Foto: toholio from Flickr (CC BY-SA 2.0)

Alle vier Wochen befassen sich Dilara Wiemann und Alexander Albrecht in „The Argument“ auf dem Boden freiheitlicher Überzeugungen, aber aus kontroversen Blickwinkeln mit unterschiedlichen Themen. Im Englischen steht Argument sowohl für die Auseinandersetzung als auch für die rationale und logisch begründete Aussage – also letztlich für Erkenntnisgewinn. Und um den soll es in dieser Kolumne gehen!


Dilara Wiemann: Wenn die Zeit nicht alle Wunden heilt

Alexander Albrecht: Liebling, ich habe die Kaufkraft geschrumpft! – Warum die Inflation nicht bleiben wird


Wenn die Zeit nicht alle Wunden heilt
Von Dilara Wiemann

Die steigende Inflation betrübt in diesem Jahr die Gemüter der Verbraucher. Ökonomen debattieren derzeit, ob die hohen Inflationsraten von kurzfristiger oder dauerhafter Natur sind. Ist es wahrscheinlich, dass uns die hohen Inflationsraten noch lange begleiten werden?

Freilich erholt sich die europäische Konjunktur: Nachholeffekte der Pandemie heizen die Wirtschaftslage ein. In Kombination mit den steigenden Energiepreisen und der Anhebung der zeitweilig gesenkten Mehrwertsteuer treibt das die Inflation in fast vergessene Höhen. Diese Sondereffekte sind allerdings nicht Grund der Teuerung, sondern verstärken ebenjene: Denn die Kerninflation steigt. Von August bis November 2021 wuchs sie in Deutschland von 1,6% auf 1,9% an. Die Kerninflationsrate gilt als zuverlässiger, da bestimmte Güter, deren Preise zu starken Schwankungen neigen, bei der Berechnung nicht herangezogen werden. Dazu zählen zum Beispiel Lebensmittel- und Energiepreise.

Außerdem werden die globalen Lieferketten langfristig transformiert. In vielen Branchen setzen Unternehmen bereits jetzt auf eine stärkere Regionalisierung, um eine Abhängigkeit von außereuropäischen Standorten zu verhindern. Diese Maßnahmen kann die Volkswirtschaften zwar resilienter gegenüber Lieferengpässen machen, führt aber zu höheren Produktionskosten. Ferner wird sich die die nun stärker forcierte Dekarbonisierung in Form von steigenden CO2-Preisen und damit erhöhten Verbraucherpreisen für Gas, Benzin und Strom niederschlagen. Die demografische Entwicklung ist ein zusätzlicher Brandbeschleuniger dieser Preissteigerungen: Aufgrund des daraus resultierenden Fachkräftemangels werden die Lohnkosten ansteigen. Es gibt es also insgesamt eine Vielzahl struktureller Faktoren, die für einen anhaltenden Inflationsdruck in Deutschland sprechen.  .

Besonders links der politischen Mitte wird die aktuelle Entwicklung gerne als vorübergehendes Phänomen abgetan. Ein entscheidendes Argument darf aber nicht vergessen werden: Die ultralockere Geldpolitik der EZB birgt dauerhafte Inflationsrisiken.

Die Inflation ist kein Phänomen, das einfach vom Himmel fällt oder gar der Pandemie zuzuschreiben wäre. Im Gegenteil: Die unentwegte Geldvermehrung aus der Druckerpresse führt zur Entwertung des Geldes. Die EZB finanziert schon seit gut einem Jahrzehnt mit ihrer ultralockeren Geldpolitik die Schulden der strukturschwachen Mitgliedsstaaten. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Insgesamt knirscht es damit gewaltig im Maschinenraum Europas. Selbst wenn die gegenwärtigen Sondereffekte, die die Preissteigerung aktuell treiben, abklingen: Der demografische Wandel, die Dekarbonisierung und die von der EZB getriebene EU-Schuldenfinanzierung bergen erhebliche Inflationsrisiken.

Doch was tun? Der langfristige Strukturwandel unserer Volkswirtschaft lässt sich nicht einfach durch die Politik verändern. Ein Ausweg wäre jedoch die Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik der EZB. Verbunden mit den notwendigen Reformen in den strukturschwachen Mitgliedsländern wäre das wohl das beste Mittel, um dem Problem der Inflation in Deutschland dauerhaft etwas entgegenzuhalten. Sonst sind die Leidtragenden vor allem die Sparer und Unternehmen.


Liebling, ich habe die Kaufkraft geschrumpft! – Warum die Inflation nicht bleiben wird
Von Alexander Albrecht

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe – das Statistische Bundesamt meldete im September eine Inflationsrate von sage und schreibe 4,1 %, der höchste Wert in Deutschland seit Dezember 1993. Sofort war die Rede von einem „Inflationshammer“ (Dietmar Bartsch), manch einer forderte gar die Einführung einer Inflationspreisbremse. Die aktuelle Angst, dass nach einer Dekade von Nullzinsen nun eine Ära mit dauerhaft hoher Inflation auf uns wartet, ist nicht komplett unbegründet. Betrachtet man jedoch die makroökonomische Großwetterlage in Deutschland, so gibt es gute Gründe, die für die Annahme sprechen, dass die aktuell hohen Inflationsraten ein vorübergehendes Phänomen sind.

Zunächst gilt zu konstatieren, dass ein Teil der Inflationserhöhung in Deutschland auf einen statistischen Sondereffekt durch die Absenkung der Mehrwertsteuer im Sommer 2020 zurückzuführen ist. Nach der Beendigung dieser Konjunkturmaßnahme stiegen die Preise, und damit auf die Inflationsrate, logischerweise wieder an. Die Einführung eines CO2 Preises am Anfang dieses Jahres sowie der globale Preisverfall auf Mineralölprodukte trugen weiterhin zu einem allgemein höheren Preisniveau bei. Eine langfristige Auswirkung auf die Veränderung der Inflationsraten haben solche einmaligen Maßnahmen jedoch nicht.

Zweitens sei angemerkt, dass ein erheblicher Teil der aktuellen Inflation durch globale Lieferengpässe bestimmt wird. Die staatlich stimulierte aggregierte Nachfrage trifft aktuell auf ein zu kleines Angebot, was die Preislevel temporär steigen lässt. Eine Weltwirtschaft ist eben kein Computer, den man nach langem Stand-By auf Knopfdruck wieder in den Höchstleistungsmodus versetzt. Vor diesem Hintergrund ist es logisch, dass globale Lieferschwierigkeiten nicht im Gleichschritt mit der Pandemie abklingen. Aber sobald die Mehrzahl der großen Containerschiffe wieder sanft über die Weltmeere schippert, dürfte ganz ohne monetäre Stimulation viel Druck auf die Inflation entweichen.

Die einzige Möglichkeit, wie die gegenwärtige Krise eine dauerhafte Steigerung der Inflation hervorrufen könnte, wäre durch dauerhaft gestiegene Inflationserwartungen. Wenn Haushalte und Unternehmen mehr Inflation erwarten, kommt es zu einem „Hot Potato“ – Effekt: Haushalte und Unternehmen haben keinen Anreiz mehr zu sparen, und wollen ihr Geld möglichst schnell wieder loswerden, entweder durch Konsum oder Investition. Bei gleichbleibendem Output erhöht sich so dauerhaft die Inflation durch die gestiegene Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Im Oktober erreichte der 5-Jahres Inflationsswap der Europäischen Zentralbank erstmals das 2 % Niveau. Nachdem die EZB jahrelang das Inflationsziel von „nahe 2 %“ immer kontinuierlich unterschritt, steigen die Inflationserwartungen nun zum ersten Mal auf die als Ziel fixierten 2 % an. Die gestiegenen Inflationserwartungen sind jedoch keine ernsthafte Gefahr, sollte die EZB es schaffen, die Inflationserwartungen langfristig fest um das 2 % Ziel zu verankert. Hierzu wäre im Sinne der weisen Vorausschau eine falkenhafte Geldpolitik von Nöten, um sich klar zum Ziel der Preisstabilität zu bekennen.

Wachsamkeit in der Geldpolitik lautet somit das Gebot der Stunde. Obwohl die aktuell hohe Inflationsrate sich primär aus globalen Lieferengpässe und statistischen Sondereffekten erklärt, sollten Zentralbänker die Entwicklung der Inflationserwartungen genau im Blick behalten. Aber aus der gegenwärtigen Situation ablesen zu wollen, dass uns nun eine Ära dauerhaft hoher Inflation bevorsteht, ist nicht wissenschaftlicher als der Blick in die Glaskugel.

3 Kommentare
  1. Thomas Brammer-Türck
    Thomas Brammer-Türck sagte:

    Ich teile diese Einschätzung und darf ergänzen, dass sich der eine oder andere Unternehmer diese Situation zunutze macht, und seine Preise deutlich erhöht. Das Argument der Verzögerungen bei den Lieferketten hilft so recht gut bei Umsatz- und Ertragsengpässen.
    Man sollte den Einfluß der Bundesbank gegenüber der EZB unter diesen Umständen neu überdenken. Der Nationalstaat braucht mehr nationalen Einfluß. Sich einer halt- und zügellosen Geldpolitik seitens der EZB zu überlassen, führt eben zu der doch wohl kaum noch zu bremsenden Inflation.
    Herrn Dragies Erbe muss endlich begraben werden!

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  2. Michael von Prollius
    Michael von Prollius sagte:

    In eine ähnliche Richtung läuft die Argumentation von Norbert Michel, CATO, für die USA:
    Kommentierte Zusammenfassung: https://forum-freie-gesellschaft.de/teuerung-ohne-zentralbankeinfluss/
    Original: https://www.alt-m.org/2021/11/19/inflation-a-brief-look-back-and-a-path-forward/
    Michel erwartet indes keine Rückkehr zum alten Inflationsniveau.

    Von den „Granden“ wissen wir, dass Inflation immer und überall ein monetäres Problem ist.
    Die seit mehreren Monaten offiziell gestiegene Teuerung der Konsumentenpreise gesellt sich nun zur Jahre langen Vermögenspreisinflation. Was müsste vor dem Hintergrund der Jahrzehnte währenden stark expansiven Geldpolitik passieren, damit die Entwertung des Geldes und die Teuerung von Gütern wieder zurückgeht?

    Antworten
    • Alexander Albrecht
      Alexander Albrecht sagte:

      Lieber Herr von Prollius,

      vielen Dank für die Verlinkung des spannenden Artikels von Norbert Michel, den ich gerne lese und schätze. Lassen Sie mich kurz anmerken, dass ich die Lage in der Europäischen Union und in Amerika fundamental anders einschätze. Gerade die von mir thematisierten Infaltionserwartungen sind in den USA ja deutlich stärker gestiegen als in der Europäischen Union. In der USA ist die Lage auch eine andere, weil man hier vielleicht auch schon an die Grenze von sustainable debt limits gestoßen ist. Ohne große Expertise würde ich hier eher vermuten, dass die Inflation länger bleiben wird, als vorher angenommen.

      Die Frage, was vor dem Hintergrund der langjährigen Nullzinspolitik passieren muss, ist strittig und untrennbar damit verbunden, was man denn als Grund für die Nullzinspolitik sieht. Wenn man, wie das beispielsweise Paul Schmelzing von der Bank of England, die Nullzinspolitik im historischen Kontext analysiert, dann könnte man argumentieren, dass Zeitpräferenzn von Individuuen sich aufgrund der längeren Lebenserwartung, des technischen Fortschritts und veränderten Marktkonzentration verschoben haben. In einem solchen Falle kann die Zentralbank nur sehr wenig tun. Die auszumachende Lösung hängt, mal wieder, von der Theorie ab.

      Viele Grüße,
      Alex

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