerikanischer Militärinterventionen und staatlicher Überwachung wie des PATRIOT Act von Präsident Bush. Die Überzeugung, dass der Krieg gegen die Drogen beendet und die Ehe für alle geöffnet werden soll. Und im vergangenen Jahr haben sie wesentlich daran mitgewirkt, Präsident Obamas Justizreformen durchzubringen. Erst jüngst war von den traditionellen Republikaner-Unterstützern eine heftige Fundamentalkritik an Donald Trump und Ted Cruz zu hören. Von dem dämonischen Ausbeutertum, das ihnen deutsche Journalisten bisweilen unterstellen, keine Spur – dafür aber ein stark ausgeprägtes Gefühl der Verantwortlichkeit.

Auch die Vermögen der meisten anderen, die die Forbes-Liste anführen, ist entweder von ihnen selbst oder von ihren Eltern aufgebaut worden. Ob das die Familie Walton ist, denen Walmart gehört, Liliane Bettencourt, die Besitzerin von L’Oreal,, die Gründer von Amazon, Facebook und Google oder, ein paar Plätze, später die Familien der „Aldi-Brüder“. Diese Menschen haben ein bedeutsames Vermögen, weil sie Produkte anbieten, für die andere Menschen gerne und in den meisten Fällen freiwillig bezahlen. Keine Frage: es gibt da Grauzonen. Das lässt sich besonders anschaulich am Beispiel Carlos Slim sehen. Milliardäre sind eben weder Teufel noch Engel. Und den Versuchungen, die Geld, Macht und Einfluss auf uns Menschen immer wieder ausüben, ist weder Bill Gates gegenüber immun, noch der Geschäftsführer von Oxfam, weder der Verfasser dieser Zeilen noch der Slumbewohner aus der Dritten Welt. Letztlich kommt es immer auf die persönliche Integrität an, nicht auf die Summen, die sich auf dem Bankkonto befinden.

Der steinreiche Sechsjährige

Und deshalb täte Oxfam besser daran, sich auf diejenigen Reichen zu fokussieren, die ihren Reichtum nachweislich auf zumindest dubiose Weise erlangt haben, statt pauschale Reichenschelte zu betreiben. Problematisch können die Reichen sein, die, wie das wohl bei Slim der Fall ist, politische Entscheidungen beeinflussen, die zu ihren Gunsten den Wettbewerb verzerren oder aushebeln. Denn wer das tut, der nimmt wirklich den Armen etwas weg. Problematisch sind die Oligarchen, die sich mit den Mächtigen ihres Landes verbünden und somit dafür sorgen, dass die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern keinen oder wenig Anteil haben können am Wirtschaftswachstum. Problematisch sind die Reichen, die mit ihrem Geld Terroristen und Diktatoren, korrupte Politiker und Bürokraten fördern und stützen und so einem Umfeld der Instabilität und Rechtlosigkeit den Boden bereiten. Vielleicht können sich die Leute von Oxfam (und Occupy und Campact …) mal mit den Kollegen von Amnesty International zusammensetzen. Die sind nämlich am tatsächlichen Unrecht viel näher dran. Das eigentliche Unrecht ist nicht das Profitstreben in einer Marktwirtschaft. Das eigentliche Unrecht geschieht dort, wo ein Wohlstand für alle verhindert wird durch Korruption, Repression und Rechtlosigkeit. Das ist der beste Nährboden für Armut und Elend.

Es ist schon vieles geschrieben worden zu der Studie von Oxfam: Darüber, dass der Reichtum der einen auch vielen anderen zugutekommt: über Arbeitsplätze, Konsumgüter, Innovation und natürlich auch Wohltätigkeit. Darüber, dass es in der Regel den Armen nicht besonders viel hilft, wenn die Reichen weniger reich sind. Und auch darüber, dass solche Zahlenspielereien Unsinn sind, wie kürzlich auf diesem Blog. Eine besonders schöne Anmerkung zu letzterer These von dem Blogger Pixelökonom sei zum Schluss noch angeführt:

„Mein sechsjähriger Sohn verwaltet in seiner privaten Sparkasse mehr Vermögen (ca. 30 Euro) als das gesamte Vermögen der untersten 30 Prozent der Welt beträgt, weil 30 Prozent aller Menschen kein positives Nettovermögen (Saldo aus Vermögen und Schulden) haben.“