Photo: „Gentoo penguin walking“ by Kathleen from flickr (CC BY 2.0)

Auch in der zweiten Dekade des neuen Jahrtausends waren sich viele Intellektuelle in einer Sache sicher: Der Untergang der Zivilisation oder wahlweise auch der ganzen Menschheit steht kurz bevor. Das einzige, worauf sich die Untergangspropheten nicht einigen konnten: Wie wird das Ende aussehen?

Aus dem rechten politischen Lager kriecht der Untergang der westlichen Welt heran in Form von dekadenten arbeitsfaulen jungen Menschen, die sich auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen, an deren Zustandekommen sie keinerlei Anteil hatten.

Für die Linken geht die Welt zu Grunde, weil der Kapitalismus seine Versprechen eines gesamtgesellschaftlichen Wohlstands nicht erfüllen kann, die Arbeiter der globalen Peripherie verarmen lässt und schließlich im Chaos untergehen dürfte.

Von Rechts über Grün bis Links – allen Untergangs-Propheten gemein ist ihr Stolz das „Große und Ganze“ erkannt zu haben. Schließlich hatte jede Richtung ihre Krisen im letzten Jahrzehnt … Die Apokalypse droht von der Zerstörung westlicher Kulturen („Flüchtlingskrise“), den systemischen Probleme des globalen Kapitalismus („Finanzkrise“) oder vom allumfassenden Umweltdesaster („Klimakrise“). Untergangs-Prophetie findet Anklang, weil sie die Illusion erweckt, dass Geschichte ohne Zwischenschritte wie ein großes Pendel von einer großen Entwicklung zur nächsten schwingt. Das führt dazu, dass man sich entweder dem Fatalismus ergibt, weil man sowieso nichts ändern kann, oder den totalen, tiefgreifenden, revolutionären Umsturz herbeisehnt, da die kleinen Schritte nichts zu ändern vermögen.

Doch verschließt dieser Blick auf das vermeintlich „Große und Ganze“ oft den Blick auf die wahrhaft großen Veränderungen durch die kleinen Schritte vieler Unternehmer, Arbeiter und Politiker auf der ganzen Welt. Die nun zu Ende gehende Dekade ist der Inbegriff dieser Veränderungen.

Drei Entwicklungen der letzten zehn Jahre zeigen uns, wie eine Verbesserung der Welt möglich ist, in stetigem Wandel statt in ruckartigen Umstürzen.

Der wichtigste Indikator dieser beständigen positiven Veränderung während der letzten zehn Jahre ist der weltweite Rückgang der extremen Armut. Während 1990 noch 36% der Menschheit in extremer Armut lebten, waren es zu Beginn der Dekade schon nur noch 10%. Und 2018 fiel der Anteil der extrem armen Menschen nach Berechnungen der Weltbank auf 8,6%. Weil sich relative Zahlen so abstrakt anhören, kann man es auch so ausdrücken: In den letzten zehn Jahren entkamen 158.000 Menschen der extremen Armut – und das jeden Tag.

Eine zweite Entwicklung, die mit dem Entkommen aus der Armut eng zusammenhängt, aber häufig missachtet wird, ist der Anstieg der Lebenserwartung: laut dem Ökonomen Max Roser ist das der wichtigste Indikator für die Gesundheit eines Volkes. Während 2010 der durchschnittliche Erdenbürger nur 69,9 Jahre alt wurde, wurde er 2018 schon 72,4 Jahre alt. Die durchschnittliche Lebenserwartung während der letzten zehn Jahre steigerte sich also jeden Tag um ca. 7 Stunden.

Eine Steigerung der Lebenserwartung ist aber kaum möglich ohne eine Reduzierung der Kindersterblichkeit. Während die Welt 2010 noch den Tod von 51 von 1000 Kindern unter fünf Jahren beklagen musste, waren es 2018 nur noch 28 Kinder. Fast ein Drittel weniger Kinder unter fünf Jahren sterben im Vergleich zu vor zehn Jahren unter den Augen ihrer Eltern. Insgesamt, das zeigen die Untersuchungen des Autors Johan Norberg, wurde so der Tod von mehr als zwei Millionen Kindern in der letzten Dekade verhindert. Zudem ermöglicht die Parallelentwicklung von Kindersterblichkeit und Lebenserwartung, dass im Jahr 2020 mehr Kinder ihre Großeltern kennenlernen werden als in jedem Jahrzehnt zuvor.

Natürlich bleibt die Enttäuschung auch am Ende dieses Jahrzehnts, dass es noch extreme Armut auf der Welt gibt, dass die Lebenserwartung in Äthiopien niedriger ist als bei uns in Deutschland und die Kinder in Dhaka wahrscheinlich eher sterben als die Kinder im Prenzlauer Berg in Berlin. Der Fokus auf diese Untergangsszenarien verstellt jedoch den Blick die großen Fortschritte, die wir (insbesondere) in den letzten zehn Jahren gemacht haben. Und zwar hauptsächlich in den benachteiligten Gegenden dieser Erde.

Diese Entwicklungen zeigen, dass Menschen weder dekadent noch faul geworden sind, sich nicht in den Fatalismus fliehen oder den Erfolg in der Revolution suchen. Kluge Reformen in China, Indien und Äthiopien haben dazu geführt, dass man Menschen die Freiheit gibt, Probleme vor Ort Schritt für Schritt zu lösen. Das Ergebnis ist die wohlhabendste und gerechteste Welt, in der Menschen je gelebt haben.

Wenn ich also einen Vorsatz für das kommende Jahrzehnt vorschlagen darf: Die letzten zehn Jahre Menschheitsgeschichte haben phänomenale Fortschritte gezeigt und die meisten Untergangsszenarien von Ressourcenknappheit bis Überbevölkerung ad absurdum geführt. Das heißt, wir sollten den großen Entwürfen der Untergangs-Propheten misstrauen lernen. Den Menschen hingegen sollten wir vertrauen, dass es ihnen gelingt, weitere Verbesserungen anzuschieben, indem sie ihr lokales Wissen und ihre persönlichen Erfahrungen nutzen. Das bedeutet bei Weitem nicht, dass Fehler und Probleme von der Politik ignoriert werden sollten. Vielmehr sollte sich die Politik in der nächsten Dekade die Eigenschaft des Menschen zu eigen machen, Probleme zu erkennen und zu lösen. Dafür brauchen die Menschen aber die nötige Beinfreiheit, die Dinge anpacken und besser machen zu dürfen. Denn die Untergangspropheten werden auch in den 20er Jahren wieder Hochkonjunktur haben und wir brauchen freie, anpackende Menschen, die sich ihnen mit Lösungsorientierung und Kreativität entgegenstellen können.

2 Kommentare
  1. heetom
    heetom sagte:

    der Einstellung folgend, die Natur rettet die Welt,
    die Kunst den Mensch,habe ich mich Selbst verändert,
    lebe im Sein als freier Gegenwartskünstler,
    mit dem Slogan, weniger ist mehr !

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  2. Ralf Becker
    Ralf Becker sagte:

    Wir leben ganz sicher nicht in der besten aller Welten und das System wird auch nicht mehr sehr lange funktionieren.

    So sagt der Banken-Insider Dr. Markus Krall den größten Bankencrash aller Zeiten vergleichsweise glaubhaft für das 3. Quartal 2020 voraus.

    Unsere Marktwirtschaft ist im Grunde genommen nur ein fehlerhaftes Machtsystem, bei dem wenige große Akteure der Wirtschaft im Wettbewerb stehen, die vielen von den Banken aus dem Nichts geschöpften Schuldscheine, was unser Geld doch letztlich ist, mit Marktmacht einzukassieren.

    Wer den Wettbewerb der Wirtschaft verliert, der muss mit der Zeit immer mehr für fremde Profite arbeiten und immer mehr Lohneinbußen in Kauf nehmen.

    Es gibt Überlegungen, dass Freigeld gemäß Silvio Gesell eine Alternative sein könnte.
    Wenn man es etwa durch irgendwelche Schwundmechanismen erreichen würde, dass Geld nicht mehr dermaßen gespart wird, dann könnte das Geldsystem möglicherweise funktionieren.

    Das Freigeld ist auch ein Baustein des Plan B der Wissensmanufaktur von Andreas Popp.

    Ähnlich behauptet es der Buchautor Stefan Mekiffer, dass doch genug Geld für alle da ist.

    Der Österreicher Stephan Schulmeister bezweifelt es in „Zeit online“, dass Freigeld als Alleinlösung funktioniert.

    In seinem Buch „Der Weg zur Prosperität“ analysiert er zudem die Gründe für das derzeitige Systemversagen, er zeigt zudem die Fehlentwicklungen der vergangenen Dekaden auf und weist einen Weg hinaus.

    Eine weiterer Vorschlag ist das freie Marktgeld, bei dem es möglich sein könnte dem Geldzwang zu entgehen.
    Hierzu gibt es das Buch „Die Kreditgeldwirtschaft“ von Christoph Braunschweig, Bernhard Pichler

    Arne Pfeilsticker von den Piraten schlägt eine Geldinfrastruktur vor, die auf die Realwirtschaft zugeschnitten ist und den Menschen dient. Er hat das Buch „Geldwende“ geschrieben.
    Wie es der Verein Monetative auf seiner Webseite mitteilt, sei Herr Pfeilsticker seit einigen Monaten verstorben.

    Etwa Prof. Richard Werner behauptet: Stabiles Wachstum ohne Finanzkrisen ist möglich

    Es gibt auch die Forderung „Die Welt braucht ein Kartell der Staaten“, weil man es dann immerhin erreichen könnte, dass etwa eine gerechte Besteuerung erreicht werden könnte.
    Ich habe jedoch Zweifel, dass eine gerechte Besteuerung bereits als Lösung ausreicht, weil dies an der völlig absurden Schulden-Systematik unseres Geldes nichts ändern würde. Es kann doch auch schließlich nicht funktionieren, dass wir sowohl für das Sparen der Einzelpersonen als auch für jede Einnahmenerzielung die Schulden anderer Personen oder etwa des Staates benötigen.

    Friederike Habermann hingegen behauptet, dass das gute Leben für alle tauschlogikfrei sein müsse. Buchtitel von ihr sind „Halbinseln gegen den Strom“ oder etwa „Ecommony“.

    Dann beschäftigt sich Christian Felber mit Themen wie Gemeinwohlökonomie. Er will vom Profitstreben weniger großer Akteure weg und stattdessen sollen Gemeinwohlziele angestrebt werden.
    Allerdings müsste wir dann vermutlich etwas völlig anderes haben als das heutige Geld und ich weiß es nicht, in welchem Umfang er dafür Lösungsansätze liefert.
    Etwa Osbeee/ Info-Money werden angezweifelt. Dieses Geld würde sich nicht für große Volkswirtschaften eignen. Ob diese Zweifel begründet sind, kann ich nicht mit Sicherheit wissen.

    Ebenso wird auch das Gradido Geld von Bernd Hückstädt angezweifelt.
    Natürliche Ökonomie des Lebens ist ein Geld-und Wirtschaftsmodell nach dem Vorbild der Natur. Es bietet ein Grundeinkommen für jeden Menschen, einen reichlichen Staatshaushalt für jedes Land und einen zusätzlichen Ausgleichs- und Umweltfonds zur Sanierung der Altlasten.

    Ferner gibt es Überlegungen in Richtung eines Green New Deals.
    Ernst Wolff hat diesbezüglich bei KenFM geschrieben:Tagesdosis 5.8.2019 – Der Green New Deal: Sackgasse statt Ausweg

    Ebenso gibt es im Rahmen des Post Keynesianismus die Modern Monetary Theory. Hierzu gibt es eben auch den KenFM-Beitrag: The Wolff of Wall Street: Modern Monetary Theory
    Man könnte etwa endogenes Geld einführen. Die MMT würde insofern ohnehin nicht mit dem heutigen Geld- und Bankensystem funktionieren. Es könnte etwa der Konkurrenzsozialismus nach Lange und Lerner infrage kommen.

    Ein vergleichsweise neues Buch über den Kapitalismus kommt zudem von Katharina Pistor über das (Vor-)Recht der Kapitalisten.
    Hierzu gibt es etwa auch von Norbert Häring eine Buchbesprechung.

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