Photo: Benjamin Vander Steen from Flickr (CC BY 2.0)

Von Matthias Weik und Marc Friedrich, Autoren von “Der Crash ist die Lösung” und “Der größte Raubzug der Geschichte“ und des in diesem Monat erschienen Buches „Kapitalfehler Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen“. Hier lesen Sie einen exklusiven Auszug aus dem Buch:

Um die wirtschaftlichen Probleme Griechenlands besser zu verstehen, sollte man sich etwas eingehender mit der dortigen Wirtschaft beziehungsweise mit dem beschäftigen, was davon noch übrig geblieben ist.

Auch wenn Griechenland meint, dass Feta, der seit Jahrtausenden aus Schafs- und Ziegenmilch hergestellt wird, ein wichtiger Teil seines kulturellen Erbes ist – lässt sich damit keine Wirtschaftskrise lösen. Würden wir uns dennoch entscheiden, Griechenland durch massenhaften Verzehr von Schafskäse retten zu wollen, dann sollten wir allerdings wissen, woher der Käse überhaupt kommt. Etwa ist der in Deutschland weit verbreitete Schafskäse der Marke »Salakis« in Wirklichkeit kein griechischer Käse. Dieser Feta gehört zu dem weltumspannenden französischen Konzern Lactalis mit global rund 60 000 Mitarbeitern. »Patros« – mit dem schönen Slogan »Genuss auf mediterrane Art« – kommt von der bayerischen Firma Hochland, die ebenfalls mit Griechenland nicht viel am Hut hat. Somit fällt der Fetakäse, um der griechischen Wirtschaft auf die Beine zu helfen, schon einmal flach. Der berühmte »griechische« Weinbrand Metaxa auch, denn der gehört zum französischen Likörhersteller Rémy Cointreau. Immerhin würden wir durch dessen Genuss unseren französischen Freunden unter die Arme greifen, die ebenfalls Unterstützung benötigen. Und wie sieht es mit dem weltweit beliebten griechischen Olivenöl aus? Nicht viel besser. Im globalen Vergleich ist Griechenland nämlich lediglich ein Fliegengewicht. Allein Spanien produziert dreizehn Mal so viel Olivenöl wie Griechenland. Auch einstmals gefragte Produkte wie Tabak, Baumwolle, Zucker­rüben und die Bekleidung, die heute in Niedriglohnländern hergestellt werden, spielen kaum noch eine Rolle.

Tourismus wird Griechenland nicht retten

Fast jeder fünfte Grieche ist in der Tourismusbranche beschäftigt. Mit einem Beschäftigungsverhältnis von 18,2 Prozent ist der Tourismus damit eine der wichtigsten Einnahmequellen Griechenlands. Allein im Jahr 2015 waren 26 Millionen Gäste gekommen, die meisten aus Deutschland. Die Einnahmen stiegen auf 14,5 Milliarden Euro. Das sind 7 Prozent des BIP. In Deutschland trägt der Tourismus lediglich 4,7 Prozent zum BIP bei. 7 Prozent klingt auf den ersten Blick erst einmal gut. Wenn 14,5 Milliarden Euro aber 7 Prozent des BIP entsprechen, dann hört sich das schon nicht mehr so vielversprechend an. Im Vergleich dazu summieren sich die 4,7 Prozent Deutschlands auf ordentliche 97 Milliarden Euro. Der Glaube einiger Träumer aus Politik und Wirtschaft, dass der Tourismus Griechenland aus der Misere ziehen könnte, ist falsch. Auch wenn der Tourismus im Wandel ist – weg von der 1 - 3-Sterne-Kategorie hin zur 5-Sterne-Luxushotellerie – wird sich die Situation nicht ändern. Dazu ist auch die Neigung immer noch zu groß, den Fiskus zu hintergehen, indem man beispielsweise in Restaurants keine Quittungen ausstellt. Außer Managern, Hotelfachkräften oder Spitzenköchen werden vorrangig billige und oftmals auch ungelernte Servicekräfte beschäftigt. Zudem ist der Tourismus ein saisonales Geschäft; auf den griechischen Inseln etwa machen die meisten Hotels zwischen November und März dicht. Auch die heimische Landwirtschaft wird schwerlich vom Tourismus profitieren. Um die luxuriösen Bedürfnisse der ausländischen Gäste zu befriedigen, sind die Griechen auf Importe angewiesen.

Neben dem Tourismus gilt der Export als Hoffnungsträger für das Wachstum, obwohl er 2014 lediglich 6,6 Prozent zum BIP beitrug. Exportiert werden vor allem Agrar-, Öl-, Raffinerie- und Chemieprodukte. Exportfähige Industrie existiert darüber hinaus kaum. Die Wirtschaft ist durch kleine und mittelständische Betriebe geprägt. Es gibt nur wenige Großunternehmen im Land. Spitzenreiter ist der Limonadenhersteller Coca-Cola, gefolgt von Hellenic Telecommunications. Auf Platz drei rangiert ein Sportwetten- und Lotterieunternehmen, gefolgt von der National Bank of Greece und von Hellenic Petroleum. Auf Platz sechs befindet sich mit Titan Cement einer der größten Zuschlagstoff- und Zementhersteller weltweit. Den siebten Rang belegt die Firma Duty Free Shops Abgesehen von Hellenic Petroleum und Titan Cement tragen die anderen nicht allzu viel zum Export bei.

Unter der Knute der Troika kommt Griechenland nicht aus der Krise. Alleine 2015 haben über 10 000 Unternehmen ihre Tore endgültig geschlossen, und im Schnitt haben täglich 600 Menschen ihre Arbeit verloren! Immer noch dümpelt der saisonbereinigte Industrieoutput auf einem Niveau wie noch im Jahr 1978. Damals allerdings betrugen die griechischen Staatsschulden vergleichsweise geringe 7,3 Milliarden Euro beziehungsweise 22,1 Prozent des nominalen BIPs! Zum Jahreswechsel 2016 waren es über 175 Prozent des nominalen BIPs beziehungsweise 317,1 Milliarden Euro! Die Nettoauslandsschulden bezifferten sich im 2. Quartal 2015 auf beachtliche 225,6 Milliarden Euro! Mit einem industriellen Output auf dem Stand von 1978 die Schuldenberge von 2016 bekämpfen zu wollen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Selbst wenn viele Politiker in der EU meinen, Griechenland sei mit dem dritten Rettungspaket zu retten. In Wirklichkeit wird das Land wirtschaftlich und sozial zerstört! 1978, zu der Zeit als die Währung noch Drachme hieß, waren die meisten Griechen in der Landwirtschaft tätig und die Arbeitslosenzahlen niedriger als heute. Ein Skandal: Niemals ging es den Griechen, aber auch den Spaniern, Italienern und Portugiesen schlechter als mit dem Euro.

2 Kommentare
  1. Incamas SRL
    Incamas SRL sagte:

    Der bekannteste Franzose der in den letzten Jahren ausgewandert, ist bei gleichzeitiger Aufgabe seiner Staatsbürgerschaft, war Gérard Depardieu. Seine Motivation war die unter François Hollande eingeführte
    Reichensteuer in Höhe von 75 Prozent. Französische Millionäre verlassen aktuell nicht wegen der Steuerbelastungen, sondern wegen ethnischer Spannungen und ansteigender Kriminalität sowie aus Angst vor den Folgen der zunehmenden Islamisierung ihre Heimat und auch meist Europa. in Griechenland 3.000 und in Spanien 2.000 Millionäre im selben Zeitraum ihren Wohnort aufgegeben und somit auch ihren Steuersitz. Diese leistungsstarken Menschen fallen dadurch auch als wichtige Beitrags- und Steuerzahler für die betroffenen Staaten weg.

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  2. Ralf Becker
    Ralf Becker sagte:

    Vor allem Flassbeck Economics, jetzt makroskop.eu ist folgender Meinung:

    “Die Gründe für die Eurokrise sind allenfalls teilweise in Athen und zum großen Teil auch in Berlin zu suchen. ”
    Als Grund nennt er dafür meistens die viel zu hohen Exportüberschüsse, die vermutlich eine Folge viel zu guter Abschreibungsmöglichkeiten für Unternehmen sind.
    Expandierende Unternehmen können bei uns mit Abschreibungen eine Besteuerung fast völlig vermeiden.

    In diesem Zusammenhang stellt sich (auch) die Frage, ob Wirtschaftswachstum weiterhilft.

    Es ist fraglich, dass die “immer mehr”-Logik wirklich zielführend ist, wenngleich diese oftmals als Allheilmittel für einen Abbau der Arbeitslosigkeit angesehen wird.

    Ein sog. Club of Rome hat seinerzeit ein Buch über die “Grenzen des Wachstums” veröffentlicht.
    Bündnis 90/ Grüne sind nicht mehr für eine “wachsende Wirtschaft”.
    Falls man aber auf Wachstum verzichtet, gäbe es keinen Abbau der Arbeitslosigkeit mehr und man müsste andere Ökonomie-Formen wie etwa die sog. Gemeinwohl-Ökonomie in Erwägung ziehen.
    Hier gibt es Initiativen die sich damit beschäftigen, wie soetwas funktionieren könnte.

    dann liest man:
    bei der Eurokrise gibt es zwei erwähnenswerte Positionen, die auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinen, bei genauerer Betrachtung aber sich theoretisch ergänzende Lösungsansätze
    beschreiben. Das ist zum einen die Sichtweise von Hans-Werner Sinn, der die Ursachen der aktuellen Krise in der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit der Defizitländer und der Mechanik des EZB-Systems, insbesondere der sogenannten TARGET-Salden sieht. Zum anderen ist es die Position von
    Heiner Flassbeck, der das sich abzeichnende Scheitern der Einheitswährung mit der Vertragsuntreue der Mitgliedsländer, eine gemeinsame Inflationsrate zu halten, begründet.

    Hier stellt sich natürlich die Frage, was überhaupt von Inflation zu halten ist.

    Die Philipps-Kurve sagt aus, dass Inflation zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit führt. Tatsächlich ist sie aber die brutalste aller Steuern, weil sie ausgerechnet Ärmere trifft.

    Für Sinn liegt der Anfang der Krise in der Zinskonvergenz von Staatsanleihen kurz nach der Ankündigung der Festlegung der Wechselkurse der Währungen der Mitgliedsländer 1998.

    Ich selbst meine, dass wir aber auch vor allem darüber nachdenken sollten, wie wir den Zins nach Möglichkeit so weit wie möglich niedrig halten, weil er grundsätzlich Krisenauslöser ist.
    Dies erreichen wir, indem wir uns ein Geldsystem ausdenken, bei dem es mehr Direktkredite ohne zwischengeschaltete Geschäfts-Banken gibt. Dadurch haben wir einen polypolistischen Geldwettbewerb, durch den das Zinsniveau stark absinkt.

    Das Zinsniveau wird zudem auch dadurch gesenkt, indem man das Geldangebot ausweitet.
    Dafür gibt es wohl die sog. LM-IS-Kurve, mit der sich der Herr Draghi bestens auskennt.
    Allerdings ist es nicht sonderlich sinnvoll, wenn die Ausweitung des Geldangebots Sparer enteignet und Reichen eine höhere Rendite ermöglicht.
    Daher sollte die Geldpolitik nicht mehr die Geschäfte der Banken begünstigen.
    Also schöpfen nicht mehr die Banken das Geld, sondern die Bürger tun es nach demokratischen Regeln direkt.

    Dann gibt es auch die Idee mit dem “fließenden Geld” und ich meine, dass diese auch von der Wissensmanufaktur rund um Andreas Popp vorgetragen wurde.
    Hierzu falls nötig bitte selbst im Internet rechercheren, weil ich das jetzt nicht erklären will.

    Darüber hinaus müssen Banken soweit wie möglich überflüssig gemacht werden.

    Man kann Banken nur dann abschaffen, wenn man (auch) auf Bargeld verzichtet.

    (hier komische Übereinstimmung relevation 13: beinahe tödliche Wunde in 2009; Krankenhaustag kostete lt. Auskunft der Stationsärztin 666)
    ,,,,und macht, dass nur diejenigen kaufen und verkaufen können….

    Und die Zahl derer, die sich schrieben den Namen des Lamms und seines Vaters auf die Stirn…..

    Da ist es doch etwas komisch, dass auch mein Krankenhausaufenthalt in 2009 ungefähr 144.000 € gekostet haben könnte.

    Jedenfalls müssen wir uns die Frage stellen, wie wir von der Teufelszahl 666 wegkommen.
    —-und irgendwo vom “Heidentum” wegkommen, weil die Zahl 666 eine sehr zentrale Zahl des Christentums ist.

    Dies erreichen wir dadurch, dass Leistungsempfänger für Gesundheitsleistungen einen Anreiz bekommen, mit ihren Gesundheitskosten zu geizen.Wenn also der Gesetzgeber die Gesundheitspreise nicht mehr vorschreibt, sondern die Preisbildung dem Markt überlässt, dann würde bei den Gesundheitskosten die Umverteilung von unten nach oben gestoppt.
    Gesundheitskunden würden nur dann geizen, wenn sie die Sozialleistungen weniger geschenkt bekommen, sondern zumindest theoretisch mal irgendwann wieder zurückbezahlen müssen.

    Dann ist es auch noch ein Problem, dass es weltweit willkürliche Geldschöpfungen der Geschäftsbanken gibt.

    Dann wird auch der Kapitalismus als Krisenauslöser angesehen, weil die Machtwirtschaft sich immer mehr zusammenzieht.
    Dies liegt daran, weil die Unternehmenskonzentration immer mehr zunimmt.
    Dies sehen wir zurzeit bei den Molkereien und den Milchpreisen.

    In der Machtwirtschaft gehen nicht nur kleinere inländische Firmen kaputt, sondern die Unternehmen in den europäischen Euro-Mitgliedsländern dann erst recht.

    Dann sagt Flassbeck, dass die Sparpolitik in Griechenland destruktiv sei.
    Das ist zwar nicht falsch, aber eine Schuldenwirtschaft zur Konjunkturbelebung kann es auch nicht sein.

    Daher müssen wir – wie wir es beim Auto längst getan haben, auch die Einkommensungleichheit irgendwo abfedern, wie auch immer wir dieses Ziel erreichen.

    Der Wirtschaftsmotor kann nur der Konsum – und sollte auch niemals ein Deficit spending – sein.

    Der Konsum geht durch die wachsende Ungleichheit immer mehr zurück.
    Ein Grund dafür ist auch der Umstand dass wir es irrig annehmen, dass Arbeitgeber die Absicht haben, uns in ferner Zukunft uneigennützig Arbeit zu geben. Dies ist jedoch ein Irrtum.

    Solange wir aber die irrige Arbeitnehmer und Arbeitgeber-Trennung sowie die Banken haben, die etwas fehl am Platz wie Blutegel arbeiten, wird die weltweite Ungleichheit tendenziell zunehmen.
    (Aktienkauf – Banken sind mit ihrem Hochfrequenzhandel schneller — Sparbuch – geht auch nicht, weil

    Herr Draghi dies verhindert.

    Bei Herrn Draghi finde ich jetzt mit der Suchmaschine
    Draghi mahnt Reformen an…..

    Der Herr Draghi kann also auch nicht seine fehlerhafte Geldpolitik gerade mal abstellen. Vielmehr ist er darauf angewiesen, dass die Regierungen dies tun.

    Insofern sollte der Herr Schäuble unseren Staat so weit zurückfahren, dass wir Unternehmen weniger gute Abschreibungsmöglichkeiten anbieten müssen, weil diese letztlich auch Krisenauslöser sind.

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