Von Marius Drozdzewski und Florian A. Hartjen.

Einen Euro für Verteidigung, drei Euro für das, was man immer mal machen wollte. So planen Union und SPD ihre neuen Schulden. Über die nächsten zehn Jahre könnten so bis zu 1.800 Milliarden Euro neu aufgenommen werden. Der Schuldenpakt soll es Deutschland ermöglichen, seinen Beitrag zur Verteidigung des Westens zu leisten. Doch das Ergebnis lässt vermuten: Vor allem soll die geplante Koalition damit leichter werden. Ein Kompromiss, der den vergleichsweise soliden deutschen Staatshaushalt auf Verschuldungsquoten von der Art Portugals, Frankreichs und Spaniens katapultieren könnte. Dieser Preis ist zu hoch, denn das 3%-Ziel ist hier nur Feigenblatt für eine Koalition ohne Finanzierungsschwierigkeiten. Schlimmer noch: So verschreibt sich die Bundesrepublik vollkommen dem Modell des Schuldenstaates. Die Union entfernt sich damit weiter von den Werten und Prinzipien, die sie zu verteidigen vorgibt.

Der Großteil hat mit Verteidigung nichts zu tun

Das Merz-Klingbeil-Paket sieht vor, alle Verteidigungsausgaben über 1% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) mit Schulden zu finanzieren ohne jede Beschränkung durch die Schuldenbremse. 1% des BIPs sind etwa 45 Milliarden Euro, knapp 9 Milliarden Euro weniger als das, was wir aktuell bereits ohne Schulden im Bundeshaushalt finanzieren. Statt nur den notwendigen Sprung zur Verteidigungsfähigkeit mit Schulden zu bezahlen, macht die angehende Koalition so fast 10 Milliarden frei für andere Vorhaben.

Obendrauf kommt ein „Sondervermögen“, also neue Schulden außerhalb der Schuldenbremse, von 500 Milliarden Euro für die „Infrastruktur“ von Bund und Ländern. Eine Idee, mit der Saskia Esken vor ein paar Jahren das Rennen um die SPD-Führung gewonnen hat. Und wer bei Infrastruktur nur an Straßen und Schienen dachte, wurde gleich von Lars Klingbeil eines Besseren belehrt: Auch gute KiTas können so natürlich schuldenfinanziert werden. Und weil die 100 Milliarden Euro, die in diesem Sondervermögen für die Länder und Kommunen reserviert sind, natürlich nicht ausreichen könnten, spendieren Union und SPD den Ländern gleich noch einen eigenen Verschuldungsspielraum von 0,35% in der Schuldenbremse – ungefähr 16 Milliarden jährlich.

Es ist offensichtlich: Der Großteil der neuen Schulden hat mit Verteidigung nichts zu tun. Nicht nur das – das neue Sondervermögen für Infrastruktur ermöglicht auch einen Verschiebebahnhof weitere Wahlgeschenke von Union und SPD. Rund 80 Milliarden Euro Investitionen stehen, Verteidigung ausgenommen, aktuell im Haushaltsentwurf für 2025. Diese 80 Milliarden könnten jetzt aus dem Sondervermögen finanziert werden. Statt neuer Infrastrukturausgaben, die, wie in den letzten Jahren, vermutlich an Bürokratie, Fachkräftemangel und fehlenden Ressourcen scheitern dürften, werden so im Kernhaushalt weitere bis zu 80 Milliarden für alles Mögliche frei.

Der Schuldenstaat läuft den Idealen des Westens zuwider

Nun hört man auch aus fiskalisch konservativ eingestellten Kreisen, dass dies in diesem Fall gerechtfertigt sei. Der Zweck, die Verteidigung des Westens, würde die Mittel heiligen. Die Bedrohung unserer Lebensweise sei so akut, dass kein Platz für Schuldenbremsenanbetung bleibe. Und genau das meint vermutlich auch der künftige Bundeskanzler Friedrich Merz, wenn er sagt: „Whatever it takes.“ Doch damit geraten genau die grundlegenden Werte des Westens unter die Räder, die hier eigentlich verteidigt werden sollten.

Denn das westliche Gesellschaftsmodell ist unvereinbar mit „Whatever it takes.“ Stattdessen heißt es bei uns: „Only within reason.“ Über Jahrhunderte hinweg hat unsere Zivilisation unter großen Opfern erkämpft, dass den Mächtigen Fesseln angelegt werden. Im Gegensatz zu Putin und Jinping rechtfertigt die Staatsräson eben nicht jedes Mittel. In einer liberalen Gesellschaft ist es nicht akzeptabel, hunderttausende Menschenleben für den eigenen Imperialismusdrang zu opfern. Es dürfen nicht Milliarden überwacht und gegängelt werden, nur um das System zu erhalten. Deshalb sollte es gerade denjenigen, die die Fahne des Westens hochhalten, eiskalt den Rücken herunterlaufen, wenn Regierungen anfangen, ihre Politik zu einem höheren Gut zu erklären, das keiner Beschränkung bedarf.

Nun ist der Westen unbestreitbar in einer Krise. Doch gerade in Krisenzeiten gilt es, die eigenen Prinzipien hochzuhalten. Die gerade erst durchlebte Corona-Pandemie mit ihren teils aberwitzigen Auswüchsen an staatlicher Übergriffigkeit sollte eigentlich noch als mahnendes Beispiel in den Köpfen präsent sein. Warum das Aufrechterhalten regelgeleiteter Politik gerade in Krisenzeiten wichtig ist, begründet der österreichische Ökonom und Philosoph Friedrich August von Hayek mit dem Wesen staatlichen Handelns: „Immer musste ‚Notstand‘ als Vorwand herhalten, wenn die Sicherungen individueller Freiheit abgebaut wurden – und sobald sie aufgehoben sind, ist es für einen, der solche Notstandsbefugnisse erhalten hat, nicht schwer, dafür zu sorgen, dass der Notstand fortdauert.“

Die Schuldenbremse, so profan und technisch sie anmuten mag, war eines der effektivsten Mittel zur Beschränkung staatlicher Auswüchse. Ohne sie wäre es der kleinen FDP vermutlich nicht einmal ansatzweise gelungen, den grenzenlosen Schuldenfantasien des scheidenden Bundeskanzlers einen Riegel vorzuschieben. Sie zwingt den Gesetzgeber zur Prioritätensetzung mit dem Geld, das ihm vom Steuerzahler und Wähler nur zur Verwaltung anvertraut wurde. Und genau hier lag die riesige Chance, die Friedrich Merz bereits jetzt vertan hat. Er hätte der Bevölkerung erklären müssen, dass die Verteidigung unseres Lebensmodells zumindest mittelfristig Opfer verlangt. Dass der überbordende Mittelschichts-Sozialstaat – von Mütterrente bis Elterngeld – reformiert werden muss, um die wirtschaftliche Stärke zu erlangen, die den Westen schon einmal im Systemwettbewerb gewinnen ließ. Wenn nicht im Angesicht der Bedrohung unserer Lebensweise – wann wären denn dann Reformen opportun? Stattdessen wird die bröckelnde Fassade des deutschen Wirtschaftsmodells wieder einmal schuldenfinanziert überstrichen.

Wie man Aufrüstung mit nachhaltiger Haushaltsführung übereinbringen könnte

Dabei wäre beides möglich gewesen: Die Erreichung des 3-Prozent-Ziels und das Festhalten an einer prinzipien- und regelbasierten Politik. Um das kurzfristig zu ermöglichen, ist es durchaus legitim, Schulden aufzunehmen. Bis zur Pressekonferenz von Merz und Klingbeil wurde dafür ein möglicher Weg diskutiert: ein zweites Sondervermögen für die Bundeswehr, das uns ermöglicht, kurzfristig die 3%-NATO-Quote zu erfüllen. Dafür würden rund 200 Milliarden Euro für die neue Legislaturperiode reichen. Wollen wir das 3-Prozent-Ziel für 10 Jahre absichern, wären dies rund 700 Milliarden Euro – ganze Größenordnungen entfernt vom Merz-Klingbeil-Paket.

Jetzt mag man bezweifeln, dass SPD und Grüne das mitgetragen hätten – doch das erste Sondervermögen ging ganz ohne Infrastruktur-Milliarden. Zudem hat der neue starke Mann der SPD, Boris Pistorius, seit Monaten nichts anderes gefordert als Milliarden für die Bundeswehr. Wenn diese über Schulden finanziert werden, so hätte der öffentliche Druck wohl gereicht, um die SPD zur Mitarbeit zu bringen. Eine solche Lösung hätte nach eigener Aussage auch die FDP im alten Bundestag mitgetragen – für eine Zweidrittelmehrheit reicht das.

Kurzfristig würden auch hier Verteidigungsausgaben schuldenfinanziert; langfristig aber, und hier liegt der Unterschied, hätte diese Lösung die Politik nicht aus der Verantwortung entlassen, Prioritäten zu setzen und dauerhafte Ausgaben im Rahmen der Schuldenbremse zu finanzieren. Statt für Wahlgeschenke und Reformvermeidung wären diese Schulden wirklich nur für die Verteidigungsfähigkeit genutzt worden. Und es hätte weiterhin eine Schuldenbremse gegeben, die staatliche Mehrausgaben im Allgemeinen begrenzt. Selbst wenn man die Idee eines Solis zur Verteidigungsfähigkeit nach Jahrzehnten Friedensdividende ganz vom Tisch nimmt, wäre es also anders gegangen.

Diesen Weg ist Merz nicht gegangen; stattdessen wirft er alle Begrenzungen für Staatsverschuldung über den Haufen. Das zeigt, dass es ihm nicht um eine ausgewogene Reaktion auf eine außenpolitische Krise geht – im Rahmen der Regeln und Prinzipien, die uns leiten –, sondern um eine bequeme und beliebtheitsförderliche Regierungszeit mit neuen Ausgabe-Programmen. Für die Verteidiger eines begrenzten und liberalen Staates ein harter Schlag.

Photo: Flossbach von Stoch researchinstitute

Unter Federführung von Agnieszka Gehringer hat das Flossbach von Storch Research Institute eine Untersuchung veröffentlicht zum rasant wachsenden Protektionismus. Anders als viele vermuten würde, sind nicht etwa nur Zölle ein gigantisches Problem. Auch Subventionen spielen eine entscheidende Rolle. Die haben natürlich nicht nur Auswirkungen auf die Preisgestaltung von Produkten, sondern werden auch direkt von den Konsumenten über Steuern getragen. So zahlen die Konsumenten oft doppelt drauf.

Photo: Esquire Magazin

Irving Kristol (1920-2009) wurde in New York in eine Familie ostjüdischer Migranten geboren. In seiner College-Zeit war er aktiv in einer Gruppe antisowjetischer Trotzkisten, wo er auch seine Frau Gertrude Himmelfarb (1922-2019) kennenlernte, die er bereits mit Anfang 20 heiratete. Die beiden bildeten über die nächsten Jahrzehnte ein absolutes intellektuelles Power Couple. Schon in jungen Jahren ist auch ihr Sohn Bill Kristol (*1952) in ihre Fußstapfen getreten. In Irving Kristols Nachruf in der taz wurde ihm attestiert, er verfüge über „ein intellektuelles Niveau, von dem man bei den meisten moderaten Konservativen nur träumen kann“.

Kristol und Himmelfarb standen an der intellektuellen Wiege des Neokonservatismus, der die US-amerikanische Politik von Reagan bis Bush junior maßgeblich beeinflusste. Entstanden war diese Ausrichtung im Umfeld enttäuschter Anhänger der Demokratischen Partei, die im Laufe der 60er Jahre das Gefühl hatten, dass sich dort zu viel Appeasement gegenüber dem Kommunismus breitmachte. Außerdem lehnten sie die Ausweitung des Wohlfahrtsstaates unter dem Stichwort „Great Society“ ab.

Die Neokonservativen waren große Verfechter des Kapitalismus, weil er die materielle Basis für Wohlstand ermöglicht und weil er individuelle Freiheiten fördert. Ihm fehle aber eine moralische Überzeugung und eine spirituelle Tiefe. Diese Dimension wollten die Neokonservativen der westlichen Wertegemeinschaft noch hinzufügen. Die Moral, die sie in die Gleichung einfügen wollten, hatte einen stark universalistischen Zug und ging von der generellen Verbesserungsfähigkeit der Welt aus. Diese Neokonservativen fügten sich ein in die Tradition der nonkonformistischen englischen Protestanten und Quaker des 17. Jahrhunderts, die in Nordamerika ein neues Jerusalem errichten wollten; in die Tradition der Radikalen des 19. Jahrhunderts, die Sklaverei bekämpften, für Frauenrechte stritten und das allgemeine Wahlrecht ausweiten wollten; und in die Tradition der missionarischen US-Außenpolitik von Woodrow Wilson bis John F. Kennedy. Ihre quasi-religiöse Mission war es, der ganzen Welt eine westliche Prägung zu geben. Spätestens mit dem Irak-Krieg 2003 und dessen Folgen war diese Ideologie schwer beschädigt. Aber ihre Prägekraft war in der Zeit davor enorm und hat womöglich

entscheidend sowohl zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen als auch dazu, dass die Welt danach einen erheblichen Sprung in Richtung Demokratisierung und Marktwirtschaft machte.

Photo: Metropolitan Museum of Art (CC 0)

Von Nikolai Ott, Studentische Hilfskraft am Zentrum für Internationale Studien (ZIS) und am Lehrstuhl für Völkerrecht und Europarecht der TU Dresden.

In diesen verrückten Zeiten muss ich immer öfter an eine Anekdote denken, die in liberalen Kreisen gerne erzählt wird. Im befreiten Paris der Nachkriegszeit hatten sich französische Intellektuelle im Rive Gauche, der südlichen Seite der Seine rund um die Grands Boulevards, in den Cafés zu Aprikosen-Cocktails getroffen, um über die Zukunft Frankreichs zu debattieren. Viele, vermutlich die überwiegende Mehrheit, waren links: Simone de Beauvoir, Maurice Merleau-Ponty und Jean-Paul Sartre neben weiteren. Raymond Aron war eine Ausnahme, seine Teilnahme an diesen Gesprächen auch eher ein Zufall und Produkt seiner langjährigen Freundschaft aus Studienzeiten mit Sartre. Ein Liberaler und der Vorzeige-Marxist der Gegenwart – das konnte nicht lange gut gehen. Immer öfter zerstritten sie sich. Bei einer Streiterei, vermutlich hatte Sartre schon einige Cocktails getrunken, warf er Aron plötzlich vor: „Mon petit camarade, pourquoi as-tu peur de déconner?“

Übersetzt lautet dies in etwa: „Mein kleiner Kamerad, warum hast du solche Angst, Unsinn zu erzählen?“. Diese Anekdote zu erzählen, erfüllte für Liberale auch ein distinktives Bedürfnis. Man wollte sich distanzieren von einer linken Attitüde, die mit jakobinistischem Eifer die großen Welterzählungen propagierte. Der Konflikt zwischen Aron und Sartre war stellvertretend für einen größeren Konflikt zwischen Revolution und Reform, zwischen linkem Ästhetizismus und bürgerlicher Zurückhaltung, zwischen dem Versprechen revolutionärer Anführer und dem Wandel durch stabile Institutionen. Das liberale Selbstbild nach dem Zweiten Weltkrieg verstand sich als Antithese zu den vielen fiebrigen, mit erhobener Stimme predigenden, stets den Untergang ahnenden Intellektuellen, die die Deutschen in der Weimarer Republik in die Arme der Nationalsozialisten trieben. Der französische Intellektuelle Julien Benda hatte hierin in seinem berühmten Essay den „Verrat der Intellektuellen“ konstatiert. Sein Essay wurde in der Vor- und Nachkriegszeit zwar bekannt, aber weitestgehend ignoriert; die französische Neuauflage von 1946 wurde von Linken höchstens belächelt. Rückblickend sollte Jean Améry 1976 resigniert feststellen: „Was sollte in der Stunde Jean-Paul Sartres der staubtrockene Rationalismus Bendas?“

Es schlägt wieder die Stunde von Sartre – nur unter rechtskonservativen Vorzeichen. Da wird gezündelt, von der großen Revolution geträumt, unfehlbare Führer werden ausgerufen und eine Mélange an Feindbildern grassiert. Auch manch Rechtsliberaler scheint sich in dieser Bewegung freiwillig einzugliedern. Anders lässt sich die Faszination mit Donald Trump, mit Elon Musk – teilweise auch mit Javier Milei – nicht erklären. Der Fall der amerikanischen Institutionen wird von manchen bejubelt, von anderen heimlich unterstützt (man spart doch schließlich Steuern) und von weiteren totgeschwiegen. Elon Musk, dessen Tweets mittlerweile wie eine Mischung aus Martin Heideggers Rektoratsrede und Ernst Jüngers Berichten aus dem Schützengraben klingen, wird als Prophet der Disruption gefeiert. Der Ton wird härter; manch einer sagt, so hart wie die Zeiten es erfordern. Nur so jemand wie Trump könne den Untergang des Abendlandes noch stoppen, tönt es in jenen Kreisen. Dass wegen dieser Regierung bald kein Oppositionsmedium in Osteuropa mehr finanziert wird, ist den selbsternannten Rettern des Westens egal. „Wer Menschheit sagt, will betrügen“, hatte der deutsche Jurist Carl Schmitt einst den linken Humanisten vorgeworfen. Heute muss das Zitat den rechten Zivilisationsrettern gelten.

Ein „Opium der Intellektuellen“ diagnostizierte der erwähnte Raymond Aron mit Blick auf die anziehende Wirkung des Sozialismus gesprochen. Das Versprechen einer besseren Welt, schnellen Umschwüngen, großen Führern und einer gleichzeitig tiefen Frustration mit dem Status quo hatte viele Denker gepackt. Es radikalisierte sie, brachte sie gewaltsam gegen die noch unstabilen Institutionen auf und zerstörte zahlreiche Freundschaften. Sartre hatte nicht nur Aron verschmäht, auch der demokratische Sozialist Albert Camus musste nun öffentlich denunziert werden. Was damals der Sozialismus war, ist heute der Kulturkampf. Er hatte zuerst manche linken Intellektuellen dazu gebracht, die Voraussetzungen des Westens zu relativieren – nur damit Rechtskonservative ihn heute ganz einreißen können. Der liberale Professor Jan-Werner Müller stellte unlängst resigniert die Radikalisierung eines Niall Ferguson fest. Ausgerechnet die selbsternannten Retter des Westens tanzen in ihrer Radikalisierung nun an den Tischen von Mar-a-Lago zu „YMCA“. Neben Ferguson wären hier beispielsweise seine Frau Ayaan Hirsi Ali oder Douglas Murray zu nennen, und selbst von Bari Weiss ist kaum Widerstand zu erwarten. In Deutschland sind es Ulf Poschardt oder Anna Schneider, die nach der Pfeife der Disruption tanzen.

So wie es in den 1950ern zum guten Ton gehörte, nach Kuba zu reisen, um mit Fidel Castro eine Zigarre zu rauchen, müssen radikalisierte Konservative heute die Genialität von Elon Musk anerkennen. Diesem ach so großartigen Unternehmer nimmt mancher nicht mal übel, dass er täglich etwa zehnmal lügt. Anderen stolzen Kulturkämpfern reicht es, dass ihnen Trump ein Verbot von Transsexuellen im Frauensport oder ein Ende von DEI-Praktiken als Häppchen hinwirft. Der Pate des Weißen Hauses hat als talentierter Clanchef verstanden, wie man in einer Teile-und-Herrsche-Logik auch noch die verbittertsten Feinde irgendwann hinter sich versammelt. Gleichzeitig zeigt er, wie manche Bürgerliche in einer grassierenden Prinzipienlosigkeit, einem tiefen Nihilismus folgend, den Weg zur Knechtschaft ganz freiwillig ebnen – in der Hoffnung, nach dem Systemsturz eine weniger „woke“ Welt vorzufinden.

Der Liberalismus als politische Bewegung ist in seiner noch jungen Geschichte viele strategische Bündnisse eingegangen – mal mit Sozialisten, mal mit Konservativen. Was er jedoch überwiegend vermieden hatte, war, den „Versuchungen der Unfreiheit“ nachzugehen. In seinem letzten Buch mit diesem Titel skizzierte Ralf Dahrendorf einst den Archetyp liberaler Intellektueller, die im Jahrhundert des doppelten Totalitarismus dem „Opium der Intellektuellen“ nie erlagen. Dahrendorf nannte diese Persönlichkeiten „Erasmier“, nach dem Vorbild von Erasmus von Rotterdam in den Zeiten der Reformation. In seiner „Gesellschaft Erasmiana“ versammelte er neben dem erwähnten Raymond Aron die Liberalen Isaiah Berlin und Karl Popper. Sie einte, dass sie in Zeiten von Faschismus und Kommunismus ihren liberalen Überzeugungen treu blieben. Ein Erasmier, so Dahrendorf, zeichne sich zunächst durch die Fähigkeit aus, sich – auch wenn man allein bleibt – nie vom eigenen Kurs abbringen zu lassen. Zweitens durch die Rolle als „engagierter Beobachter“, der sich von niemandem vereinnahmen ließ. Und schließlich durch die „leidenschaftliche Hingabe an die Vernunft“, die es ermöglicht, mit den Widersprüchen der Welt zu leben.

Gott sei Dank muss Ralf Dahrendorf heute nicht miterleben, wie die „Versuchungen der Unfreiheit“ zurückgekehrt sind. Wer folgt heute noch der bürgerlichen Zurückhaltung eines Raymond Aron, der aus lauter Angst, etwas Falsches zu sagen, zunächst schwieg? Wer hört in Zeiten des Kulturkampfes noch auf Isaiah Berlins Gedanken, dass man in einer pluralistischen Gesellschaft miteinander auskommen muss? Wo Isaiah Berlin damals mit Kant den Menschen als „krummes Holz“ beschrieb, wird heute ein nietzscheanischer Musk-Geniekult gefeiert. Und wer denkt in diesen Zeiten der Disruption noch an Karl Poppers offene Gesellschaft, die sich nicht durch Revolutionen, sondern durch eine behutsame Reformpolitik der kleinen Schritte auszeichnet?

Der Umgang mit Elon Musk und Donald Trump ist ein guter Lackmustest dafür, wie ernst es jemand mit liberalen Prinzipien meint. Selbst aus libertärer Sicht hat die Philosophin Deirdre McCloskey einst festgestellt, wie eng eine liberale Marktgesellschaft mit den „Tugenden der Bourgeoisie“ zusammenhängt – fehlen die Werte, stirbt auch der freie Markt. In Anlehnung an den deutschen Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde ließe sich sagen, dass es sich hierbei um jene „Voraussetzungen“ handelt, „die der Staat selbst nicht garantieren kann“. Wir sehen heute in den USA, wie eine liberale Gesellschaft zu zerbrechen droht. Die Stunde von Sartre hat auch auf unserem Kontinent wieder geschlagen. Werden sich Bürgerliche an der Demontage des freiheitlichen Staates in Europa beteiligen? Das ist die Gretchenfrage dieses Jahrzehnts.

Photo: Gordon Family

Die japanische Verfassung von 1946 war ein Vorreiter in Fragen der Frauenemanzipation. Japan? Kurz nach dem 2. Weltkrieg? Ja, und das hat vor allem mit einer 22jährigen ostjüdischen Wienerin aus den USA zu tun.

Beata Sirota kam aus einer der klassischen osteuropäisch-jüdischen Musikerfamilien. Ihr Vater, ein begnadeter Pianist, stammte aus der damals unter russischer Herrschaft stehenden Ukraine und wanderte 1904 nach Wien aus. 1923 wurde Beata geboren und 1930 zogen ihre Eltern mit ihr weiter nach Japan, nicht zuletzt, um dem wachsenden Antisemitismus zu entkommen. Es war ein glücklicher Zufall, dass sie 1939 nach Kalifornien ging, um dort ihre akademische Bildung weiterzuverfolgen. So war sie beim japanischen Angriff auf Pearl Harbor zwar von ihren Eltern getrennt, aber in Sicherheit. Nach Kriegsende bemühte sich Sirota darum, in Japan eingesetzt zu werden, um ihre Eltern wiederzusehen. Am 25. Dezember 1945 wurde die Familie wieder vereint.

Bei ihrem Einsatz in Japan waren ihre Sprachkenntnisse von großer Bedeutung: sie sprach fließend Deutsch, Englisch, Russisch und Französisch. Vor allem aber Japanisch. Und das war in den USA der damaligen Zeit ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal. Sie unterstützte die amerikanischen Besatzungsbehörden unter General Douglas MacArthur, und fand sich schon nach wenigen Monaten in einer der Kommissionen wieder, die die neue japanische Verfassung erarbeiten sollten – und zwar in der für Bürgerrechte. Zum Glück für die japanischen Frauen hatte Sirota keine Hemmungen, sich dort für die Werte stark zu machen, von denen sie überzeugt war, auch wenn sie als junge Frau wohl nur wenig Autorität zugesprochen bekam. Die von Sirota durchgesetzten Prinzipien waren dabei nicht dazu angetan, tief in kulturelle Gewohnheiten einzudringen, sondern stellten schlicht die Gleichberechtigung vor dem Gesetz her. Viele Traditionen konnten bestehen bleiben, aber es gab für das Individuum die Möglichkeit, ihr Leben selbstbestimmt zu führen.