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Freunde der Freiheit, ganz gleich ob gläubige Christen oder nicht, können in der Weihnachtsgeschichte manches entdecken, das ihnen vertraut und wertvoll vorkommen wird. Eine kleine Reise in die Vergangenheit.

Der Staat war nicht so hilfreich

Als Handwerker war Josef von Nazareth vermutlich ein geschätzter und angesehener Mann. Dass seine Braut ganz plötzlich und zumindest ungeplant schwanger wurde, barg Aufregungspotential. Aber Josef war ein gutmütiger Mann, sanft und fürsorglich. Die ganze Angelegenheit hätte man recht zivilisiert und unaufgeregt erledigen können, wenn da nicht plötzlich irgendwelchen römischen Apparatschiks die Idee gekommen wäre, Steuerlisten zu vereinfachen, um die Einnahmen des Staates zu erhöhen und planbarer zu machen. Diese Bürokratisierungsmaßnahme fiel nun unglücklicherweise mit der Zeit zusammen, in der seine Frau kurz vor der Geburt stand. Doch das römische Joch war nicht ein klein bisschen zu heben – der mühselige Weg nach Bethlehem, die Stadt von Josefs Ahnen, musste angetreten werden. Gesetz ist Gesetz.

Das gesamte Leben des bald zu gebärenden Jungen sollte von eher unerfreulichen Begegnungen mit staatlicher Macht und Gewalt gekennzeichnet sein: Es begann mit einem Blutbad unter Neugeborenen, das der lokale Machthaber Herodes in einem Wahn anordnete, und dem Klein-Jesus nur ebenso entkommen konnte. Und es endete mit der Vollstreckung eines Todesurteils, das von theokratischen Regional-Autoritäten im Verein mit der Wucht des römischen Zentralstaates verhängt und vollstreckt wurde. Ob es um das ungestörte einfache Leben seiner Familie ging oder um die freie Religionsausübung: der Staat in seinen verschiedensten Ausprägungen stand immer eher im Weg der Person, der für Christen der Heiland und für Abermillionen von anderen Menschen ein herausragender moralischer Kompass war und ist.

Schablonen passen hier nicht

Das jungvermählte und hochschwangere Paar reiste aus Nazareth an, einem winzigen Kaff in einer Gegend namens Galiläa – zu Deutsch „Bezirk der Heiden“. Von dort nach Bethlehem unweit Jerusalems war man mit einer entsprechend beeinträchtigen Frau gewiss etliche Tage unterwegs. Nazareth, das war nämlich nicht jüdisches Kernland, nicht Teil der Jerusalemer Metropolregion mit Zugang zum Establishment. Nazareth war fast schon jüdische Endstation, kurz vor der Grenze. In Jerusalem ulkte man snobistisch beim Auftreten Jesu „Was soll aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Der Geburtsort Bethlehem hätte da schon etwas mehr Glamour versprühen können, schließlich war dort einst auch der bedeutendste jüdische König, David, geboren worden. Aber diese Stimmung wollte vermutlich an der Futterkrippe, in die sie das Neugeborene legen mussten, auch nicht so recht aufkommen.

Und dann kam es – zumindest aus Sicht eines arrivierten Jerusalemer Bürgers – noch viel, viel schlimmer. Dieses uneheliche Kind von Eltern aus dem dubiosen Hinterland zog auch noch eine absolut unappetitliche Gruppe an Menschen an. Die Hirten, die wir in den Weihnachtsliedern immer so nett besingen, waren nämlich mitnichten hochrespektierte Ökolandwirte, die für artgerechtes Tierwohl sorgten. Die Hirten waren Penner, von denen sich jede ehrbare Person, ganz gleich ob Jude, Grieche oder Römer, tunlichst fernhielt. Die Leute, die sich da plötzlich begeistert bei Maria, Josef und dem Säugling tummelten, standen am alleruntersten Ende der sozialen Leiter – ohne irgendeine Chance, deren nächste Sprosse überhaupt zu sehen. Das Abwegige, Unkonventionelle, das gegen den Strich Gebürstete bildete den Hintergrund für das Erscheinen des angeblichen Messias.

Ohne Sprung ins kalte Wasser keine (Er-)Lösung

Die ganze Weihnachtsgeschichte lebt freilich vor allem von einem ganz spezifischen Charakterzug der wesentlichen Beteiligten: Mut und Offenheit. Dass Josef sich auf den Deal mit Maria eingelassen hatte wie schon Maria auf den Deal mit dem Engel. Dass die asozialen Hirten mit derselben Selbstverständlichkeit empfangen werden wie die abgedrehten Astrologen aus irgendwelchen unbekannten fremden Gegenden. Die beiden jungen Eltern haben sich weder von staatlicher Macht verrückt machen lassen noch durch Konvention einschränken lassen, sondern sind ihrem Gewissen, ihrer Überzeugung und ihren Werten gefolgt. Und sie haben sich getraut, neue Wege zu gehen, haben Ängste und Bedenken besiegt. Ob man Christin ist oder nicht – man wird zugestehen müssen: Ohne Marias und Josefs Bereitschaft, „ins Unbekannte, ins Ungewisse und ins Unsichere weiterzuschreiten“ (so definierte Karl Popper einmal, was den Menschen ausmacht) hätte die Weltgeschichte sehr anders ausgesehen. Und die Moral von der Geschicht:

O du fröhliche, o du selige,
freiheitsbringende Weihnachtszeit!
Staat wollte zwingen,
Sollte nicht gelingen!
Freue dich, freue dich, o Menschenheit!

O du fröhliche, o du selige,
freiheitsbringende Weihnachtszeit!
Unguten Zwängen
Sich zu entsprengen:
Freue dich, freue dich, o Menschenheit!

O du fröhliche, o du selige,
freiheitsbringende Weihnachtszeit!
Mutig nun schreiten,
In neue Weiten!
Freue dich, freue dich, o Menschenheit!

1 Antwort
  1. Wolfram Strienz
    Wolfram Strienz sagte:

    Pures Gold ❤
    … das die einst monopolisierte und heute von anderen Korruptionen begleitete Lutherbibel leider arg versteckt. So ein Zufall…

    Antworten

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