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Vor ziemlich genau fünf Jahren sprach Angela Merkel ihr mittlerweile berühmt-(berüchtigtes) „Wir schaffen das“ in Reaktion auf das Eintreffen von Hunderttausenden Geflüchteten innerhalb kürzester Zeit. Die Aussage der Bundeskanzlerin wurde besonders häufig bemüht, wenn es um die zukünftige Integration von Zuwanderern in den deutschen Arbeitsmarkt ging: Für die einen stand der Spruch für einen motivierenden Optimismus, für die anderen strotze er vor Zynismus angesichts der Hilflosigkeit der deutschen Politik. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wirft nun einen frischen Blick auf die arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen der Flüchtlingskrise von vor fünf Jahren und stellt die Frage: Haben wir es geschafft?

Neue IW-Studie: Schaffen wir das?

Die Studie gibt keine abschließende Antwort, zeigt aber: Integration von Zuwanderern im Arbeitsmarkt ist ein Marathon und kein Sprint. Die Arbeitslosenquote von Personen aus klassischen Asylherkunftsländern liegt noch immer bei knapp 40 Prozent, der Fachkräfteanteil der Beschäftigten liegt auch nur bei ungefähr der Hälfte und ein Großteil der Beschäftigten aus diesen Ländern übt unqualifizierte Tätigkeiten aus. Doch selbst für Menschen ohne Migrationshintergrund ist die Integration am Arbeitsmarkt oft ein langwieriger Prozess. Die jüngsten Zahlen sprechen dafür, dass wir auf einem guten Weg sind, diesen Marathon recht ordentlich zu absolvieren.

Die IW-Studie zeigt, dass die Integration der Geflüchteten „in Bildungssystem und Arbeitsmarkt […] in den letzten Jahren zügig vorgangeschritten“ ist. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig-beschäftigten Auszubildenden, insbesondere aus den wichtigsten Asylherkunftsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien, hat sich zwischen Dezember 2015 und Dezember 2019 verachtfacht. Die Beschäftigungsquote der Zuwanderer aus diesen Ländern ist im Zeitraum zwischen April 2016 und November 2019 von 10,9 auf 30,8 Prozent gestiegen. Auch wenn die Corona-Pandemie dieser positiven Entwicklung einen leichten Schlag versetzt habe, ist der langfristige Trend unübersehbar positiv. Doch zeigen die Zahlen des IW auch folgendes: ein solcher Marathon braucht arbeitsmarktpolitische Fitness. Das IW identifiziert dafür zwei wichtige Elemente: einen deregulierten und flexiblen Arbeitsmarkt sowie kreatives und regional gestreutes Unternehmertum.

Zeitarbeit: Ungerechtfertigt in der Kritik

Zugegebenermaßen ist Deutschland für Flexibilität und Dynamik auf dem Arbeitsmarkt in etwa so bekannt wie für seine Marathon-Olympiasieger. Insbesondere Konzepte wie Arbeitnehmerüberlassungen bzw. Leiharbeit geraten immer wieder in den Fokus von Kritikern liberalisierter Arbeitsmärkte. Doch nicht erst die neue Studie des IW zeigt, wie wichtig Leiharbeit für den Übergang von Arbeitslosigkeit in Erwerbsarbeit ist. In der Leiharbeit werden Kenntnisse und Fertigkeiten erworben, die dann auch künftigen Arbeitsgebern signalisieren, worauf sie bei einer Einstellung hoffen können. Insbesondere für Zuwanderer ist dieses Mittel überproportional wichtig. Mit 13 Prozent hat ein vergleichsweiser großer Teil der ökonomisch erfolgreichen Zuwanderer am Anfang bei einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet. Da viele Zuwanderer nicht die passenden Qualifikationen haben, die Sprache noch nicht hinreichend beherrschen und die nötige Arbeitserfahrung fehlt, helfen Zeitarbeitsfirmen als Sprungbrett, um den nächsten Schritt in einer erfolgreichen Erwerbsbiographie zu gehen. Entgegen weit verbreiteter Annahmen helfen flexiblere Arbeitsmärkte also nicht nur deutschen Arbeitsgebern, sondern auch ausländischen Arbeitsnehmern.

Unternehmen mit verbundenen Beinen gewinnen keine Rennen

Während Deutschland nicht besonders bekannt ist für dynamische Arbeitsmärkte, ist es sehr wohl bekannt für seine regional-diverse Unternehmensstruktur. Kleine und mittlere Unternehmen von Flensburg bis Rosenheim prägen die deutsche Unternehmenslandschaft und stellen dabei 75% der Beschäftigten aus Asylherkunftsländern an. Insbesondere die flächendeckende Verteilung sowohl von Unternehmen als auch von Zuwanderern über ganz Deutschland wird häufig als großer Vorteil des deutschen Systems hervorgehoben. Hierzulande werden sowohl industrielle Klumpen-Bildung als auch Ghettoisierung weitgehend vermieden. Doch überstrapazieren eine Vielzahl von Problemen dieses Rückgrat einer gelungenen Integration: Die mangelnde Attraktivität von Risikokapital in Deutschland verhindert viele wichtige Investitionen in die Infrastruktur deutscher kleiner und mittelständischer Unternehmen. Explodierende Strompreise machen die Produktion von in Deutschland gefertigten Produkten unattraktiv. Und die veralteten Strukturen der deutschen Bürokratie verhindern, dass sich die deutsche Unternehmerlandschaft auf das konzentrieren kann, was sie am besten kann: Werte schaffen. Mit Läufern, denen die Beine zusammengebunden sind, lässt sich kein Rennen gewinnen.

Die Zahlen aus der neuen Studie des IW Köln zeigen zweierlei: Zum einen, dass auch fünf Jahre nach der „Flüchtlingskrise“ die Integration in den Arbeitsmarkt noch nicht so weit gelungen ist, dass sich die Situation etwa auf das hiesige Gesamtniveau eingependelt hätte. Integration ist ein Marathon und kein Sprint. Zweitens zeigen die Zahlen aber auch, dass wir uns auf dem Marathon in die richtige Richtung bewegen. Bessere Fitnesswerte bei Arbeitsmarktflexibilität und unserer dezentralen Wirtschaftsstruktur werden aus dem Integrationsmarathon zwar keinen Integrationssprint machen können. Doch würden sie helfen, dass wir nicht wieder weitere fünf Jahre brauchen, um den nächsten Meilenstein zu erreichen. Profitieren werden davon übrigens nicht nur Geflüchtete, sondern auch viele deutsche Staatsbürger.

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