Photo: young shanahan from Flickr (CC BY 2.0)

Die Verteilung der knappen Corona-Impfstoffe ist ein faszinierendes ökonomisches Problem. Wie ist es dabei um die Verhältnisse von Markt und Moral, Gerechtigkeit und Effizienz bestellt?

Wenn es um die Impfstoffverteilung geht, sind Vertreter von Marktwirtschaft und Liberalismus verdächtig still. Man beschränkt sich allenthalben darauf, die deutsche Bürokratie und das europäische Beschaffungsprogramm zu kritisieren. Dabei kommt wenig Erhellendes herum –  dafür aber umso mehr Lamenta. Grund genug also, einmal nachzuforschen, was es mit der Impfstoffverteilung auf sich hat. Ein Versuch, Markt und Moral der Impfstoffverteilung zu entwirren.

Der Corona-Impfstoff: Privates und öffentliches Gut zugleich

Der Corona-Impfstoff ist ein komplexes Gut. Nicht nur, weil er eine wissenschaftliche Meisterleistung ist, die in ihrem Zustandekommen ohne Frage als Meilenstein der globalen Kooperation von Wissenschaft und Unternehmertum eingeht.  Auch aus ökonomischer Sicht sind die Immunseren, die uns die Rückkehr zum schmerzlich vermissten sozialen Leben ermöglichen sollen, durchaus besonders. Im direkten Gebrauch sind Impfstoffe private Güter. Es ist ohne weiteres möglich, potenzielle Nutzer auszuschließen und einmal injiziert steht eine Dosis keiner weiteren Person mehr zu Verfügung. Allerdings produziert die Corona-Impfung, quasi nebenbei, auch noch ein öffentliches Gut: die (Herden)-Immunität. Das macht das private individuelle Impfen zum Mittel zum Zwecke der öffentlichen Immunität. Wird ein genügend großer Teil einer Bevölkerung geimpft, so sinkt die Ansteckungsgefahr selbst für Nicht-Geimpfte. Es ist weder möglich, Teile der Bevölkerung von der Herdenimmunität auszuschließen noch minimiert deren „Nutzung“ den Wert für andere.

In der Theorie werden private Güter am effizientesten durch Märkte bereitgestellt und öffentliche Güter durch Staaten. Das wird damit begründet, dass der Markt mit seinem Preissystem bei öffentlichen Gütern schlicht versage. Sogenanntes Marktversagen ist die Hauptantriebsfeder des Staates. Ihm wird die Aufgabe zugedacht, dort ordnend und mäßigend einzugreifen, wo die Marktkräfte unerwünschte oder ineffiziente Ergebnisse erzielen. Doch nun wird es kniffelig. Denn es ist ein Trugschluss, dass es für jedes ökonomische Problem eine „perfekte“ Lösung ohne Reibungsverluste gibt. Dieser sogenannte Nirvana-Fehlschluss, geprägt von dem 2019 verstorbenen Ökonomen Harold Demsetz, beruht auf dem Vergleich des Realisierbaren mit einem lediglich abstrakten Idealzustand. Anders ausgedrückt: Es ist nicht ausgemacht, dass der Staat Allokationsprobleme zwangsläufig besser, gerechter oder effizienter löst als ein „versagender“ Markt. Tatsächlich lässt die Geschichte der Staatlichkeit arge Zweifel an der Fähigkeit des Staates zu, Fälle von Marktversagen erfolgreich auszugleichen.

Wäre eine marktwirtschaftliche Verteilung der Impfstoffe also vielleicht sogar zu bevorzugen?

Die Doppelmoral der internationalen Impfstoffverteilung

„Die Impfstoffverteilung dem Markt überlassen – nun geht er aber wirklich zu weit!“ Ach ja? Wie werden denn die bisher zugelassenen Impfstoffe vergeben? Teilt die WHO wöchentlich die neu produzierten Impfdosen „gerecht“ auf die globale Bevölkerung auf? Nein, denn während in Deutschland neidisch und mit Schaum vor dem Mund nach Israel geblickt wird, das sich frühzeitig Impfdosen zu einem deutlich höheren Preis gesichert hat, guckt der ganz überwiegende Teil der Weltbevölkerung noch komplett in die Röhre – und daran wird auch die globale Verteilungsinitiative COVAX nur sehr langsam etwas ändern können. Nicht Bedarf oder ein irgendwie gearteter Gerechtigkeitsstandard regeln den frühen Zugang zu Corona-Impfstoffen, sondern die Zahlungsbereitschaft der Industrieländer auf einem Markt. So ehrlich sollten wir sein.

Warum aber ist es gerecht, dass der deutsche Staat seinen Senioren ein Vorrecht auf eine Impfung erkauft, während gleichzeitig die Vorstellung eines preisgesteuerten Allokationssystems innerhalb Deutschlands hanebüchen, unethisch, und – sagen Sie es nicht – auf schlimmste Weise neoliberal wäre? Warum gelten die immer wieder zitierten Vorteile des internationalen Impfmarktes nicht auch für einen nationalen? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das beherzte Einkaufen der Industriestaaten den Impfstoffherstellern einen nicht unerheblichen Produktionsanreiz gegeben hat. Auf nationaler Ebene könnte eine teilweise marktwirtschafte Verteilung der Impfdosen ebenso positive Effekte erzielen: Unterschiedliche Preise für Impfstoffe könnten beispielsweise über deren Güte informieren. Und der Staat müsste der über-übernächsten Generation an Steuerzahlern zumindest ein paar Milliarden Euro weniger Schuldenlast aufdrücken. Die Zahlungsbereitschaft wäre mit Sicherheit gigantisch – und „soziale Gerechtigkeit“ könnte durch ein nationales Impfverteilungsprogramm analog zum globalen COVAX erzielt werden. Ungerechter als die globale Impfstoffverteilung wäre dies keinesfalls. Und es steht auch nicht zu befürchten, dass das öffentliche Gut Herdenimmunität langsamer erreicht würde. Im Gegenteil: Hätten alle Deutschen die Chance, sofort einen Platz in der Schlange käuflich zu erwerben, würde mit Sicherheit nicht mehr achselzuckend hingenommen, dass Impfzentren nur wochentags von 10:00 bis 10:30 Uhr besetzt sind oder Anmeldecodes per Brief verschickt werden.

Der aktuelle Verteilungsmechanismus sollte nicht in Stein gemeißelt sein

Aber zurück zur Realität: Der Staat hat die Aufgabe übernommen, die Impfstoffverteilung zu organisieren. Und diese Aufgabe wird vor allem damit begründet, möglichst effizient zu handeln und durch die gezielte Impfung bestimmter Bevölkerungsgruppen die absolute Zahl an Todesfällen, die das Corona-Virus noch fordert, zu minimieren. Dass Schutzbedarf nur sehr bedingt mit Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit korreliert, kann auch aus marktwirtschaftlicher Sicht staatliches Eingreifen rechtfertigen. Doch Rechtfertigung ist noch lange kein Erfolgsautomatismus. Die deutsche Öffentlichkeit sollte dringend Ihre Obsession für das ansonsten ganz wunderbare Onlineportal „Our World in Data“ ablegen und aufhören, statistisch hanebüchene Impfkampagnen-Vergleiche mit Israel, den VAE oder Bahrain anzustellen. Stattdessen bedarf es viel dringender einer Debatte darüber, wie die staatliche Impfstoffverteilung am effizientesten Todesfälle verhindern kann. Denn das ist die einzige Kernaufgabe dieser staatlichen Impfkampagne – dem plumpen Nationenvergleich sollte besser die (hoffentlich) anstehende Fußball-Europameisterschaft dienen.

Wenn Politik, Moral und Ökonomik sich in den Händen einiger weniger vermischen, dann ist Vorsicht geboten. Anstatt also wie das Kaninchen vor der Schlange den aktuellen Verteilungsmodus einfach nur hinzunehmen, sollte die deutsche Öffentlichkeit alternative Verteilungsmethoden einbringen, abwägen und diskutieren. Vorschläge wie die gezielte und flächendeckende Impfung bestimmter Ballungsräume, die Bevorzugung derjenigen Bevölkerungsteile, die das größte Übertragungspotential haben, oder gar die Einführung bestimmter marktwirtschaftlicher Instrumente sollten nicht von Vornherein von der Hand gewiesen werden. Am Ende befinden wir uns eben noch immer in einem gigantischen Naturexperiment – umso wichtiger ist es, reflektiert und ergebnisoffen darüber zu diskutieren.

1 Antwort
  1. Müller-Kantor
    Müller-Kantor sagte:

    Schön, daß Sie den Liberalismus noch hochhalten! Dann fühle ich mich nicht so allein!
    Aber leider nehme ich wahr, daß immer weniger Menschen eine marktwirtschaftlich Organisation der Wirtschaft für richtig halten. Leider auch sehr viele intelligente Menschen. Sie schreiben es oben richtig:
    Eigentlich sollten in einer Marktwirtschaft die staatlichen Eingriffe die Ausnahme sein – sie werden bei uns aber immer mehr zur Regel.

    Etwas überspitzt betrachtet zeigt sich die Überlegenheit des Marktes vor der Staatswirtschaft gut an der Corona-Krise: Mit staatlichen Maßnahmen wie Shutdown, Kontaktsperren, Einreiseverboten versucht der Staat mäßig erfolgreich Corona zu bekämpfen. Deshalb schauen alle voller Hoffnungen auf den Impfstoff.
    Und der ist ein Ergebnis der Marktwirtschaft.

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