Sparschweine mästen, und nicht abmagern

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Von Dr. Alexander Fink, Universität Leipzig, Senior Fellow des IREF – Institute for Research in Economic and Fiscal Issues und Kalle Kappner, Promotionsstudent an der Humboldt-Universität zu Berlin, Research Fellow bei IREF, Fackelträger von Prometheus.

Deutschlands „Schwarze Null“ der Neuverschuldung alleine reicht nicht, um eine Rezession Hierzulande sicher ausschließen zu können. Ein vom Export abhängiges Land wie Deutschland tut gut daran auch seine Partner von einer stabilitätsfördernden Fiskalpolitik zu überzeugen.

Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in einer Volkswirtschaft steigt mit dem Volumen ausstehender Schulden. Das legen Ergebnisse ökonomischer Forschung nahe. Zwar ist Deutschlands Schuldenbelastung im internationalen Vergleich gering, doch gibt der hohe Schuldenstand in vielen anderen Ländern Anlass zur Besorgnis. Kommt es im Ausland zu ausgeprägten Verwerfungen auf den Finanzmärkten und in der realen Wirtschaft, bleibt ein hochgradig in die Weltwirtschaft integriertes Land wie Deutschland von den Wirkungen auch bei niedrigem Schuldenstand nicht vollends verschont. Finanzminister Olaf Scholz sollte bei seinen Kollegen dafür werben, ebenfalls ausgeglichene Haushalte anzustreben. Das wäre zwar nur ein Anfang, denn auch die privaten Schuldenstände sind anderswo hoch. Aber ein Anfang wäre es.

Schulden und Krisen

Empirisch ging vielen Konjunkturabschwüngen ein wachsender Verschuldungsgrad von privaten Haushalten, Unternehmen und Staaten voraus. Die in der Fachliteratur als Finanzzyklus bezeichneten Aufs und Abs der Kreditvergabe gelten entsprechend als zuverlässiger Indikator für die Entwicklung der realwirtschaftlichen Konjunktur. Das gilt auch für die Wirtschaftskrise ab 2008, der ein starker Anstieg des Niveaus der gesamten Schulden im Verhältnis zum BIP voranging.

Zwar verlaufen Finanz- und Konjunkturzyklen nicht synchron – erstere dauern typischerweise 15 bis 20 Jahre, während letztere in entwickelten Volkswirtschaften 5 bis 8 Jahre anhalten. Doch fallen die Spitzen des Finanzzyklus, also die Zeiten höchster Verschuldung, häufig mit Finanz-, Banken- und allgemeinen Wirtschaftskrisen zusammen.

Exzessive Kreditvergabe kann Wirtschaftskrisen auslösen – zum einen, weil sie gehäufte Fehlinvestitionen begünstigt, deren Bereinigung sich in Krisen äußert, zum anderen, weil hoch verschuldete Volkswirtschaften gegenüber exogenen Schocks wie Handelsflauten weniger widerstandsfähig sind. Fallen die Kurse von Vermögenswerten auf breiter Front und geht die wirtschaftliche Aktivität zurück, können viele Schuldner ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen, wodurch weitere Marktteilnehmer in Zahlungsschwierigkeiten geraten.

Schuldenstand in Deutschland vergleichsweise niedrig…

Die Verschuldung von Privathaushalten, Staat und nicht im Finanzsektor tätigen Firmen fällt in Deutschland im internationalen Vergleich relativ gering aus. Die jüngsten international vergleichbaren Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich beziehen sich auf das dritte Quartal 2017.

Mit einer Quote von rund 178 % des Bruttoinlandsprodukts lag die Summe der Verschuldung privater Haushalte, Nicht-Finanzunternehmen und des Staates in Deutschland deutlich unter dem Verschuldungsgrad von Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Italien oder den USA, die alle eine Quote von über 250 Prozent aufwiesen. Deutschland lag auch unter dem Durchschnitt der Eurozone (260 %) und der G20 (246 %).

 

 

In besonderem Maße tragen dazu die niedrigen Schulden von nicht im Finanzsektor tätigen Firmen bei. Deren Verschuldung fällt mit rund 54 % des Bruttoinlandsprodukts nur halb so hoch aus wie im Eurozonendurchschnitt (102,2 %) und in den G20 (96,1 %).

 

 

Auch die Privathaushalte waren im Vergleich zum Eurozonen- (57,9 %) und G20-Durchschnitt (61 %) mit 53,1 % des Bruttoinlandprodukts unterdurchschnittlich verschuldet.

 

 

Bezüglich der Staatsverschuldung befand sich Deutschland mit rund 70 % des Bruttoinlandsprodukts ebenfalls deutlich unter dem Eurozonendurchschnitt (100 %) und auch unter dem Durchschnitt der G20 (89 %).

 

 

Im Gegensatz zu den meisten Eurozonenländern war die deutsche Gesamtverschuldungsquote über die letzten 20 Jahre recht stabil und seit einigen Jahren rückläufig. Zwar stieg im Zuge der Finanzkrise von 2012 die deutsche Staatsverschuldung an, doch fiel dieser Anstieg geringer aus als im Eurozonendurchschnitt.

 

 

… aber Gefahr durch hohe weltweite Verschuldung

Wäre Deutschland eine isolierte Volkswirtschaft, gäbe angesichts des vergleichsweise niedrigen Schuldenniveaus wenig Grund zur Sorge vor einer durch hohe Schuldenstände ausgelösten Krise der realen Wirtschaft. Doch die deutsche Wirtschaft ist international stark vernetzt. Zwar ist sie durch die niedrigen Schuldenstände vor einer Finanzkrise, in der die Preise vieler Vermögenswertklassen fallen, relativ gut gewappnet. Geht jedoch die Nachfrage nach deutschen Produkten aufgrund einer Finanz- und Realwirtschaftskrise im Ausland zurück und müssen Kredite an Ausländer abgeschrieben werden, ist es auch mit dem deutschen Konjunkturhoch und der historisch niedrigen Arbeitslosigkeit schnell vorbei.

Angesichts des weltweit hohen und weiter steigenden Schuldenniveaus besteht für die deutsche Politik daher kein Anlass zum entspannten Zurücklehnen. Vielmehr sollte Finanzminister Scholz an der „schwarzen Null“ festhalten und unter seinen Eurozonen- und G20-Kollegen für eine nachhaltigere Schuldenpolitik werben. So würden die Staaten zumindest einen Beitrag zu mehr Finanzstabilität leisten, statt Öl ins Feuer zu gießen.