Der amerikanische Ökonom Mancur Olson hat bereits 1985 mit seinem Buch „Aufstieg und Niedergang von Nationen“ („The Rise and Decline of Nations“) seine Theorie des kollektiven Handels auf Länder und Staaten übertragen. Dabei hat er die Entwicklung von Staaten nach dem 2. Weltkrieg untersucht und die dargestellt, dass Japan und Deutschland sich nicht nur deshalb besser als andere Länder entwickelt hätten, weil dort ein großer Wiederaufbau notwendig war und deshalb ein Nachholbedarf vorhanden war. Dies würde als Begründung alleine nicht ausreichen, da auch andere vergleichbare westliche Staaten in der Nachkriegszeit wie Frankreich und Großbritannien zerstört waren. Seine These war, dass dies wesentlich am Zurückdrängen von einflussreichen Interessengruppen lag. Sie konnten Entscheidungsprozesse nicht durch ihre Partikularinteressen aufhalten. Heute ist das leider wieder anders und gleichzeitig der Grund, wieso wir an Bürokratie ersticken. Was hilft? Allgemeine, abstrakte Regel, die für alle gleich sind. Also, weniger Einzelfallgerechtigkeit und insgesamt weniger Regelungen (Gesetze).

Wem unsere Newsletter-Kategorie „Weltbeweger“ gefällt, der sollte unbedingt den Newsletter oder den Substack „Zeitsprung“ von Leo Dihlmann abonnieren. Der Autor hat einen regulären Job als Produktmanager beim Medienkonzern The Pioneer, ist aber so fasziniert von der Rolle, die einzelne Menschen in der Geschichte gespielt haben, dass er sich ein Hobby zugelegt hat, das er auf professionellem Niveau betreibt. Woche für Woche rückt er in gut lesbaren, aber durchaus umfassenden Kurzportraits Heldinnen und Helden des Alltags in den Fokus seiner Leserschaft. Wer sich weiter informieren will, findet am Ende des Beitrags auch immer noch ein paar Hinweise, wo man sich noch intensiver mit der Person beschäftigen kann, um die es geht. Dihlmann trägt durch diese beharrliche Arbeit dazu bei, dass man besser versteht, wie wesentlich für den Verlauf der Geschichte und für das Überleben von Menschlichkeit diejenigen sind, die kaum einmal Denkmäler oder auch nur eine Zeile im Geschichtsbuch erhalten.

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Zwischen zwei Weltkriegen, als die Moderne ihren Triumph feierte und bevor es die Nationalsozialisten an die Macht schafften, ja, da gab es einen Augenblick in der Geschichte, in dem man wirklich frei fühlen konnte: Die „Goldenen Zwanziger“. Dieses Gefühl zieht sich zumindest durch Hemingways Memoiren.
Der Autor beschreibt in dem Buch sein Leben im Paris der 20er Jahre und seinen Weg zum Schriftsteller. Dabei begegnet er Gertrude Stein und ihrer Lebensgefährtin, bringt einem Bekannten Opium, fährt mit Scott Fitzgerald in einem kaputten Wagen durch Frankreich und lernt, anders zu schreiben als es die Schriftsteller vor ihm getan haben. Hemingway wollte mit dem Buch diese prägende Zeit einfangen und seine Freunde verewigen, aber er fängt damit auch einen Freiheitsgeist ein, der uns heute noch beflügeln kann.

Eines der spannendsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, ist „Not Born Yesterday: The Science of Who We Trust and What We Believe“ des französischen Kognitionswissenschaftlers Hugo Mercier. Er beschäftigt sich in seiner Forschung mit der Frage, wie leicht Menschen verführbar und manipulierbar sind, und geht somit einem Narrativ auf den Grund, das im Zeitalter von Populismus und Extremismus besonders häufig verwendet wird. Dabei stehen seine Erkenntnisse oft quer zu den Intuitionen, die man zu diesem Themenkomplex hat – und die womöglich auch geprägt sind von beständig wiederholten Standarderzählungen. Kurz: der Mensch geht viel weniger auf den Leim als man denkt.

Eine Anekdote war für mich besonders lehrreich: Im Jahr 1969 kam in der Stadt Orleans das Gerücht auf, dass junge Mädchen in den Umkleidekabinen von Modegeschäften entführt und in die Zwangsprostitution gebracht würden; bald wurde auch noch eine antisemitische Komponente sichtbar. Das Gerücht erfasste die Stadt und in Windeseile das ganze Land. Aber am Ende hatte es nur die Funktion einer gut erzählbaren Geschichte und wurde nicht ernstgenommen. Das lässt sich daran erkennen, dass keiner sein Verhalten entsprechend umstellte. An den Taten von Menschen kann man in der Regel viel besser erkennen, wie ernst sie ein Problem wirklich nehmen, als nur an ihren Worten.

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In den letzten Wochen, unterwegs zwischen Berlin und meinem Wohnort in den USA, fand ich endlich Zeit, die dritte Staffel der Amazon-Serie „Clarkson’s Farm“ zu schauen. Diese Dokumentation, die den aus Auto-Shows wie „Top Gear“ und „The Grand Tour“ bekannten Moderator Jeremy Clarkson in seinem neuen Leben als Farmer im britischen Oxfordshire zeigt, ist genau das Richtige, um angesichts der oben beschriebenen Lage nicht den Mut zu verlieren. Im Kern erzählt die Serie von Clarkson’s „Learning by Doing“ Entwicklung zum Landwirt, nachdem er zu Beginn der ersten Staffel von London auf seinen neuen Bauernhof zieht. Authentizität, unübertroffener britischer Humor und ansteckender Unternehmergeist machen die Serie zu einem meiner absoluten Favoriten.

Beinahe täglich denkt sich Clarkson etwas Neues aus, um der wie viele kleinere Höfe ums finanzielle Überleben kämpfenden Farm neue Einkommensquellen zu erschließen: Rinder, Schweine, Schaf- und Ziegenhaltung, Restaurants, Pilzzucht, ökologische Landwirtschaft – ja, sogar Brennnessel-Suppe. Vieles davon scheitert glorreich und erinnert daran, dass Clarkson als gemachter Mann nicht wirklich auf Erfolg angewiesen ist. Doch wenn ihm etwas gelingt, dann ruft er stets voller Begeisterung: „I did something!“ Und man nimmt ihm ab, dass ihm sein Betrieb, die Tiere und die oft urkomischen Landeier, die ihn umgeben, wirklich am Herzen liegen.

Es klingt kaum vorstellbar, dass eine Doku über einen britischen Bauernhof zum „Bingen“ einlädt, doch genau das schafft „Clarkson’s Farm“. Clarksons Tatendrang, seine Lust am Aufbauen und seine Empathie für Mensch und Tier sind einfach ansteckend. Und wenn uns als Menschen etwas ausmacht, dann doch die „I did something“-Momente.