China: Wie gefährlich ist die Verschuldung?

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Henning Lindhoff ist Redakteur beim Institut für Vermögensentwicklung IFVE.

Chinas Regierung konnte in den vergangenen Monaten einige Erfolge vermelden. Das Wirtschaftswachstum hat sich stabilisiert. Im Winterhalbjahr hat es sich gar leicht beschleunigt. Und die Prognosen der Banken für die kommenden Monate sehen ebenfalls ein recht starkes Plus. Das ist durchaus eine kleine Überraschung. Schließlich herrschten vor nicht einmal zwei Jahren noch starke Sorgen um die Konjunktur und wirtschaftliche Stabilität Chinas vor. Ein markanter Einbruch des Wirtschaftswachstums erschien durchaus realistisch.

Eine grundlegend positive Wendung also? Nein. Die aktuell positiven Zahlen können keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin chronische Gefahren für das chinesische Wirtschaftssystem  bestehen. Der jüngste Wachstumsschub wurde von der Regierung in Peking mit einer enormen Kreditexpansion erkauft. Die seit langer Zeit schon beängstigend hohe Verschuldung hat durch staatliche Investitionen in die Infrastruktur einen weiteren massiven Schub erhalten.

Chinas Verschuldungsexpansion übertrifft mittlerweile das Wirtschaftswachstum beträchtlich. Die Schuldenquote liegt mit mehr als 250 Prozent des Bruttoinlandproduktes deutlich über dem Durchschnittsniveau anderer Schwellenländer. Bis zum Jahr 2008 wuchs der Schuldenstand im Gleichklang mit dem nominalen Bruttoinlandsprodukt. Die Schuldenquote blieb damit relativ konstant. Seit Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise ist Chinas Verschuldung dramatisch angewachsen. Nicht nur die Staatsverschuldung, auch die Verbindlichkeiten der Unternehmen des Landes gehören mit 166 Prozent des chinesischen Bruttoinlandproduktes zu den höchsten der Welt.

Doch vor allem die Dynamik, mit der die öffentliche wie auch private Verschuldung gerade in den letzten Monaten und Jahren zugenommen hat, erinnert an die Situationen mancher Länder, wie beispielsweise Spanien und Thailand, die in den letzten Jahren nur mittels waghalsiger Rettungspakete aufgeschoben, nicht gelöst, werden konnten. Die Zeichen mehren sich, dass auch Peking seine Verschuldung nur im Zuge einer folgenschweren Finanzkrise wird abbauen können. Entsprechende Warnungen erteilten bereits der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel.

Bereits am 24. Mai stufte Moody’s, die zweitgrößte Ratingagentur weltweit, Chinas Bonität von Aa3 auf A1 herab. Auch die Ratingagentur sprach von einer erheblich nachlassenden Finanzkraft des Landes bei gleichzeitig steigender Verschuldung.  Und auch Standard & Poor’s könnte Chinas Kreditwürdigkeit schon bald schlechter einstufen. Der Ausblick ist bei der aktuellen Einstufung von AA– bereits negativ. Fitch, die Nr. 3 der Ratingagenturen, liegt weiter bei A+ (Stable). Die chinesische Ratingagentur Dagong bleibt für die Volksrepublik, wenig überraschend, bei AA+.

Ein in diesem Falle besonders fataler Gesichtspunkt ist die enge Vernetzung der privaten Wirtschaft mit staatlichen Strukturen, die in dieser Form nur in China besteht. Zahlreiche Unternehmen im Land können sich zur Zeit nur mit staatlicher Hilfe über Wasser halten. Viele Staatsbetriebe sind ineffizient und produzieren mehr als der Markt nachfragt. Überkapzaitäten werden von der chinesischen Regierung aufgefangen.

Hier zeigt sich die Irrationalität des Wirtschaftens in einem staatskapitalistischen System, die von Ludwig von Mises eingehend beschrieben wurde. Eine optimale Lenkung der Produktionsmittel, wie es sich auch die Regierung Pekings zum Ziel gesetzt hat, bedingt das Wissen um die Kosten einer wirtschaftlichen Unternehmung. Aufgrund der Markteingriffe aus Peking werden Preise für die Produktionsmittel verfälscht. Dementsprechend können die wahren Produktionskosten nicht ermittelt werden. Eine effiziente Allokation des Kapitals ist damit unmöglich. Produktionsüberkapazitäten in dem einen Sektor und Nachfrageüberhang in dem anderen Sektor sind die logische Folge – auch in China.

Geringeres Wirtschaftswachstum geht mittlerweile einher mit steigenden Verbindlichkeiten. Es muss immer mehr Kreditgeld aufgewendet werden, um ein gewisses Maß an Wirtschaftswachstum überhaupt noch zu erzeugen. Gleichzeitig fallen nach Angaben des Internationalen Währungsfonds die Unternehmensgewinne – eine Folge unrentabler Investitionsprojekte.

Eine zweite Achhillesferse der chinesischen Wirtschaft ist die aktuelle Situation auf dem Immobilienmarkt. Schon seit geraumer Zeit gilt er als überteuert. Nach aktuellen Schätzungen von McKinsey hängen knapp 45 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Schulden Chinas direkt oder indirekt mit dem Immobilienmarkt zusammen. Hypothekenkredite machen rund 50 Prozent der Verschuldung der privaten Haushalte aus. In Städten wie Peking und Shanghai liegen die Immobilienpreise auf dem nahezu gleichen Niveau wie in London, Paris und New York. Gleichzeitig ist das Lohnniveau der chinesischen Bevölkerung deutlich geringer. Viele Baufirmen und Planungsbüros sind nunmehr hoch verschuldet, da sie im Rahmen der Fiskalpakete Pekings nach 2008 ganze Straßenzüge errichtet haben, die heute verwaist sind.

Zu guter Letzt werden auch viele Lokalregierungen von der riskanten Lage auf dem Immobilienmarkt in Schwierigkeiten gebracht. Sie benötigen Landbesitz als werthaltige Sicherheiten für die Aufnahme neuer Kredite. Ein Platzen der Blase hätte womöglich dramatische Auswirkungen auf die Kommunalpolitik.

Eine fällige Korrektur der Immobilien- und Schuldenproblematik hätte erhebliche Belastungen für viele Bereiche der Realwirtschaft zur Folge. Doch ein weiteres Rettunspaket aus Peking erscheint aufgrund der großen Devisenreserven durchaus denkbar. Bereits 2008 hatte Peking ein schuldenfinanziertes Rettungspaket geschnürt. Im Zuge dessen stieg die Kreditvergabe zeitweise um mehr als 30 Prozent. Die Wachstumskrise wurde damals temporär überwunden.

Doch mit ähnlichen Mitteln wäre der heute aktive Teufelskreis aus Ineffizienz, Wachstumsschwankungen und steigender Verschuldung lange noch nicht gestoppt. Heute sind einschneidende Reformen überfällig. Vor solchen allerdings scheint sich Peking noch, aus Furcht vor weiteren Wachstumseinbußen und Kontrollverlust, zu scheuen.

Ganz gleich, wozu sich Peking wird durchringen können: Die Weltwirtschaft wird sich in jedem Falle auf dauerhaft niedrigere chinesische Wachstumsraten und eine dementsprechend sinkende Nachfrage einstellen müssen. Die Frage ist nur, wie spektakulär diese Abfahrt verlaufen wird.